Alea Reeves, vampire princess lost
Nacht 17 | Geistesblitz!
[erzählt von Alissa Lester]
Die Hochzeit war in zwischen in vollem Gange. Die Leute hatten sich an den Tischen eingefunden und warteten nun auf das Essen. Doch vorher würden noch ein paar Worte von Alea folgen:
»Wie viele von euch wahrscheinlich wissen, bin ich ziemlich erleichtert, dass ich diese Rede heute überhaupt halten kann. Bis vor sieben Tagen hatte ich nämlich keinen blassen Schimmer wer ich überhaupt war.« Sie lachte kurz. »Ich dachte doch ernsthaft Max wäre mein Exfreund und Justine… naja, ich hielt sie einfach für die Freundin meines Bruders. Gut, dass ich jetzt besser Bescheid weiß, denn sonst würde das hier jetzt wohl ziemlich in die Hose gehen.
So brauche ich euch allen nämlich die knallharte Wahrheit nicht vorzuenthalten. Und ich muss es wissen, ich kenne Justine schon seit meinen vierten Lebensjahr und Max leider noch länger.« Sie grinste amüsiert zu ihm rüber, der eine gespielt empörte Miene aufgesetzt hatte.
»Also als Justine und Max sich das erste Mal trafen, waren sie fünf und sechs Jahre alt. Und Karten auf den Tisch: Sie haben sich gehasst. Zum Glück, denn sonst hätte ich niemanden gehabt um Max zu ärgern. Aber wie es dann nun Mal so kam, wurden wir älter. Ich würde ja gerne sagen, dass Max reifer geworden ist, aber das wäre eine Lüge. Es wurde meiner Meinung nur noch schlimmer. Als ihr beiden euch dann näher kamt, habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe mich gefragt, was du an jemanden wie Max finden könntest. Ich war der festen Überzeugung er würde dich nicht verdienen. Aber anscheinend hat er dich gebraucht.
Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Als meine Erinnerungen am unklarsten waren, konnte ich, was diese Sache angeht, am klarsten sehen. Ich habe endlich das gesehen, was du all die Jahre in Max gesehen hast. Und meiner Meinung nach macht das Liebe aus: Wenn man nicht nur die eine Seite einer Person sieht.
Auf das Brautpaar: Justine und Max Reeves! Justine, endlich sind wir Schwestern!«, rief sie ihr lachend zu. »Ach, und falls ihr beide euch ein Auto kaufen solltet, Max, pass auch, dass es dir Justine nicht weg nimmt.« Okay, das war dann wohl ein Insider, da darüber nur Justine und Max lachten.
Während die anderen Vampire schon ihre Gläser gehoben hatten, träumte ich noch vor mich hin. Mir schwirrten immer noch Aleas Worte im Kopf herum: Und meiner Meinung nach macht das Liebe aus: Wenn man nicht nur die eine Seite einer Person sieht.
Und dann noch dieser Moment, als sie mich wegen meiner Magie angeschnauzt hatte. Warum ich die denn wohl besitzen würde. Na weil ich mich öfters mit Casses aufgehalten hatte. Da wurde es mir plötzlich klar: Das war totaler Blödsinn. Max und Jayden hatten sich auf dieser Reise auch bei Casses aufgehalten und keiner von denen hatte Casses Magie entwickelt. Ich besaß Casses Magie, weil… weil ich mich in einen von den Casses verliebt habe. Seitdem ich dieses Kribbeln im Bauch gefühlt habe, als ich Jared das erste Mal traf.
Und dann war da noch Alea, die ja auch Casses Magie besaß… dann nicht, weil ihre Erinnerungen verschwanden… und jetzt wieder. Deshalb wurde Alea draußen vor der Bar auch plötzlich total rot wie eine Tomate. Tief in ihr kamen dann wohl ihre Gefühle für Jared hoch. Na toll, nicht schon wieder! Du bist echt ein hoffnungsloser Fall in Sachen Liebe, Ali!
Jetzt wurde mir auch klar, warum Alea den braunen Stein nicht zerstört hatte. Sie konnte es nicht. Sie konnte es nie. Sie hatte uns angelogen… auf ihre typische Art. Ich wusste ja schon immer, dass sie mir etwas verschwieg, aber mit dem Verrat an unseren Clan hätte ich dann doch nicht gerechnet. Und deshalb hat sie auch Jared aufgesucht. Nicht um ihn zu töten, sondern um den braunen Stein in Sicherheit zu bringen. Diese miese Verräterin! Sie hatte nicht nur mich verraten, sondern die gesamten Feences. Wut kochte in mir hoch. Warum musste ich auch immer den falschen Leuten vertrauen? Ich sollte niemanden mehr an mich heran lassen, keinen einzigen! Dann konnte mir auch nicht wehgetan werden.
»Ist was?«, fragte mich Daniel. Noch ein Kandidat, den ich auf keinen Fall Trauen schenken sollte. Er war ein Casses und selbst den Feences konnte man heutzutage nicht mehr trauen. »Ich fühle mich irgendwie nicht so gut. Ich schätze, ich sollte lieber Nachhause, bevor ich noch die Hochzeit ruiniere. Ich denke, dass man mich sowieso nicht vermissen wird.«
»Doch, ich würde dich vermissen«, log Daniel perfekt, wie auch Alea perfekt lügen konnte. »Da bist du dann aber auch so ziemlich der einzige. Eigentlich fand ich es sogar ziemlich komisch, dass mich Max und Justine überhaupt eingeladen haben. Egal, ich bin dann mal weg. Ich möchte hier nicht irgendwelche schönen Kleider vollkotzen. Aleas Kleid sah ja ziemlich bezaubernd aus.«
»Was ist das zwischen euch beiden?«, fragte er. »Ach stimmt, du kennst Alea ja nur ohne ihre Erinnerungen. Aber ich schwöre dir, mit ihren Erinnerungen ist sie eine verdammte Verräterin.« »Okay, aber daraus wurde ich jetzt nicht wirklich schlauer.«
»Du kannst sie ja selber fragen. Aber Achtung: Sie sagt dir nicht immer die Wahrheit. Ich muss jetzt.« Und zwar die Aufgabe zu Ende führen, die eigentlich für Alea bestimmt war. Aber irgendwie nimmt die das alles nicht ganz so ernst. Wenn Lorena das wüsste, sie wäre nicht nur enttäuscht, sondern hätte auch ganz schnell ihren Platz als Prinzessin los.
Aber ich war nicht wie Alea. Ich bin keine Verräterin. Ich würde sie nicht an Lorena verpetzen. Ich würde die Sache einfach selbst in die Hand nehmen. Ohne einen weiteren Wortwechsel mit Daniel erhob ich mich von meinem Platz, verließ den Garten, um auf die Straße zu laufen. Zum Glück hatte ich einen ausgesprochen guten Orientierungssinn. Denn sonst hätte ich den Weg zu Jareds Bar im Leben nicht gefunden, immerhin bin ich da erst einmal gewesen.
Da mein bodenlanges Kleid zum Laufen echt unpraktisch wäre, da ich kein Auto zur Verfügung hatte und da ich Fliegen einfach liebte, breitete ich im nächsten Moment meine Hände aus, die langsam die gewöhnte Form von der einer Fledermaus annahmen. Während der Wind so meinen kleinen schwarzen Körper umgab, vergas ich für einen klitzekleinen Moment all meine Probleme und fühlte mich einfach nur frei.