Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Widerstand und Vergeltung
Widerstand und Vergeltung 127
gungen von sowjetischen Soldaten in das Gedächtnis als kollektive Strafe
ein, das heißt entindividualisiert und unabhängig von der örtlichen Ge-
meinschaft.
Widerstand und Vergeltung
Durch die Tätigkeit des Alliierten Kontrollrats gewann der sowjetische Ein-
fluss im innenpolitischen Leben Ungarns immer mehr Raum. Die spürbare
Präsenz der Roten Armee und diverse Exzesse ließen in der Bevölkerung
das Gefühl der Unsicherheit anwachsen. Das eigentlich emotionale und
politische Problem bestand jedoch darin, dass in der Rechtsprechung mit zweierlei Maß gemessen wurde: Wenn die Täter sowjetische Soldaten und
die Opfer Ungarinnen waren, konnten die Opfer keine faire Rechtspre-
chung erwarten.
In Ungarn kam es in der ersten Phase der Besatzung bedeutend häufiger
zu Raubüberfällen, Plünderungen und erzwungener Entkleidung. Wie der
Bezirksleiter aus Kecskemét in seinem Bericht vom 1. Dezember 1944
schreibt: »Die Bevölkerung wird von den sowjetischen Soldaten weiterhin
belästigt, und die Mobilien werden aus ihren Wohnungen weggetragen.«133
Die sowjetische Kommandantur vor Ort stellte stets eine Liste mit ihren
Forderungen zusammen, die sie dem Leiter der Verwaltung übermittelte. Wurden die Ansprüche nicht erfüllt, kamen die sowjetischen Soldaten und
nahmen alles mit, was sie vorfanden.134 Auch manche Betriebe gingen als
Kriegsentschädigung in sowjetischen Besitz über.
Manche Gemeinden hatten irgendwann das Bedürfnis, sich gegen den
ständigen Raub zu wehren. Sie hatten dann zwei Möglichkeiten: Entweder
schrieben sie einen Beschwerdebrief oder sie leisteten gewaltsamen Wider-
stand. Der Gemeindevorstand von Üllő sprach in seiner Anfrage vom
19. Januar 1945 an die sowjetische Kommandantur in Monor das Problem
an: Es käme »mehrmals täglich vor, dass einzelne russische Soldaten oder auch kleinere Gruppen in unserem Dorf auftauchen und bestimmte Häu-
ser besetzen, die Bewohner oft mit Morddrohungen hinauswerfen. Dann
nehmen sie auch eigenmächtig Lebensmittel mit. Nachts dringen sie in
Häuser ein, wo sich jüngere Frauen aufhalten, und belästigen sie sexuell.
133 MNL, Archiv des Komitats Magyar Bács-Kiskun (BKML)IV. 1910/u die Unter-
lagen der Kreisleiter der Stadt Kecskemét 1944–1947. Karton 1. Dank an Róbert Rigó.
134 BKML IV. 1910/u Unterlagen der Kreisleiter der Stadt Kecskemét 1944–1947.
Karton 1.
128 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
Mehrmals kam es vor, dass Zivilisten blutig geschlagen wurden. Mit Autos
transportieren sie große Mengen Kartoffeln und Getreide ab und setzen
die Bevölkerung damit der Hungersnot aus.«135 Sie baten die Leiter der
Kommandantur, diesem Verhalten ein Ende zu setzen und um Begleichung
des erlittenen Schadens. Letzteres allerdings hatte kaum Aussicht auf Er-
folg, denn die Konfiszierung, die für den Unterhalt der Roten Armee erfor-
derlich war, stellte nur einen Bruchteil der Zahlungen dar, zu denen Ungarn verpflichtet war, um für die in der Sowjetunion verursachten Schäden auf-
zukommen. Kriegsbeute gehörte ebenso dazu wie die vereinbarten Repara-
tionen, die Übergabe deutscher Güter, die Übernahme der Kosten für Sta-
tionierung und Versorgung der Roten Armee sowie die Kosten des Alliierten
Kontrollrates.136
Eine andere Möglichkeit, wie man seinem Protest Ausdruck verleihen
konnte, war der aktive, gewaltsame Widerstand. Am 10. Dezember 1945 fiel
ein betrunkener sowjetischer Soldat, von seinen Kameraden unbemerkt,
von einer Kutsche. Er wurde daraufhin von Anwohnern erschlagen. Ver-
geltungsmaßnahmen blieben nicht aus, die Sowjets erschienen am nächs-ten Tag mit 60 bis 70 Soldaten in der Gemeinde und nahmen neun Män-
ner mit.137 Am 18. März 1946 starb in Tószeg ein sowjetischer Soldat unter
ungeklärten Umständen, zur Vergeltung wurden daraufhin elf Bewohner
des Dorfes an Ort und Stelle hingerichtet.138
Nachdem die erste Welle der Front vorbeigezogen war, konsolidierte
sich die Lage nur vorübergehend. Die in Győr stationierten sowjetischen
Soldaten verwickelten sich noch am 28. Oktober 1947 in einen Konflikt
mit den Einheimischen. Als sie von einer Militärübung zurückkehrten,
gingen sie auf Beutezug, nahmen Zivilisten die Kleidung ab und konfis-
zierten ihre Güter. Als sie einen Kommunisten zwingen wollten, sich aus-zuziehen, wehrte sich der Mann und wurde daraufhin erschossen. Dafür
gab es sogar fünf Augenzeugen, doch »der Kommandant sprach den Sol-
daten aus Mangel an Beweisen frei. Mit höhnischem Lächeln fügte er noch
hinzu, man solle nachschauen, vielleicht waren die Täter andere russische
Soldaten.« 139 Dieser Fall veranschaulicht die imperiale Arroganz sowie die
135 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 269.
136 Zu den Reparationsverhandlungen vgl. István G. Vass: Dokumentumok a mag-
yar-szovjetjóvátételiegyezménylétrejöttéhez, in: Archívnet: XX. századitörténeti-források. 11. 2. (2011). http://www.archivnet.hu/diplomacia/dokumentumok_a_ magyarszovjet_jovateteli_egyezmeny_letrejottehez.html?oldal=1&page=2
137 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 371-372.
138 Ebd., S. 382-383.
139 BOSA HU OSA S. 408-1-3/9.
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geringen Möglichkeiten der Ungarn, ihre Interessen durchzusetzen, selbst
wenn sie Kommunisten waren.
Die sowjetische Heeresführung witterte überall im Land Widerstands-
kämpfer. Am Abend des 25. März 1946 explodierte in Feldebrő ein Muni-
tionsdepot. Der Obergespan János Gyöngyössi beteuerte vergeblich in
seinem Brief an den Außenminister, es gebe im Komitat keine Partisanen,
auch sei es zu keinerlei Angriffsversuchen gekommen. Dennoch kam es zu massenhaften Verhaftungen. Da der Außenminister immerhin erreichen
konnte, dass zur Rechtsprechung ein sowjetisch-ungarisches Komitee auf-
gestellt wurde, wurden später 34 Personen wieder freigelassen, nur ein Poli-
zist wurde vor das sowjetische Kriegsgericht gestellt.140
Janina Godycka-Cwirko schreibt in ihren Erinnerungen, dass die Polin-
nen mehr Stolz und Selbstsicherheit gezeigt hätten als die schuldbewussten
deutschen Frauen. Ihrer Meinung nach bildete das die Grundlage, nach
der die sowjetischen Soldaten entschieden, wen sie vergewaltigen, und
ließen die Polinnen in Ruhe.141 Allerdings habe ich im vorigen Kapitel ge-
zeigt, dass die ethnische Zugehörigkeit die Opfer vor Gewalt nicht unbe-dingt retten konnte. Der Polizeirat im westpommerschen Trzebiatów emp-
fahl den Frauen, noch nicht einmal in Begleitung eines bewaffneten
Mannes auf die Straße zu gehen, weil dieser, falls er sie verteidigen wollte,
von den Sowjets erschossen werden könnte.142 Vor diesem Hintergrund
überrascht es nicht, dass es in manchen Regionen zu Widerstand seitens
der ungarischen Bevölkerung gegen die sowjetischen Soldaten kam.
Ob diese Tötungen bewusste Provokationen oder durch Patriotismus
motivierte Taten waren, wird man wohl nicht mehr in Erfahrung bringen
können. Fest steht, dass das von der kommunistischen Partei geleitete In-
nenministerium aus diesen Vorfällen mit gnadenloser Effizienz (vielleicht mithilfe von sowjetischen Beratern) politischen Vorteil schlug. Ein Bei-
spiel für den Widerstand gegen die Rote Armee ist der Angriff gegen so-
wjetische Soldaten im Herbst und Winter 1945 in Gyöngyös. Die Buda-
pester Volksanwaltschaft überstellte die Angeklagten dem sowjetischen
Militärgericht, woraufhin der Franziskanermönch Szaléz Kiss und seine
drei Kameraden zum Tode und die anderen zum Arbeitslager in Sibirien
verurteilt wurden, unter ihnen mehrere Minderjährige.143 Am 17. Juli 1946
wurden zwei sowjetische Soldaten am Oktogon-Platz in Budapest erschos-
140 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 384-386.
141 Zaremba, Wielka Trwoga.
142 Ostrowska, Zaremba, »Kobieca gehenna«.
143 Dazu mehr in Margit Balogh: A KALOT és a katolikus társadalompolitika 1935–
1946. Budapest, MTA Történettudományi Intézet, 1998, S. 184-185. 130 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
sen. Bei den mutmaßlichen Mördern wurden Ausweise der katholischen
Burschenschaft KALOT gefunden, was Gelegenheit bot, die rechten Ele-
mente in der Kleinwirtenpartei auf die Forderung des Alliierten Kontroll-
rats hin zu liquidieren.144 Eine Konsequenz aus diesem Vorfall war auch,
dass das von László Rajk geleitete Innenministerium Hunderte von tra-
ditionellen Frauenvereinen als rechte Organisationen diffamierte und ver-
bot.145
144 Gergő Bendegúz Cseh: Amerikai és brit részvétel az olaszországi, romániai, bul-
gáriai és magyarországi Szövetséges Ellenőrző Bizottságok tevékenységében (1943-1947). PhD-disszertáció, Budapest, ELTE, 2009, S. 138. Der Autor zitiert hier die Berichte MNOL XIX-A-1-j 1946-4298, bzw. NARA, Record Group 84, Budapest Legation Files, 711.9 ACC vom 7. 6. 1946.
145 Mehr dazu bei Pető, Nőhistóriák.