Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Das Gedächtnis
Das Gedächtnis an die von sowjetischen Soldaten verübten Vergewaltigun-
gen wird durch die überlieferten historischen Quellen bestimmt. Im Fol-
genden möchte ich zeigen, wie die Erlebnisse aus dieser allgegenwärtig von Chaos geprägten Zeit in den verschiedenen, gewaltsaturierten Interviews
und Erinnerungen dargestellt werden. Ich vertrete die These, dass die sich
permanent ändernden politischen Rahmen des Erinnerns die Deutung der
Erfahrungen mitbestimmen.
Geschichte, wie sie erzählt
und wie sie verschwiegen wird
Heterosexuelle Beziehungen werden innerhalb einer Familie herkömm-
licherweise mit drei Attributen beschrieben: Loyalität, Treue und romanti-
sche Liebe.1 Welche von den oben erläuterten Grundlagen für die Analyse von Kriegsvergewaltigungen durch Rotarmisten man auch heranziehen
mag, das Schweigen der Frauen ist immer ein fester Bestandteil des Systems.
Die Frauen können ihren Partnern nicht erzählen, was ihnen widerfahren
ist, da es sie nur noch mehr beschämen würde – und das ist vom Gewalt-
täter beabsichtigt. Um eine von Männern dominierte Gesellschaft aufrecht-
zuerhalten, ist das loyale Verhalten des Individuums wichtiger als eine psy-
chologisch erfolgreiche Bewältigung der Ereignisse. Die Österreicherinnen
oder Ungarinnen, die über ihre Vergewaltigung erzählen, geben nicht ihren
Landsmännern (oder den Männern in ihrer Familie) die Schuld für das, was
ihnen passiert war.2 Nie erwähnen sie in ihren Erinnerungen die fatalen, in die Tragödie des Krieges führenden Entscheidungen der Politiker und Sol-
daten, die dazu beitrugen, dass die sowjetischen Soldaten letztlich die Macht
hatten, über ihren Körper zu verfügen. Was die Bevölkerung gegenüber den
sowjetischen Soldaten einzig und allein mobilisieren konnte, waren die Re-
flexe, die historisch im kollektiven Gedächtnis überliefert wurden.
1 Hoerning, The Myth of Female Loyalty, S. 19-45.
2 Rachel Hall: »It Can Happen to You«. Rape Prevention in the Age of Risk Manage-
ment, in: Hypatia 19.3 (2004), S. 1-19.