Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Der Wandel im Erzählen: der erinnerungspolitische Kampf zwischen Russland und der Ukraine

206 Schweigen und Verschweigen

 

Der Wandel im Erzählen: der erinnerungspolitische Kampf

zwischen Russland und der Ukraine

 

Eine der wichtigsten Entwicklungen der jüngsten Zeit sind die gesellschaft-

lichen Veränderungen in Russland und in der Ukraine. Die bis dahin durchaus gegangenen, wenn auch kleinen selbstkritischen Schritte wurden

gegen einen Gesetzesentwurf ausgetauscht, wonach diejenigen, die zwi-

schen dem Nazi- und dem Sowjetsystem Parallelen zogen, mit Haft bestraft

wurden. Verschärfend kommt der erinnerungspolitische Streit zwischen

der Ukraine und Russland hinzu. Die Kernfrage der Diskussion, an der sich

auch Historikerinnen und Historiker aus aller Welt beteiligten, ist die, wer

»als Faschist zu betrachten« ist.

Mit der Besatzung der Krim und dem Eskalieren der Kämpfe in der

Ostukraine rückte auch die Frage der Vergewaltigungen während des Zwei-

ten Weltkriegs in ein neues Licht. Im offiziellen Diskurs der Ukraine wur-den die sowjetischen Soldaten plötzlich zu »Russen«, die überall im Land

massenweise Frauen vergewaltigten. Das eröffnete der Ukraine die Mög-

lichkeit, den vom putinschen Russland gehuldigten Kult um den Zweiten

Weltkrieg so umzudeuten, dass die Verantwortung für die während des

Krieges begangenen Verbrechen auf die »Russen« abgeschoben werden

konnte. Die offizielle ukrainische Erinnerungspolitik instrumentalisiert

und ethnisiert die historische Tatsache der Vergewaltigungen durch sowje-

tische Soldaten, ohne sich dabei dem Kern der Frage zu nähern und sich mit

dem Phänomen der Kriegsvergewaltigung als solches auseinanderzusetzen.

Im Juni 2013 kritisierte der Historiker Boris Sokolow, der sich auch mit

den Biografien von Stalin, Lawrenti Beria, Wjatscheslaw Molotow und Le-

onid Breschnew beschäftigte, auf dem führenden Portal der russischen

Oppositionellen, grani.ru, in einem Beitrag das Gesetz, das das »Leugnen

der Verbrechen des Nazismus«, sprich: die Kritik der alliierten Streitkräfte,

unter Strafe stellte.82 Seinem Argument zufolge machte dieses Gesetz die

von der Roten Armee begangenen Ver brechen unsichtbar, unter ihnen

mehrere hunderttausend Fälle, die gegen deutsche, österreichische, unga-

rische, polnische, tschechische, slowakische und serbische Zivilisten und

Zivilistinnen bzw. auf dem Gebiet der baltischen Staaten verübt wurden.

Unter seinen Quellen befanden sich Berichte von deutschen und ungari-schen Behörden, Zeugenaussagen, Interviews und Tagebücher. Er berief

sich auf die Werke von Kriegshistorikern wie Joachim Hoffman, Antony

 

82 Ȼɨɪɢɫ ɋɨɤɨɥɨɜ Ɂɚɤɨɧ ɨ ɜɨɟɧɧɨɦɜɪɟɦɟɧɢ 25. 6. 2013. http://grani.ru/opinion/

sokolov/m.216084.html Der Wandel im Erzählen 207

 

Sowjetische Soldaten in Kecskemét

 

Beevor und Krisztián Ungváry sowie auf Zeitzeugen, unter anderem Was-

silij Bykow, Autor von Die Toten haben keine Schmerzen, Alexander Sol-

schenizyn, den Kriegsberichterstatter Lew Kopelew sowie die Erinnerun-

gen des Kriegsveteranen Leonid Rabitschew.

Die Verschärfung des erinnerungspolitischen Kampfes verdeutlicht

auch der Internetbeitrag vom Mai 2007, demzufolge der Zeitraum von

1941 bis 1945 die Zeit des Kampfes zwischen dem »braunen« und dem

»roten« Faschismus war. Hier werden Ausschnitte aus der Sendung der

Schriftstellerin und Journalistin Julija Latynina veröffentlicht, die sie für

den vielleicht einzigen unabhängigen russischen Radiosender machte. Die

Sendung ist heute nicht mehr zugänglich, aber ihre Abschrift wird in der

zweiten Hälfte des Beitrags veröffentlicht. Latynina zitiert ebenfalls die Er-

innerungen von Rabitschew, die unter den Zuhörern auf lebhafte Reso-nanz stieß: Die Mehrheit befand, dass die Darstellungen übertrieben wa-

ren, andere verurteilten Rabitschew dafür, die Massenvergewaltigung nicht

verhindert zu haben.83 Indem die Zuhörer jedoch die persönliche Verant-

wortung hinterfragten, gelang es auch hier nicht, sich mit den strukturel-

len Ursachen auseinanderzusetzen.

 

83 ɋɨɜɟɬɫɤɢɣɫɨɥɞɚɬɧɚɫɢɥɶɧɢɤ14. 5. 2007. http://tapirr.livejournal.com/672064.html 208 Schweigen und Verschweigen

 

Im Februar 2009 veröffentlichte Mark Solonin, der Autor von zahlrei-

chen, empirisch hieb- und stichfest belegten und großen Widerhall her-

vorrufenden Büchern und Artikeln auf seinem Blog einen Beitrag mit dem

Titel »Der Frühling des Sieges: Das vergessene Verbrechen von Stalin.« 84

Darin argumentiert er, dass die Vergewaltigungen nur einen Teil der Ver-

brechen ausmachten, die die Rote Armee in Europa verübte, und lenkt die

Aufmerksamkeit darauf, dass die unverhältnismäßige Hervorhebung der sexuellen Gewalt alle anderen Kriegsverbrechen der Sowjets verschleiere

und es letztlich manchen Militärhistorikern gleichtue, wie zum Beispiel

Garejew oder Reschewski in ihrem Artikel, der 2005 in Trud erschien. So-

lonin beruft sich auch auf das 1995 erschienene, wegen seiner kritiklosen

Parteilichkeit vielfach kritisierte Buch des deutschen Militärhistorikers

Joachim Hoffman, Stalins Vernichtungskrieg 1941–1945, in dem sich der

Autor detailliert und ausführlich mit den Vergewaltigungen beschäftigt,

die von der Roten Armee in deutschen Gebieten verübt wurden. Solonin

behauptet, dass, während die sowjetische Zivilbevölkerung die deutschen

Kriegsgefangenen gut behandelte, sich die sowjetischen Soldaten brutal gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung verhalten habe, und erklärt das

mit dem Zusammenbruch der militärischen Disziplin. Als Hauptverantwort-

lichen betrachtet er Stalin. Er appelliert an die Russen, ihren Teil der Ver-

antwortung zu übernehmen. Aus dieser Argumentation wird erkenntlich,

dass die Frage der Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg in die Geisel-

haft der Debatten über den Stalinismus geraten ist.

Im Februar 2009 veröffentlichte ein Nutzer namens »Ukrainets« einen

Post auf dem ukrainischen Portal censor.net mit dem Titel »Berlin 1945. Die

russischen Soldaten vergewaltigten zwei Millionen Frauen«, das 14 Seiten

Kommentare nach sich zog.85 An diesen lässt sich gut die Strategie der Eth-nisierung der Roten Armee erkennen. Der Autor zitiert eine Überlebende,

Ruth Irgmant, sowie die beiden deutschen Historiker Silke Satjukow und

Jochen Staadt, die zum Thema publizieren, sowie den amerikanischen His-

toriker Norman Naimark.

Das Thema zieht auch extreme Ansichten an. Der Publizist Alexej Siro-

pajew, der regelmäßig für rechtsextreme Medien schreibt, veröffentlichte

im Mai 2009 einen Artikel mit dem Titel »Der unbekannte Vergewaltiger«

 

84 ȼɟɫɧɚɩɨɛɟɞɵ Ɂɚɛɵɬɨɟɩɪɟɫɬɭɩɥɟɧɢɟ ɋɬɚɥɢɧɚ 15. 2. 2009. http://www.solonin.

org/article_vesna-pobedyi-zabyitoe

85 ȻɟɪɥɢɧɝɨɞɚɊɭɫɫɤɢɟɫɨɥɞɚɬɵɢɡɧɚɫɢɥɨɜɚɥɢɦɢɥɥɢɨɧɚɠɟɧɳɢɧ2. 3. 2009.

http://censor.net.ua/forum/460598/berlin_1945_goda_russkie_soldaty_iznasilo-vali_2_milliona_jenschin.

Der Wandel im Erzählen 209

 

auf seinem Blog, dem 34 Seiten Kommentare folgten.86 Der in informel-

lem Ton geschriebene Artikel fokussiert vor allem die Vorfälle in Deutsch-

land und legt in erster Linie einschlägig bekannte Quellen dar. Der berüch-

tigte Text von Ilja Ehrenburg wird erwähnt, in dem dieser die sowjetischen

Soldaten zur Vergewaltigung von deutschen Frauen auf stachelt, außerdem

Zitate von Lew Kopelew, Leonid Rabitschew und Alexander Solschenizyn.

Es werden die Memoiren des Piloten Erich Hartmann sowie die Werke des antikommunistischen Kriegshistorikers Joachim Hoffman und jene

des in populärwissenschaftlichem Stil schreibenden Antony Beevor hinzu-

gezogen. Der Autor zitiert aber auch Werke des US-amerikanischen und

sowjetfeindlichen Neonazi William Pierce, weil sie gut in seinen eigenen

sowjetfeindlichen Interpretationsrahmen passen.87

Im Dezember 2014 veröffentlichte Mischa Werbizki, ein politischer Ak-

tivist und Blogger von zweifelhaftem Ruf und Mitglied der Eurasischen

Partei, unter dem Namen »tiphareth« einen Post mit der Überschrift »Mas-

senvergewaltigungen begangen von den Sowjets«.88 Im Artikel – der auf

englisch- und russischsprachigen Quellen, Werken von Veteranen und Kriegsberichterstattern sowie auf Wikipedia-Einträgen basiert – vergleicht

der Autor die Vergewaltigung von deutschen Frauen mit der Annektierung

der Krim und fordert eine öffentliche Verhandlung der sowjetischen

Kriegsverbrechen, um eine Wiederkehr des Stalinismus zu verhindern. Im

Mai 2015 veröffentlichte auf demselben Portal89 ein Veteran namens Niku-

lin einen Beitrag mit dem Titel »Erinnerung an den Krieg« über die Verge-

waltigungen von Rotarmisten, nicht nur von deutschen Frauen, sondern

auch von sowjetischen Soldatinnen.90 Diese zwei letztgenannten Beispiele

zeigen, dass es durchaus möglich ist, fundierte kritische Haltungen über

Militarismus und Vergewaltigungen, die sowjetische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs begingen, einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

86 Ɇɨɝɢɥɚɇɟɢɡɜɟɫɬɧɨɝɨɇɚɫɢɥɶɧɢɤɚ±Ⱥɥɟɤɫɟɣɒɢɪɨɩɚɟɜ3. 5. 2009. http://shiro-

paev.livejournal.com/29142.html

87 https://natallsac.wordpress.com/2012/11/13/allied-atrocities/ – Die Website wurde

gelöscht.

88 Misha Verbitsky: ɦɚɫɫɨɜɵɟ ɢɡɧɚɫɢɥɨɜɚɧɢɹ ɥɸɞɟɣ ɫɨɜɟɬɫɤɢɦɢ 22. 12. 2014.

http://lj.rossia.org/users/tiphareth/1877390.html

89 ȻɟɫɫɪɨɱɧɚɹȺɤɰɢɹªȺɧɬɢɩɨɛɟɞɚ©http://yun.complife.info/miscell/antivict.htm 90 ɇɪɚɜɵªɜɨɢɧɨɜɨɫɜɨɛɨɞɢɬɟɥɟɣ©http://yun.complife.info/miscell/nikulin.htm 210 Schweigen und Verschweigen