Alea Reeves, vampire princess lost
Tag 9 | Weitermachen?
Es ging einfach nicht. Ich konnte meinen Kopf nicht mehr aufrichten und ruhte eine unendlich lange Zeit auf dem Erdboden. Die Tränen, die mir über die Wange liefen, wollten einfach nicht aufhören zu laufen. Obwohl ich nicht mal wusste, wer da neben mir lag, diese Person hatte sich für mich geopfert. Dabei hätte ich da liegen sollen… weil das ganze meine Angelegenheit war. Selbst wenn da jetzt Daniel liegen würde, der ja eigentlich auch die ganze Schuld an dieser Sache trägt, wäre es genauso schlimm. Das hätte nämlich bewiesen, dass ich einen falschen Eindruck von ihm gehabt hätte.
Am Anfang hatte ich auf noch die Schluchzer der anderen gehört. Aber irgendwann… ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren… waren diese Geräusche verschwunden und man konnte hören, wie Zelte aufgestellt wurden. Obwohl ich aufgrund meiner tränengefüllten Augen alles nur verschwommen wahrnehmen konnte, schien es um mich herum langsam heller zu werden. Okay, ich musste hier wohl doch schon länger liegen als es mir vorkam.
Plötzlich nahm ich eine leise Stimme an meinem Ohr wahr: »Ich weiß es ist schwer, Alea. Aber wir müssen jetzt nach vorne schauen. Wir wollen ihn beerdigen und ich fände es schön, wenn du ein paar Worte sagen könntest.« Es war Ali, die da zu mir sprach. Sie hatte ihre Hand auf meine Schulter gelegt, was mich zum Glück etwas beruhigte. Und ich wusste, dass sie Recht hatte. Mein Leben musste weitergehen. Ich konnte nicht für immer am Boden liegen bleiben.
Trotzdem zögerte ich, während ich schluchzend antwortete: »Ich will … ich will nicht wissen wer es ist.« »Aber du musst es irgendwann sowieso erfahren.« Auch damit hatte sie wahrscheinlich Recht. Da sie von einem er gesprochen hatte, musste ich mich wohl auf Max, Jayden oder Daniel einstellen.
»Ich weiß es ist schwer, aber du warst nie der Typ, der einfach aufgegeben hat, Alea«, ertönte plötzlich Max Stimme neben mir. Jayden oder Daniel also. Wieso nur musste ich diese grausige Vorahnung haben? Auch wenn ich es nicht wollte, hob ich nun langsam meinen Kopf. Und ich musste erneut losheulen. »Ich habe es irgendwie schon tief in mir gewusst.« »Natürlich hast du das. Nur er wäre dazu in der Lage gewesen.«
Eigentlich wollte ich Jayden nicht an so einen schrecklichen Ort beerdigen. Allerdings hatten wir keine andere Wahl. Es war ja immer noch fragwürdig, ob wir diesen Ort je verlassen würden.
Ali konnte mich schließlich doch noch dazu überreden, etwas zu sagen. Ich hatte Angst das Falsche zu sagen, weil mir doch die Erinnerungen an ihn fehlten. Doch als ich dann die Worte über meine Lippen brachte, wusste ich wieder tief in mir, dass es die richtigen waren: »An all die schönen Momente aus unserer Vergangenheit kann ich mich zwar nicht mehr erinnern, aber ich wusste schon ziemlich schnell, warum ich mich in dich verliebt habe. Bestimmt standen die Mädchen bei dir Schlange. Nicht weil du besonders viele Muskeln hattest, sondern besser… weil du mit deiner süßen Art einen unglaublich großherzigen Charakter hattest. Ich konnte mich sicher unglaublich glücklich schätzen, dass du mit jemanden wie mich zusammen sein wolltest. Du warst in der Zeit, wo ich nicht mehr wusste, wer ich überhaupt war, immer für mich da. Du wolltest mir helfen meine Magie zurückzubekommen. Und ich weiß, dass auch ein Teil durch dich zurückgekommen ist. Du hast mir gesagt, dass ich immer die Schlauere in unserer Beziehung gewesen bin. Davon bin ich nicht überzeugt, denn sonst wären wir sicherlich nicht in dieser Lage. Trotzdem wolltest du mir nie etwas über dich erzählen. Aber am Ende hattest du Recht. Das brauchtest du gar nicht. Ich weiß inzwischen, dass du der selbstloseste Vampir und auch Mensch bist, den ich jemals kennengelernt habe.
Du hast dich für mich geopfert… und obwohl dich das nun mal ausmacht… komme ich damit einfach nicht klar. Ich weiß nicht, wie ich mir je selbst verzeihen kann.« Mit einem Blick auf Max und Ali wusste ich, dass ich zu weit ging. Aber es war die Wahrheit und Jayden verdiente die Wahrheit. »Ich werde dich so unglaublich vermissen… auch wenn ich dich erst seit neun Tagen kenne.«
Den Rest konnte ich mir einfach nicht mehr mit ansehen. Ich drehte mich weg und rannte ein paar Meter weiter zu einem Felsen. Mit Händen vor meinen Augen hockte ich mich darauf.
Irgendwann bemerkte ich, wie sich zwei Personen neben mich setzten. Ali und Max bestimmt. Ich richtete meinen Blick nach oben, doch ich hatte mich geirrt. Irgendwas stimmte mit diesem Tag nicht, denn aus der Ferne sah ich Daniel und Max, die sich zu unterhalten schienen. Und die zwei neben mir waren Ali und Jamie. »Du darfst keine Schuldgefühle haben, Alea. Denn wenn du welche haben musst, dann ich erst recht. Und Schuldgefühle an diesem Ort sind nie gut, denn deine Laune ist auch ohne die schon ziemlich weit unten.« Sie machte eine kleine Pause und fuhr fort: »Du wolltest dich opfern, Alea, anders als ich. Nicht mal heute, wo ich wieder die Gelegenheit dazu hatte, zog ich es in Erwägung. Du hast nichts falsch gemacht, sondern ich.« Ich wollte nicht, dass Jamie sich jetzt die Schuld gab, aber mir fiel aber auch nichts ein, was ich darauf erwidern könnte. Zum Glück übernahm Ali die Aufgabe für mich: »Ich hätte es auch nicht gemacht, Jamie. Was eigentlich auch gut ist, denn das bedeutet, dass du noch nicht bereit für den Tod bist. Du hast noch etwas, für das du weiterleben möchtest. Nicht das du mich falsch verstehst, Alea, auch du hattest sicher was, nur kannst du dich daran nicht mehr erinnern.«
Ich musste schlucken. »Und was ist mit Jayden?« »Ich schätze, für ihn warst du das für was es sich zu leben lohnte.« Das hörte sich nicht gut an. Die Tränen ließen sich wieder an meinen Wangen blicken. »Aber was, wenn auch er für mich das war, für was es sich zu leben lohnte?« »Dann musst du etwas neues finden, Alea. So funktioniert das Leben. Wir machen weiter.« Irgendwas an ihrer Stimme sagte mir, dass sie aus Erfahrung sprach.
»Du hast Recht. Man sollte immer weitermachen, auch wenn man etwas verliert, was einem alles bedeutet hat«, sagte Jamie. Ali und ich schauten sie fragend an, woraufhin sie lachend erklärte: »Mensch, ich bin hier seit mehreren Jahren gefangen. Natürlich hatte ich vorher auch ein Leben.«
»Wie alt bist du eigentlich? Bist du verheiratet gewesen?« Bei Vampiren war das Alter ja bekanntlich ziemlich schwer abzuschätzen. »Nein, aber so gut wie. Und auch wenn ich mir nichts lieber wünsche als von hier zu verschwinden, habe ich davor mehr als alles andere Angst. Denn das würde bedeuten, dass ich wirklich mit meinem Leben weiter machen muss. Ich denke, dass ist schwieriger als es anfangs klingt. Aber du schaffst das… wir schaffen das.« Dabei bedachte sie mich mit einem Blick.
Nur Sekunden später schüttelte sie aber heftig den Kopf. »Oh nein, nicht schon wieder. Ich dachte, das hätte ich hinter mir gelassen. Ich mache mir Hoffnungen, obwohl es keine gibt.« Während ich Max und Daniel beobachtete und Jamie in ihre traurigen Augen sah, entgegnete ich: »Ich schätze, nach dieser Nacht ist alles möglich.«