Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die Besatzung im Jahr 1956

 

Die vierte Besatzung, die von 1956, war eine gut vorbereitete und in kurzer

Zeit durchgeführte militärische Operation, an der in erster Linie Elitetrup-

pen beteiligt waren.83 Trotzdem war die Angst, dass es wieder zu Übergriffen

auf die Zivilbevölkerung durch die sowjetischen Besatzungstruppen kom-

men würde, überall präsent. Bis die Lage sich klärte, wurden die Frauen in

Kellern versteckt und Wachposten aufgestellt. Einer der Anführer in den Straßenkämpfen gegen die Sowjets, der Angeklagte Károly Volay, erwähnte

in seinem Prozess, seine Sowjetfeindlichkeit sei dadurch motiviert gewesen,

dass seine Frau 1945 von den Russen vergewaltigt worden war. 84 Das ist in

den Unterlagen festgehalten, obwohl er beim Verhör darum bat, dass diese

persönliche Sachlage nicht protokolliert werde. Theoretisch lebten die in

Ungarn stationierten sowjetischen Truppen in hermetisch abgeschlossenen

Kasernen, unterhalb der Offiziersebene durften die Soldaten mit der Zivil-

bevölkerung keine Kontakte pflegen.85 Gábor Magos, ein geschützter

Zeuge, berichtete vor der UNO dennoch davon, dass »sowohl die Einheiten

der ungarischen Staatsschutzbehörde als auch die des NKWD gegenüber Frauen gewalttätig« geworden seien. Ihm zufolge seien die Soldaten der

NKWD-Einheiten, die nach der Niederschlagung der »erbitterten« und

langwierigen Verteidigungskämpfe des Budaer Burgviertels mit dem Befehl

zur Säuberung dorthin geschickt worden waren, Frauen gegenüber aggressiv

zudringlich geworden. Auch die Soldaten des NKWD, die die Aufgabe hat-

ten, die österreichisch-ungarische Grenze zu kontrollieren, hätten Frauen

gegenüber Gewalttaten verübt und selbst 12- bis 15-jährige Mädchen nicht

verschont. Außerdem fügte er noch hinzu, der Direktor der Wiener Heil-

und psychiatrischen Anstalt, ein gewisser Professor Hoff, könnte – sofern er von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden würde – bestätigen, dass

manche von den Mädchen, die es bis nach Österreich schafften, Selbst-

mordversuche begingen, andere erlitten Nervenzusammenbrüche.86 Die

 

83 Miklós Horváth, Jenő Györkei (Hg.): Szovjet katonai intervenció, 1956. Budapest,

Argumentum, 1996; Molnár György: A Vörös Hadsereg Magyarországi Hadjárata 1956-ban, in: Beszélő online 2. (1997), S. 11. http://beszelo.c3.hu/cikkek/a-voros-hadsereg-magyarorszagi-hadjarata-1956-ban

84 Prozess gegen Károly Volay. Hauptstädtisches Archiv (im weiteren BFL) BFL

3445/59, Historisches Archiv der Staatsicherheitlichen Dienste (im weiteren ÁBTL) ÁBTL V-144979. Ich danke László Eörsi, der mich darauf aufmerksam machte.

85 Ich danke János Rainer M. für die Information. 86 András Mink (Hg.): Tanúságtevők az ENSZ előtt. Budapest, Nagy Imre Alapítvány,

2010, S. 320-321. Ich danke László Eörsi, der mich auf diese Quelle aufmerksam machte.