Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die Folgen

Die Folgen 91

 

wodurch es dem Täter möglich wird, unbestraft davonzukommen. Das ist

also nicht der Weg, den Forscherinnen und Forscher beschreiten sollten,

denn es ist ihre moralische und professionelle Pflicht, dieses System in

seiner ganzen Komplexität zu untersuchen, schon der Würde der Opfer

zuliebe. Das hier soll ein erster Schritt auf diesem Weg sein.

 

Die Folgen

 

Die Vergewaltigungsopfer erlitten unterschiedliche Arten von Traumata,

abhängig von den Folgen, die die Gewalttat nach sich zog. Viele erkrank-

ten, andere wurden schwanger und hatten entweder einen Schwanger-schaftsabbruch oder haben ihr Kind geboren. Auch mit psychischen Folgen

war zu rechnen wie dem posttraumatischen Stress-Syndrom, Depressionen,

Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit. Viele erlitten während der

Vergewaltigung gravierende physische Verletzungen. Eine Holocaustüber-

lebende erzählt darüber wie folgt: »Ich habe es nicht gewagt wegzulaufen,

er hätte ja mir hinterherschießen können. Er schlug mir ins Gesicht. Er zog

ein Taschenmesser hervor, schnitt meine Hose kaputt. Ich wusste nicht, wie

ich mich verhalten sollte. Niemand hatte mir erzählt, was man dann macht.

Er legte sich auf mich, war sehr betrunken. Er roch nach Wein. Er legte das Messer zur Seite, weil er beide Hände brauchte. Ich griff nach dem Messer.

Ich überlegte mir, wohin ich stechen sollte, damit die anderen nicht kom-

men. Er wollte mir das Messer aus der Hand nehmen, er trat mich mit sol-

cher Kraft am Hintern, dass ich durch das Tor hinausflog. Ich stand da,

blutig, meine Hände waren blutig, mit hängender Hose. Irgendwie fand

ich in die Gärtnerei zurück und bekam dort einen hysterischen Anfall. Ich

habe meiner Mutter nie davon erzählt.«43 Viele erlitten chronische innere

Verletzungen, die ihr Leben lang behandelt werden mussten. Viele der Op-

fer lehnten jeglichen sexuellen Kontakt später völlig ab und traten in Re-

aktion auf die Vergewaltigung ins Kloster ein. Wie bereits erwähnt, ein Ziel

der Kriegsvergewaltigungen ist die Zerstörung der familiären und intimen Beziehungen, die Demütigung von Männern und Frauen. Während in

Bosnien die Frauen, die sexuelle Gewalt erlitten hatten, aus ihrem Wohn-

ort flüchteten, blieben die Opfer in Ungarn bis zur großen Bevölkerungs-

wanderung, die durch den Ausbau der LPGs und die forcierte Entwicklung

der Industrie hervorgerufen wurde, in der Regel am Tatort. Aus diesem

Grund begegnet man in Ungarn oft dem Phänomen, dass die Opfer die

 

43 Interview 51550, Abschnitt 74.Visual History Archive der USC Shoah Foundation. 92 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

erlittene Vergewaltigung so erzählen, als wäre sie einer anderen Frau pas-

siert.

Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich grundsätzlich etwas in der Be-

ziehung zwischen Bevölkerung und Armee. Zu ersten Massenvergewalti-

gungen auf dem europäischen Kriegsschauplatz kam es nach dem Überfall

auf Belgien, als die Front stockte und die deutschen Truppen schließlich

vier Jahre lang im Land stationiert blieben. Die deutschen Soldaten wur-den bei Einheimischen einquartiert, woraufhin sich intime Beziehungen

innerhalb von kurzer Zeit und gut organisiert entwickelten. Die lokalhis-

torischen Forschungen belegen nicht nur regionale Unterschiede innerhalb

Belgiens, sondern zeigen auch, welche Strategien die weibliche Bevölke-

rung im Umgang mit den deutschen Soldaten entwickelt hatte, die auf-

grund der militärischen Misserfolge und der blutigen Verluste frustriert

und desillusioniert waren. Belgische Frauen sind aus unterschied lichen

Gründen sexuelle Begegnungen mit den deutschen Besatzern eingegan-

gen: Wenn sie nicht gewaltsam zum Sex gezwungen wurden, kamen finan-

zielle Schwierigkeiten als Motive infrage, manchmal auch Abenteuerlust oder Protest gegen die patriarchalen Normen.44 Sexuelle Gewalt wurde

vom Militärgericht geahndet, in den besetzten Städten stand den Soldaten

ein Netzwerk von organisierten Sexarbeiterinnen zur Verfügung. Wenn

man das Phänomen im zeitlichen Ablauf untersucht, zeichnet sich deutlich

ab, dass mit Fortdauern des Krieges und der Besatzung die Armut unter

den Frauen und parallel dazu auch die Anzahl der Sexworkerinnen und der

Geschlechtskrankheiten anstieg. Um Letztere in den Griff zu bekommen,

wurden spezielle Krankenhäuser eingerichtet. Die belgische Forschung hat

herausgearbeitet, dass in den größeren Städten sowohl die Anzahl der ohne

Vater geborenen Kinder als auch die der geschlechtskranken Frauen zu-nahm. In den kleinen Gemeinden auf dem Land funktionierte die gesell-

schaftliche Kontrolle besser, die Anzahl der sexuellen Kontakte war mini-

mal. Wo es trotzdem dazu kam, sind die Frauen häufig in eine Großstadt

gezogen, um sich den prüfenden Augen der Nachbarn zu entziehen.

In Ungarn waren die Folgen 1944/45 – als die sowjetische Armee mit

mäßig strenger Kontrolle und vielen Soldaten durch das Land zog – andere

als in der darauf folgenden, sich lange hinziehenden Besatzungsphase. In

dieser Periode kam es neben Vergewaltigungen auch zu weiteren gewalt-

 

44 Debruyne, Emmanuel: »Femmes à Boches«. Sexual Encounters Between Occupiers

and Occupied (France, Belgium 1914-1918), in: Stefan Karner, Philipp Lesiak (Hg.): Erster Weltkrieg. Globaler Konflikt – lokale Folgen. Neue Perspektiven. Innsbruck/ Wien/Bozen, Studien Verlag, 2014, S. 105-122.