Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Anstelle eines Mahnmals
Anstelle eines Mahnmals 183
Zur Klärung der Situation der Opfer von Massenvergewaltigungen
während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn bräuchte es Komitees. Diese
Ausschüsse müssten von unten nach oben organisiert sein, die auf der
Grundlage der Erschließung der Fakten an Ort und Stelle für Gerechtig-
keit sorgen könnten, nicht unbedingt im Rahmen des bestehenden Rechts-
systems. Und was dabei am wichtigsten ist: Diese Form könnte auch neue
Erzählrahmen hervorbringen, denn wegen der kollektiven Massentäter-schaft und aufgrund des großen zeitlichen Abstands zu den Taten besteht
kaum noch eine Möglichkeit, die Täter formal zur Rechenschaft zu zie-
hen.29 Dazu fehlt es jedoch an einer Frauenbewegung, die an der Gestal-
tung der Erinnerungspolitik aktiv teilnimmt, was allerdings im durch den
erinnerungspolitischen Paradigmenwechsel veränderten Rahmen des Erin-
nerns mittlerweile unmöglich ist.
Anstelle eines Mahnmals
Zur Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses können Denkmäler dienen.
Gibt es für die während des Zweiten Weltkriegs vergewaltigten Frauen
überhaupt welche in Europa? Es sorgte für großen Wirbel, als der pol nische
Bildhauer Jerzy Bohdan Szumczyk 2013 sein Mahnmal Komm, Frau prä-
sentierte, das einen sowjetischen Soldaten darstellt, der eine schwangere Frau vergewaltigt und ihr dabei eine Pistole an den Kopf hält. Die Statue
weist darauf hin, dass die Sowjets die Deutschen und die Polen kollektiv
bestraften und dass die Vergewaltigung von Vergeltung motiviert war. Der
Künstler wurde für kurze Zeit inhaftiert und die Skulptur in Reaktion auf
die Proteste der Bevölkerung und wegen fehlender behördlicher Genehmi-
gungen sehr bald wieder entfernt.
In Ungarn, in Csongrád, steht seit 2019 ein Mahnmal, wobei auf den
ersten Blick nicht ersichtlich ist, wem es gedenkt. Auf einer bronzenen Ge-
denktafel verdeckt eine junge, langhaarige, halbnackte Frau mit den Ar-
men ihre Brüste, während von allen Seiten Hände drohend nach ihr grei-fen. 30 Daneben steht das Bibelzitat »und Gott wird abwischen alle Tränen
von ihren Augen« aus der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 21,4).
Diese hochkodierte Beschriftung machte die Aufstellung der Gedenktafel
29 Onur Bakiner: One Truth Among Others? Truth Commissions’ Struggle for Truth
and Memory, in: Memory Studies 8.3 (2015), S. 345-360.
30 Attila Majzik: Hadd legyenek ők is tiszták, hősék, szentek ! – Csongrádi nők kaptak
emlékművet. https://www.delmagyar.hu/csongrad-es-kornyeke/hadd-legyenek-ok- is-tisztak-hosok-szentek-csongradi-nok-kaptak-emlekmuvet-4443792/, 24. 2. 2019.
184 Schweigen und Verschweigen
Jeremy Szumczyk: Komm, Frau. Das Denkmal in Gda´n sk
überhaupt möglich, und nur die lokale Presse berichtete darüber. Die Idee
stammt von dem katholischen Lokalpatrioten József Botos, er hat die Ge-
denktafel finanziert, die von einem männlichen Künstler geschaffen und von einem ebenfalls männlichen Bürgermeister eingeweiht wurde. Aller-
dings, so berichtete ein Journalist, kam bei der Einweihung auch eine Frau-
enstimme zu Wort: »Mit diesem Denkmal neigen wir unser Haupt vor den
Frauen und der allgemeinen menschlichen Würde. Ihr Opfer war heilig.«
So wird die Ehefrau des Initiators in diesem Bericht zitiert. Sie hat übrigens
auch einen Namen. Es handelt sich um Katalin Botos, eine ehemalige Mi-
nisterin der konservativen MDF-Regierung. Warum das Opfer heilig ge-
wesen sein soll, wird nicht erläutert, obwohl darüber eine große Menge
Literatur auf Ungarisch zur Verfügung steht.
Auch die Debatten um die koreanischen Sexsklavinnen lassen nicht nach. In Berlin-Mitte steht eine Statue, die die japanische Botschaft im
Oktober 2020 entfernen lassen wollte. 31 Und ein Dozent der Harvard-Uni-
versität veröffentlichte einen Artikel, der große internationale Proteste her-
vorrief. Demzufolge hatten sich die Frauen freiwillig für bezahlte Arbeit
31 https://www.dw.com/en/comfort-women-memorial-berlin/a-55272887
Anstelle eines Mahnmals 185
Gedenktafel für die vergewaltigten Frauen in Csongrád.
gemeldet.32 Mehrere Forscherinnen, die zum Thema arbeiten, widerlegten
in einer langen Mängelliste die Irrtümer des Artikels.33
In Ungarn entfachten die kürzlich ohne gesellschaftlichen Dialog im
öffentlichen Raum aufgestellten Denkmäler große Diskussionen, weil sie
eine einseitige erinnerungspolitische Konzeption verkörpern.34 Bezugneh-
mend auf den Film von Fruzsina Skrabski wurde von vielen vorgeschlagen,
dass für die Frauen, die Opfer von sowjetischer Kriegsvergewaltigung wur-
den, ein Denkmal errichtet werden sollte. Die Probleme der visuellen Dar-stellung von Vergewaltigungen habe ich weiter oben bereits dargelegt. An
dieser Stelle möchte ich die Frage auf bringen, wie es überhaupt möglich
ist, über einen historischen Fakt zu sprechen, daran zu erinnern, der über
keine visuelle Repräsentation verfügt.
Die erste Antwort, die man darauf geben könnte, ist, dass eine visuelle
Erinnerung ohnehin zu vermeiden ist. So argumentiert Susan Sontag, die
der Ansicht ist, dass das Betrachten von Bildern, die Gewalt darstellen, die
visuelle Kultur der Gewalt reproduziert. Hinzu komme, dass der Betrach-
ter in seiner Betrachtung die Gewalt wiederholt.35 Dieses Argument war
einer der Gründe, warum das Gdańsker Mahnmal entfernt wurde, und das
32 J. Mark Ramseyer: Contracting for Sex in the Pacific War, in: International Review
of Law and Economics 65 (2021). https://doi.org/10.1016/j.irle.2020.105971
33 Amy Stanley, Hannah Shepherd, Sayaka Chatani, David Ambaras, Chelsea Szendi
Schieder: »Contracting for Sex in the Pacific War«: The Case for Retraction on Grounds of Academic Misconduct. The Asia Pacific Journal, Japan Focus https:// apjjf.org/2021/5/ConcernedScholars.html March 1, 2021, 19.5, 13, Article ID 5543
34 Mehr zu dieser Debatte bei Pető, »Hungary 70«.
35 Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten. München, Hanser, 2003. 186 Schweigen und Verschweigen
Die Friedensstatue. Mahnmal auf dem Unionsplatz in Berlin-Moabit, das an die »Trost-frauen« in den japanischen Kriegsbordellen erinnert.
war auch mein Argument, als ich Árpád Rácz darum bat, das im vorigen
Kapitel analysierte Bild, das in der Zeitschrift Rubicon letztendlich doch
erschien, mit meinem Text nicht zu veröffentlichen. Aus diesem Grund
wurde die Szene im Film von Fruzsina Skrabski zu Recht verurteilt, als
sie – wenn auch unter maximaler Berücksichtigung der ethischen Fragen –
den Akt der Vergewaltigung von Schauspielerinnen und Schauspielern
nachspielen ließ, und damit zur Aufrechterhaltung von zyklischer Wieder-
holung und visueller Kultur der Gewalt beitrug.
Die wenigen erhalten gebliebenen Fotos werden unter Zuhilfenahme
der in der Zwischenzeit zur Verfügung stehenden Informationen interpre-
tiert. Auch die Ikonografie der Kunstwerke kann von den Geschichten, die
die Überlebenden und Opfer erzählten, nicht losgelöst betrachtet werden.
Wie der Künstler seine Statue Komm, Frau gestaltete, wurde durch die Anstelle eines Mahnmals 187
überlieferten Geschichten der Überlebenden beeinflusst. Fruzsina Skrab-
ski rekonstruierte die Geschichte einer Überlebenden und brachte sie mit
Schauspielern und Schauspielerinnen auf die Leinwand. Anstatt von nicht
vorhandenen Fotos werden die auf mündlicher Basis geschilderten Ge-
schichten rekonstruiert, und so wird ihre visuelle Darstellung zur Wirk-
lichkeit.
Es gibt mehrere Strategien, wie Denkmäler für Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen während des Zweiten Weltkriegs wurden, errichtet wer-
den können. Ein Beispiel ist die Gedenkstätte, die an die Frauen erinnert,
die von Japan in die Sexsklaverei verschleppt wurden. Im Militärmuseum
in Japan wurde 1998 die Institution der Sexsklaverei zum ersten Mal in Tex-
ten erwähnt. Das den »Trostfrauen« gewidmete Ama Museum in Taiwan
wurde am 8. März 2016 in der Anwesenheit der 92-jährigen Überlebenden
Chen Lienhua eröffnet. »Ama« bedeutet auf Deutsch Großmutter; so wer-
den die taiwanesischen Opfer genannt. Von den etwa 2.000 taiwanesi-
schen Opfern wurden 58 offiziell anerkannt, unter diesen waren drei noch
am Leben, alle über 90 Jahre alt. Das Museum wird von einer NGO, der
Stiftung Frauenrettung Taipeh (TWRF), betrieben und aus Spenden fi-nanziert.36 In Schanghai wurde 2007 ein Forschungszentrum für »Trost-
frauen«, die aus China verschleppt wurden, gegründet, und 2016 öffnete
das Museum. Auch in Nanking wurde 2015 ein Museum eröffnet.
In Seoul fiel im Jahr 2012 die Entscheidung zur Gründung des Muse-
ums für Menschenrechte von Frauen im Krieg, das »Haus des Dialogs« ge-
nannt werden soll. Dies soll ein Zeichen setzen, dass das Gedächtnis dieser
schmerzhaften, von Japan als Frage der nationalen Sicherheit behandelten
historischen Tatsache für die Öffentlichkeit freigegeben werden kann und
muss. Der koreanische Staat beteiligt sich aktiv am Prozess der Museum-seröffnung – wenn auch im Zeichen einer Erinnerungspolitik, die in der
Logik geopolitischer Interessen gegenüber Japan stand –, doch die Schlüs-
selrolle fiel den Erinnerungsaktivistinnen zu. In Korea halten die Zivilor-
ganisationen seit den 1990er-Jahren die symbolische und gerichtliche Ent-
schädigung der Sexsklavinnen beständig auf der Tagesordnung. Das
Gebäude ist gleichzeitig Kirche und Ort der Begegnung. Das Sakrale des
Erinnerns und Verzeihens ist eng mit dem Archiv verbunden, das die bis
dahin verschwiegene Gewalt dokumentiert, und so wird es zum Werkzeug
im Kampf um gesellschaftliche Gerechtigkeit. In diesem Archiv werden
36 »A Taiwanese rights group opens a comfort women museum in Taipei«, in: The
Japan Times, 10. 12. 2016. https://www.japantimes.co.jp/news/2016/12/10/national/ taiwanese-rights-group-opens-comfort-women-museum-taipei/.WrEziqjwY2w 188 Schweigen und Verschweigen
nicht nur Dokumente bewahrt, es versteht sich als »konfrontatives Archiv«
(confrontational archive) und stellt auch den Prozess des Verschweigens
dar. Der Zweck der Institution ist, die Vergangenheit durch das Erzählen
der Wahrheit, durch aktive erinnerungspolitische Intention, Sammlung
von Interviews, Archivforschung, Bildung und Wissensvermittlung neu zu
bewerten. Die Struktur des Museums ist an den traditionellen Kirchenbau
angelehnt, und Sakralität spielt in der Ausstellung auch eine wichtige Rolle. Auf einer prominent platzierten Landkarte sind die Standorte mar-
kiert, an denen Sexsklavinnen festgehalten wurden, und an jedem dieser
Standorte sind persönliche Geschichten zu lesen. Im Museum wird jedoch
nur an die »anständigen« Frauen erinnert, die die Japaner gewaltsam ver-
schleppt hatten; jene Sex arbeiterinnen, die von der Armee rekrutiert wur-
den, bleiben aus der Erinnerung ausgeschlossen.
Im kalifornischen Glendale steht seit 2013 das Denkmal für die korea-
nischen Sexsklavinnen. Es sieht genauso aus wie jenes, das trotz des offi-
ziellen Protestes der japanischen Regierung 2011 vor der japanischen Bot-
schaft in Seoul eingeweiht wurde. Ein leerer Stuhl verweist auf die Frauen, die von den japanischen Soldaten verschleppt wurden, bzw. an die sich Er-
innernden, die sich neben die junge, in traditionelle koreanische Tracht
gekleidete Frau setzen könnten, um ihrer Geschichte Gehör zu schenken.37
Genauso eine lebensgroße Statue wurde 2017 in einem Bus installiert, so
konnten die Fahrgäste zusammen mit der zur Statue gewordenen einsamen
Gestalt von A nach B reisen. Die Regierung von Südkorea erklärte 2018
den 14. August zum internationalen Gedenktag der Trostfrauen, an diesem
Tag wurden in weiteren fünf Bussen Statuen platziert, später auch in an-
deren Regionen des Landes. Die japanische Regierung protestierte gegen
diese Statuen,38 obwohl Korea und Japan 2015 ein Abkommen unterzeich-net hatten, in dem Japan sich offiziell entschuldigte und dazu verpflich-
tete, 8,3 Millionen Dollar Entschädigung an die süd koreanischen Über-
lebenden zu zahlen. Die Umsetzung des Abkommens geht nur zögerlich
voran, wobei auch eine Rolle spielen dürfte, dass der neue Präsident von
Korea, Moon Jae-in, ein Menschenrechtsanwalt, die Untersuchung von
Menschenrechtsverletzungen nachdrücklich einfordert. Außerdem sind
37 Tai, Museum Activism.
38 Justin McCurry: »Buses in Seoul install ›comfort women‹ statues to honour for-
mer sex slaves«, in: The Guardian, 16. 8. 2017. https://www.theguardian.com/ci-ties/2017/aug/16/buses-seoul-comfort-women-statues-korea-japan Anstelle eines Mahnmals 189
neue geopolitische Auseinandersetzungen entfacht. Nach dem Vorfall be-
stellte Japan seinen Botschafter zur Konsultation zurück.39
2017 waren nur noch 37 ehemalige koreanische Sexsklavinnen am Le-
ben. Doch die Denkmäler und die Museen schaffen mit dem Mittel der
»sekundären Zeugenschaft« neue Augenzeugen. Dieser Dialog zwischen
dem Mahnmal und seinem Publikum bewog Künstler und Künstlerinnen
dazu, 2017 ein Mahnmal für die »Trostfrauen« auch in San Francisco auf-zustellen. Es stellt drei Frauen dar, eine Koreanerin, eine Chinesin und eine
Indonesierin, die sich an den Händen halten, symbolhaft für das gemein-
same Schicksal, das sie als Opfer von Kolonisation und sexueller Gewalt
verbindet, und für die gegenseitige Hilfestellung. Nachdem das Mahnmal
aufgestellt worden war, zog Osaka die Städtepartnerstadt mit San Francisco
zurück und zeigte damit einmal mehr, wie hoch der Grad der Emotionali-
sierung bei der Mahnmallegung ist. Zurzeit stehen 80 Skulpturen in Ko-
rea, die die Erinnerung der Sexsklavinnen bewahren, und damit eine Erin-
nerungsgemeinschaft erzeugen.
In Kosovo sind zwei aufschlussreiche, aber in politischer Hinsicht grundsätzlich unterschiedlich konzipierte Kunstprojekte dem Andenken
der vergewaltigten Frauen gewidmet. 2015 wurde eine Skulptur aus 20.145
mosaikartig angeordneten Münzen im öffentlichen Raum errichtet, die
zusammen ein Frauengesicht ergaben. Die Überschrift lautet: »Für den
vielfachen Beitrag und die Opfer, welche jede Frau albanischer Abstam-
mung während des Kosovokrieges 1998/99 brachte, und als Mahnmal an
das grausame Verbrechen der Vergewaltigung, die die serbischen Kräfte an
nahezu zwanzigtausend Frauen begingen.« Bei dem anderen Mahnmal
handelt es sich um die Installation Ich denke an dich von Alketa Xhafa Mripa aus dem Jahr 2015: Die Künstlerin hing fünftausend Kleider auf
fünfundvierzig Wäscheleinen in einem Fußballstadion auf, also in einem
Gebäude, das typischerweise für Männlichkeit steht. Die Kleider bekam
sie von Frauen, Opfern und Familienmitgliedern, aus allen Ecken des Ko-
sovo. Die Botschaft ist, dass nicht die Opfer schuld daran sind, was ihnen
passierte.40 Das erste Mahnmal gedenkt der Opfer von Massenvergewalti-
gungen während der serbischen Besatzung von Kosovo im intentionalisti-
schen Narrativ, das andere im strukturalistischen.
39 »South Korea to build ›comfort women‹ museum in Seoul«, in: The Indian Ex-
press, 11. 5. 2018. http://indianexpress.com/article/world/south-korea-to-build-com-fort-women-museum-in-seoul-4744198/
40 Mark Tren: »Dresses on washing lines pay tribute to Kosovo survivors of sexual vi-
olence«, in: The Guardian, 11. 6. 2015. https://www.theguardian.com/world/2015/ jun/11/kosovo-sexual-violence-survivors-art-dresses 190 Schweigen und Verschweigen
Mahnmal in Manila, das an die philippinischen »Trostfrauen« erinnert. Auf japanischen Druck wurde das Mahnmal wieder entfernt.
Auf den Philippinen wurde im Dezember 2017 das Mahnmal der von den Japanern während des Zweiten Weltkriegs als Sexsklavin missbrauch-
ten Philippinerinnen eingeweiht. Die Bronzeskulptur stellt eine Frau mit
verbundenen Augen in weitem Gewand dar, die als Zeichen des Schmerzes
ihre Hände zur Faust geballt an die Brust drückt. Das Mahnmal wurde
Ende April 2018 entfernt, die offizielle Erklärung dafür lautete, auf dem
Gelände müssten die Wasserleitungen erneuert werden. Die Frauenorgani-
sationen reichten schriftlich ihren Protest ein, doch vergeblich – der Be-
such des japanischen Innenministers im Januar in Manila stellte klar, dass
die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht intensi-
viert werden könnten, solange dieses Mahnmal auf den Philippinen steht. Präsident Duterte erklärte noch im Januar, dass er den Wunsch der Zivil-
organisationen, die die Errichtung des Mahnmals initiierten, nicht igno-
rieren könne. Bis April änderte er allerdings seine Meinung, und die Skulp-
tur wurde für ungewisse Zeit entfernt.41
41 »New ›comfort women‹ memorial removed from thorough fare in Manila under
pressure from Japanese Embassy«, in: The Japan Times, 8.4.2018. https://www. japantimes.co.jp/news/2018/04/28/national/politics-diplomacy/new-comfort-wo-men-memorial-removed-thoroughfare-manila-pressure-japanese-embassy/.Wu-guboiFM2w Anstelle eines Mahnmals 191
Eine andere Strategie der Denkmalerrichtung wird in Ungarn verfolgt.
Hier soll im Zeichen der »doppelten Besatzung« für alle Opfer des Kom-
munismus ein Denkmal errichtet werden. Der Vorschlag zur Errichtung
eines schwarzen Obelisken für das Gulag-Denkmal kam von der Organi-
sation der ehemaligen politischen Gefangenen und Zwangsarbeiter in der
Sowjetunion (Szorakész). Die vier Seiten des Obelisken symbolisieren die
vier Opfergruppen: die Ungarndeutschen, die politischen Gefangenen, die Kriegsgefangenen und die zur Zwangsarbeit verschleppte Zivilbevölke-
rung. Dieses Denkmal bietet keinen Raum, der den Opfern von Vergewal-
tigungen gedenken würde, hinzu kommt, dass sich die Entscheidungsträ-
ger wegen politischer Streitigkeiten nur schwer über den Standort einigen
konnten, bis sie den schwarzen Obelisken schließlich in Óbuda, an einem
wenig frequentierten Ort in Budapest aufstellen ließen. Nach der Institu-
tionalisierung der illiberalen erinnerungspolitischen Wende verschob die
ungarische Regierung mit der Kanonisierung »der doppelten Besatzung«
die Verantwortung auf die Besatzer, und damit machte sie die ungarische
Kollaboration unsichtbar, was den erinnerungspolitischen Rahmen ganz grundsätzlich veränderte. Das Gleiche passiert derzeit in der Ukraine und
in Polen. Die dunkle Vergangenheit lässt sich in die ethnozentrische Erin-
nerungspolitik einfach nicht hineinzwängen, besonders wenn konkurrie-
rende Erinnerungen beteiligt sind. Es fehlt also sowohl das Narrativ als
auch das aufnehmende System von Institutionen, welche die Geschichts-
schreibung auf nationaler Ebene und die Erinnerungen der vielfältigen
Opfergruppen miteinander koordinieren würden. Aber es fehlt auch an
Zivilorganisationen. Die Erinnerung entfaltet ihre Wirkung auf verschie-
denen Ebenen: lokal, regional, national und transnational, nur alle ge-
meinsam bringen die Vielfalt der Erinnerungen hervor. Dabei handelt es sich um einen politischen Prozess, in dem einzelne Gruppen und Narrative
präsenter sein können als andere, wenn sie beim Wettkampf der Erinne-
rungen mit staatlicher Hilfe miteinander konkurrieren.
Was die Denkmäler für die Opfer von Vergewaltigungen während des
Zweiten Weltkriegs betrifft, verstärken sowohl die teilnahmslose ikono-
grafische Schlichtheit der Skulptur in Gdańsk als auch die übertriebene
Emotionalität und Idealisierung der koreanischen Sexsklavinnen die Posi-
tion der Frau als Opfer. Die Kunstwerke basieren auf den Erzählungen der
Opfer, und auch sie, die Kunstwerke, erzählen im für sie einzig denkbaren narrativen Rahmen: als Opfer. Am Denkmal der sowjetischen Besatzung in
Ungarn schließlich wird selbst die Position der Frau als Opfer unsichtbar.
Die Errichtung eines innovativen und empfindsamen Denkmals, das in
einem gesellschaftlichen Dialog entsteht, lässt nicht mehr lange auf sich 192 Schweigen und Verschweigen