Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die russischen Quellen

194 Schweigen und Verschweigen

 

Die russischen Quellen

 

Wenn einer Historikerin der Zugang zu Archiven verwehrt wird, beginnt

sie, frustriert im Internet zu recherchieren. Das war auch in meinem Fall

so. Seit Jahrzehnten versuche ich vergeblich, Zugang zu Archivquellen im

Zusammenhang mit Vergewaltigungen während des Zweiten Weltkriegs

zu erhalten, weshalb in diesem Kapitel im Wesentlichen das präsentiert wird, was im Internet zum Thema zu finden ist. Anschließend an den his-

toriografischen Überblick der Situation in Ungarn untersuche ich das Ge-

dächtnis von Vergewaltigungen während des Zweiten Weltkriegs vor dem

Hintergrund der zugänglichen russischsprachigen Quellen.

Entgegen der weitverbreiteten Überzeugung, die »russische« Öffent-

lichkeit sei, was die Leugnung der Gewalttaten der Roten Armee während

des Zweiten Weltkriegs betrifft, durch die Zeiten hindurch einheitlich und

homogen gewesen, werde ich ein differenzierteres Bild aufzeigen. In einem

Artikel aus dem Jahr 1999 stelle ich die These auf, die von den sowjetischen

Soldaten verübten Vergewaltigungen seien von einer »Stille der Verschwö-

rung« umgeben. Das hängt auch mit der notwendigen Kontinuität der Kultur des Militarismus, die zur Aufrechterhaltung geopolitischer militäri-

scher Aspirationen erforderlich ist, zusammen.

Im Fall der Vergewaltigungen sind alle, sowohl die Opfer als auch die

Täter, interessiert daran, dass darüber geschwiegen wird. Im Folgenden

geht es um das Schweigen der Täter und die Frage, wann und wie sich diese

Menschen mit ihrer eigenen, bis dahin tabuisierten Geschichte auseinan-

dersetzen bzw. ob überhaupt. Anhand der im Internet zugäng lichen rus-

sischsprachigen Quellen analysiere ich die drei narrativen Strategien, die

gegen das Verschweigen verwendet werden.

Die erste ist das Verschaffen von Sichtbarkeit, wenn Augenzeugen an-

fangen, zu sprechen: Opfer ebenso wie Täter. Die zweite narrative Strate-

gie ist der Wandel im Erzählen. Hierzu gehören zwei neue Entwicklungen:

zum einen ein neuer Gesetzentwurf, der den Vergleich des sowjetischen

Kommunismus mit dem Nazismus verbietet, zum anderen die Versuche,

die Roten Armee zu ethnisieren – in Reaktion auf die ukrainische Krise.

Die dritte ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Rahmen

des Rechtswesens: Dazu gehört, dass Urteile des Kriegsgerichts veröffent-

licht werden, die beweisen, dass die Vergewaltigungen auf institutioneller

Ebene sanktioniert wurden. Diese differenzieren das Bild von der Roten Armee als »unzivilisierte asiatische Horde«. Diese letzte ist die riskanteste

und gleichzeitig vielversprechendste Strategie, weil in ihr auch die Mög-

lichkeit der Kritik des Militarismus angelegt ist. Alle drei narrativen Die russischen Quellen 195

 

tegien hängen von den Entscheidungen der politischen Akteure und von

Machtspielen ab.

Aus dem zeitlichen Zusammenhang der hier präsentierten Quellen geht

klar hervor, dass in Bezug auf die Entwicklung der drei narrativen Strate-

gien ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Während bis Anfang der

2000er-Jahre eine Selbstreflexion nicht ausgeschlossen war, wenn auch nur

in geringem Maße, aber die Möglichkeit, den Vorfällen eine Sichtbarkeit zu verschaffen, noch bestand, veränderte sich die Lage bis Mitte der

2010er-Jahre erheblich – zumindest sieht es anhand dieser sehr limitierten

Untersuchung danach aus. Infolge der Krimkrise rückten Vergewaltigun-

gen der Rotarmisten ins Interesse der Öffentlichkeit, das bedeutet, dass zu-

künftig über diesen historischen Fakt mehr gesprochen werden wird. Da-

bei ist es nicht nebensächlich, wie das passieren wird. Ein Wandel im

Erzählen ging einher mit der Ethnisierung dieser Vergewaltigungen und

wurde Teil des aktuellen politischen Kampfes. Obwohl die Quellen in den

sowjetischen Militärarchiven weiterhin unter Verschluss sind, tauchen

manche Dokumente im Internet auf, aber diese nehmen – eben wegen ih-rer Zufälligkeit – nur einen geringen Einfluss auf die Auseinandersetzung

mit der Vergangenheit im Rahmen des Rechtswesens.

Anhand der analysierten Quellen zeichnet sich ein bestimmtes Bild der

Diskurse in Bezug auf sowjetische sexualisierte Kriegsgewalt sowie der

möglichen Stoßrichtung der künftigen Trends ab. Ich denke, dass dadurch,

dass die Archive, in denen die sowjetischen Quellen bewahrt werden, den

Forschenden weiterhin verschlossen sind, im erinnerungspolitischen Kampf,

der die Geschichte des Zweiten Weltkriegs stets begleitet hat und dies auch

zukünftig tun wird, nahezu alle Akteure mehrfach benachteiligt sind. Es bleibt nur zu hoffen, dass es angesichts der nur lückenhaft zur Verfügung

stehenden Quellen nicht um einen erneuten Versuch zur Manipulierung

des ungarischen Diskurses geht.

Zur Erschließung von Internetquellen ist eine spezielle Methode erfor-

derlich, es gilt Selektivität, Zeitlichkeit und Repräsentativität zu beachten.

Es ist zufällig, welche Dokumente auf den Internetseiten erscheinen, allge-

meingültige Folgerungen lassen sich aus ihnen nicht schließen. Aus der

Funktionsweise der russischen Archive schließend, sind es Einzelpersonen

oder für Einzelpersonen gehaltene Nutzer, die nicht nach wissenschaftlich

bewertbaren Kriterien Unterlagen im Internet zugänglich machen. Diese

Unterlagen haben einen speziellen Aspekt der Zeitlichkeit, besonders in Russland, wo man stets bemüht ist, das Internet unter Zensur zu halten.

Es kommt vor, dass nicht eruiert werden kann, wann der Text ins Netz ge-

stellt wurde, und erst recht nicht, wie lange er zugänglich bleibt. (Das ist 196 Schweigen und Verschweigen