Alea Reeves, vampire princess lost
Nacht 2 | Nicht dein Ernst?
[erzählt von Alissa Lester]
Nein, es war nicht schön, aber diese Alea gefiel mir zugegebenermaßen ab und zu echt besser. Wir hatten uns irgendwie auseinander gelebt. Erst jetzt, wo Alea ihre Erinnerungen verloren hatte, schweißte uns das irgendwie, traurig aber wahr, wieder zusammen. Aber das würde ich ihr natürlich nicht erzählen. Nicht das ihr einfiel, um ich wahres Ich zu finden, müsste sie wieder Abstand zu mir halten.
Als wir uns wieder zu Vampire zurückverwandelt hatten und ich die Jeans mit T-Shirt für uns beide anzog, ging ich endlich zu dem besagten Ort, von dem Alea mir schon tausend Mal erzählt hatte… doch noch nie habe ich ihn aus der Nähe gesehen – die Unterwelt.
In der Hütte war ja echt immer was los. Ob Alea wohl auch andere Orte der Casses aufsuchte? Die alte Alea hatte es mir nicht verraten und die neue Alea kannte nur diese eine Kneipe, in der sich Casses aufhielten. Geduckt schlichen wir uns zum Fenster rüber, um einen Überblick zu bekommen. Gab es hier wohl irgendwo einen Hintereingang zum reinschleichen? Verdammt, wie hatte Alea das sonst nur immer angestellt?
»So sehen wir herzlich wenig. So werden wir eher gesehen«, maulte ich, obwohl ich genau wusste, dass Alea auch nichts ändern konnte. Die alte Alea konnte immer alles so hinbiegen wie es sollte. Aber jetzt musste ich meinen Kopf wohl auch mit anstrengen. »Da hinten ist eine Hintertür, ob wir da wohl rein kommen?«, fragte mich Alea, jedoch eher rhetorisch, denn sie haute sofort um die Ecke ab. Das war schon eher die alte Alea.
»Warte doch!«, rief ich ihr hinterher und tatsächlich hielt sie kurz inne, bis ich aufgeschlossen hatte. »Wir können doch nicht einfach die Tür öffnen. Selbst wenn sie offen ist, wir könnten entdeckt werden.« »Ja, aber es ist unsere einzige Möglichkeit, oder?«
Gerade wollte ich ihr erneut wiedersprechen, da wurde ich Tür aufgerissen und ein gutaussehender braunhaariger Vampir trat heraus. Ja, viele Typen sahen für mich gut aus… ich weiß. Aber dieses Mal war es plötzlich ganz anders. In meinem Bauch machte sich ein komisches Gefühl breit, das sich komischer Weise echt gut anfühlte. Jedoch hielt das Gefühl nur für einen kurzen Moment an, da sich mein Gehirn einmischte. Das ist ein Casses, Ali! Die schären sich nicht um Regeln. Himmel, Alea und du seid hier um diese Typen irgendwann umzubringen. Doch trotzdem konnte ich meinen Blick nicht von diesen strahlenden blauen Augen wenden. »Ihr könnt auch einfach den Haupteingang benutzen, schon mal daran gedacht?«, fragte er, während sein Blick abwechselnd zwischen mir und Alea hin und her huschte. Alea hatte den Blick nach unten gerichtet, da ihr das ganze wohl ziemlich peinlich war. »Kommen deine Erinnerungen zurück, oder warum besuchst du die Kneipe gestern und heute auch wieder? Falls ja, keine Sorge, früher bist du auch einfach durch die vordere Tür rein marschiert. Ob ich es wollte oder nicht.«
»Hallt mal. Wie gut kennen Sie Alea?«, fragte ich den Vampir. »Nur zu gut«, antwortete er mir. Mit dem Blick an Alea gewandt fügte er hinzu: »Und damit meine ich nicht die Jenny-Begegnung von gestern. Ich hatte zuvor schon viele Alea-Begegnungen gehabt.«
Ich konnte es kaum fassen. Alea hatte mich also angelogen. Sie hielt diese Mission gar nicht Undercover in ihrem Versteck ab. Sie ging einfach durch die Vordertür. Am liebsten wollte ich sie jetzt anschreien, aber Alea konnte sich ja gar nicht daran erinnern, dass sie das je getan hatte. Verdammt, sie brauchte schnellstens ihre Erinnerungen wieder.
»Aber deine Freundin bringst du anscheinend das erste Mal mit. Jared Wyler«, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Im Normalfall hätte ich die Hand eines Casses niemals ergriffen… aber ich wollte unbedingt wissen, wie sich seine Hand anfühlte. »Alissa Lester«, sagte ich während ich nach der Hand griff.
»Alissa, hübscher Name«, murmelte ich und ich wäre am liebsten gestorben. »Aber alle nennen mich Ali«, entgegnete ich. »Tja, ich bin aber nicht alle, Alissa. Warum kommt ihr nicht rein? Hier draußen ist es ziemlich kalt.« »Ich glaube ihnen kein Wort. Sie sind doch der Grund, warum ich meine Erinnerungen verloren habe! Sie wussten, dass ich Jenny heiße… in meinen Erinnerungen. Das waren ganz klar Sie!«
»Das habe ich doch gar nicht geleugnet… meine Güte, Alea. So gefällst du mir ja mal gar nicht.« Ich beobachtete, wie Alea rot anlief – was zur Hölle? »Machen Sie es rückgängig!«, befahl sie. Doch Jared lachte nur. »Das werde ich nicht.« Natürlich nicht. Wenn er ihre Erinnerungen nahm, warum sollte er sie ihr auch einfach so wiedergeben? Mann, warum mussten die Bad-Boys immer so verdammt anziehend sein?
Jared hielt uns nun die Tür auf während er sagte: »Jetzt kommt schon rein. Da draußen wird es nicht gerade angenehmer.« Wir durften da doch gar nicht rein. Man rennt dem Feind doch nicht einfach die Türe ein, wenn man plant ihn umzubringen, oder? Aber Alea hatte früher genau das gemacht – und irgendwie schien es ja funktioniert zu haben.
Die Kneipe war genauso wie ich mir die Häuser der Casses immer vorgestellt hatte: Dreckig, kalt und ungemütlich. Vor lauter Unbehagen klammerte ich mich an Aleas Arm fest.
Als wir den Raum betraten erkannten viele Vampire Alea wieder und riefen ihren Namen und sowas wie: Na, wieder da? Damit war die offensichtliche Tatsache, dass Alea sich bei den Casses nie versteckt hatte, nur noch offensichtlicher.
Jared bot uns einen der vielen Tische an, die hier rum standen und fragte uns, was wir bitte zu trinken haben wollten. Alea bestellte sich eine Cola und ich nahm ein Glas Alster. Als Jared weg war, bedachte ich sie mit einem Blick, der sagen sollte: Ernsthaft, eine Cola? In einer Kneipe? Aber Alea ging darauf nicht weiter ein. Sie musste anscheinend noch dringend Worte loswerden, bevor Jared wieder kam: »Ich glaube dem Typen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich früher ständig mit diesen schrägen Leuten rumgehangen haben soll.«
»Aber Alea, sie erkennen dich doch alle.« »Ja, weil sie der Grund sind, dass meine Erinnerungen total falsch sind – deshalb wissen sie wer ich bin, nur deshalb. Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich habe das ständige Bedürfnis von hier fliehen zu wollen.« Ich hätte ihr ja nur liebend gern zugestimmt, doch das wäre nicht die Wahrheit gewesen. Ich wollte weiterhin hier sitzen bleiben und diese umwerfenden blauen Augen anhimmeln.