Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Wie Geschichte erzählt wird

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Wie Geschichte erzählt wird

 

1945 gab es kein wünschenswerteres Ziel, als sozialen Status und Ruhe zu-

rückzugewinnen. Die Frauen, die ihre körperliche Anziehungskraft nutzten,

um sich die Gesellschaft von ranghohen sowje tischen Offizieren zu erobern und somit gegen eine sexuelle Beziehung Lebensmittel und Schutz zu erhal-

ten, wurden zwar von der Gemeinschaft dafür verurteilt, aber zugleich auch

als emanzipierte und autonome Personen betrachtet. Männer akzeptieren

sexuelle Gewalt gegen Frauen nur, wenn sie sie in die archaisch-patriarchale

oder ideologisch-nationale Wertordnung bzw. Erzählweise einordnen kön-

nen. Wollte die Frau die Ereignisse anhand der eigenen Erlebnisse aufarbei-

ten, würde sie rasch mit der männlichen Deutung konfrontiert, und die

lautet, dass die im Krieg verübte sexuelle Gewalt naturgegeben und unver-

meidlich ist. Während die Männer von ihren Frauen und Töchtern unbe-dingte Loyalität erwarten, sind sie selbst nur der Nation und der Heimat

verpflichtet.

Aus den – nicht repräsentativen – Interviews, die ich 1997 durchführte,

gingen die gleichen Erkenntnisse hervor, wie zuvor aus den in Österreich

entstandenen.3 Bei der Verarbeitung einer Vergewaltigung auf der indivi-

duellen Ebene galt es für die Frauen in Wien wie in Budapest, dass sie sehr

unterschiedlich damit umgingen, je nachdem welchen politischen Hinter-

grund sie hatten, ob sie aus linksgesinnten (sozialdemokratischen) Familien

mit Gewerkschaftstraditionen kamen oder eben nicht. Die politisch nicht

links stehenden Frauen hatten in der Regel mit dem Schlimmsten gerech-

net und sahen sich in ihren Erwartungen bestätigt. 4 Wie in Ungarn, so löste es auch in Österreich allgemeine Erschütterung aus, wenn sowjetische Sol-

daten eine Frau vergewaltigten, die wegen ihrer linken Überzeugung unter

der 5 NS-Herrschaft viel gelitten hatte. In diesen Fällen schien es allein

schon aus politischen Gründen ratsam, den Vor fall zu verschweigen. Jede

Art von negativer Bemerkung gegenüber der sow jetischen Armee galt wäh-

rend des Kalten Krieges als politische Positionierung. Diejenigen, die der

kommunistischen Partei nahestanden, trugen die negativ konnotierten Ge-

schichten im Allgemeinen in dritter Person Plural vor, bemüht um einen

neutralen Ton, während sie jene mit positivem Ausgang in erster Person

 

3 Irene Bandhauer-Schöffmann, Ela Hornung: Der Topos des sowjetischen Soldaten,

in: Jahrbuch 1995. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien,

1995, S. 40-41.

4 Ungarisches Nationalarchiv – Archiv des Instituts für Politikgeschichte (im Weite-

ren: PIL) Sammlung von Erinnerungen 867. f. l/k-91. 5 Bandhauer-Schöffmann, Hornung: Der Topos des Sowjetischen Soldaten, S. 41-43. Wie Geschichte erzählt wird 133

 

Singular erzählten. In Österreich suchten in erster Linie solche Frauen die

Gesellschaft der sowjetischen Offiziere, die auf die Konsum güter der Ame-

rikaner abschätzig blickten, und sie zeigten sich stolz in der Öffentlichkeit

mit den Sowjets.6

Es gab einen enormen Unterschied zwischen dem subjektiv-psychischen

Erleben der Frau und dessen juristischer Formulierung. Die Rechtspre-

chung ist auf der Suche nach Beweisen: Hier steht das Zeugnis der Frau der mit Waffen unterstützten rohen Gewalt gegenüber. Die Frau, die vor Ge-

richt eine Aussage macht, muss den Vorfall als ihr persönliches Erlebnis er-

zählen, sich noch einmal erinnern an das, was geschehen war. Sie muss das

Ereignis noch einmal erleben und für die Außenwelt aus ihren Erinnerun-

gen eine verständliche Geschichte erschaffen, den Vorfall in einem für das

Gericht begreifbaren Vokabular vorbringen.7 Gegen die Soldaten der sieg-

reichen sowjetischen Armee gab es für die vergewaltigten Frauen weder in

Wien noch in Budapest die Möglichkeit, auch offiziell zu Kriegsopfern er-

klärt zu werden. Nach dem Krieg wurde Österreich infolge der Friedens-

abkommen als Opfer des Dritten Reichs anerkannt, Ungarn hingegen galt nur als Opfer des »Horthy-Faschismus« und stand zudem auf der Seite der

Kriegsverlierer. Für die Frauen war keine gerichtliche Rechtsprechung vor-

gesehen, und gleichzeitig wurde die sexuelle Gewalt durch sowjetische Sol-

daten infolge des Voranschreitens des Kalten Krieges zu einem politischen

Faktor: Linksgesinnte Frauen leugneten fortan, dass es Vergewaltigungen

gab, und fielen in ein tiefes Schweigen. Möglicherweise wurden auf der an-

deren Seite, bei Konservativen und »Westfreundlichen«, die Vorfälle auch

überdimensioniert, sie waren ja zu Propagandazwecken sehr nützlich, um

den Nimbus der siegreichen Roten Armee anzukratzen.

Erfuhren andere von der Vergewaltigung, hatte das Einfluss auf die familiäre Situation der Frau und auf ihr Umfeld. Die erlittene Gewalt auf

individueller Ebene zu verarbeiten war (bzw. wäre) allein in der Familie

möglich gewesen, aber stattdessen blieb es in Schweigen gehüllt. Die un-

eingeschränkte Loyalität der Frauen den Männern gegenüber verhinderte,

dass sie das Erlebnis innerlich verarbeiteten. Sie sprachen nur zögerlich

und widerwillig über die Vergewaltigung, um nicht an Wert zu verlieren.

Die vergewaltigten Frauen hatten Angst, dass man ihnen die Schuld für

das, was passiert ist, geben würde, schließlich gab es ja »andere Frauen, die

nicht vergewaltigt wurden«. Die Frauen, die darüber erzählten, was ihnen

 

6 Ebd., S. 43.

7 John Forrester: The Seductions of Psychoanalysis: Freud, Lacan, and Derrida. Cam-

bridge/New York, Cambridge University Press, 1990, S. 72.

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Plakate der sowjetischen Propaganda, Budapest 1945

 

passiert war, trugen ihren Fall immer als persönliches Erlebnis vor, stellten

es nie in einen größeren Rahmen. Sie berichteten von Schmerz und erlitte-

ner Demütigung, aber nie davon, inwieweit das schockierende Erlebnis

ihr Vertrauen in alle Männer nachhaltig beeinträchtigte. Die erzählten Ver-

gewaltigungsgeschichten sind schematisch, die immergleichen Elemente

und Wendungen wiederholen sich. Über die technischen Einzelheiten des Geschlechtsakts erzählen sie kaum etwas. »Ich hatte Glück«, so formulierte

es ein ungarisches Vergewaltigungsopfer, »denn ich wurde weder krank

noch schwanger«. Das Erlebte, das den Gegenstand der heutigen Geschichts-

forschung bildet, blieb also im weiblichen Körper, der bei der Begegnung

mit den sowjetischen Soldaten scheinbar »unberührt« und heil davonkam,

eingesperrt. Schriftliche Spuren haben die Vorfälle nicht hinterlassen.

Gyula Háy, der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrte Schriftsteller,

schreibt über die Exzesse der sowjetischen Soldaten in Budapest Folgendes:

»Es war nicht möglich, Tage, ja Stunden in Budapest zu verbringen, ohne

von Soldatenbrutalitäten zu hören.«8 Auch der charismatische Politiker der Kleinwirtenpartei, Imre Kovács, schreibt in seinen Memoiren von »Hilfe-

 

8 Tagebucheintrag von Gyula Háy, Februar 1945. Zitiert nach Naimark, The Russians

in Germany, S. 70. Siehe Hay, Geboren, S. 287.

Wie Geschichte erzählt wird 135

 

rufen und Schreien«, aber keiner der beiden Männer (wahrscheinlich na-

hezu niemand) war in der Lage, dagegen etwas auszurichten. 9 »Die Zeit ist

erfüllt«, Widerstand war zwecklos. Die sowjetischen Soldaten brachten

ihre eigene, von den ungarischen Institutionen unabhängige Rechtsord-

nung mit. So wie die sowjetische Armee Notwehrhandlungen gegenüber

sowjetischen Soldaten nicht als rechtmäßig anerkannte, so wurden auch,

wegen der Fahnenfluchtgefahr, keine sowjetischen Soldaten in den Ein-richtungen des ungarischen Gesundheitswesens behandelt.10

In der deutschen Fachliteratur wurden die Verarbeitungsstrategien der

Frauen, mit denen diese versuchten, die erlittene Vergewaltigung zu verar-

beiten, anhand von veröffentlichten Tagebüchern und Erinnerungen ana-

lysiert.11 Nach den psychischen Belastungen des Krieges führte sexuelle Ge-

walt bei den Opfern oft – mittelbar oder unmittelbar – zu Selbstmord,

manchmal auch zu schweren psychischen Störungen.12 Psychologen der

Universität Greifswald erarbeiteten unlängst ein Programm,13 um den ver-

gewaltigten Frauen auch etwa siebzig Jahre nach der Tat noch auf sie zuge-

schnittene seelische Hilfe anzubieten, indem sie sie ermuntern, das Erlebte zu erzählen. Damit schlagen sie den Weg der Medikalisierung ein, das

heißt, sie betrachten die Folgen der sexuellen soldatischen Gewalt nicht als

ein juristisches oder psychologisches Problem, sondern als ein medizini-

sches. In Wien waren diejenigen besonders suizidgefährdet, die Aktivistin-

nen in der NSDAP gewesen waren. Sie hatten die größte Angst vor den

sowjetischen Soldaten.14

Der berühmteste Fall in Ungarn ist der Selbstmord von Zoltán Magyary

und seiner Ehefrau Margit Techert. Das Paar versteckte sich vor der vor-

 

9 Kovács, Magyarország megszállása S. 246.

10 BFL VIII. 1102. Rókus Kórház iratai 800/1945. Abschrift des Amtsarztes vom

16. 2. 1945.

11 Z. B. Hildegard Knef: Der geschenkte Gaul. Frankfurt, Büchergilde Gutenberg

1970; Barbara Noack: Ein Stück vom Leben. München/Wien, Langen-Müller, 1984; Anonyma [Marta Hillers]: Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. Ap-ril bis 22. Juni 1945. Genf/Frankfurt, Verlag Helmut Kossodo, 1959; A Woman in Berlin. New York, Harcourt, Brace, Jovanovich, 1954. Die letzten beiden Bücher werden analysiert in Tröger, Between Rape and Prostitution.

12 Tröger, Between Rape and Prostitution. Über die im Krankenhaus von Pápa ge-

pflegten infizierten Frauen, die später psychische Störungen entwickelten und Selbstmord begingen siehe A magyar katolikusok szenvedései 1944–1989. Unterlagen-sammlung von Gyula Havasy. Budapest, 1990, S. 34.

13 Philipp Kuwert, Christine Knaevelsrud, Maria Böttche: Lebensrückblickstherapie

bei Traumafolgestörungen, in: A. Maercker (Hrsg.): Der Lebensrückblick in The-rapie und Beratung, S. 121-137.

14 Bandhauer-Schöffmann, Hornung, Vom »Dritten Reich«, S. 232.

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rückenden Front in einer Jagdhütte in Héreg, etwa 60 km von Budapest

entfernt. Hier begingen sie Selbstmord. In ihrem Abschiedsbrief schreiben

sie, sie wählten den Freitod, weil sie die permanenten Gewaltexzesse der

sowjetischen Soldaten nicht länger ertrügen. Sie sprachen gut Russisch,

doch auch das half ihnen nichts.15 16 In Mátyásföld, in der Nähe der sowje-

tischen Kaserne, hatten die Frauen noch im Juni 1946 Angst, nach Sonnen-

untergang auf die Straße zu gehen, denn, so sagten sie: »Es gibt zu viele Russen.«17 Der Raub von Kleidung, Fahrrädern, Uhren und Lebensmitteln

war seit Sommer 1945 an der Tagesordnung unter sowjetischen Soldaten,

und wenn jemand versuchte, Widerstand zu leisten, mündete dies in der

Regel in Gewalt. All das zwang den Apparat des Ministeriums für innere

Angelegenheiten und die Mitglieder der militärischen Leitung dazu, Druck

auszuüben, damit die sowjetischen Soldaten möglichst schnell in Kasernen

stationiert wurden.

Wenn man sich ein präzises Bild darüber verschaffen möchte, wie die

Situation in Budapest damals war, sollte das durch eine möglichst große

Anzahl von systematisch aufgenommenen Tiefeninterviews geschehen, wie es die deutschen Autorinnen Helke Sander und Barbara Johr für ihren

dreistündigen Dokumentarfilm bzw. ihr Buch zum Thema unternah-

men. 18 Im Rahmen der in Wien durchgeführten Oral-History-Interviews

kamen sie zu dem Schluss, dass die vergewaltigten Frauen ihre Erinnerun-

gen in der Regel in sich einschlossen und ihre Erlebnisse mit den Bildern

von Hollywood-Filmen (z. B. Doktor Schiwago, Vom Winde verweht)

wiedergaben. Das bedeutet, dass die interviewten Frauen, während sie sich

die Erlebnisse wieder in Erinnerung rufen, sich gleichzeitig von ihnen dis-

tanzieren. Aus dieser Distanz erzählen sie. 19 In den Interviews, die ich mit

Zeuginnen durchführte, waren die Frauen in der Regel der Ansicht, dass ihnen nichts Ungewöhnliches widerfahren war. Sexuelle Freiheit und da-

mit verbundene Rechte – wie auch der freiere Diskurs über Sex und den

Körper der Frau – entstanden erst im Zusammenhang mit der 1968er-

Bewegung. 1944/45 konnte davon in den ungarischen Dörfern noch nicht

einmal ansatzweise die Rede sein.

 

15 Barbara Papp, Balázs Sipos: Modern, diplomás nők a Horthy-korban. Budapest,

Napvilág, 2017, S. 295-296.

16 Heute ein Randbezirk von Budapest. (Anm. d. Übers.) 17 PIL 283. f. 20. cs. 28. ő. e. p. 80. Bericht vom 9. 6. 1946. 18 Sander, Johr, Befreier und Befreite.

19 Bandhauer-Schöffmann, Hornung, Vom »Dritten Reich«, S. 233.