Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Stand der Forschung in Ungarn
36 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
Die Untersuchung von sexueller Gewalt bildet inzwischen einen Haupt-
strang der sich immer weiter entfaltenden Genozidforschung.12 In der Ge-
schichte von Kriegen und Völkermorden wird der Untersuchung der Rolle
von Sexualität und sexueller Gewalt immer mehr Bedeutung beigemes-
sen.13 Weibliche Täterschaft taucht in diesem Diskurs, der sexuelle Gewalt
als Krise der Männlichkeit betrachtet, selten auf, auch Untersuchungen zu
solchen Fällen, in denen Männer von Männern vergewaltigt wurden, be-gannen erst vor Kurzem.14 Das Grundlagenwerk von Susan Brownmiller,
das die sexuelle Gewalt als Kriegswaffe analysierte, und damit den struktu-
rellen Analyserahmen erschuf, wurde 2000 ins Japanische übersetzt, eine
russische oder ungarische Übersetzung gibt es hingegen bis heute nicht.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass die Militär- bzw. Kriegsge-
schichte – wenn auch in abnehmenden Maße – immer noch ein Monopol
von männlichen Historikern ist. Und für sie war der weibliche Standpunkt
von nicht allzu großem Belang, weshalb die zum Teil auch schon früh ent-
standenen Werke von Historikerinnen zum Thema häufig nicht zitiert
wurden. Im Folgenden analysiere ich die Situation in Ungarn in diesem internationalen und vergleichenden Rahmen.
Stand der Forschung in Ungarn
Als ich 1996 Stipendiatin des Instituts für die Wissenschaften vom Men-
schen in Wien war, bekam ich ein Fotoalbum in die Hände, herausgegeben
vom Historischen Museum der Stadt Wien über das Wien der unmittel-
baren Nachkriegszeit.15 Ich entdeckte darin ein Polizeifoto von einer Frau,
die im Prater vergewaltigt und getötet worden war. Dieses Foto war der
auslösende Impuls dazu, dass ich begonnen habe, die Geschichte sexueller
Gewalt in Ungarn zu erforschen. Als ich wieder zu Hause war, fragte ich
alle meine Bekannten aus, ob sie etwas über ähnliche Fälle in Budapest
wüssten. Manche leiteten mich daraufhin an diverse Verwandte und Nach-
12 Ayşe Gül Altınay, Andrea Pető (Hg.): Gendering Genocide, in: Special issue of Euro-
pean Journal of Women’s Studies 22.4 (2015).
13 Andrea Pető (Hg.): Gender: War (Macmillan Interdisciplinary Handbooks). Gale,
Cangage Learning, 2017.
14 Ellen Anna Philo Gorris: Invisible Victims? Where Are Male Victims of Conflict-
related Sexual Violence in International Law and Policy?, in: European Journal of Women’s Studies 22.4 (2015), S. 412-427.
15 Frauenleben 1945: Kriegsende in Wien. 205. Sonderausstellung des Historischen Mu-
seums der Stadt Wien 21.09.–19. 11. 1995. Wien, Eigenverlag der Museen der Stadt Wien, 1995.
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barinnen weiter, denen »das« ihres Wissens widerfahren sei. Ich durch-
suchte derweil die Archive, um mir einen Überblick über die zur Verfügung
stehenden Quellen zu verschaffen. 1998 erschien das Buch von Krisztián
Ungváry Die Schlacht um Budapest, aus dem sich viele kleine Details er-
schlossen, aber letztlich fand ich den orientalisierenden und die Erfahrun-
gen der Frauen verschweigenden Interpretationsansatz nicht überzeugend.
1999 erschien meine erste Studie zum Thema in Történelmi Szemle, einer Fachzeitschrift des Instituts für Geschichte der Ungarischen Akademie der
Wissenschaften. Der Artikel, beziehungsweise seine englischsprachige,
2003 veröffentlichte Version, wurde meine meistzitierte wissenschaftliche
Arbeit, nicht zuletzt, weil die Zeitschrift mittlerweile kostenlos zugänglich
ist. So konnten ihn viele lesen, und von noch einmal so vielen wurde er in
Blogs, die damals im Entstehen waren, zitiert und kommentiert. Um die
symbolischen Daten der »Befreiung« von Budapest und Ungarn (13. Fe-
bruar und 4. April) herum wurde ich oft zitiert und eingeladen, besonders
von konservativen und sogar rechtsextremen Journalisten. Im Sommer
2004 hielt ich auf der Krim an einer feministischen Sommeruniversität einen Vortrag über meine Forschung. Als ich fertig war, herrschte in der
Zuhörerschaft, die aus mutigen feministischen Aktivistinnen aus den ver-
schiedensten Teilen der ehemaligen Sowjetunion bestand, bleierne Stille.16
Als sich endlich die erste Stimme aus dem Publikum zu Wort meldete, sagte
sie: »Aber mein Großvater war doch ein Held.« Und die Frau erzählte die
Geschichte ihres Großvaters, der den gesamten Zweiten Weltkrieg hin-
durch heldenhaft gekämpft hatte. Mir wurde klar, wie kompliziert und ab-
hängig vom jeweiligen politischen Kontext der Prozess ist, das Schweigen,
das Verschweigen zu durchbrechen.
Für die Geschichte der Forschungen in Ungarn ist von wesentlicher Be-deutung, dass die Institutionalisierung der Geschichtsschreibung über die
sozialen Geschlechter, die Gender Studies, die in anderen Ländern die theo-
retische Grundlage der Forschungen im Thema bildet, erst spät erfolgte.17
Während die Institute für Geschichtswissenschaft an westeuropäischen
Universitäten die Studierenden (und die Forschungsgelder) mit vielfältigen
Spezialisierungsmöglichkeiten locken, ist das in Ungarn nicht der Fall, und
an fast allen Universitäten werden die gleichen Fächer unterrichtet. Es ist
kein Wunder, dass die Kriegsgeschichte auf der Ebene einer politikwissen-
16 Den Vortrag mit dem Titel »Framing women in national history« hielt ich an der
7. Sommeruniversität von Gender Studies (Foros, Ukraine, 06–11. 9. 2004).
17 Andrea Pető: Társadalmi nemek és a nők története, in: Bódy Zsombor, Ö. Kovács
József (Hg.): Bevezetés a társadalomtörténetbe. Budapest, Osiris, 2003, S. 514-532. 38 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung