Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Die Erinnerungen der Opfer auf Russisch
auch die Erklärung dafür, wenn die in diesem Buch angegebenen Links
nicht mehr zugänglich sein sollten.) Aus dieser Problematik folgt die Frage
nach der Repräsentativität: Welche Erkenntnisse lassen sich aus einer auf
solcher Quellengrundlage basierenden Analyse ziehen, inwieweit sind die
Beiträge von aktiven, aber unter Pseudonym publizierenden Mitstreiterin-
nen und Mitstreitern für den gesamten Diskurs charakteristisch? Um zu
relevanten neuen Erkenntnissen zu gelangen, wäre eine Diskursanalyse sämtlicher Kommentare erforderlich, aber das würde enorme Kapazitäten
erfordern. Aus diesem Grund kann ich nur andeuten, welches die Einträge
sind, die großen Widerhall fanden. Kurz: Ich kann nur eine grobe Ein-
schätzung und Beschreibung der Lage bieten. Und dennoch ist diese Ana-
lyse eine Möglichkeit, zu zeigen, was russischsprachige Leserinnen und
Leser zum Thema herausfinden können, wenn sie dazu im Internet recher-
chieren.
Die Erinnerungen der Opfer auf Russisch
Alaine Polcz’ Buch Frau an der Front (1991), ein Schlüsseltext unter den
Quellen, ist auch ins Russische übertragen worden, es erschien im Jahr
2004 beim Verlag Newa. 48 Der Schriftsteller und Publizist Alexandr Melit-
schow (1947) empfiehlt hier in seinem Vorwort, dieses Buch solle in den Lehrplan der russischen weiterführenden Schulen übernommen werden.
Frau an der Front schaffte es im Jahr 2013 in Moskau auch auf die Bühne
und fand einen großen Widerhall. Die Kritikerin Elena Wolgust lobte die
Inszenierung im Blog St. Petersburger Theatermagazin und hob hervor,
dass nur Stalinisten und Militaristen, die den Traumbildern eines neuen
Imperiums hinterherjagten, das Werk kritisieren würden.49 Manche Kom-
mentierenden (zum Beispiel der User »seafol«) fanden es moralisch inak-
zeptabel, das Stück in einem Land aufzuführen, das im Zweiten Weltkrieg
so große Opfer gebracht hatte.50 »Seafol« stufte das Stück als befangen und
unzuverlässig ein, was den Stimmungswandel in der Gesellschaft sowie das wichtigste russische Argument verdeutlicht: Es weise im Sinne »der Ge-
rechtigkeit des Krieges« (und es sei hinzugefügt: der erlittenen Kriegsver-
48 Ⱥɥɷɧɉɨɥɶɰɀɟɧɳɢɧɚɢɜɨɣɧɚɇɟɜɚ 2004/2. http://magazines.russ.ru/neva/2004/2/
po9.html
49 ȿɥɟɧɚ ȼɨɥɶɝɭɫɬ ªȼɫɹɤɢɣɩɟɪɟɞɜɫɟɦɢɡɚɜɫɟɯ ɢ ɡɚɜɫɟɜɢɧɨɜɚɬ …«. 4. 3. 2013.
http://ptj.spb.ru/blog/vsyakij-pered-vsemi-zavsex-izavse-vinovat/
50 ȼɨɬ ɬɚɤɨɣ ɫɩɟɤɬɚɤɥɶ « 21. 3. 2013. http://sefeol.livejournal.com/160320.html –
Die Website ist nicht mehr erreichbar.
Die Erinnerungen der Opfer auf Russisch 197
luste) die bereits erwähnte walzersche begriffliche Unterscheidung sowie
ihre Untersuchung zurück.
Grundsätzlich kann man konstatieren, dass Ungarn nicht unbedingt im
Fokus der russischen Internet-Öffentlichkeit steht. Was die Nutzer in
erster Linie interessiert, sind die Vergewaltigungsfälle in Deutschland. Im
Mai 2011 veröffentlichte das Onlineportal Podrobnosti eine Rezension über
Gabi Köpps Autobiografie Warum war ich bloß ein Mädchen? Das Trauma einer Flucht 1945 51 , die nur ein Jahr nach der deutschen Ausgabe, 2010, auf
Englisch erschien. Köpp war 15 Jahre alt, als sie von Soldaten der Roten Ar-
mee vergewaltigt wurde, ihre Erinnerungen hielt sie in einem Tagebuch
fest, und das daraus entstandene Buch war international sehr erfolgreich.
Der Verfasser der Kritik (der Autor oder die Autorin publizierte anonym,
daher ist unklar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt) über-
setzte den Titel des Buches mit »Warum ich kein Sexleben hatte« (ɉɨɱɟɦɭ
ɭɦɟɧɹɧɟɛɵɥɨɫɟɤɫɚ). Weiter schreibt er oder sie, die sowjetischen Soldaten
hätten Berlinerinnen zwischen neun und 90 Jahren bis zu zwölfmal verge-
waltigt. Das zeigt auch, dass der »Zauber der Zahlen«, gegen den ich sei-nerzeit in meinem Artikel in Történelmi Szemle argumentierte, weiterhin
von bestimmender Bedeutung im Diskurs ist. Der Autor oder die Autorin
beschließt den Artikel mit der Behauptung, die russischen Behörden wür-
den die historische Tatsache der Massenvergewaltigungen von sowjeti-
schen Soldaten weiterhin leugnen.
Aber nicht nur die in Ungarn geführten Debatten oder ungarische
Autorinnen bleiben auf russischsprachigen Portalen unerwähnt, ebenso
wenig finden sich internationale feministische Forscherinnen, die über
sexualisierte Kriegsgewalt während des Zweiten Weltkriegs arbeiten. Eine
Ausnahme bildet die russische Übersetzung des Artikels einer jungen His-torikerin und eines Historikers aus Polen, Joanna Ostrowska und Marcin
Zaremba, der ursprünglich in der polnischen Zeitschrift 52 Polityka erschien.
Das Autorenduo bricht anhand des Klassikers von Susan Brownmiller
(Against Our Will: Men, Women and Rape, 1975) mit der normativen Argu-
mentation »Krieg ist eben Krieg«, und sie definieren Vergewaltigung im
Sinne des von mir oben erläuterten intentionalistischen Ansatzes. Auf
einer vielfältigen Quellengrundlage basierend (Briefe von Frauen, Inter-
views, Polizeiberichte usw.) und auf der Basis der Werke des eng lischen
51 http ://podrobnosti.ua/769633-v-germanii-vyshla-kniga-o-zverstvah-sovetskih-
soldat-napisannaja-zhertvoj.html.
52 ɃɨɚɧɧɚɈɫɬɪɨɜɫɤɚɆɚɪɬɢɧɁɚɪɟɦɛɚɑɢɫɬɢɥɢɳɟ4. 11. 2009. http://yun.comp-
life.info/miscell/kobieca-gehenna.html 198 Schweigen und Verschweigen