Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Die Täter: Erschaffung der soldatischen Männlichkeit
erzählt. Er persönlich, so erzählt er, habe nichts dergleichen verübt, andere
jedoch schon, deshalb fühle er eine Mittäterschaft an den Verbrechen.55
Wenn es überhaupt möglich ist, eine These zu formulieren, dann viel-
leicht die, dass es im russischsprachigen Internet keine Innovatoren der
erinnerungspolitischen Normen (unter zivilen Akteuren) gibt, die die Ve-
teranen der Roten Armee zu den von den Sowjets begangenen Vergewal-
tigungen befragen und ihre Ergebnisse publizieren würden. Während die Dokumente des Massakers von Katyn von der etablierten Zivilorganisa-
tion Memorial zugänglich gemacht wurden (die sich um die Aufklärung
der stalinistischen Verbrechen bemüht), gehören Kriegsvergewaltigungen
bislang nicht zu den Themen, an denen sich erkennbar ein Interesse mani-
festieren würde.56 Wegen der gegenwärtigen Bestrebungen der russischen
Regierungspolitik, Zivilorganisationen zu kontrollieren, ist mit Initiativen
dieser Art in der nahen Zukunft auch nicht zu rechnen.
Die Täter: Erschaffung der soldatischen Männlichkeit
In der auf einer allgemeinen Wehrpflicht basierenden Roten Armee gilt im
Anschluss an das soldatische Männlichkeitsideal der zaristischen Armee als
Mann, wer sein Vaterland (auf Russisch ist das grammatische Genus femi-
nin – ɪRɞɢɧɚ 57 ) verteidigt. Ein Bestandteil der Männlichkeit war der meh-rere Jahre umfassende obligatorische Militärdienst, die Jahre zwischen dem
Erwachsenwerden und der Familiengründung, angefüllt mit Alkohol und
Gewalt.58 Es war nicht einfach, die Kriegsbegeisterung und den unbeding-
ten Gehorsam der Soldaten fern der Heimat, im Schatten von Leid, Tod
und unter schlechter Organisation, aufrechtzuerhalten. Die einberufenen
Soldaten kamen mit sehr unterschiedlichem gesellschaftlichem Hinter-
grund in die Armee, und es musste eine auf Zusammenhalt und Vertrauen
basierende Gruppendynamik unter ihnen erzeugt werden. Mangels Hei-
maturlaub und schriftlicher Nachrichten von zu Hause, die ohnehin der
55 Erinnerungen eines sowjetischen Soldaten an die Massenvergewaltigung von deut-
schen Frauen: ȼɫɺ ɬɚɣɧɨɟ ɫɬɚɧɨɜɢɬɫɹ ɹɜɧɵɦ Ɋɭɫɫɤɢɟ ɫɨɥɞɚɬɵ ɦɚɫɫɨɜɨ ɧɚɫɢ-ɥɨɜɚɥɢɦɢɪɧɵɯɧɟɦɟɰɤɢɯɠɟɧɳɢɧɜɱɺɦɩɪɢɡɧɚɟɬɫɹɜɟɬɟɪɚɧȼɬɨɪɨɣɦɢɪɨɜɨɣ ɜɨɣɧɵ2. 12. 2013. https://www.youtube.com/watch?v=dxS2e0RIdGc
56 ªɆɟɦɨɪɢɚɥ© ɫɨɛɢɪɚɟɬ ɫɪɟɞɫɬɜɚ ɧɚ ɤɧɢɝɭ ɨ Ʉɚɬɵɧɢ 9. 6. 2015. http://www.
colta.ru/news/7716
57 Catherine Merridale: Masculinity at War: Did Gender Matter in the Soviet army?,
in: Journal of War and Culture Studies 5.3 (2012), S. 308.
58 Rebecca Kay: Men in Contemporary Russia: The Fallen Heroes of Post-Soviet Change.
Burlington, Ashgate, 2006.
200 Schweigen und Verschweigen
Zensur unterlagen, waren die Soldaten emotional ausgeliefert. Sie wurden
institutionell auf Gewalt und die Tötung der feindlichen Soldaten vor-
bereitet. Im Laufe des Dienstes verlagerten die Soldaten den Fokus der Ge-
walt und die immense Anspannung auf andere Gruppen. Beim Militär wird
Gewalt erzeugt, kontrolliert und in einem akzeptierten Rahmen ausgeübt;
ein grundsätzlicher Bestandteil davon ist auch die Sexualität, denn die
überlegene soldatische Männlichkeit kann in gewissem Sinne durch Sexua-lität erlangt werden und findet dadurch Bestätigung. Dass sexuelle Gewalt
als das Erleben von Kraft, Macht, Härte und Mut mit Hypermännlichkeit
zusammenhängt, wurde in einer Reihe von Forschungen nachgewiesen.59
Die Massenvergewaltigungen begingen die sowjetischen Soldaten in der
Gruppe, die Prüfung ihrer Männlichkeit schmiedete sie zusammen.60 Auch
die Herausbildung von Kameradschaft unter Männern erfolgt durch Ini-
tiationsriten und sexuelle Gewalt. Das erklärt die große Zahl der Gruppen-
vergewaltigungen. Obwohl der Militarismus den gehorsamen Soldaten her-
vorbringt, sollte man bei der näheren Betrachtung der einzelnen Soldaten
ihre Individualität nicht übersehen, die mitbestimmt, wie der Soldat sich in einer schwierigen Situation verhält. Eigentlich werden alle Soldaten zur
Ausübung sexueller soldatischer Gewalt ausgebildet, trotzdem verübt nicht
jeder Soldat eine Vergewaltigung. Die Unterschiede in den individuellen
Verhaltensweisen können helfen, zu verstehen, wie sexua lisierte Kriegsge-
walt vermieden werden kann.
Die spezifische militärische Männlichkeit geht in der Regel mit einem
gewissen Jargon einher. Im Fall der Roten Armee war dies die brutal ein-
fache Sprache, die sich auf dem Gulag herausbildete. Die Männer ha-
ben – wie in jeder anderen Armee auch – automatisch ein Anrecht auf Sex.
Die polnischen Zwangsarbeiterinnen, die in Deutschland arbeiteten, wa-ren den sowjetischen Soldaten ganz besonders ausgeliefert. Sie konnten
niemanden um Hilfe oder Schutz bitten. Nach ihrer Heimkehr schilderte
die 20-jährige Natalia in ihrer Aussage ihre Erlebnisse mit sowjetischen Sol-
daten auf dem Weg von Berlin nach Szceczin, in ihre Heimatstadt. Nach-
dem sie gleich von den ersten Einheiten vergewaltigt wurde, brachte man
sie zum Oberst, der sie bereits nackt erwartete. Nach der Vergewaltigung
erzählte er ihr, dass er mit einer Ärztin verheiratet sei. Das überraschte Na-
talia, denn bis dahin, so erzählte sie es, dachte sie, alle sowjetischen Solda-
59 Ruth Seifert: War and Rape. A Preliminary Analysis, in: Stiglmayer, Alexandra
(Hg.): Mass Rape. The War against Women in Bosnia-Herzegovina. Lincoln, Univer-sity of Nebraska Press, 1994, S. 54-72.
60 Merridale, Masculinity at War, S. 313.