Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die deutsche Besatzung

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den deutschen Truppen und ab Herbst 1944 von der Roten Armee. Die un-

garische Historiografie betrachtet die Geschichte der deutschen bezie-

hungsweise sowjetischen Besatzung aufgrund der politik-historisch defi-

nierten Epochengrenzen getrennt voneinander. Die verbündeten deutschen

Truppen marschierten im Großen und Ganzen ohne jeden Widerstand in

das Land ein, deshalb wird dieses Ereignis oft im Rahmen der Diplomatie-

oder Politikgeschichte behandelt. Die um den Preis von langen und bluti-gen Kämpfen erfolgte sowjetische Besatzung hingegen wird als Teil des

neuen politischen Systems, des Kommunismus, analysiert. Die Gültigkeit

dieser Periodisierung wurde durch die Theorie der »doppelten Besatzung«

hinterfragt, die als Teil der Anfang der 2000er-Jahre einsetzenden erin-

nerungspolitischen Wende mit dem reanimierten Mythos von »Ungarn als

Opfer« zu vermeiden suchte, dass die Frage nach der Verantwortung von

Ungarn für die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg überhaupt gestellt wird.

Die Frage der massenhaften Kriegsvergewaltigung von Frauen geriet zu die-

ser Zeit zunehmend in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Wissenschaft

und Publizistik, denn der Mythos von der deutschen Armee – wonach Wehrmachtangehörige keine sexuellen Gewalttaten begingen – war zur

Zerstörung des Mythos der »befreienden« Roten Armee durchaus nützlich.

Die sowjetischen Soldaten vergewaltigten tatsächlich massenweise Frauen,

und im Folgenden soll analysiert werden, was man nach dem gegenwärti-

gen Forschungsstand über diese Zeit wissen kann bzw. wer sich wie an diese

Jahre erinnert.

 

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Die Wehrmacht war nur kurze Zeit in Ungarn stationiert, und bei ihrem

Einmarsch in das Gebiet eines verbündeten Landes am 19. März 1944 stieß

sie auf keinen nennenswerten Widerstand.33 Das Gedächtnis der Vergewal-

tigungen, die deutsche Soldaten in Ungarn verübten, ist durch diese zwei

Faktoren – die kurze Dauer und die Tatsache, dass sich die Wehrmacht auf dem Gebiet eines verbündeten Landes aufhielt – geprägt. Im kollektiven

Gedächtnis blieb haften – wie auch die oben zitierten Briefe zeigen –, dass

deutsche Soldaten ungarische Frauen nicht vergewaltigten. Über die sowje-

tischen Soldaten hingegen »wissen auch heute noch alle«, dass sie massen-

weise sexuelle Gewalten gegen die ungarische Bevölkerung, versteckte Jü-

 

33 György Ránki: 1944. március 19. Magyarország német megszállása. Budapest, Kos-

suth Könyvkiadó, 1978; Péter Szabó, Norbert Számvéber: A keleti hadszíntér és Magyarország, 1943–1945. Debrecen, Puedlo Kiadó, 2003.

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dinnen, Deutsche, Polinnen, Slowakinnen usw. verübten. Die Rote Armee

besiegte in verlustreichen Kämpfen die von Blut triefenden Truppen und

Ideen der Nationalsozialisten, aber den erinnerungspolitischen Krieg verlor

sie schon in dem Moment, als sie das Land befreite.

Generalfeldmarschall Erich von Manstein sagte – übereinstimmend mit

anderen Mitgliedern der deutschen militärischen Führung – im Nürnber-

ger Prozess aus, dass die deutschen Soldaten keine Vergewaltigungen be-gangen hätten, wo es trotzdem dazu gekommen sein sollte, handelte es sich

um Einzelfälle, und die Betroffenen seien stets strengstens bestraft worden.

Diese Behauptung wurde auf der westlichen Seite der durch den Kalten

Krieg gespaltenen Welt jahrzehntelang von niemandem infrage gestellt. Im

von der Sowjetunion besetzten Teil Europas und in der ehemaligen

Sowjetunion selbst unterstützte die offizielle Politik zwar die Gleichbe-

rechtigung der gesellschaftlichen Geschlechter, gleichzeitig blieb jedoch

das System der normativen Männlichkeit erhalten: Sowohl auf institutio-

neller als auch auf sozioökonomischer Ebene blieb das Machtgefälle zwi-

schen Mann und Frau erhalten. Im Narrativ des Großen Vaterländischen Krieges finden die Vergewaltigungen im antifaschistischen Diskurs, unter

anderen Gräuel taten, die von den nationalsozialistischen deutschen (und

ungarischen) Besatzertruppen verübt wurden, Erwähnung. Auch damit

bekräftigte die Sowjetunion ihren Opferstatus moralisch. Während des

Kalten Krieges sprach man im hegemonialen, moralisierenden Diskurs der

Ostblockländer über die sexuelle Gewalt in einem antifaschistischen Inter-

pretationsrahmen und nicht im militaristischen, machtgeprägten Rahmen

der Gewalt.

Bevor ich auf die Analyse der deutschen Besatzung weiter eingehe, ist es

notwendig, der Frage nachzugehen, ob von Manstein und die ande-ren – vor allem Militärhistoriker – Recht damit hatten, dass die deutschen

Soldaten keine Vergewaltigungen verübten, und wenn es doch vorkam, ob

es dann tatsächlich Einzelfälle waren, und die Täter mit Strafen rechnen

mussten. Kritisch wurde im kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Rah-

men die Wehrmacht erstmals in der vom Hamburger Institut für Sozial-

forschung 1995 konzipierten, denkwürdigen und für ihre Ungenauigkeit

viel kritisierten Wehrmachtausstellung untersucht.34 Neuere Forschun-

gen – etwa von Regina Mühlhäuser, Monika Flaschka und Birgit Beck, um

nur einige zu nennen – analysierten den sogenannten Manstein-Mythos,

 

34 Der englische Katalog der Ausstellung: Crimes of Wehrmacht. Dimensions of War

Annihilation 1941–1944. An outline of the exhibition of Hamburg Institute for So-cial Research. Hamburg, Hamburger Edition HIS, 2004.

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wonach die Wehrmacht stets vorbildhaft und diszipliniert agierte.35 An-

hand von Archivunterlagen und Erinnerungen von Zeitzeugen wurde un-

tersucht, ob das Verbot der sogenannten »Rassenschande«, das häufig als

Argument für die Diszipliniertheit der deutschen Soldaten heran gezogen

wurde, in der Praxis funktionierte. An der Ostfront kämpften und arbei-

teten etwa zehn Millionen Männer, und es gab zwar durchaus strenge

Maßregeln (zum Beispiel der Abschnitt des Kriegsstrafgesetzbuchs über se-xuelle Gewalt und das sogenannte »Blutschandegesetz«, demzufolge deut-

sche Soldaten keine sexuellen Beziehungen mit darunterfallenden Frauen

eingehen durften, das heißt mit Slawinnen oder Jüdinnen), im Kriegsalltag

wurden sie jedoch laufend unterwandert, weil eine Umsetzung im Hand-

lungsrahmen des Militarismus strukturell schlicht nicht möglich ist. Zur

Untersuchung dieser Behauptung standen erstrangige Quellen zur Verfü-

gung, denn die Gespräche der deutschen Kriegsgefangenen wurden von

den Engländern abgehört und aufgezeichnet. Aus den Abschriften dieser

Gespräche geht unzweifelhaft hervor, dass sexuelle Gewalt auch für die

deutschen Soldaten ein normalisiertes Verhaltensmuster war. Die deut-schen Offiziere unterhielten sich mit großer Selbstverständlichkeit über

ihre Beteiligung an den brutalsten Morden und Vergewaltigungen.36

Auch angesichts dieser eindeutigen Faktenlage bleibt für das Gedächt-

nis der Wehrmacht die Leugnung von Vergewaltigungen charakteristisch.

Offensichtlich gibt es eine Verbindung zu der Behauptung, Angehörige

der Besatzertruppen der ungarischen Armee hätten in der ehemaligen So-

wjetunion keine Vergewaltigungen verübt. Dieser Mythos taucht in Un-

garn immer wieder hie und da auf, doch dazu später mehr. Für die Wehr-

macht jedenfalls kann man festhalten, dass die Aufrechterhaltung der

militärischen Ordnung und Disziplin sowie die Einhaltung der »Rassen-schutzgesetze« für die deutsche Militärführung von enormer Bedeutung

 

35 Regina Mühlhäuser: The Historicity of Denial: Sexual Violence against Jewish

Women during the War of Annihilation, 1941–1945, in: Ayşe Gül Altınay, Andrea Pető (Hg.): Gendered Memories, Gendered Wars. Feminist Conversationson War, Ge-nocide and Political Violence. New York/London, Routledge, 2016, S. 29-55; Birgit Beck: Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerich-ten 1939–1945 (Krieg in der Geschichte, Bd. 18). Paderborn, Ferdinand Schöningh, 2004; Birgit Beck: Rape. The Military Trials of Sexual Crimes Committed by Soldiers in the Wehrmacht, 1939–1944, in: Karen Hagemann, Stefanie Schüler-Springorum (Hg.): Home / Front. The Military, War and Gender in Twentieth Century Germany. Oxford, Berg, 2002, S. 255-274; Monika Flaschka: Race, Rape and Gender in Nazi Occupied Territories. PhD diss., Kent State University, 2009.

36 Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldiers: On Fighting, Killing and Dying: The Secret

Second World War Tapes of German POWs. London, McClelland & Stewart, 2012. 48 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

 

waren. Allerdings steht dieses Prinzip mit dem Grundprinzip des

nationalsozialistischen Männlichkeitsbildes im Widerspruch, denn, wie

Annette Timm es formuliert, »der Ausdruck männlicher Sexualität ist kein

Thema individuellen Vergnügens, sondern der nationalen militärischen

Stärke«. 37 Wie aus den nachstehenden Analysen hervorgeht, kam es an der

Ostfront entgegen aller Prinzipien von militärischer Disziplin, Vorschrift

und Gesetzeslage massenweise zu Vergewaltigungen. Da laut der NS-Ras-senideologie die sowjetischen Staatsbürger als Untermenschen galten, be-

sagte die für das »Barbarossa-Gebiet« gültige Richtlinie, dass »Gewalttaten

von deutschen Soldaten gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung

nicht straf bar« seien.38 Diese Art von Dehumanisierung trug dazu bei, dass

deutsche Soldaten Vergewaltigungen verübten.

Die Frauen, die von den an der Ostfront stationierten Soldaten verge-

waltigt wurden, erhielten keinerlei juristische Vergeltung, im Gegensatz

zur Westfront, wo die Betroffenen die Möglichkeit hatten, bei den im Amt

verbliebenen lokalen Behörden Anzeige zu erstatten. Das galt im Prinzip

auch für Ungarn. So hielt das ungarische Verwaltungswesen nach dem 19. März 1944, also nach der deutschen Besatzung, obwohl sie bei der

massenweisen Deportation von Juden und Jüdinnen aktiv mitwirkte, pa-

radoxerweise eine Rechtssicherheit aufrecht, die die Ungarinnen vor den

Übergriffen der verbündeten deutschen Soldaten beschützte. In Ungarn

erfuhren Jüdinnen ungarischer Staatsbürgerschaft eher von den Angehöri-

gen der eigenen uniformierten Organisationen Gewalt; in diesem Kontext

sind reichlich Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen überlie-

fert. 39

Die Übergriffe, die deutsche Soldaten an der Ostfront verübten, sind

durch mehrere Faktoren zu erklären. Dazu gehören das Bewusstsein der rassischen Überlegenheit, der zunehmend erfolgreiche sowjetische Wider-

stand sowie, nach der Niederlage bei Stalingrad, die immer offensicht-

lichere militärische Aussichtslosigkeit des Krieges.40 Den deutschen Frauen

 

37 Annette F. Timm: Sex with a Purpose. Prostitution, Venereal Disease, and Milita-

rized Masculinity in the Third Reich, in: Journal of the History of Sexuality 11.1-2 (2002), S. 253.

38 Beck, Rape, S. 263.

39 Sonja M. Hedgepeth, Rochelle G. Saidel (Hg.): Sexual Violence against Jewish

Women during the Holocaust. Waltham, MA, Brandeis University Press – Hanover, University Press of New England, 2010; Steven T. Katz: Thoughts on the Intersec-tion of Rape and Rassen[s]chande during the Holocaust, in: Modern Judaism 32.3 (2012), S. 293-322; Sinnreich, »And It Was Something«.

40 Jeffrey Burds: Sexual Violence in Europe in World War II, 1939-1945, in: Politics

and Society 37.1 (2009), S. 35-74.

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gegenüber, die in Deutschland eine sexuelle Beziehung mit einem soge-

nannten »Ostarbeiter« (diese sollten in erster Linie die Arbeitskraft in der

Landwirtschaft ersetzen) eingingen, trat der NS-Staat viel härter auf als den

Männern, die an der Ostfront kämpften. Laut dem NS-Frauenbild be-

stand die Aufgabe der deutschen Frauen im »Schutz des Heimes«, während

die Männer an der Front kämpften.41 Die Wehrmacht war bestrebt, das

Sexualleben der Soldaten zu kontrollieren, indem sie mobile Bordelle mit sogenannten »Einsatzfrauen« errichtete. Die Maßnahme erstreckte sich

von der Organisation der Logistik über die medizinische Kontrolle der

Frauen bis hin zur Bereitstellung von Verhütungsmitteln. Die Sexarbeit in

den Bordellen stellte für einen Teil der einheimischen Frauen nicht nur

eine Einnahmequelle dar, sondern sie diente ihnen auch als Schutz vor der

drohenden Deportation. Himmlers Einschätzung zufolge sind in der Uk-

raine aus solchen Beziehungen eine Million Kinder geboren, und es kam

zu etwa zwei Millionen zwangsverordneten Schwangerschaftsabbrüchen.42

Während sexuelle Gewalt an der Westfront zum Schutz des Ansehens der

Wehrmacht hart geahndet wurde, wurden Strafen an der Ostfront ledig-lich aus Gründen der »Rassenhygiene« verhängt, der Tatbestand von sexu-

eller Gewalt fand in den Unterlagen keine Erwähnung. Auf Himmlers An-

ordnung Ende 1941 wurden auch in einigen Konzentrationslagern Bordelle

eingerichtet. Die Maßnahme wurde damit begründet, dass die Gefange-

nen besser arbeiten würden, wenn sie ins Bordell gehen könnten. Während

des Krieges wurden etwa 35.000 Frauen aus Ravensbrück in Lagerbordelle

gebracht, wo sie regelmäßig vergewaltigt wurden.43 In Mauthausen hatte

das deutsche und ukrainische Wachpersonal ein Bordell eigens für sich,

und die ukrainischen und jüdischen Gefangenen durften die dort inter-

nierten Frauen als Belohnung aufsuchen. Die jüdischen Frauen waren den deutschen Soldaten besonders ausgeliefert.44

Birgit Beck analysierte militärgerichtliche Verfahren, in denen Wehr-

machtangehörige wegen Sexualverbrechen vor Gericht gestellt wurden,

und gelangte zum Schluss, dass die Ideologie der Männlichkeit die Gewalt

nicht nur ermöglichte, sondern auch legitimierte. In den Urteilen tauchte

regelmäßig die Begründung auf, die an der Front kämpfenden Wehr-

machtsoldaten hätten ein Recht auf sexuelle Befriedigung. Stets sei die

 

41 Ebd., S. 38.

42 Ebd., S. 42.

43 Ebd., S. 43.

44 Katz, Thoughts on the Intersection of Rape; Beck, Rape; Sinnreich: »And It Was

Something«.