Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Die Debatte »Befreiung« versus »Besetzung«
Die Debatte »Befreiung« versus »Besetzung« 63
Zeugenaussage von Magos fügt sich gut in die Logiken des Kalten Krieges,
ganz glaubwürdig ist sie nicht. Schon die Bezeichnung der Ereignisse als
»Verteidigungskämpfe des Budaer Burgviertels« klingt verdächtig. Gemeint
sein könnten die Kämpfe am Széna-tér, doch klingt dieser gewöhnliche
Platz in Buda, bei dem keine historische Konnotation anklingt, deutlich
weniger poetisch als die Rede von der erbitterten Verteidigung des sym-
bolträchtigen Burgviertels. Darüber hinaus war es mitunter gar nicht
einfach, die Uniform des NKWD zu identifizieren, besonders in Straßen-kämpfen, in denen aus der Deckung heraus geschossen wurde. Fakt ist
jedoch, dass diejenigen, die sich auf der Flucht befanden, den von ihren
Einheiten getrennten Soldaten oder Patrouillen ausgeliefert waren, mitun-
ter ausgeraubt und vergewaltigt wurden. So erging es zwei Mädchen, die
am 27. November 1956 in einer Scheune bei Ják Unterschlupf suchten.87
Dass es jedoch massenweise solche Vorfälle ge geben hätte, ist eher unwahr-
scheinlich. Das Gedächtnis der sowjetischen Besatzung von 1944 und 1945
hatte jedoch ganz offensichtlich einen merk lichen Einfluss auf die späteren
Ereignisse in Ungarn genommen.
Die Debatte »Befreiung« versus »Besetzung«
Die Debatte »Befreiung« kontra »Besatzung« war nicht nur in Ungarn Thema. Auch im Zusammenhang mit der Landung in der Normandie
sprach man von einer regelrechten »Epidemie von Vergewaltigungen«, und
die einheimische Bevölkerung erlebte die Übergriffe als Besatzung. Die
amerikanische Heeresführung verfolgte bei ihrem Umgang damit keine
einheitliche Linie. 77 Prozent der festgenommenen Täter waren afroame-
rikanische Soldaten; 70 Prozent von ihnen wurden hingerichtet, und zwar
öffentlich. Der Henker wurde dazu eigens aus Texas eingeflogen. Die hohe
Anzahl der verurteilten afroamerikanischen Soldaten signalisiert ein Bestre-
ben, die von amerikanischen Soldaten verübte sexuelle Gewalt als ein
»afroamerikanisches« Problem zu rahmen. (Ähnlich bei der Roten Armee, wo überwiegend auch das Verhalten der »asiatischen« Soldaten verurteilt
wurde.) Zwischen der einheimischen Bevölkerung und den stationierten
Soldaten kam es oft zu Zwischenfällen. In der amerikanischen Armee dien-
ten zahlreiche afroamerikanische Soldaten, und das wiederum förderte den
nicht allzu verborgenen Rassismus der einheimischen französischen Bevöl-
kerung zutage – und ihre Angst vor den »schwarzen Männern«, die weiße
87 BOSA HU OSA 300-1-2-77361.
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Frauen vergewaltigen. Dieses koloniale Stereotyp in Kombination mit der
amerikanischen Lynchkultur bildete ein gefährliches Gebräu bei den Trup-
pen, die nach den schweren, verlustreichen Kämpfen eine Erholungspause
benötigten. Es kam auch zu Konfiszierungen, die amerikanische Armee
beschlagnahmte, was sie brauchte. Die französische Presse berichtete in die-
sem Zusammenhang von »illegalen Konfiszierungen«. Die Beziehungen
zwischen der amerikanischen Armee und der Zivilbevölkerung wurden
immer angespannter. Um die brodelnde PR-Katastrophe im Kessel zu hal-ten, setzte die amerikanische Heeresführung auf koloniale Überlegenheits-
gefühle und machte in erster Linie die »anderen«, die afroamerikanischen
Soldaten, verantwortlich für die Übergriffe. Diese durften gehasst werden.
Mit Verlagerung der Front gen Osten wurden die amerikanischen Truppen
nach kurzer Zeit aus der Normandie wieder abgezogen. 88
Beim Vergleich zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee zeigt
sich das von Michael Walzer beschriebene Dilemma von Gerechtigkeit im
Krieg 89 und gerechtem Krieg . Es ist durchaus vorstellbar, dass die Wehr-
macht anfangs darauf bestand, dass die im 19. Jahrhundert aufgestellten Regeln der Kriegsführung einzuhalten waren und dafür sorgte, dass der
Rechtsprechungsmechanismus innerhalb der Armee funktionierte. Aber
dieses Bemühen wurde bald von den Gesetzen des Krieges überschrieben.
Dennoch hielt sich der Mythos, demzufolge die Wehrmacht als ausführen-
des Organ des NS-Staates mit den Morden nicht militärischer Art nichts
zu tun hatte und nur auf dem Schlachtfeld entsprechend dem selbst ge-
schaffenen Regelwerk tötete. Diese Strategie war lange erfolgreich, bis zur
bereits erwähnten Wehrmachtausstellung 1998; die »sauberen Hände« der
deutschen Soldaten wurden lange von niemandem infrage gestellt.
Die Rote Armee bemühte sich sehr schnell, noch während der laufen-den Kriegsoperationen, auch um eine erinnerungspolitische Offensive.
Überall schossen Statuen und Befreiungsdenkmäler aus dem Boden. Spä-
ter wurden Gedenktage der Befreiung eingeführt, etwa der Tag der Roten
Armee. Treffen mit Kriegsveteranen wurden veranstaltet, und die Ver-
wandten der im Kampf gefallenen Soldaten besuchten Ungarn, wie zum
Beispiel die Familie Merkurjew, deren Besuch im November 1957 in der
ungarischen Presse viel Aufmerksamkeit erhielt. Solche Ereignisse sollten
das Bild einer russischen Armee verstärken, die für die gute Sache kämpfte,
88 Dazu mehr bei Mary Louise Roberts: What Soldiers Do: Sex and Amercian GI in
World War II France. Chicago, University of Chicago Press, 2014.
89 Michael Walzer: Just and Unjust Wars: A Moral Argument with Historical Illustra-
tions. New York, Basic Books, 1977.
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zur Bevölkerung zuvorkommend war, dabei äußerst kompetent und eth-
nisch homogen. Auf den offiziellen Fotos waren nie nicht slawische Solda-
ten zu sehen, was den imperialen Charakter der Roten Armee in den Hin-
tergrund drängte. Aber auch Soldatinnen tauchten nur hie und da auf. Die
in Moskau herausgegebene und in mehrere Sprachen übersetzte Illustrierte
Szovjet Kultúra (dt.: Sowjetunion) veröffentlichte regelmäßig Artikel über
die Armee, in denen die Soldaten ebenfalls in einem vorteilhaften Licht gezeigt wurden. Die hier publizierten Bilder der Gewinner des Kindermal-
wettbewerbs »So lebt das Bild des befreienden sowjetischen Soldaten im
Herzen des ungarischen Volks« standen allerdings in scharfem Kontrast
zum Erleben der Zivilbevölkerung während des Krieges.90
Noch während die sowjetische Armee in Ungarn stationiert war (bis
zum 16. Juni 1991), kam es in den Geschichtswissenschaften zu ersten Ver-
suchen, den Alltag der Befreiung, sozusagen die »menschliche Seite«, zu
zeigen. Allerdings wurde die Quellenedition, die zum 25. Jahrestag der Be-
freiung unter dem Titel Sorsforduló (dt.: Schicksalswende) in zwei Bän-
den erschien, aufgrund eines der darin veröffentlichten Dokumente verbo-ten: ein Protokoll des Stadtrats von Kisújszállás, in dem steht, der Amtsarzt
habe vorgeschlagen, in der Stadt ein Bordell einzurichten, denn seines
Wissens »gibt es in der Stadt jede Menge Frauen, die gerne bereit wären,
sich den Russen zur Verfügung zu stellen«.91 Außerdem könne man mit
dieser Maßnahme vermutlich dafür sorgen, dass die anderen Frauen weni-
ger belästigt würden. Das offizielle Narrativ, wonach die Soldaten der Ro-
ten Armee dem Land die »Freiheit brachten« und »Brot verteilten«, erleb-
ten so nur sehr wenige Menschen, dieses von der Politik verbreitete Bild
stand im krassen Gegensatz zu den persönlichen Erfahrungen der meisten;
angefangen mit der Besatzung der sowjetischen Armee und übergehend in das die Gesellschaft umgestaltende Projekt des Kommunismus. Viele hat-
ten Anlass zu Klagen.
In den vergangenen Jahrzehnten übertrug die Forschung mithilfe der
Konzepte vom transkulturellen Gedächtnis und vom verflochtenen Ge-
dächtnis die Konstituierung, Übergabe und Instrumentalisierung des Ge-
dächtnisses in einen globalen Rahmen.
Infolge des Paradigmenwechsels nach dem Ende des Kalten Krieges
setzten in Osteuropa Prozesse ein, die neben der Theorie der »doppelten
90 Így él a felszabadító szovjet harcos képe a magyar nép szívében, in: Szovjet Kultúra,
Mai 1952. BOSA HU OSA 300-1-2-77361.
91 Elek Karsai, Magda Somlyai (Hg.): Sorsforduló. Iratok Magyarország felszabadu-
lásának történetéhez I. Budapest, Levéltári Igazgatóság, 1970, S. 223.
66 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
Besatzung« das Gedächtnis des Opferstatus dieser Länder in den Vorder-
grund rückten.92 Infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus kam es
zu einer geopolitischen Restrukturierung, die auch den historischen Dis-
kurs verschob, und die Idee der doppelten Besatzung setzte sich immer
stärker durch. Der Antikommunismus und die Aufarbeitung der sowje-
tischen Besatzung entwickelten sich zur Legitimitätsgrundlage in vielen
osteuropäischen Ländern. Seit Ende der 1990er-Jahre ist in den baltischen Ländern, in der Ukraine und in Polen das antikommunistische Gedächtnis
des Zweiten Weltkriegs auch Bestandteil des sicherheitspolitischen Dis-
kurses geworden. In diesen Ländern wurde das Gedächtnis des Zweiten
Weltkriegs nicht glorifiziert wie im Falle der russischen Erinnerungspoli-
tik, sondern in ein nationales Leidensnarrativ umgewandelt. Wobei aller-
dings beide erinnerungspolitischen Diskurse – der im Ostblock bis zur
Wende geltende und der darauf folgende – auf die Orientalisierung des
Gegenübers, der Sowjets, setzten, das heißt, sie schufen ein abwertendes,
paternalisierendes Bild vom »anderen«. In der Eigensicht der Sowjetunion
wurde sie von jemand »anderem« angegriffen, nämlich von Europa, ge-nauer: von den Deutschen, während die osteuropäischen Länder die
sowjetische Intervention als eine barbarische Besatzung aus dem Osten
erlebten. Für sie war das »immense Menschenopfer«, das die sowjetische
Heeresführung brachte, charakteristisch für die barbarische Unzivilisiert-
heit und die Grausamkeit der Heeresführung. Die Osteuropäer betrachte-
ten auch die russischen Soldaten als etwas Orientalisches, etwas »anderes«,
wie auch die halbherzige Auseinandersetzung des Landes mit seiner stali-
nistischen Vergangenheit.93 Nach 1991 verschärfte sich der erinnerungs-
politische Kampf besonders in dieser Region, also in Osteuropa.
In Polen begann diese Entwicklung nach 1989 mit einer Quellenpub-likation der Überlieferungen von Vergewaltigungen durch sowjetische
Soldaten. Das Sichtbarmachen der Leidensgeschichten von polnischen
Frauen trug zugleich auch zur deutsch-polnischen Versöhnung bei, denn
am Ende des Krieges litt die weibliche Bevölkerung beider Länder unter
den Ver gewaltigungen der Rotarmisten. Die Fokussierung auf diese Lei-
densgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte das Entstehen
92 Jie-Hyun Lim: Afterword. Entangled Memories of the Second World War, in: Pa-
trick Finney (Hg.): Remembering the Second World War. London/New York, Rout-ledge, 2018.
93 Maria Malksoo: Nesting Orientalism at War. WWII and the Memory War in Eas-
tern Europe, in: Tarak Barkawi, Keith Stanski (Hg.): Orientalism and War. New York, Columbia University Press, 2013, S. 177-195.
Die Debatte »Befreiung« versus »Besetzung« 67
eines neuen erinnerungs politischen Konsenses zwischen Polen und Deut-
schen.94
Die auf Orientalisierung und auf die Herabsetzung »des anderen« fo-
kussierende historiografische und erinnerungs- bzw. sicherheitspolitische
Debatte begann in Ungarn später als etwa in den baltischen Ländern oder
in Polen, und das Opfernarrativ tauchte in den institutionalisierten erin-
nerungspolitischen Gefechten erst nach dem Sieg des Parteienbündnisses
von Viktor Orbáns Fidesz und der 95 KDNP im Jahr 2010 auf. Die illiberale Regierung definierte ihren Standpunkt in Abgrenzung zu der bis dahin in
Europa hegemonial betrachteten Devise des »Nie wieder !«. Mit ihrer
neuen Haltung okkupierte sie im öffentlichen Raum den Diskurs, selbst
auf öffentlichen Veranstaltungen wiederholte sie die Parole beständig, und
sie setzte sie für ihre Zwecke ein. Ihre Erinnerungspolitik legte den bis da-
hin paradigmatischen und universal geltenden europäischen erinnerungs-
politischen Diskurs als Werkzeug »westlicher Hegemonie« aus, das heißt,
der Westen habe das Narrativ, in dem er dem partikularen Narrativ von
Ungarn keinen Raum ließ, für sich beschlagnahmt, und deshalb sehe sich die ungarische Regierung gezwungen, eine eigene Terminologie zu etablie-
ren. Ein Mittel dazu waren die im öffentlichen Raum prominent platzier-
ten Geschichten von Ungarinnen, die Opfer von Vergewaltigungen durch
sowjetische Soldaten geworden waren. Diese erinnerungspolitische Wende
fand zeitgleich mit der Umgestaltung der Infrastruktur der akademischen
historischen Forschung und des Geschichtsunterrichts statt.96
Das ungarische erinnerungspolitische Paradigma der »doppelten Besat-
zung« setzte das Trauma der sowjetischen Besatzung weitgehend mit der
deutschen Besatzung gleich. Ein Ausdruck dafür war die Errichtung des
Denkmals der deutschen Besatzung 2014 am Szabadság-tér. Genau hier sollte auch ein schwarzer Obelisk zum Gedenken der Opfer der sowjeti-
schen Besetzung errichtet werden, der aber letztendlich im Jahr 2018 aus
geopolitischen Gründen an einem weniger frequentierten Ort, in Óbuda,
aufgestellt wurde.97 2017, nach dem Gulag-Gedenkjahr, wurde die Ge-
denkstätte des Ungarischen Nationalmuseums »Malenkij Robot« eröffnet.
In der Ausstellung bekam ein Zitat aus dem Tagebuch von József Grősz
einen prominenten Platz, in dem er über Vergewaltigungen, die von sowje-
94 Karwowska, Gwałty a kultura, S. 169-170.
95 Vgl. Andrea Pető: Hungary’s Illiberal Polypore State, in: European Politics and
Society Newsletter 21 (2017), S. 18-21.
96 Vgl. Pető, Roots of Illiberal Memory Politics, S. 42-58. 97 Andrea Pető: Ein Paradigmenwechsel im Holocaust-Gedenken in Ungarn, in:
RGOW 2020-09.15-19.