Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die digitale Wende

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zeigt 103 . Ein Ergebnis der polnischen erinnerungspolitischen Wende ist der

Film Róa (2011) von Wojciech Smarzowski. Im Film wird eine Frau aus

Ostpolen dargestellt, deren deutscher Mann im Krieg fiel, und die von

einem Überlebenden des Warschauer Aufstands vor der Vergewaltigung

gerettet wird, der selbst vor den Sowjets untergetaucht ist. Agnus Dei –

Die Unschuldigen (2016), ein Film von Anne Fontaine, zeigt polnische

Nonnen als Geburtshelferinnen, die bei Vergewaltigungen gezeugte Kin-

der zur Welt bringen. Auch der bereits erwähnte Film Aurora Borealis (2017) von Márta Mészáros gehört in diese Aufzählung.

Das durch den Film, eine Form des künstlerischen Ausdrucks, geschaf-

fene prosthetische Gedächtnis nimmt wesentlichen Einfluss auf das Ent-

stehen des kollektiven Gedächtnisses der Kriegsvergewaltigungen, denn

um das Schweigen zu brechen, werden in ihm nach der erinnerungspoliti-

schen Wende die Geschichten der Frauen in einem neuen Rahmen erzählt.

Die nach Schilderungen der Augenzeuginnen erfolgte visuelle Rekons-

truktion der Ereignisse normalisiert die Sprache der Gewalt und macht die

Geschichte erzählbar.

 

Die digitale Wende

 

Der freie, digitale Zugang zu selektierten Informationen führte zu einem Umdenken über die Vergangenheit. Aber inwiefern ändert sich dadurch

die Beurteilung eines historischen Ereignisses, das in vielerlei Hinsicht als

tabuisiert galt? Wie sprechen Internetnutzer über die Vergewaltigungen,

die sowjetische Soldaten in Ungarn verübten?104

Die erste Folge davon, dass bestimmte Quellen im Internet frei zugäng-

lich wurden, ist das Phänomen der kulturellen Aneignung. Das auf diese

Weise erlangte Wissen über Kriegsvergewaltigungen wird zitiert und ver-

wendet und generiert somit wiederum selbst Wissen. Die zweite Folge ist,

dass sich der Kreis der Interessenten an der Geschichtswissenschaft erwei-tert, das heißt, jeder wird sein eigener Historiker, was in der Erinnerungs-

politik zum bereits erwähnten Paradigmenwechsel führte. Und drittens:

Die ursprünglich mündlich weitergegebenen Lebensgeschichten und Erin-

nerungen, die nun gepostet werden, finden dadurch Eingang in den Ka-

 

103 Max Färberböck: Eine Frau in Berlin, 2008. 104 Zum russisch-ukrainischen Gedächtniskrieg siehe Vera Zvereva: Historical Events

and the Social Network »V Kontakte«, in: East European Memory Studies 7 (2011), S. 1-6; Ellen Rutten, Julie Fedor, Vera Zvereva (Hg.): Memory, Conflict and New Media Web Wars in Post-Socialist States. New York/London, Routledge, 2013. 162 Das Gedächtnis

 

non der Geschichte, das heißt, sie werden zu Aussagen von Zeitzeuginnen

und Zeitzeugen und zu Agenten authentischer Wahrheit.

Im Internet teilen die User ihre eigenen Erlebnisse – oder solche, von de-

nen sie behaupten, dass sie ihre eigenen sind – im öffentlichen Raum, und

in diesem Rahmen formulieren sie Haltungen zu originär fachspezifischen

Fragen der Geschichtswissenschaft, deren Beantwortung bis dahin als

Privileg von Historikerinnen und Historikern galt. Der Unterschied zwi-schen Kriegsvergewaltigungen und anderen historischen Ereignissen liegt je-

doch darin, dass sexuelle Gewalt zuvor in der Öffentlichkeit nicht themati-

siert wurde. Die Diskussion bzw. die bloße Möglichkeit dazu wurde erst

durch das Internet überhaupt geschaffen. Ein Artikel von mir, der 1999 in

Történelmi Szemle105 erschien, war unter den ersten, die digitalisiert und im

Internet zugänglich waren. Aus diesem Grund wurde er häufig in Internet-

foren und in Postings, die im Zusammenhang mit dem Thema standen, zi-

tiert: Entweder verlinkten die Nutzer meinen Artikel in ihrem Text oder ver-

wendeten Behauptungen daraus, um ihren Standpunkt zu belegen (oder sie

machten diffamierende Bemerkungen über mich). Die Postings- und Kom-mentargewohnheiten wurden auf ihre Zusammenhänge mit Offline-Akti-

vismus breit untersucht. Das Individuum, das virtuell aktiv ist, am Compu-

ter sitzt und postet, glaubt, wirklich zu handeln. Dieser Eindruck wird noch

durch den Schutz verstärkt, den die Anonymität des Internets bietet. Die

Wirkung des Postings bleibt jedoch auf die eigene Bubble beschränkt.

Ursprünglich analysierten professionelle Historikerinnen und Historiker

ihre Quellen in einem Interpretationsrahmen von »wahr« oder »falsch«.

Wie ich es bereits im Zusammenhang mit dem Gedächtnis von 1956 zeigte,

trugen die postmoderne Wende, die Relativierung des Wahrheitsparadig-

mas sowie das Auftauchen der »Ego-Dokumente« allesamt zum Geschichts-revisionismus bei. 106 Eine der wichtigsten Eigenschaften der Onlineaktivität

ist das »gewählte Trauma«, das heißt, die User greifen einen bestimmten Teil

der Vergangenheit auf, und diesen erklären sie in der Öffentlichkeit des In-

ternets zu ihrem eigenen Thema. 107 Es ist aufschlussreich, zwei Facebook-

Gruppen miteinander zu vergleichen, die sich von einem gegensätzlichen

ideologischen Standpunkt aus gegen eins der zwei Denkmäler am Szabad-

ság-tér – gegen das zum Gedenken der gefallenen sowjetischen Soldaten

 

105 Die Fachzeitschrift des Instituts für Geschichte der Ungarischen Akademie der

Wissenschaften. (Anm. d. Übers.)

106 Pető, Revisionist histories, »Future Memories«, S. 41-51; Pető, Roots of Illiberal

Memory Politics, S. 42-58.

107 Volkan, Vamik D.: Transgenerational Transmissions and Chosen Traumas: An

Aspect of Large-Group Identity, in: Group Analysis 34.1 (2001), S. 79-97.

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1945 gestellte bzw. gegen das bereits erwähnte Denkmal der deutschen Be-

satzung, das die Rolle von Ungarn im Zweiten Weltkrieg zu relativieren be-

strebt ist – eine Aktion starteten.108 Während die eine geschlossene Face-

book-Gruppe »Der Holocaust und meine Familie« mehr als 7000 Mitglieder

zählt, umfasst die andere, die über den Film Elhallgatott gyalázat (dt.:

Verschwiegene Schande) informiert und die Entfernung des sowjetischen

Denkmals verlangte, 1000 Follower.109 In den jüngsten Posts dieser Gruppe geht es vor allem um das Echo des Films und darum, wo er gezeigt wird:

Auffällig wenige Kommentare beschäftigen sich dabei mit der Entfernung

des sowjetischen Denkmals. Noch seltener kommen persönliche Geschich-

ten vor. Das Interesse ließ mit der Zeit offensichtlich nach.

Die Identität der Postenden basiert in der Regel auf einer Sowjetfeind-

lichkeit, für sie ist die sowjetische Armee eine Frauen vergewaltigende Be-

satzerhorde aus dem »Osten«. Diese Haltung wird kaum hinterfragt, etwa

mit dem Argument, dass Vergewaltigung eine Kriegswaffe ist, die ungari-

sche Soldaten an der Ostfront ebenso eingesetzt hatten. Dem vorherr-

schenden Narrativ in dieser Gruppe zufolge war die Zeit vor der Besatzung friedlich und ideal, kritische Anmerkungen finden sich kaum. Der unga-

rische Holocaust wird verschwiegen. Nach einer gewissen Zeit verlagerten

sich die Diskussionen zum Thema auf die Onlineplattform 110 mandiner.hu

und in die Kommentarspalte unter meinen dort veröffentlichten Artikel.

Der Inhalt dieser Beiträge ist hier weniger entscheidend als der Kommuni-

kationsakt selbst, also der sicht- und lesbare Kommentar, der mit dem Ar-

tikel häufig gar nichts zu tun hat: Oft geht es schlicht darum, die Autorin

zu beleidigen und zu diffamieren.

In einem fragmentierten Raum sind auch die Kommentare fragmen-

tiert. Allerdings ist auch das Thema der Vergewaltigungen von sowjeti-schen Soldaten fragmentiert, die Quellen sind ja selbst zerbrochen und ver-

streut. Onlineerinnerungen sind »die Archive des Überlebens«, die die

 

108 Das Denkmal, das an die deutsche Besatzung erinnert, ließ die Regierung in der

Nacht auf den 20. Juni 2014 heimlich und ohne vorherigen Bürgerdialog am Szabadság-Platz in der Innenstadt von Budapest errichten. Es differenziert nicht zwischen den verschiedenen Opferngruppen des Zweiten Weltkriegs und erklärt allein die deutsche Besatzungsarmee für den Holocaust verantwortlich. Damit werden die ungarische Kollaboration sowie die diskriminierenden antijüdischen Gesetze, die der ungarische Staat schon vor der deutschen Besatzung implemen-tiert hatte, unsichtbar. Zivilisten, die gegen das Denkmal protestierten, stellten da-vor ein eigenes Denkmal zum Gedenken an die 450.000 deportierten ungarischen Juden auf, und sie treffen sich regelmäßig zum Austausch im benachbarten Park.

109 Pető, »Hungary 70«.

110 Ein konservatives regierungsfreundliches Nachrichtenportal. (Anm. d. Übers.)

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Erfahrung nicht nur sichtbar macht und ihr dadurch Akzeptanz verschafft,

sie sind auch der Ort, wo sie erzählt wird, wo sie überhaupt entsteht.111 Die

Überlebenden von sexueller soldatischer Gewalt durch Soldaten der Roten

Armee verfügen über kein auf diese Art zusammen getragenes »Archiv«,

ihre Erinnerungen sind verstreut. Diese Vereinzelung trägt zum Verschwei-

gen der Erinnerungen bei.

Auf den ungarischen Seiten von Wikipedia findet sich kein Eintrag zu »Vergewaltigungen von sowjetischen Soldaten«, und im Eintrag »Die Ver-

schleppung von Budapestern im Jahre 1945« werden sie nicht erwähnt.

Überhaupt werden Kriegsvergewaltigungen nur im Zusammenhang mit

Orten erläutert, die sich aus ungarischer Perspektive im Ausland befinden:

mit Berlin bzw. mit Japan. 112

Beiträge im Internet wiederholen notwendigerweise die dazugehörigen

Schlüssel begriffe (Trunkenheit, Armbanduhren, Raubüberfälle, Verge-

waltigungen, Brutalität usw.), dadurch erschaffen sie einen kanonisierten

Rahmen und den Diskurs selbst. Diese Wiederholung ist dabei ein wesent-

liches Kommunikationselement: Es konstruiert die kanonisierte Ge-schichte und führt so bei den Kommentierenden zu einem Gefühl der

Selbstsicherheit und der Zugehörigkeit. Ausschlaggebend in diesem Pro-

zess sind nicht die Information und das Wissen, sondern die im Austausch

entstehende Sicherheit, die der Onlineraum bietet, die sogenannte phati-

sche Kommunikation, die weder über eine faktische Grundlage noch über

eine textuelle Referenz verfügt. So wird aus einem historischen Fakt eine

Meinungsäußerung. Das Kommentieren im Internet ist gleichzeitig auch

ein performativer Akt, das bedeutet, was zählt, ist nicht der Inhalt, sondern

die Handlungsgemeinschaft. Durch das Erzählen der für persönlich gehal-

tenen Erfahrung wiederholen sie stets aufs Neue die konsensuellen The-men und Tropen: Wieder und wieder wird der sowjetische Soldat erwähnt,

der Kölnisch Wasser soff und nach der Armbanduhr verlangte. Gleiches

gilt für die weiblichen Verwandten, die damit gerettet wurden, dass man

ihnen das Gesicht mit Ruß beschmierte. Diese Kommunikation offenbart

einerseits eine Facette der historischen Wirklichkeit, die im öffentlichen

Raum zuvor abwesend war, andererseits aber schleift sie die Erinnerungen

in eine Eindimensionalität und verschafft ihnen somit ausschließliche Gül-

tigkeit. Mittlerweile sind die Geschichten über die »guten« sowjetischen

Soldaten, die Brot verteilten, Fremdsprachen sprachen und Klavier spiel-

 

111 Wieviorka, The Era of the Witness, S. 95-145.

112 https://hu.wikipedia.org/wiki / Budapest_ostromaKC3 B6vetkezmC3 A9

nyek.

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ten, aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Auch die Geschichten von

Menschen, für die der Einmarsch der Roten Armee tatsächlich die Befrei-

ung, das Überleben, bedeutete, sind verdrängt worden.

Der erinnerungspolitische Krieg im Internet ist auch Teil des sicher-

heitspolitischen Diskurses.113 In Ungarn hat er einen widersprüchlichen

Verlauf genommen. Einerseits wird er auf der Basis der vom FIDESZ-

KDNP vertretenen antikommunistischen Ideologie ausgetragen, der nicht zögert, diesen auch in den alltagspolitischen Gefechten mit der Opposi-

tion einzusetzen. Solange eine russlandfreundliche Einstellung in der Re-

gierung vorherrschte, wurden die Handlungen der sowjetischen Soldaten

in Ungarn in erster Linie von Rechtsradikalen thematisiert. Noch kompli-

zierter wird die Situation dadurch, dass sie (die Rechtsradikalen) ebenfalls

wirkmächtige politische Fäden zur gegenwärtigen russischen Führung in

Händen halten. Das ist zumindest teilweise ursächlich dafür, dass der Film

Elhallgatott gyalázat (dt.: Verschwiegene Schande) im Rahmen der

von Angelina Jolie und William Hague im Juni 2014 organisierten Konfe-

renz in London über Kriegsvergewaltigungen nicht gezeigt wurde, obwohl er eingeladen worden war.114 Das ungarische Amt für Auswärtige Angele-

genheiten unterstützte internationale Vorführungen und Teilnahmen an

ausländischen Festivals insgesamt nur sehr zögerlich.

Über den Film Elhallgatott gyalázat erschien auch in der Online-

ausgabe der Washington Post eine Rezension, unter der auch englischspra-

chige Kommentare zu lesen sind. Das Gros der wenigen Kommentare (ins-

gesamt nur 22) beschäftigt sich mit den Gräueltaten der sowjetischen

Soldaten, und die Kommentierenden mit ungarischer Abstammung dank-

ten dem Himmel, dass es ihnen gelungen war, nach Übersee zu flüchten,

wo sie in Frieden leben könnten. Nur ein Post erwähnte die Rezension in der New York Times von Mary Roberts Buch über die Vergewaltigungs-

epidemie nach der Landung der Amerikaner in der Normandie. Darauf

wurde rasch geantwortet, dass »die Russen anders waren«.115 In einer ande-

ren Diskussion wurde danach gefragt, warum die Washington Post einem

 

113 Elizaveta Gaufman: World War II 2.0. Digital Memory of Fascism in Russia

in the Aftermath of Euromaidan, in: Ukraine Journal of Regional Security 10.1 (2015), S. 17-36.

114 Global Summit to End Sexual Violence in Conflict, 2014. www.gov.uk/govern-

ment/topical-events/sexual-violence-in-conflict

115 Lynn Joyce Hunter: ›Silenced Shame‹: Hungarian Women Remember Wartime

Rapes, in: The Washington Post, 24. 11. 2013. https://www.washingtonpost.com/ blogs/she-the-people/wp/2013/11/24/silenced-shame-hungarian-women-remem-ber-wartime-rapes/?noredirect=on&utm_term=.3976ba23b839

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Film Raum gibt, der die Propaganda der immer weiter nach rechts rücken-

den ungarischen Regierung unterstützt. All das veranschaulicht gut die

Folgen der aus Ungarn exportierten innenpolitischen Kämpfe. Auf der

Webseite verlief das Gespräch in einem gemäßigten Ton, etliche Kommen-

tare, in denen Parallelen zwischen den Verbrechen der Kommunisten und

der Nazis gezogen wurden, wurden jedoch gelöscht. Das überschritt die

Toleranzgrenze der Washington Post.

Vor diesem Hintergrund, meiner Analyse der Repräsentation der

Kriegsvergewaltigungen von sowjetischen Soldaten möchte ich noch mit

der idealistischen Überzeugung des ukrainischen Historikers Mykola Mak-

hortykh abrechnen, demzufolge die Möglichkeiten des Internets langfris-

tig der Demokratisierung der Erinnerung dienlich seien. Die ungarisch-

sprachigen Internetdebatten zu den von sowjetischen Soldaten verübten

Vergewaltigungen führten jedoch ersichtlich zu keiner Änderung oder

Öffnung im kollektiven Gedächtnis.116 In den polarisierten Räumen fehlt

nicht nur die feministische Kritik, sondern auch jegliche rationale, nicht

in einem sowjetfeindlichen, nicht in einem sicherheitspolitischen Diskurs formulierte Perspektive. Hinzu kommt, dass wegen des komplizierten rus-

sisch-ungarischen geopolitischen Verhältnisses derzeit keine einzige politi-

sche Kraft in der Lage ist, den Raum des Internets nicht als erinnerungspoli-

tisches Schlachtfeld zu nutzen. All dies fördert das Verschweigen bzw. die

Konstruktion und Weitergabe von verhärteten, stereotypen Geschichten.

Der Raum ist zwar ein anderer, aber der Inhalt bleibt der gleiche.117

 

116 Mykola Makhortykh: Remediating the Past: YouTube and Second World War

Memory in Ukraine and Russia. Memory Studies (2017) Sept. 13, S. 1-16.

117 Die Generalversammlung der Hauptstadt Budapest verabschiedete am 29. 1. 2020

die Resolution 62/2020. (1.29.), in der sie vorschlägt, Vorbereitungen für die Errichtung des »Denkmals zum Gedächtnis der während des Kriegs vergewal-tigten Frauen« zu treffen und nach einer öffentlichen und wissenschaftlichen (Geschichtswissenschaft und Kunst) Konsultation des Konzeptes für ein Denk-mal zum Gedächtnis der Opfer von Kriegsvergewaltigungen den Standort zu be-stimmen und ein künstlerisches Konzept auszuarbeiten. Für die Gewährleistung von Transparenz und Partizipation der breiten Gesellschaft stellt sie Finanzmittel bereit. Bei der Verabschiedung des Vorschlags wurde die Opposition vielleicht zum ersten Mal von den Regierungsparteien, die hier in der Minderheit sind, in erinnerungspolitischen Angelegenheiten unterstützt. Das Projekt dauert drei Jahre, und es hat das Potenzial, sich zu einem wichtigen Ort und zu einer Institution des Gesprächs über sexuelle soldatische Kriegsgewalt zu entwickeln. Auf der Webseite des Projekts (elhallgatva.hu) sind die wichtigsten Unterlagen des Projekts, die Ver-anstaltungen, die Bibliografie der einschlägigen ungarischen und internationalen wissenschaftlichen Werke, Quellen, von fiktionaler Literatur und Interviews auf-geführt. Das Projekt wird vom Hauptstädtischen Archiv, Budapest betreut, das Die digitale Wende 167

 

Ich habe bereits das Argument angeführt, dass die Erfahrung physischer

Gewalt nicht automatisch damit einhergeht, dass man sie auch erzählen

kann. Wenn die körperliche Erfahrung des Individuums ausgesprochen

wird, wird sie Teil der Öffentlichkeit. Wie sie erzählt wird, hängt vom Um-

feld ab, sowie davon, wem sie erzählt wird und von der Zeit, die zwischen

der Erfahrung und dem Erzählen liegt. Für die Erzählung der Vergewalti-

gungen von sowjetischen Soldaten haben sich inzwischen ein Wortschatz und eine Erzählweise entwickelt. Die am Familientisch erzählten Ge-

schichten wanderten unverändert in die öffentliche Rede (als Kommentare

von Internetbeiträgen) und in einschlägige Zeitungsartikel. Die Kommen-

tare und Postings bestätigen, dass diese Erfahrungen erzählt werden kön-

nen, allerdings nur im kanonisierten Rahmen. Die Erzählung des Erlebten

erzeugt eine auf der gemeinsamen Identität basierende Gemeinschaft, und

das ist in der virtuellen Welt des Internets auch nicht anders: Die digitalen

Archive, die die Erfahrungen der Personen, die diese traumatischen Erleb-

nisse erlebten, bewahren, helfen beim Wiederauf bau der Gemeinschaft.118

Die sexuelle Gewalt der sowjetischen Soldaten erhielt aber auch in Zeiten des Internets kein abschließendes, souveränes Profil. Es gibt keine aus-

schließlich diesem Thema gewidmeten Webseiten, wo erste Eindrücke

erfasst werden könnten. Die Kommentare sind zerstreut, und aus diesem

Grund sind sie weniger sichtbar, weniger präsent. Die Onlineräume funk-

tionierten wie ein »zuhörendes Gericht« (listening tribunals), die auch erin-

nerungspolitischen Akten Raum geben, denn sie ermuntern die Indivi-

duen, ihre Erinnerungen zu teilen.

Es gibt eine Vielfalt an Einstiegs- und Ausstiegspunkten bzw. Gelegen-

heiten für Gespräche im Zusammenhang mit Kriegsvergewaltigungen.

Durch die Analyse der Onlinepostings wurde ersichtlich, dass es im Raum des Internets derzeit keine Möglichkeit zum Dialog gibt. Jede gepostete

individuelle Geschichte ist authentisch, steht für sich und korrespondiert

nicht mit einer anderen. Die Möglichkeit, die Geschichten zu teilen und

 

auch für die Sammlung von privaten Schriftstücken, Quellen, Tagebüchern, Kor-respondenzen und Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zuständig ist. Diese Initiative vermag vielleicht, den Rahmen der Erinnerungspo-litik zu ändern.

118 Paul Arthur: Trauma online. Public Exposure of Personal Grief and Suffering, in:

Traumatology 15.4 (2009), S. 65-75. Ein Projekt des USHHM (»World is witness«), oder die studentischen Projekte im Rahmen der Kurse Preserving and Interpreting Knowledges of the Past and Promoting Social Justice der CEU: https://www.you-tube.com/watch?v=ui--Rc9syng&list=PLD42-FV_ylE1a980nOoGGAUTbcuGw GdrB&t=61s&index=7

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über sie zu reden, gibt es nur innerhalb des vorgegebenen Interpretations-

rahmens (»die sowjetischen Soldaten benahmen sich absichtlich wie

Tiere«). Wer einen differenzierteren Zugang zum Thema wählt, wird so-

fort persönlich angegriffen. Das heißt, der neue, virtuelle erinnerungspoli-

tische Raum hat schlussendlich keine förderliche Wirkung auf eine offene,

ein ladende Erinnerung. Der Zweck des Postens von Geschichten besteht

ausschließlich darin, der sich erinnernden Person einen Platz in der allge-meinen Opfergruppe zu sichern, aber die persönliche und individuelle

Erinnerung verschwindet. Das ist der Grund dafür, dass die erzählten Ge-

schichten überwiegend keine persönlichen Geschichten sind: Sie sind

nicht den sich Erinnernden selbst widerfahren, sie hörten nur davon oder

sprachen vielleicht mit jemandem, der als Zeuge bei den Geschehnissen zu-

gegen war. Die Geschichten erscheinen zugleich im Paradigma, auf dem

moralischen Fundament »des Erinnerns als Pflicht«. Dieser Rahmen wurde

aus dem Gedächtnis des Holocaust übernommen, weicht jedoch grund-

legend davon ab: Hier schafft er nicht die Opfergemeinschaft, wie das beim

Holocaust-Gedächtnis der Fall ist, er gibt den Opfern keinen Raum, sich zu erinnern. Und so entstehen auch keine Gruppen, die sich an das Erlebte

erinnern, sondern nur solche, die sich an das Gedächtnis der Geschehnisse

erinnern. Diese Gruppen basieren auf Ausgrenzung und Hass, nicht auf

Demokratisierung und Empathie.119 Das Internet brachte keinen demokra-

tischen Raum für die Erinnerungspolitik hervor. Im Gegenteil.

 

119 Zu Online-Gedächtnisgemeinschaften siehe: Arthur, Trauma online.