Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Konklusionen

dert sie die Herausbildung einer einseitigen, auf Ausgrenzung basierten

historischen Erinnerung. Das bedeutet, das strukturelle Argument selbst

kann nicht erklärt und analysiert werden, weil es zum Ausgangspunkt der

Analyse wurde und nicht zum Gegenstand. Auch eröffnet dieser Diskurs

für die Opfer keinen gesellschaftlichen Raum, in dem sie die erlebte Ge-

walt mit Würde und in die Zukunft blickend verarbeiten könnten.

 

Konklusionen

 

Aufgrund der oben dargelegten methodologischen und epistemologischen

Schwierigkeiten ist es offensichtlich, dass die Untersuchung der Fragestel-lung einen besonderen Ansatz erfordert. Im vorliegenden Band wird die

Geschichte der Kriegsvergewaltigungen in Ungarn zur Zeit des Zweiten

Weltkriegs in zwei terminologischen Rahmen analysiert.

Ein Rahmen bildet dabei das von der zweiten Welle des Feminismus

entwickelte Begriffssystem, dem wir faszinierende theoretische Innovatio-

nen verdanken. Seit seiner Etablierung gilt die Erkenntnis, dass sexuelle

Gewalt eine Frage der Macht ist, als allgemein akzeptiert. Der andere be-

griffliche Rahmen berücksichtigt die Dynamik des Schweigens und Ver-

schweigens, genauer: wie sich die verschwiegene sexuelle Gewalt in die neukonstruierte nationale Identität integriert und ein Teil davon wird. Der

Band stellt die Analyse der in Ungarn geschehenen Vergewaltigungen da-

bei in einen vergleichenden Rahmen, um einen ethnisierenden Ansatz zu

vermeiden. Um nach vollziehen zu können, wie verschiedene Faktoren (wie

der Zusammenbruch der Staatsmacht, der Einfluss der zentralen kommu-

nistischen Politiker und andere) die Ausübung von sexuellen Gewalttaten,

die Rechtsprechung und die Erinnerungspolitik prägten, werden die unga-

rischen Fälle im Kontext derer untersucht, die sich während des Zweiten

Weltkriegs in den zentraleuropäischen Ländern ereigneten.

So diente sexuelle Gewalt auch an der Westfront als Kriegswaffe, sexu-elle Gewalttaten wurden in den besetzten Gebieten sowohl von Deutschen

als auch den Alliierten verübt. Im Vergleich mit den Vergewaltigungen in

Westeuropa zeigen die Fälle in der französischen Besatzungszone die meis-

ten Ähnlichkeiten mit der Situation in Ungarn. Infolge des massiven Kon-

trollverlusts war das Chaos in der Führung der Besatzungstruppen hier am

größten, was sexuellen Gewalttaten massenhaft Raum bot. Hinsichtlich

des erinnerungspolitischen Kampfes um die Anerkennung der sexuellen

Gewalttaten von sowjetischen Soldaten lässt sich Ungarn jedoch eher mit

der Erinnerung der koreanischen Sexsklavinnen vergleichen. Für die 28 Einleitung

 

gewaltigungen in Korea trifft es auch zu, dass die Erinnerung der Frauen

mit dem Ende des Kalten Krieges in geopolitischen Grabenkämpfen ge-

fangen blieb. Die Situation von Budapest wiederum analysiere ich verglei-

chend mit jener in Wien.

Die dargelegten Schwierigkeiten, mit denen sich Historikerinnen und

Historiker konfrontiert sehen, hängen auch mit dem Phänomen zusam-

men, das Gábor Gyáni mit dem Begriff von Jan Vansina als die »fließende Lücke« beschreibt,

 

»jener Bereich der Vergangenheit, der noch nicht von der historischen,

sondern von der kollektiven Erinnerung am Leben gehalten wird. Dabei

handelt es sich um eine Vergangenheit, die nicht nur durch das unun-

terbrochene Erinnern der persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse ge-

füttert wird, sondern auch durch all das, was die Geschichtsschreibung,

der historische Film oder die Ikonografie zum eigenen Thema machen.

[…] Wenn die Bewahrung der Vergangenheit in der Erinnerung noch

dabei ist, zum Konstrukt des kulturellen Gedächtnisses zu werden, ist

dem Erinnern stets die besondere, für jeden Menschen persönliche Aura

eigen, die die mittels (mehrheitlich oder ausschließlich durch münd-

liche) Kommunikation unmittelbar weitergegebene Erfahrungen rahmt.

Der Bruch zwischen den Vergangenheitsvorstellungen zeitgenössischer

Erlebnis- und Erfahrungskollektive und den kulturellen Symbolisierun-

gen der Nachwelt ist nicht punktuell zu verstehen, sondern er ist das Er-

gebnis eines Prozesses: dieser Prozess ist die fließende Lücke, die die Ak-

tualität der von den Erlebnissen geprägten Vergangenheit zeitweilig in

der Gegenwart konserviert, samt daraus ihr folgenden geistigen Sen-

sibilität und einem hohen Emotionalitätsgrad.«31

 

Das Zitat verdeutlicht anschaulich, welche Fragen sich im Zusammenhang

mit historischen Ereignissen ergeben, die zwar im kollektiven Gedächtnis

existieren, für die es jedoch an Quellen mangelt, die zu einer herkömm-

lichen Geschichtsanalyse erforderlich sind. In solchen Fällen konstituieren

Romane, Filme, Erinnerungen von Zeitzeugen, Dokumentarfilme oder

auch Fotos das Gedächtnis des historischen Fakts in einem sich permanent

ändernden Rahmen, in dem sie sich kontinuierlich immer wieder neu

erzeugen. Auf diese Weise verschieben sie die »heiße« in die »kalte« Erin-

nerung.

 

31 Zitiert bei Rigó, Sorsfordító évtizedek Kecskeméten, S. 10. Konklusionen 29

 

Der Film von Sándor Sára von 1997 fand keine Resonanz, weil die »flie-

ßende Lücke« weder die Sensibilität noch die Emotionen erreichte, wie es

für einen Blockbuster erforderlich gewesen wäre.

In seiner Rezension bezeichnete Ákos Szilágy den Film als »künstlerisch

unglaubwürdig«, als moralisierend-didaktischen historischen Kitsch und

als »russophob«, womit er ihn außerhalb jeglicher fachkompetenten Sphäre

verortete.32 Schon in der Diskussion der Fachzeitschrift Filmvilág zeichne-ten sich also die späteren Debatten der 2000er-Jahre über die Beurteilung

von Kriegsvergewaltigungen ab, die ich in diesem Buch analysiere. Szilágyi

verstand nicht, dass der Film von Sára die imperiale Beschaffenheit der

Roten Armee zeigt, etwa wenn die Soldaten, die aus verschiedenen Teilen

der Sowjetunion stammen, in verschiedenen Dialekten, mit Akzent und

oft auch nur fehlerhaftes Russisch sprechen. Die Geschichte der Rotarmis-

ten und ihre emotionalen Settings blieben bislang in den einschlägigen

Analysen unerwähnt. In diesem Buch versuche ich anhand der zugängli-

chen Quellen, auch diesen Standpunkt zu berücksichtigen.

Szilágyi stellt in seiner Rezension den auf Erinnerungen basierenden Wahrheitsgehalt des Films infrage, indem er bemängelt, die sowjetischen

Soldaten erschienen »beinahe als Karikaturen« als »Nicht-Menschen«, als

bestialische »Barbaren«.33 Damit stellt er den Wahrheitsgehalt der im

öffentlichen Raum erlebten Erlebnisse von mehreren Hunderttausend

Menschen infrage, unter anderem jene von László Dobos aus den Jahren

1944 und 1945. Diese Aberkennung von historischen Erfahrungen in der

Besatzungszeit ist genau das, was die Erzählungen der Frauen verstummen

lässt.34 Erst viel später, in den 2000er-Jahren, kommt es zur erinnerungs-

politischen Wende (wobei deren Wurzeln bis zur politischen Wende von

1990 zurückreichen), wo schließlich die Erinnerungen und Interviews, als die einzigen authentischen Quellen, die Erzählungen der Historiker erset-

zen.35 Die Argumentation von László Dobos war richtig: Kriegsgewalt

sollte nicht ethnisiert werden. Aber um in den Gräueltaten der Armee das

transnationale Element erkennen zu können, muss man den nationalen

Kontext dennoch verstehen: »Den Film von Sándor Sára kann man nicht

 

32 Ákos Szilágyi: Tájkép Filmszemle után, in: Filmvilág online, April 1997. http://

www.filmvilag.hu/xista_frame.php?cikk_id=1450

33 Ákos Szilágyi: A vád tanúja, in: Filmvilág online, November 1997. http://www.

filmvilag.hu/xista_frame.php?cikk_id=1702

34 Dobos, Sára Sándor Vád című filmjéről.

35 Gábor Gyáni: Memory and Discourse on the 1956 Hungarian Revolution, in:

Europe-Asia Studies 58.8 (2006), S. 1199-2008.

30 Einleitung

 

auf eine ungarisch-russische Müllgrube simplifizieren«, schreibt Do bos.36

Und doch ist in Ungarn genau das passiert: Die Politik ethnisierte und po-

pularisierte das Gedächtnis der sexuellen Gewalt, sie simplifizierte die

Frage zu »einer ungarisch-russischen Müllgrube«. Und so entstand aus der

»fließenden Lücke« des kollektiven Gedächtnisses ein in diesem verein-

fachten Rahmen geschriebenes Narrativ.

Ausgehend von der Metapher »der fließenden Lücke«, in der stets di-verse und immer wieder neue Inhalte zusammenfließen, ist es die Aufgabe

von Historikerinnen und Historikern, diese Prozesse zu analysieren. Unter-

suchungsgegenstände sind dabei die Ereignisse und Erzählungen, die in die

Erinnerung einfließen, und die blinden Flecken: Was blieb im Zusammen-

hang mit dem historischen Fakt der Massenvergewaltigungen, die sowje-

tische Soldaten in Ungarn verübten, unerwähnt? Der vorliegende Band

stellt sich dieser Aufgabe, indem er zunächst einen Überblick über die Ge-

schichte sexueller Gewalt liefert, die während der sowjetischen Besetzung

in Ungarn begangen wurde, und die Quellenbasis analysiert, auf der die aktuellen Erkenntnisse darüber, was passiert ist und was verschwiegen

wurde, fußen. Anschließend analysiere ich die Folgen von Vergewaltigun-

gen: die Schwangerschaftsabbrüche, die Geschlechtskrankheiten, die aus-

getragenen Kinder und das Verschweigen all dessen. Im letzten Kapitel folgt

eine Analyse der Erinnerungsrahmen mit Bezug auf die Rechtsprechung,

die Geschichtsschreibung sowie die visuelle und digitale Präsentation. Mit

der Einbeziehung von sowjetischen Quellen möchte ich auch ein Schlag-

licht auf die bis heute fehlende Perspektive der anderen Seite werfen.

Es steht zu vermuten, dass die Geschichte von Kriegsvergewaltigungen

auch in Zukunft geopolitischen Ränkespielen anheimfallen wird, in denen die tatsächlichen Opfer immer weniger eine Rolle spielen werden.

 

36 Dobos, Sára Sándor Vád című filmjéről.