Alea Reeves, vampire princess lost
Tag 6 | Fehler?
Zu Beginn meines Traums konnte ich erst noch nicht sagen, ob es ein normaler Traum oder eine Erinnerung an meine Vergangenheit war. Er startete von der Flugperspektive als Fledermaus. Schließlich landete ich auf einen Fels, der sich in der Nähe von einem Gewässer befand. Kaum hatte ich mich wieder zum Vampir gewandelt, spürte ich, wie mich jemand von hinten umarmte.
Als ich mich umdrehte, blickte ich in Jaydens grünbraune Augen. »Ich habe dich vermisst«, flüsterte er in mein Ohr und küsste mich anschließend. »Ich dich auch«, sagte ich mit einem Blick nach unten gerichtet. »Du solltest dir mehr Zeit für mich nehmen.« Ich atmete langsam aus. »Ja, genau deshalb bin ich hier, Jayden. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir nicht mehr ständig Zeit für uns nehmen. Ich habe da die Mission… die schwieriger und aufwendiger wird als erwartet.«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte er mich. »Du weißt, dass ich dich liebe, aber ich denke wir sollten getrennte Wege gehen. Sonst wäre es dir gegenüber nicht fair.« »Aber Alea! Besser ich sehe dich selten als wenn ich dich gar nicht mehr sehe.« »Aber so machst du dir Hoffnungen und wartest auf meine Rückkehr. Es ist einfacher, wenn du nicht mehr darüber nachdenkst.« Als sowohl mir als auch Jayden Tränen über die Wangen liefen, wurde mir langsam klar, dass ich die Szene einst wirklich erlebt hatte.
Es war noch früher Abend, als ich die Augen wieder aufschlug und im Zelt neben Daniel und der immer noch reglosen Ali erwachte.
Leise schlich ich mich aus dem Zelt ohne jemanden wach zu machen. Draußen erblickte ich schon einen großen Haufen Feuerholz, den Jayden und Max bereits gesucht hatten. Sie waren bereits wach und hockten nun beide vor ihrem Zelt.
Ich räusperte mich einmal, bevor ich fragte: »Jayden? Kann ich dich bitte mal unter vier Augen sprechen?« Zunächst wirkte er irritiert, doch dann nickte er zustimmend und folgte mir. »Was gibt’s denn?«, wollte er wissen. »Naja, wenn ich träume kommen bei mir manchmal Erinnerungen hoch.«
»Echt? Das ist ja fantastisch!«, rief er begeistert. »Nur so kleine Bruchstücke… nichts Weltbewegendes. Verständlich, immerhin stelle ich es mir schwierig vor eine ganze Vergangenheit vollkommen auszulöschen. Ein paar Erinnerungsfetzen sind wohl die Risiken. Jedenfalls… hatte ich heute eine Erinnerung von uns beiden. Allerdings wie ich mit dir Schluss gemacht habe.«
»Na toll. Von allen wunderbaren Erinnerungen, die es zwischen uns gibt, erinnerst du dich ausgerechnet an die schlechteste?« »Aber dann ist es wahr? Ich habe mit dir Schluss gemacht?« »Ja, hast du«, antwortete er bedrückt. »Aber warum hast du mir das verschwiegen? Und warum wissen die anderen nichts davon?« »Naja, weil es erst kurz vorher passiert ist, bevor du deine Erinnerungen verloren hattest. Ich hatte noch keine Gelegenheit dazu es jemanden zu erzählen. Eigentlich wollte ich es selber ja irgendwie noch nicht wahr haben.«
»Aber das kannst du mir doch nicht einfach so verschweigen!«, meinte ich aufgebracht. »Ich habe es als Zeichen gesehen. Als plötzlich deine Erinnerungen weg waren, dachte ich, das Schicksaal wollte es, dass wir es noch einmal miteinander versuchen.« »Trotzdem hättest du ehrlich sein müssen.«
Er seufzte. »Ich weiß…. Nur haben wir wegen dieser Mission miteinander Schluss gemacht. Da deine Erinnerungen weg sind, spielt dieser Punkt in unserer Beziehung keine Rolle mehr. Wir sehen uns inzwischen oft genug.« »Ja, nur beginne ich zu glauben, dass das mein Fehler war. Ich hätte es wie mein früheres Ich machen sollen. Alleine und ohne euch. Es ist immerhin meine Aufgabe und so bringe ich zu viele Leute unnötig in Gefahr.«
»Aber es ist eben nicht nur deine Aufgabe, Alea… auch wenn du die Vampirprinzessin bist. Unterstützung ist im Leben das A und O.« Ich ging nicht weiter auf seine Aussage ein, da ich immer noch der Meinung war, ich hatte einen Fehler begangen. Jayden hob mein Kinn vorsichtig an, da ich den Kopf gesenkt hatte. »Verzeihst du mir?«
Komischer Weise musste ich über die Antwort überhaupt nicht lange nachdenken. »Natürlich tue ich das. Jeder macht Mal Fehler.« So wie ich einen Fehler gemacht hatte, als ich all diese unbeteiligten Vampire auf meiner Mission mitgenommen hatte. Aber das sagte ich natürlich nicht laut, da ich überhaupt keine Lust hatte, nochmal darüber mit Jayden zu diskutieren.
»Aus diesem Grund habe ich gemischte Gefühle, was den Verlust deiner Erinnerungen angeht. Klar, ich möchte mehr als alles andere, dass wir endlich diesen Stein finden und du dich wieder erinnerst. Andererseits war es eine zweite Chance für uns. Und diese Chance haben wir zwei echt verdient, weil wir uns wirklich lieben, was du wissen wirst, wenn wir endlich diesen verdammten Stein gefunden haben.«
»Dazu brauchen wir den Stein nicht finden. Dass ich dich liebe, weiß ich auch so schon.« Lächelnd stellte ich mich auf Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Er erwiderte den Kuss, indem er mich an sich zog und seine Arme um meine Hüften schlang.
Als Daniels Stimme uns von irgendwoher wieder zurück in die Realität beförderte, stöhnte ich genervt auf. Nur wiederwillig lösten wir uns voneinander. »Was?!«, stieß Jayden gereizt hervor. »Ich schwöre dir, wenn nicht einer von den Toten aufgewacht ist, drehe ich dir den Hals um.«
»Also… indirekt war sie zwar nie tot, aber doch fast. Deswegen wäre ich dir dankbar, wenn es nur mein kleiner Finger trifft. Jedenfalls… was ich sagen wollte: Ali ist wieder aufgewacht.« Na endlich! Wurde ja auch mal Zeit! Halsüberkopf stürmte ich zurück in unser Zelt, wo Ali noch leichenblass in ihren Schlafsack gekuschelt war. Sie sah echt nicht gut aus… überall diese Schrammen und blauen Flecke. Aber immerhin hatte sie ihre Augen geöffnet und atmete wieder normal. Stürmisch setzte ich mich zu ihr drückte sie ganz fest an mich. »Wehe du jagst mir nochmal so einen Schrecken ein.« Erleichtert stellte ich fest, dass Ali anfing zu lachen – ein gutes Zeichen, ein Zeichen für Besserung.
Jetzt öffnete auch Max den Zelteingang und sagte: »Den heutigen Tag bleiben wir erstmal wo wir sind, bis du dich wieder erholt hast, Ali. Alea? Ich könnte deine Hilfe mit dem Essen gebrauchen. Es wird Zeit, dass wir endlich mal wieder was in unseren Magen bekommen.«