Alea Reeves, vampire princess lost
Nacht 10 | Jared!
Kaum hatte ich meinen Fuß wieder auf bekannten Boden gesetzt, stürmte ich Richtung Bar. Daniel hatte es anscheinend sowieso noch nicht so eilig Nachhause zu kommen. Perfekt also, je eher ich mir diese Dreckssau vornehmen konnte desto besser.
Den Weg hierher konnte ich inzwischen ja wie im Schlaf. Kaum war die Tür geöffnet, brüllte ich: »Jared! Jared! Ich weiß, dass du da bist, du Vollidiot!« Es dauerte nicht lange, da schaute er verwundert um die Ecke. »Alea? Was machst du denn hier? Du hast nicht zufällig diesen Vampir gesehen, den ihr neulich in der Bar getroffen habt? Er hat braune Haare und-«
»Du meinst deinen Sohn Daniel?«, fragte ich bissig. »Du weißt, dass er mein Sohn ist?«, fragte er verwundert. Nachdem ich einmal kurz durchgeatmet hatte, antwortete ich: »Ich weiß alles, Jared. Alles, du hinterhältiger Bastard!« Mit meiner geladenen Magie versetzte ich ihm einen Ruck, sodass er gegen die Theke krachte.
Während er sich den Kopf rieb, murmelte er: »Du… heißt das, du hast deine Erinnerungen zurück?« »Jep, aber ungeachtet dessen bist du trotzdem tot.« Er lachte. »Ah, deinen Humor hast du also auch zurück.« »Siehst du mich etwa lachen?!«, schrie ich ihn an und versetzte ihm einen erneuten Hieb. Diesen schien er aber nicht mehr so ernst zu nehmen. »Hör zu, Alea. Ich kann das erklären.« »Natürlich kannst du das. Nur wird es deine Tat nicht ungeschehen machen.« »Ich weiß. Aber Alea, ich bin nun mal nicht wie du. Ich hatte Angst, deshalb musste ich es tun.«
»Ach, du hattest Angst? Na dann ist ja alles gut«, entgegnete ich ironisch. »Hat es dich etwa umgebracht für eine kurze Zeit mal nicht alles zu wissen? Ich hätte dir deine Erinnerungen ja noch zurückgegeben. Aber ich brauchte Zeit, Zeit um noch mal alles zu überdenken.« »Was gibt es da zu überdenken? Unser Plan ist gut gewesen, bis du ihn zerstört hast.«
»Aber die Zukunft meinte, du wärest der Untergang für die Casses.« »Klar bin ich das. Und was ist jetzt genau dein Problem?« »Ich bin nun mal gerne ein Casses. Das kannst du mir nicht verübeln.« »Ach, Jared – hör einfach auf. Es war falsch und das weißt du auch.«
»Dann erklär es mir. Was war falsch? Du hast doch deine Erinnerungen wieder… wie auch immer du es geschafft hast.« »Was daran falsch war? Nun lass mal sehen: Die neue Alea hat plötzlich alle ihre Freund in die Sache mit einbezogen.« »Ach, genau. Das wusste ich. Die Kleine, die du mit in die Bar gebracht hast. Ich sehe das Problem nicht.« »Nun, mein Exfreund, beziehungsweise Noch-nicht-Exfreund, ist jetzt tot.« Ich konnte nicht verhindern, dass mir eine Träne über die Wange lief.
»Aber das wird dich wohl herzlich wenig interessieren. Wie wäre es also damit?« Ich holte den braunen Stein aus meiner Hosentasche. »Das hier, ist der allerletzte braune Stein, Jared. Ali hat alle anderen zerstört. Alles nur, weil ich meine Erinnerungen nicht bei mir hatte.«
»Wie habt ihr eigentlich die Steine gefunden?«
Ich grinste. »Daniel hat uns geholfen.« »Was? Daniel? Aber wie habt ihr den gelben Stein zerstört? Wie hat Alissa die anderen Steine zerstört? Nur du hättest es gekonnt, weil du beide Arten der Magie in dir trägst.« »Oh, das ist auch noch eine witzige Geschichte. Ali konnte es, weil sie und Daniel jetzt das neue Liebespaar in Vellance sind.«
Jetzt fing Jared allen Ernstes auch noch lautstark zu lachen an. Sag mal, geht’s noch? »Du willst es dir mit mir wohl komplett verscherzen.« »Nein, sorry, darüber lache ich ja gar nicht. Es ist nur so, warum hast du Alissa nicht einfach gesagt, welche Folgen die Zerstörung der braunen Steine mit sich bringt?« »Das wusste sie schon.«
Jared schaute mich entgeistert an. »Was? Das Mädchen ist in Daniel verliebt und will ihn trotzdem töten? Warum tut man sowas?« Ich musste nicht lange überlegen, um die Antwort zu wissen. »Alis Vergangenheit ist nicht so toll und sie musste schon vieles aufgeben, was sie liebte. Ich denke, sie hat aufgehört auf ihre Gefühle zu vertrauen und lässt ihren Verstand entscheiden.« »Okay… das kann ich verstehen. Ist ja nicht so, als hätte ich die perfekte Vergangenheit. Ich habe schon lange aufgehört auf meine Gefühle zu hören.« Er machte eine kurze Pause. »Könnte übrigens noch ein Grund sein, warum ich deinen Plan sabotiert habe.«
Ja, Jared war ab und an echt schwierig und ich wusste nur zu gut, dass der Tod seiner geliebten Frau dazu beitrug. Er hatte nie wirklich mit seinem Leben weitermachen können. »Jared, ich würde dir jetzt am liebsten den Kopf abreißen, weißt du das?«
Mit gesenktem Kopf murmelte er: »Ich weiß. Ich hätte es ja auch verdient.« Und das war der Moment wo er mir irgendwie Leid tat. Eigentlich tat mir Jared immer Leid. Doch jetzt hatte ich sogar Mitleid, obwohl ich wusste, was er alles verbockt hatte.
Und so trugen meine Füße mich von ganz alleine zu ihm hin und ich drückte ihn an mich. Ich musste zugeben, irgendwie hatte ich seine vertraute Nähe vermisst. »Danke.« Er schaute mich verwirrt an. »Wofür?« Ich seufzte. »Jetzt mal ungeachtet dessen, dass du alles verbockt hast, wusstest du tief in dir immer, dass du einen Fehler gemacht hast. Du hast mir verraten, wo ich den Stein finden kann, auch wenn du eigentlich nicht wolltest, dass ich ihn finde. Du hast mir etwas zu meinem Geburtstag geschenkt. Und damit meine ich nicht, das verpackte Geschenk, auch wenn ich mich ziemlich darüber gefreut habe.«
Er wusste sofort wovon ich sprach. »Ich bin doch nicht herzlos. Du konntest deinen einundzwanzigsten Geburtstag doch nicht ohne Daniel feiern.« »Okay, vergessen wir mal die Tatsache, dass er die ganze Nacht mit Ali gequatscht hat. Ich weiß, dass du es nur gut gemeint hast. Aber war es wirklich notwendig, nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unsere Gefühle zu manipulieren?«
»Aber sowas von. Sonst hätte es nicht lange gedauert und das ganze Schlamassel wäre von vorne los gegangen.« »Am Ende habe ich mich aber trotzdem erinnert.« »Zu meinem bedauern. Ich bin nämlich noch weiterhin skeptisch, was deinen Plan angeht.« »Tja, dann ist es ja gut, dass Ali alle braunen Steine zerstört hat. Wir können den Plan sowieso nie mehr durchführen. Da wäre nur noch ein Problem: Ali geht davon aus, dass ich diesen letzten braunen Stein bald zerstören werde.«
»Dann musst du sie halt so lange hinhalten, bis wir wissen, was wir ihr sagen können.« Ich nickte nachdenklich. »Verdammt, warum muss der aller letzte braune Stein nur der sein, der Daniel seine Erinnerungen zurück gebracht hätte? Er wird sein Leben lang nicht, wie seine richtige Vergangenheit ausgesehen hätte. Denn würde dieser Stein zerstört werden, alle Casses mit ihm.« Verdammt, Jared, was hattest du nur angerichtet?
»Ich schätze, unsere einzige Chance ist es, Alissa davon zu überzeugen, wie falsch es wäre, die Person zu töten, die man liebt«, überlegte Jared. »Ich weiß nicht mal, ob sie weiß, dass sie ihn liebt. Außerdem, was wäre, wenn sie mich bei Lorena verpetzten würde? Sie würde mir nicht mehr vertrauen, würde die Sache selbst in die Hand nehmen und das wäre dann euer Untergang.« Ich konnte es immer noch nicht richtig fassen, dass die Sache zwischen Daniel und Ali doch ziemlich ernst war. Sie hatte mir damals im Zelt gesagt, dass sie es nicht war. Sie hatte gelogen. Damals wäre es mir egal gewesen, jetzt aber nicht mehr.
»Schau mal-«, wollte ich gerade ansetzen, doch weiter kam ich nicht, denn im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür zur Bar. Ich hatte Daniel noch nicht so früh zurück erwartet, da er zuletzt noch in einer Unterhaltung mit meinem Bruder verwickelt gewesen war. Daniel und Max unterhielten sich… auch ein Wunder, dass ich das noch mal erleben durfte.
Doch ein Blick zur Tür sagte mir, dass ich mich geirrt hatte. Vor mir stand nicht Daniel, sondern Jamie. Jamie? Was bitte wollte die denn hier?