Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Tendenzen der Geburtenraten als Hinweis auf Vergewaltigungen

Tendenzen der Geburtenraten als Hinweis auf Vergewaltigungen 97

 

auf einen Abbruch hatten, wurden auch solche Schwangerschaften häufig

als Folge sexueller Gewalt protokolliert. Allerdings ist es selbst in einem sol-

chen Kontext problematisch, von Freiwilligkeit zu sprechen. Zoe Waxman

argumentiert, dass eine sexuelle Beziehung nicht als freiwillig bezeichnet

werden kann, wenn ein wesentliches Machtgefälle besteht.51 Katz verwen-

dete den Begriff »erzwungene Liebschaft«, als sie über sexuelle Beziehungen

zwischen deutschen Soldaten und Jüdinnen in den Konzentrationslagern schrieb, wofür sie heftig kritisiert wurde.52 Dieser Begriff setzt nämlich

voraus, dass die Jüdinnen eine Wahl hatten, und davon kann bei einem der-

art ungleichen Machtverhältnis offensichtlich nicht die Rede sein.

Wenn in einem Land die Vergewaltigungsfälle durch sowjetische Solda-

ten nachdrücklich kommuniziert und empirisch angegeben werden, dient

das dazu, das jeweilige Land nach Kriegsende als Opfer zu positionieren.

Die in diesem narrativen Rahmen geschilderten Erinnerungen waren nach

1989 weit verbreitet. Als wollten sich die Länder mit den sensations-

heischend veröffentlichten Daten den Opferstatus erkämpfen. Da es sich

nicht ziemt, die Opfer von Kriegsverbrechen für ein anderes, zuvor verüb-tes Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, kam es dazu, dass die von der

Roten Armee verübten Verbrechen die Kriegsverbrechen der ungarischen

und der deutschen Armee überdeckten. Die Diskussion um die Zahlen

spielt im politischen Kampf um das Vergessen eine Schlüsselrolle.

 

Tendenzen der Geburtenraten

als Hinweis auf Vergewaltigungen

 

Wenn eine Frau infolge einer Vergewaltigung schwanger wurde, dann

wählte sie in den meisten Fällen die legale Methode der Abtreibung. Die

von sowjetischen Soldaten verübte sexuelle Gewalt leistete in Ungarn sicher einen Beitrag zur Liberalisierung der Abtreibungspolitik. Breite Schichten

der Gesellschaft, oft sogar die Kirchen, akzeptierten, dass die Frau in dieser

besonderen Situation über das Schicksal des Fötus in ihrem Körper selbst

entscheiden können muss. Die Entwicklung der Bevölkerungsgröße zeigt

nach den Kriegsereignissen kein außergewöhnliches Wachstum. Entspre-

chend lässt sich aus den Geburtenziffern nicht unmittelbar auf das Ausmaß

der Vergewaltigungen schließen.

 

51 Zoe Waxman: Unheard Testimony, Untold Stories: The Representation of Women’s

Holocaust Experiences, in: Women’s History Review 12.4 (2003), S. 661-677.

52 Katz, Thoughts on the Intersection of Rape, S. 298.

98 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

Tabelle 1 zeigt, dass die Zahl der Lebendgeburten auch in Budapest

nicht auffällig angestiegen ist. Zwar war die Lebendgeburtenziffer im April

1946 höher, allerdings kann das nicht unbedingt mit Vergewaltigungen

von sowjetischen Soldaten erklärt werden. Vergleicht man diese Zahlen

mit denen der Vorkriegszeit, werden im Wesentlichen keine Änderungen

ersichtlich. Der allgemein schlechte physische Zustand der Bevölkerung

sowie die schlechten Zustände im Gesundheitswesen haben natürlich ihre Spuren auch in der Säuglingssterblichkeitsrate hinterlassen. Die Geburten-

ziffer war mit der Ausnahme von April vergleichsweise niedrig, was der

Amtsleiter des Gesundheitsamtes von Budapest damit erklärte, dass im

weiblichen Körper »infolge der Enthaltsamkeit und der Angst vor Schwan-

gerschaft Störungen auftraten«, welche selbst auf »wirtschaftliche und psy-

chische Gründe zurückzuführen sind«.53

 

1946*

Januar 961

Februar 1096

März 1373** Tabelle 1: Geburten in Budapest im ersten Halbjahr 1946

April 2439

* Protokolle des Verwaltungskomitees der Hauptstadt Budapest

Mai 1480 BFL IV.1416.a, erstellt nach den Berichten des Amtsleiters des

Gesundheitsamtes von Budapest.

Juni 1494 ** Im Bericht von Mai 1946 werden 1535 Geburten verzeichnet.

 

Das Schicksal der Kinder, die infolge von unerwünschtem Geschlechtsver-

kehr geboren wurden, regelte der von der Ungarischen Kommunistischen Partei delegierte Minister für soziale Wohlfahrt Erik Molnár in einer

Rechtsverordnung: »Nach dem Durchzug der Roten Armee und dem da-

rauffolgenden Chaos wurden Kinder geboren, die ihre zur Sorge verpflich-

teten Angehörigen nicht in ihrer Familie halten wollen. Da aber die Kinder

ohne Versorgung und Pflege nicht bleiben dürfen, müssen sie in staatliche

Obhut genommen werden, damit die Kosten der Pflege nicht ihre geset-

zesmäßig zur Sorge verpflichteten Angehörigen belasten. In Anbetracht der

Tatsache, dass sie finanziell und moralisch verlassen sind, erteile ich dem

Waisenamt die Anweisung, jeden Säugling, der im Zeitraum von 9 bis 18

Monaten nach der Befreiung des Geburtsortes geboren wurde, für verlas-sen zu erklären, wenn die Eltern oder einer der Elternteile verweigert, das

 

53 BFL IV.1416.a. Bericht des Amtsleiters der Gesundheitsbehörde Budapest, 6. 1. 1946. Tendenzen der Geburtenraten als Hinweis auf Vergewaltigungen 99

 

Kind vor dessen erstem Lebensjahr in die Familie zu integrieren und die

Mutter mit einer Bescheinigung, ausgestellt vom Bürgermeister der Stadt,

in Budapest vom Bezirksvorstehenden, in anderen Gemeinden von der

Verwaltungsleitung, nachweisen kann, dass sie im oben genannten Zeit-

raum Opfer der oben geschilderten Ereignisse wurde. Zu verlassen ist auch

das Kind zu erklären, das schon älter als ein Jahr ist, dessen rechtsmäßiger

Vater, der zum Zeitpunkt der Geburt abwesend war und innerhalb von zwei Tagen nach seiner Rückkehr verweigert, das Kind in seine Familie aufzu-

nehmen.«54 Unglücklicherweise sind die Unterlagen der Waisenhäuser für

die Forschung bis heute nicht zugänglich. Und auch die Findbücher im

Archiv der Hauptstadt Budapest sind bei der Orientierung keine Hilfe. Je-

des Dokument des Waisenamtes müsste einzeln gesichtet werden, aber da-

für gibt es keine Kapazitäten. Es gibt Einträge, in denen kein Vater ange-

geben ist, aber das bedeutet nicht zwingend, dass es sich um ein aus einer

Vergewaltigung hervorgegangenes Kind handelt, und selbst wenn, muss

der Vater kein russischer Soldat sein.

Die offizielle Statistik der Stadt Wien zeigt, dass die Geburtenrate im 9. Monat nach der Einnahme der Stadt zu steigen begann (siehe Tabelle 2),

aber auch hier nicht überproportional.

 

1946*

Januar 872

Februar 803

März 1054

April 975

Mai 1026

Juni 1290

Juli 1576

August 1645

September 1786

Oktober 1802 Tabelle 2: Die Geburtenziffern in Wien im Jahr 1946

November 1843

* Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 1946–1947.

Dezember 1936 Wien, 1949, S. 35

 

54 BFL VIII.1134. Unterlagen des Instituts für Mutter-, Säugling- und Kleinkinder-

schutz Budapest, Anordnung des Ministeriums für Wohlfahrt 97/1946, 8540/1945. I . 3. vom 14. 1. 1946. [Hervorhebung A. P.]