Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Fazit
Als die Rote Armee durch Ungarn zog, hinterließ sie nicht nur geplünderte
Speisekammern, Wohnungen und leere Weinkeller, sondern auch ein neues
politisches System, in dem die Kirche nur schwer ihren Platz fand. Als die Ungarische Katholische Bischofskonferenz am 24. Mai 1945 zusammen-
kam, waren nicht mehr die Gräueltaten der sowjetischen Soldaten die alles
beherrschenden Fragen, sondern die neuen Machtaspirationen der im Ent-
stehen befindlichen ungarischen Demokratie, die die Infrastruktur und das
Vermögen der katholischen Kirche ins Visier nahm. Vor diesem Hinter-
grund überrascht das Fazit der Bischofskonferenz wenig: »Der Sturm des
Krieges zog über uns tobend hinweg, was die Kirche betrifft, leichter als
wir damit rechneten.«1 In einer Hinsicht lief dieses »Hinwegziehen des to-
benden Sturms« anders ab, als von der Bevölkerung erwartet, und zwar
hinsichtlich der Massenvergewaltigungen. Die Neuregelung der sexuellen Normen spielte eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung der Norma-
lität. Die Neudefinierung der Grenzen – wer gehört der Nation an, über
welche Bürgerrechte verfügt er oder sie – erfolgte oft auf der Basis eines
sexualisierten Ansatzes. Während sich die neueste Forschung intensiv mit
den Veränderungen des politischen Systems beschäftigt, blieb dieser Aspekt
in den Untersuchungen unberücksichtigt.
Sharon Marcus definiert sexuelle Gewalt als »Sprache«, denn sie kom-
muniziert das Ausgeliefertsein, die Niederlage und die Demütigung des
Opfers auf der einen Seite und die Kraft, Macht und Überlegenheit des
Täters auf der anderen Seite. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, welche Antwort die ungarische Gesellschaft auf die Massen-
vergewaltigungen fand, die das gesellschaftliche Wertesystem von Grund
auf veränderte.2 Die von den Sowjets in den besetzten Gebieten verübten
Vergewaltigungen hatten eine enorme psychische Wirkung. Die Instituti-
onen der Rechtsprechung brachen eine nach der anderen zusammen, und
es entstand ein Machtvakuum, das verhinderte, dass die Soldaten der sieg-
1 Protokoll der Bischofskonferenz des Katholischen Bischofskollegiums von Ungarn
vom 24. 5. 1945. Zitiert nach: Bánkuti, A frontátvonulás, S. 421. 2 Sharon Marcus: Fighting Bodies, Fighting Words: A Theory and Politics of Rape
Prevention, in: Judith Butler, Joan W. Scott (Hg.): Feminist Theorize the Political.
New York, Routledge, 1992, S. 385-403.
214 Fazit
reichen Armee bei den Behörden hätten angeklagt werden können. Die
Unsicherheit und das Gefühl des Ausgeliefertseins wurden durch den
Mangel an Rechtsbeistand nur größer, denn die sowjetische Armee stand
außerhalb der nationalen Rechtsordnung Ungarns. Die Verbrechen blie-
ben auf diese Weise unbestraft.
In den letzten Jahrzehnten trendete die sexualisierte Kriegsgewalt als
Forschungsthema. Während sie früher verschwiegen wurde, wird sie jetzt quasi zu Tode diskutiert, unter anderem wegen der Geschehnisse in Bos-
nien, im Kosovo, in Ruanda und im Kongo. Weiße Feministinnen aus
dem Westen machten in bester Absicht auf das Phänomen aufmerksam,
stellten damit jedoch die Frauen ausschließlich als die Opfer von sexueller
Gewalt dar – ihre Erfahrungen und Handlungen blieben unsichtbar. In
diesem Analyse rahmen ergab sich darüber hinaus keine Gelegenheit für
eine Untersuchung der Beziehung zwischen sexueller soldatischer Gewalt
und Gewalt im Alltag. Die Erforschung der während des Zweiten Welt-
kriegs verübten Vergewaltigungen war dabei stets Opfer politischer Rän-
kespiele. Das wird auch dadurch erkenntlich, dass es weiterhin an einer erinnerungspolitischen Kultur fehlt, diese Taten öffentlich anzuerkennen
und um Vergebung zu bitten, ganz gleich um welche Kriegspartei es geht.
Die sexuelle Gewalt ist organischer Teil des Militarismus und wirkt gleich-
zeitig zerstörerisch auf den Mythos der betroffenen Armee. Die Wehr-
macht hielt lange an dem Mythos fest, dass Wehrmachtangehörige keine
Gräueltaten, keine Vergewaltigungen verübten, dass sie keine Bordelle be-
trieben und mit »fremdvölkischen« Frauen keinen sexuellen Kontakt hat-
ten. Und die Rote Armee befreite dem eigenen Mythos zufolge die Länder
vom Faschismus, brachte Egalität und verteilte Brot. Der Mythos der un-
garischen Armee wiederum besagt, dass die ungarischen Soldaten in der Ukraine die Opfer der deutschen Heeresleitung waren, und lange wurden
die Gräueltaten, die ungarische Soldaten in der Ukraine begingen, nicht
thematisiert.
Die Erklärung für Massenvergewaltigungen liegt weniger im Unter-
schied der Kulturen, sondern in der jeweiligen politischen Ökonomie. Die
Realität der militärischen Besatzung verändert notwendigerweise die
Politik der gesellschaftlichen Geschlechter. Die Kriegsvergewaltigung ist
eine Form der Kontrolle, der Unterdrückung, der Marginalisierung und
des Herrschens. Die Massenvergewaltigung von Frauen kann sowohl die Folge von raschen politischen und gesellschaftlichen Änderungen sein als
auch eines Wandels in der nationalen und internationalen Politik. In die-
sem Fall ist der häufig sensationsgierige und instrumentalisierende Um-
gang mit sexueller Gewalt in einen komplexen, politisch definierten Fazit 215
men gebettet.3 Die Behauptung, der Täter sei ein Barbar, dessen Kultur
sich von »unserer Kultur« grundsätzlich unterscheide, wird im Zusammen-
hang mit der dem weiblichen Körper zugefügten Gewalt formuliert. Das
rückt die Tatsache in den Hintergrund, dass die Vergewaltigung in einem
breiteren Rahmen gedeutet werden sollte, und es verschleiert die Verant-
wortung der lokalen Akteure, Politiker, Ordnungshüter oder Männer, die
in irgendeiner Form von den Vergewaltigungen profitierten. Diese verein-fachte Darstellung verbirgt auch die komplexen geschichtlichen und poli-
tischen Prozesse, in denen die Vorfälle geschehen sind. Interpretationsrah-
men wie die »Russen« haben die »Ungarinnen« vergewaltigt, erzeugen
falsche Gemeinschaften. Auf das Opfertum bauende, ethnisierte, intenti-
onalistische Erinnerungspolitik, deren Basis die alleinige Herrschaft über
die historische Wahrheit ist, verhindert langfristig die Entstehung einer
kritischen Betrachtungsweise der Geschichte.
Die von den sowjetischen Soldaten verübten Vergewaltigungen waren
lange vom Verschweigen verhüllt. Erstens handelte es sich dabei um ein Verschweigen auf institutioneller Ebene, das heißt, es fehlte ein Raum, in
dem man darüber hätte sprechen können, denn über den Täter, über den
Soldaten der Roten Armee, hatte der ungarische Staat keine Verfügungs-
macht, und die Gerichtsurteile der Täter sind wegen der Bedingungen in
den russischen Archiven für die Forschenden nur rudimentär zugänglich.
Zweitens waren sie auch von einem persönlichen Verschweigen umgeben,
denn im engen Umfeld ist es für die Opfer besonders schwer zu sprechen,
und das Schweigen war in vielen Fällen die Bedingung zum Überleben und
für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Drittens war es auch ein Ver-
schweigen auf nationaler Ebene, denn Kriegsvergewaltigungen werden
auch in einem nationalen Rahmen gedeutet (die »Russen« vergewaltigten die »Ungarinnen«), und ein wiederholtes Erzählen würde das kollektive
Gefühl von Verlust und Demütigung verstärken. Die Stille wird auch
durch das Rechtssystem gestützt, denn das Opfer steht vor Gericht in der
Beweislast, und das ist oft eine langwierige und demütigende Prozedur.
Auch die fehlenden sprachlichen Ausdrucksmittel schließlich trugen zum
kulturellen Verschweigen der sexuellen Gewalt bei, denn es stand schlicht
kein Vokabular zum Erzählen zur Verfügung.
3 Miranda Alison, Debra Bergoffen, Pascale Bos, Louise Toit, Regina Mühlhäuser,
Gaby Zipfel: »My plight is not unique«. Sexual violence in conflict zones: a round-
table discussion. Eurozine, http://www.eurozine.com/articles/2009-09-02-zipfel-
en.html 216 Fazit
Die erste Stufe bei der Erschließung der Geschehnisse bedeutet für die
Erleidende der Vergewaltigung immer, dass sie sich in Sicherheit fühlen
muss und in der Lage ist, über die Angelegenheit zu sprechen, das heißt,
dass sie den Wortschatz und einen geeigneten Rahmen zum Erzählen hat.
Erst danach kommt es zur Heilung und zum Abschluss. Dieser Prozess
fand in Ungarn nicht statt. Neben den fragmentierten, individuellen Ge-
schichten entstand nur ein kollektives, stark vereinfachendes Gedächtnis-narrativ. Die Ungarinnen erzählten, was in dieses Narrativ hineinpasste
und wurden damit in eine Opferrolle hineingezwungen. Eine Änderung
brachte auch die digitale Wende nicht. Die Untersuchung des ungarischen
digitalen Raums zum Thema der Vergewaltigungen während des Zweiten
Weltkriegs lässt erkennen, dass eine Unterstützung der Opfer weiterhin
fehlt. Man begegnet nur undifferenzierten, klischeehaften Kommentaren,
in denen persönliches Erleben und Wissen als Wahrheit angeführt werden.
Die Bemerkungen, in denen sich Nutzer auf eigene Erfahrungen berufen,
richten sich gegen weit entfernte und gesichtslose Täter sowie die mit
ihnen kollaborierenden Kommunisten.
Lange beschäftigte man sich mit der Untersuchung der Täter überhaupt
nicht, obwohl die Soldaten das Erlebnis und die Folge der von ihnen be-
gangenen Vergewaltigung mit nach Hause nahmen. Die Erkenntnisse der
frühen Fachliteratur legen nahe, dass die Soldaten die Vergewaltigungen
entweder absichtlich begingen, im Auftrag ihrer Befehlshaber, oder im Zu-
stand der Trunkenheit. Schuldgefühle, Unsicherheit und Zweifel waren
auch im Alltag der Soldaten ständige Begleiter. Die Massen der von den
Fronten heimkehrenden Soldaten brachten nicht nur Geschlechtskrank-
heiten mit nach Hause, sondern auch das Wissen, eine Vergewaltigung
verübt zu haben. Die historische Forschung beginnt erst jetzt, zu erschlie-ßen, inwiefern die militarisierte Alltagskultur mit der häufig vorkommen-
den häuslichen Gewalt in der Sowjetunion zusammenhing.4
Den Überlebenden von Vergewaltigungen steht in Ungarn keinerlei
finanzielle Kompensation zu, während den anerkannten Überlebenden in
Korea, Bosnien oder im Kongo Entschädigung gezahlt wurde. Aber wie
bereits erwähnt, findet auch die symbolische Anerkennung nur in einem
bestimmten Rahmen statt: in dem der Frau als Opfer. Die (mitunter por-
nografische) Normalisierung der Vergewaltigungsgeschichten, ihre visuelle
Darstellung oder Rekonstruierung (zum Beispiel in den Filmen Die ver-
schwiegene Schande oder Aurora Borealis ) festigen nur die voyeuris-
4 Juliane Fürst: Late Stalinist Russia: Society between Reconstruction and Reinvention.
New York/London, Routledge, 2006.
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tische Position und das Opfernarrativ der Frau. Inakzeptabel sind die Er-
zeugung eines pornografischen Interesses, eine Hexenjagd auf die Täter
und das Ausfindigmachen von Kindern, die bei Vergewaltigungen gezeugt
wurden, gegen deren Willen.
In der Schlussszene des Films Verschwiegene Schande sagt eine Zeu-
gin unter Tränen aus, dass sie verzeiht, aber nicht vergisst. Die Philosophin
Robin May Schott behauptet mit Bezug auf Hannah Arendt, dass das Ver-zeihen in philosophischer Hinsicht eine Unmöglichkeit ist, da es über den
Wirkungskreis des Individuums hinausgeht. Wünschenswert sei jedoch,
dass das Opfer nach einer Phase der berechtigten Empörung in seinem Le-
ben weitergehen kann und der Täter zu seiner Verantwortung steht. Dies
könne die zyklische Wiederholung von Feindlichkeit brechen.5 Wenn es
jedoch zu keiner wesentlichen Veränderung kommt, wie es beim kollekti-
ven Gedächtnis der von sowjetischen Soldaten verübten Vergewaltigungen
der Fall ist, die Täter sogar geo- und machtpolitische Argumente auf das
Leugnen setzen, ist es nicht wahrscheinlich, dass das Schweigen gebrochen
werden kann. Aus diesem Grund muss der Fokus statt auf das Vergeben auf die Faktoren und Strukturen gelegt werden, die die Dichotomie von
»Reinheit und Beflecktheit der Sexualität« begründen und eine ausschlie-
ßende und aggressive Identitätspolitik erzeugen. Bei der Erforschung der
Kriegsvergewaltigungen können wir die Funktionsweise unserer heutigen
Verhältnisse verstehen lernen und dadurch auch die zwangsläufige Kon-
tinuität der Gewalt erkennen. Im Gegensatz zu vielen Massenvergewalti-
gungen in der jüngsten Geschichte waren die von der Roten Armee
ver übten Vergewaltigungen nicht ethnisch bedingt, sondern durch De-
monstration von Macht und Rache motiviert. Das Gedächtnis dieser Er-
eignisse wurde erst nach 1989 ethnisiert, im Rahmen der aufkommenden antikommunistischen Tendenzen. Das macht allerdings nicht nur das Ver-
zeihen, sondern auch das Vergessen unmöglich. Bei all dem sollte auch das
Gedächtnis der Opfer nicht außer Acht gelassen werden. Die Überleben-
den von Vergewaltigungen und die aus Vergewaltigungen geborenen Kin-
der mussten das absichtsvolle Vergessen der Gemeinschaft über sich hin-
wegziehen lassen, ihre Existenz erinnerte die Gesellschaft an Niederlage
und Demütigung.
Das Gedächtnis der von sowjetischen Soldaten begangenen Vergewalti-
gungen wurde nicht zu einem traumatischen Gedächtnis, weil die Ge-schichte der massenhaften Vergewaltigungen nicht von denen erzählt
5 Robin May Schott: The Atrocity Paradigm and the Concept of Forgiveness, in:
Hypatia 19.4 (2004), S. 202-209.
218 Fazit
wurde, die sie erlitten hatten. Aus nachvollziehbaren Gründen erzählten
die Opfer ihren Familien darüber nicht, deshalb kam es auch zu keinem
Trauma in der zweiten und dritten Generation. Das Gedächtnis ist selek-
tiv, institutionalisiert sich als sich selbst bestätigendes und projektives
Gedächtnis. Deshalb bleibt es für eine Neuinterpretation stets offen, die
jedoch fast immer ohne Beteiligung der Opfer stattfindet.