Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Schätzungen von ungefähr: der Zahlenkrieg

Schätzungen von ungefähr: der Zahlenkrieg 93

 

Propagandaplakat aus dem Zweiten Weltkrieg. Unten steht: » Vergiss nicht: Auch in der Fremde kämpfst du für die Zukunft deiner Familie«, Budapest 1942

 

samen Handlungen: zu massenhafter Verschleppung in sowjetische bzw.

ungarische Arbeitslager, zur Verstaatlichung von Privateigentum, Grün-

dung von LPGs, Vertreibung von Minderheiten sowie zu Umerziehungs-

programmen. All das trug dazu bei, dass fast alle Familien mindestens eine,

vielleicht sogar mehrere traumatische Erinnerungen aus dieser Zeit da-

vontrugen. Ob bzw. wie diese erzählt wurden, definiert dabei das jeweilige politische Setting der Familie. Von diesen nahezu gleichzeitig erlebten

traumatischen Vorfällen lassen sich die Vergewaltigungen sicherlich am

schwierigsten erzählen, was dazu beitrug, dass sie ganz überwiegend ver-

schwiegen wurden.

 

Schätzungen von ungefähr: der Zahlenkrieg

 

Die ersten Studien, die zum Thema Kriegsvergewaltigungen entstanden,

betrachteten es vorrangig als ihr Ziel, die Anzahl der Vorfälle zu ermitteln

und die bis dahin verschwiegenen Fakten aufzudecken. Da die relevanten

Daten nicht so ohne Weiteres auffindbar waren, erwies sich die Einschät-94 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

zung der Vergewaltigungsfälle in Ungarn, genauso wie in Österreich oder

Polen, als ein schier unmögliches Unterfangen. Und so ist es: Bestimmte

Folgerungen lassen sich nur durch indirekte Quellen belegen. Außerdem

ist es im Fall einer Massenvergewaltigung sowohl in moralischer als auch

in wissenschaftlicher Hinsicht problematisch, empirisch zu ermitteln, wie

viele Fälle es gab. Wie viele Vergewaltigungen zum Beispiel liegen vor,

wenn eine Frau an einem Abend von mehreren Männern vergewaltigt wurde? Im Film von Fruzsina Skrabski wird in Bezug auf die in Ungarn

verübten Vergewaltigungsfälle eine Anzahl von 80.000 bis 250.000 ange-

geben, wofür die Regisseurin mit Recht kritisiert wurde. Es ist offensicht-

lich, dass sie die Zahlen benötigte, um sie, visualisiert, als filmisches Werk-

zeug zu nutzen, die Massenhaftigkeit zu veranschaulichen. Und dennoch:

Die über die Leinwand schwebenden großen Zahlen können dem Zu-

schauer kein Bild über die Auswirkung dieser Gewalttat auf diejenigen ver-

mitteln, die sie erlitten; auch darüber nicht, welche methodische und theo-

retische Dimension die historische Tatsache hat, dass es eben nur grobe

Schätzungen über die Anzahl der Vergewaltigungsvorfälle gibt, die anhand der als zuverlässig geltenden, allerdings nur partiell zugänglichen Daten der

Versorgungsanstalten für Geschlechtskrankheiten und der Amtsärzte er-

mittelt wurden.

Die Schätzungen zur Anzahl der Kriegsvergewaltigungen in Deutsch-

land weisen ebenfalls eine große Spannbreite auf: Annemarie Tröger gibt

ihre Zahl im besetzten Deutschland mit zwischen 20.000 und 500.000

an; 45 Barbara Johr hingegen geht sogar von über zwei Millionen aus. Diese

letztere Zahl wurde Teil des Kanons und wird oft zitiert, obwohl sie sehr

fragwürdig ist. Nicht nur wegen der vorhin erwähnten ethischen Frage

(wie viele Vergewaltigungen zählt eine Gruppenvergewaltigung), aber auch weil es große regionale Unterschiede gibt.46 Nach den Statistiken der Cha-

rité betrug die Zahl der vergewaltigten Frauen in Berlin 95.000 bis 130.000;

die Zahl der Vergewaltigungen durch amerikanische Soldaten auf deut-

schem Boden wird auf 14.000 geschätzt.47

 

45 Tröger: Between Rape and Prostitution. Survival Strategies and Chances of Eman-

cipation for Berlin Women after WWII, in: Judith Friedlander (Hg.): Women in Culture and Politics. Bloomington, Indiana University Press, 1986, S. 99; Annemarie Tröger: German Women’s Memories of World War II, in: Margaret Randolph- Higonnet et al. (Hg.): Behind the Lines: Gender and the Two World Wars. New Ha-ven, Yale University Press, 1987, S. 285-289.

46 Barbara Johr: Die Ereignisse in Zahlen, in: Sander, Johr, Befreier und Befreite, S. 59. 47 Burds, Sexual Violence, S. 60.

Schätzungen von ungefähr: der Zahlenkrieg 95

 

In diese Zahlen sind die weiblichen Opfer der Schoah, die von Deut-

schen und ihren Verbündeten vergewaltigt wurden, nicht mit eingerech-

net; auch für die Anzahl der Vergewaltigungen in den osteuropäischen

Ländern gibt es keine Schätzungen. Mit den Opfern der Schoah beschäf-

tigen sich heute – nach langen wissenschaftlichen und politischen Kämp-

fen – Dutzende von wissenschaftlichen Arbeiten, die osteuropäischen Län-

der werden aber, einer Logik des Kalten Krieges folgend, in die Analyse weiterhin nicht einbezogen.48 In Erinnerungen, die im Visual History

Archive der USC Shoah Foundation auf bewahrt sind, erzählen Zeitzeu-

ginnen, dass die Gefahr, von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt zu

werden, immer bestand, sowohl bei der Befreiung der Konzentrationslager

als auch während der Heimreise.49 Diese Sammlung ermöglicht freilich

nur die Analyse von Einzelfällen, sie ist nicht dazu geeignet, umfassende

und allgemeingültige Schlüsse zu ziehen. In den etwa 52.000 Interviews

der Sammlung sprechen die Zeitzeuginnen 1182-mal von ihrer Angst, ver-

gewaltigt zu werden, über eine Vergewaltigung selbst in 688 Fällen. Die

exorbitanten, auf unsicheren Schätzungen basierenden Zahlen sollten zei-gen, dass Frauen massenhaft davon betroffen waren, und auf diese Weise

zu öffentlicher Anerkennung führen. Was die Forschenden und andere

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Diskurses mit diesen vagen Zahlen

stattdessen erreichten, ist, dass die Auseinandersetzung mit den strukturel-

len Ursachen zunächst einmal ausblieb, und darüber hinaus handelten sie

sich berechtigte Kritik führender Expertinnen und Experten ein, was die

Forschung in gewisser Weise verunmöglichte oder zumindest an die Peri-

pherie drängte.

Man hielt diese Schätzungen für hinreichend genau, obwohl sich die

Anzahl der Vergewaltigungsfälle selbst im Hinblick auf eindeutig definier-bare geografische Räume und im Besitz von als sicher eingestuften Quel-

len, etwa von überlieferten amtsärztlichen Berichten, immer nur mit

Vorsicht nutzen ließ. Die Amtsärzte in Ungarn überstanden die Verände-

rungen, die infolge der Kriegssituation hervorgerufen worden waren, un-

beschadet, deshalb spielten sie im Vakuum der juristischen und politischen

 

48 Iris Chang: The Rape of Nanking: The Forgotten Holocaust of World War II. New

York, Basic Books, 1997; Allison Ruby Reid-Cunningham: Rape as a Weapon of Genocide, in: Genocide Studies and Prevention 3.3 (2008), S. 279-296.

49 Helga Dorner, Edit Jeges, Andrea Pető: News of Seeing: Digital Testimonies,

Reflective Inquiry, and Video Pedagogy in a Graduate Seminar, in: Andrea Pető, Helga Thorson (Hg.): The Future of Holocaust Memorialisation. Confronting Racism, Anti-Semitism, and Homophobia Through Memory Work. Budapest, Tom Lantos Institute, 2015, S. 42-46.

96 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

Regelungen als Behörde eine wichtige Rolle. Und trotzdem stehen die

Schätzungen der Opferzahlen aus mehreren Gründen auf schwachen Bei-

nen. Die Bevölkerung in den Städten war durch den Zuzug der Kriegs-

flüchtlinge stark angewachsen, und in den unter Belagerung stehenden

Städten verschob sich der Anteil der Geschlechter, schon deshalb ist es

anhand der zur Verfügung stehenden Daten schwierig, allgemeingültige

Schlüsse zu ziehen. Hinzu kommt, dass viele Frauen vom Land, nachdem die Schlacht um Budapest beendet war, lieber in die Hauptstadt fuhren,

um sich zu vergewissern, ob ihre sexuelle Begegnung mit den sowjetischen

Soldaten irgend welche Folgen hatte und, wenn ja, welcher Art diese waren.

Dies war die einzige Möglichkeit, sich der scharfen Beobachtung der Nach-

barschaft und ihrer drohenden Ächtung zu entziehen. Allerdings wird sich

das Opfer wohl nur in dem Fall an einen Arzt gewandt haben, wenn ein

Verdacht auf Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheit auch bestand.

Andernfalls blieb »der Fall« für die Behörden unentdeckt und allein als Er-

innerung einer Frau in einem weiblichen Körper eingesperrt erhalten.

Eine weitere Schwierigkeit, allgemeingültige Ergebnisse zu erlangen, liegt darin, dass die Anzahl der verübten Vergewaltigungen in den ver-

schiedenen Ortschaften prozentual sehr unterschiedlich war, so kann es

beispielsweise in den dicht bevölkerten Städten bzw. in deren Umland auf-

fallend häufig zu Vergewaltigungen gekommen sein. Lokalhistorische Stu-

dien in Österreich zeigen, dass es ebenfalls von Bedeutung war, wie schwer

die Kämpfe waren, mit denen die sowjetischen Truppen eine Ortschaft

einnahmen: Bei besonders schwer umkämpften Ortschaften konnte der

Unterschied sogar bis zu 40 Prozent ausmachen. Wo die Truppen ohne

besonderen Widerstand einmarschierten, kam es bei etwa sechs Prozent der weiblichen Bevölkerung zu sexuellen Kontakten mit den Soldaten. In

ländlichen, dünn besiedelten Regionen oder in den Bergen, wo man sich

gut verstecken konnte, dürfte dieser Anteil noch geringer gewesen sein. 50

Dass es definitiv zu einer Vergewaltigung gekommen war, kann nur in

solchen Fällen zweifelsfrei konstatiert werden, bei denen die Truppen nach

der Einnahme eines bestimmten Gebiets die Frauen versammelten und sie

mit Waffengewalt zum Geschlechtsverkehr zwangen. Aber ein sexuelles Zu-

sammentreffen mit Soldaten kann auch – aus unterschiedlichen Gründen –

aus freien Stücken passiert sein, und eventuell führte das zu einer uner-

wünschten Schwangerschaft. Da die Frauen nur in diesen Fällen das Recht

 

50 Marianne Baumgartner: Das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit in

lebensgeschichtlichen Erzählungen von Frauen aus dem Mostviertel. Magisterarbeit, Universität Wien, 1992, S. 87.