Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die Schematisierung des Erzählens

Die Schematisierung des Erzählens 137

 

Die Schematisierung des Erzählens

 

Im Visual History Archive der USC Shoah Foundation werden die Aussa-

gen von nahezu 52.000 Überlebenden bewahrt, auf die man von bestimm-

ten Institutionen aus zugreifen kann.20 Es handelt sich um chronologische,

lebensgeschichtliche Interviews. Bevor die Mitarbeiter und Mitarbeiterin-

nen des Archivs mit der Durchführung der Interviews begannen, wurden

sie geschult, damit sie entlang der angegebenen Richtlinien bei der Auf-zeichnung des Erlebten mehr oder weniger vergleichbar vorgingen. Die In-

terviews sind nach Inhalt, Ort, Geschlecht sowie nach Sprache indexiert,

anhand von diesen Kategorien können sie aufgerufen werden. Sexuelle Ge-

walt ist ein häufig angesprochenes Thema.21

Was die Sammlung im Allgemeinen betrifft, stimme ich der Kritik von

Anette Wieviorka zu, die beklagt, man könne ihr eine »Amerikanisierung«22

des Holocaust vorwerfen: Aus der riesigen Interviewsammlung ergebe sich

lediglich ein gigantischer Korpus von authentischen Lebensgeschichten,

der die Möglichkeit der Erkennbarkeit grundsätzlich prägt und entspre-

chende Grenzen absteckt.23 Und dennoch: Es zeichnet sich hier ein Bild ab, typische Muster werden erkennbar, wie Frauen, je nach persönlicher

Situation, die Befreiung erlebten. Die erste Gruppe sind jene Überlebenden,

die aus den Konzentrationslagern befreit wurden. Nachdem die Sowjets

ihre physischen Bedingungen zum Überleben gesichert hatten, belästigten

sie sie des Nachts. Eine von ihnen erzählt: »Nachts kamen sie, schlugen die

Bett decken zurück und suchten nach jungen Frauen. Wer abgeholt wurde,

tauchte nie wieder auf. Einen Monat ging das so. Am 7. Mai verließen

dann alle das Lager, wir wurden nach Hause gebracht.«24 Eigentlich brauchte

es keine Extramotivation, das Lager zu verlassen und den gefahrvollen Weg

nach Hause zu wagen, aber die Sicherheitssituation innerhalb der Lager gab einen weiteren Anstoß. Die zweite Gruppe der Überlebenden erlebte

 

20 Andrea Pető: A holokauszt digitalizált emlékezete Magyarországon a VHA gyűjte-

ményében, in: Randolph L. Braham – András Kovács (Hg.): A holokauszt Magyar-országon hetven év múltán. Történelem és emlékezet. Budapest, Múlt és Jövő, 2015, S. 220-229.

21 In den folgenden ungarischsprachigen Interviews wird über solche Fälle berichtet:

2809, 18408, 27212, 7041, 23403, 26942, 28491, 43781, 50176, 50210, 37262, 50208, 48431, 51550, 51554, 50807, 54131, 50731, 54140, 511131, 54409.

22 Winfried Fluck: »The Americanization of Literary Studies«, in: American Studies

International 2, 28 (1990), S. 9-22.

23 Annette Wieviorka: The Era of the Witness. Ithaca, NY, Cornell University Press,

2006, S. 95-145.

24 Interview 26942, Abschnitt 83. Visual History Archive der USC Shoah Foundation. 138 Das Gedächtnis

 

die Befreiung in einem der Arbeitslager in Deutschland und Österreich.

Eine Frau erinnert sich: »Zwei russische Soldaten kamen rein. Sie schossen

auf das Hitlerbild an der Wand. Ein Mädchen nahmen sie mit. Spät in der

Nacht ließen sie sie zurück. Zwei Dutzend Soldaten vergingen sich an ihr.

So ging es jeden Tag. Sie waren sturzbetrunken. Wir konnten nicht weg,

wir waren dort zu dritt. Éva nahmen sie jeden Tag mit … Sie holten Éva

auch vom Zug runter … Zu viert hielten sie sie fest.«25 Eine dritte Gruppe waren diejenigen, die untergetaucht waren: »Die Russen kamen herein, ich

klopfte vom benachbarten Keller, sie durchbrachen die Wand und nahmen

das 14-jährige Mädchen vor den Augen ihrer Mutter mit. Mich nahmen sie

auch mit, ich sollte beim Kartoffelschälen helfen. Fünf Soldaten vergingen

sich an mir.« 26 Zu einer vierten Gruppe zählen jene Frauen, die den Solda-

ten der Roten Armee auf dem Weg nach Hause begegneten. »Im Wartesaal

schnappte mich der Russe von hinten. In der Nacht war ich in eine Decke

gewickelt. Er hätte mich mitgenommen, niemand hätte es je bemerkt.«27

»Ich hatte ein schreckliches Erlebnis. Man wollte mich vergewaltigen. Ein

russischer Soldat kam zu uns, er wollte bei uns schlafen. Ich sagte, das kommt nicht infrage. Ich rannte die Treppe runter. Er holte sein Maschi-

nengewehr hervor und drohte, dass er mich erschießt. Oder er wollte mich

erschießen, aber die Waffe hat nicht funktioniert. Ich riss es ihm aus der

Hand und rannte dorthin, wo wir früher zu sechst gewohnt hatten. Ich

stieg durch das Fenster hinein und zitterte. Ausgerechnet jetzt, wo wir frei

waren, hätte ich erschossen werden können.«28 Die Frauen einer fünften

Gruppe begegneten den Rotarmisten bei der Rückkehr in ihre besetzten

Dörfer. Eine Überlebende, die aus Auschwitz zurückkehrte, traf am Bahn-

hof auf einen sowjetischen Soldaten: »Er sagte mir, er nehme mich mit auf

die Kommandantur.« Als sie um Hilfe rief, »kam ein Mann heraus, und sagte, dass er mir nicht helfen könne, weil der Soldat ihn erschießen

würde. Der Soldat legte seine Waffe ab und begann mich zu vergewalti-

gen …, ich hatte von älteren Frauen gehört, wo man hintreten muss. Ich

habe ihn zusammengetreten, die Waffe warf ich ins Maisfeld. Plötzlich

tauchten zwei russische Soldaten und ein jüdischer Junge aus Galánta

(heute in der Slowakei) auf dem Weg auf und erschossen den Russen an

Ort und Stelle. So hat man uns willkommen geheißen. Wir haben Ausch-

witz überlebt. Und hier werden wir sterben. So sah es aus.«29

 

25 Interview 51550, Abschnitt 74, ebd.

26 Interview 54150, Abschnitt 88, ebd.

27 Interview 48431, Abschnitt 119, ebd.

28 Interview 50807, Abschnitt 88, ebd.

29 Interview 27212, Abschnitt 66, ebd.

Die Schematisierung des Erzählens 139

 

Die Zeitzeuginnen der Interviews des Schoah-Instituts waren während

des Kriegs noch sehr jung, die Gefahr, vergewaltigt zu werden, war also

sehr groß. Obwohl die Interviews nicht repräsentativ sind, sind die Ge-

schichten trotzdem als typisch zu bezeichnen. Die sich fortwährend än-

dernden Rahmen des kollektiven Gedächtnisses beeinflussen dabei auch

den Ablauf der Erzählstruktur. Die »Erinnerungslücke« (memory gap) ist

ein wohl bekanntes Problem in der Fachliteratur des Holocaust. Die Inter-views wurden nach 1989 aufgenommen, als die Rahmen der vormals domi-

nanten antifaschistischen Geschichtsschreibung massiv infrage gestellt

wurden. Einige Frauen berichten zwar davon, dass sie beim Anblick der

Befreier, der sowjetischen Soldaten, Freude verspürten, aber nur noch we-

nige sind der Meinung, dass die darauffolgenden Gräueltaten verzeihlich

seien. Wie eine der Überlebenden formuliert: »Sie sind für uns gestorben.

Jetzt ist es schon egal, was danach kam. Dann haben sie uns gerettet. Sie

haben uns gerettet. Ich kniete nieder und bekreuzigte mich.«30 Oder: »Wie

auch immer, wir waren frei, und 31 sie haben uns befreit.« An einer anderen

Stelle: »Wir erblickten den ersten russischen Soldaten, was war das für eine Freude ! Aber als der Abend kam, sammelten die betrunkenen Soldaten alle

Frauen ein, die sie finden konnten, und vergewaltigten sie. Wer nicht aus

dem Fenster hinausspringen konnte, erlitt dieses Schicksal, viele vergingen

sich an ihnen.«32

Die Interviewenden waren anfangs nicht auf diese Erlebnisse vorberei-

tet. Sie ermutigten die Interviewten nicht mit Nachfragen, mehr über die

Vergewaltigungen zu erzählen, oder darüber, welche neuen Gefahren nach

der Befreiung auf die Jüdinnen, die aus den Lagern befreit wurden oder

sich in Budapest versteckt gehalten hatten, lauerten. Eine Überlebende er-

zählt: »Sie waren wild. Sie gingen in jedes Haus hinein, und vergewaltigten die Frauen. Dort, vor den Augen aller Leute [ihre Stimme stockt] vergewal-

tigten sie mich.«33 Die Geschichten sind löchrig, brechen oft ab, und die

Interviewer gingen den Details nicht hinterher, da sie angehalten waren,

die vorgegebenen Fragen der Reihe nach abzuarbeiten. Das Thema der

Vergewaltigung – besonders das der Vergewaltigung von sowjetischen Sol-

daten – gilt auch im Vergleich zu anderen Zeitzeugenberichten (witnessing)

als schwierig. Paul Frosh konnte zeigen, dass »die Bedeutung des Zeugnis-

ses von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen in der Schnittmenge von persön-

 

30 Interview 50208, Abschnitt 83, ebd.

31 Interview 50210, Abschnitt 40, ebd.

32 Interview 51554, Abschnitt 91, ebd.

33 Interview 2809, Abschnitt 85, ebd.

140 Das Gedächtnis

 

licher Erfahrung, des teilbaren Wissens und der öffentlichen Repräsenta-

tion besteht«.34 Doch führen persönliche Erfahrungen zu nichts, wenn sie

nicht zu einem Wissen werden, das mit anderen geteilt werden kann, und

dazu fehlt es sowohl am Wortschatz zur öffentlichen Repräsentation als

auch am Ort zum Erzählen. Das Trauma bildet sich erst im Nachhinein

aus. Es nimmt nicht während des Erlebens selbst Gestalt an, sondern im

Prozess des Bewusstwerdens, des Verstehens und des Erzählens.35 Diejeni-gen, denen die Gewalt widerfahren war, schildern die Geschehnisse distan-

ziert und knapp: »Wir saßen an der Landstraße und warteten, was auf uns

zukommt. Erst kamen die Amerikaner, dann kamen die Russen. Einer von

denen schnappte sich Edit, der andere mich, und sie vergewaltigten uns.

Wir halten [Präsens im Originaltext, Anm. d. Übers.] das nicht noch ein-

mal aus, und gingen deshalb zurück ins Haus.« 36 Die jenigen, die Fremd-

sprachen beherrschten, versuchten herauszufinden, warum sich die Solda-

ten, an die sie so viele Hoffnungen knüpften, so benahmen. Eine von

ihnen, die sich an die Kommandantur wandte, um eine Beschwerde einzu-

reichen, bekam vom Kommandanten folgende Erklärung: »Wundern Sie sich nicht, denn die Ungarn und die Deutschen haben mit ihren Frauen

und Müttern dasselbe gemacht. Sie geben nur zurück, was sie bekommen

haben. Sie schauen nicht, mit wem sie es zu tun haben, sie sehen nur, dass

sie da sind und Ungarinnen sind.« 37 In einem anderen Interview heißt es:

»Sie gingen an die Kommandantur und erklärten, dass wir [sic !] aus

Auschwitz zurückgekehrt waren. Der russische Offizier erwiderte: Die

Männer kämpfen schon seit Jahren als Rekruten, ich kann ihnen den Un-

terschied [zwischen Jüdinnen und Ungarinnen – A. P.] nicht erklären,

wenn sie betrunken sind.« 38

 

34 Paul Frosh: Telling Presences. Witnessing, Mass Media, and the Imagined Lives of

Strangers, in: Paul Frosh, Amit Pinchevski (Hg.): Media Witnessing: Testimony in the Age of Mass Communication. Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2009, S. 51.

35 Cathy Caruth: Trauma. Explorations in Memory. Baltimore, Johns Hopkins Univer-

sity Press, 1995, S. 4.

36 Interview 50731, Abschnitt 102. Visual History Archive der USC Shoah Foundation. 37 Interview 54150. Abschnitt 88, ebd.

38 Interview18408. Abschnitt 67, ebd.