Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern
68 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
tischen Soldaten verübt worden waren, schreibt. Der erinnerungspoliti-
sche Paradigmenwechsel ist allerdings auch innerhalb von internationalen
Organisationen in vollem Gange, obwohl gerade sie doch die Aufgabe hät-
ten, das ursprüngliche Paradigma des »Nie wieder« zu schützen. Die unga-
rische Regierung riskierte es im Jahr 2014, direkt vor den Parlamentswah-
len, nicht, die Leitung von IHRA, der Organisation für Holocaustforschung
und -unterricht, die sie damals innehatte, zu verlieren, denn sie war be-strebt, die neue erinnerungspolitische Praxis auch auf der internationalen
Bühne zu etablieren.
Die erinnerungspolitische Wende zeigt auch auf, dass es, anders als bei
den Verbänden der Holocaust- und Gulagopfer, für das Gedächtnis der
von sowjetischen Soldaten verübten Vergewaltigungen keine internatio-
nalen Organisationen gibt. Hinzu kommt, dass die normative Wirkung
der internationalen Wissenschaften bzw. der Frauenbewegungen bis 2018
bereits an Kraft verlor, obwohl diese in der Lage gewesen wären, alternative
erinnerungspolitische Rahmen zu schaffen. Im Moment sieht es danach
aus, dass das Paradigma der sogenannten »doppelten Besatzung« den Rich-tungsstreit in der erinnerungspolitischen Debatte gewinnen wird. Dies
lässt sich auch in der Debatte verfolgen, die um die Kriegsvergewaltigun-
gen und deren Ursachen entstand.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern
Massenvergewaltigungen werden nicht ausnahmslos von jeder Besatzungs-
armee verübt, und nicht alle Angehörige der Roten Armee haben während
des Zweiten Weltkriegs überall Massenvergewaltigungen verübt. Der Fokus
liegt hier auf der Massenhaftigkeit, denn sexuelle Gewalt als solche geht
mit dem Militarismus schlechthin einher. Deshalb lohnt es, sich zunächst
einen Überblick darüber zu verschaffen, wie sich die sowjetischen Soldaten
zur selben Zeit in den verschiedenen besetzten Regionen verhielten. Das Argument, dass sich die Soldaten der Roten Armee so verhielten, weil sie
unzivilisiert waren, trägt nicht weit, wenn man die Besatzung in Ungarn
mit jener in anderen Ländern vergleicht.
Obwohl zum Beispiel in Jugoslawien auch die Truppen der 2. und
3. Ukrainischen Front kämpften, zeigt sich dort ein ganz anderes Bild.98
98 Zur Diszipliniertheit in der 2. und der 3. Ukrainischen Front vgl. Péter Kenéz:
Hungary from the Nazis to the Soviets. The Establishment of the Communist Regime in Hungary, 1944–1948. New York, Cambridge University Press, 2006, S. 38-40. Zitiert nach Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 35.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern 69
Anders als in Ungarn ging hier das Bild einer gewalttätigen, plündernden
Roten Armee nicht in das kollektive Gedächtnis ein. Im Oktober 1944 ver-
sendeten die Sowjets innerhalb von zehn Tagen 30.000 Briefe an bulgari-
sche und jugoslawische Adressen. In diesen Briefen drückten sowjetische
Soldaten ihre Freude darüber aus, auf die einheimische Bevölkerung zu
treffen, und legten sogar Fotos von sich bei, damit sie in liebevoller Erin-
nerung bewahrt würden. Aus den Interviews mit Zeitzeugen zeichnet sich überwiegend das Bild vom unterstützenden, schützenden Soldaten ab, der
Lebensmittel verteilt; auch wird eine effektive Zusammenarbeit mit den
Partisanen erkennbar99: Während der Befreiung von Belgrad marschierten
die Partisanen und die sowjetischen Soldaten gemeinsam auf der Sieges-
parade.100 Diese Freundschaft war beiden Parteien nützlich. Für die
jugosla wischen Partisanen war es vorteilhaft, dass die Kooperation, in de-
ren Fokus die deutschen Besatzer als Hauptfeind standen, die kollabo-
rierenden kroatischen und serbischen Regime in den Hintergrund rücken
ließen, ebenso wie den antisowjetischen, prowestlichen jugoslawischen
Widerstand. Die sowjetische Seite konnte sich über eine Imagepflege der Roten Armee, der sonst kein besonders schmeichelhafter Ruf vorauseilte,
freuen. Mit den Tschetniks, den nationalistischen serbischen Partisanen-
truppen, musste sich die Rote Armee nicht auseinandersetzen. Der erfolg-
reiche bewaffnete Widerstand der jugoslawischen Kommunisten stärkte
die Sowjets auch in dem außerordentlich wichtigen Glauben, dass sie im
Kampf gegen NS-Deutschland nicht allein standen. Gleichzeitig beschwer-
ten sich selbst die bulgarischen und jugoslawischen Soldaten, die beste Be-
ziehungen zu den Sowjets pflegten, über die imperiale Arroganz, mit der
diese die besetzten Gebiete als die eigenen betrachteten und nicht einmal
mit den lokalen Kommunisten kommunizierten.101
Die Rote Armee war – wie jede Armee – gewalttätig, nationalistisch und
misogyn. Das war vor allem der Ausbildung und darüber hinaus der lan-
gen, im Gefecht verbrachten Zeit zuzuschreiben. Die Vorgesetzten waren
gegenüber ihren Soldaten gewalttätig und grausam und außerdem Herren
über Leben und Tod. Die militärischen Vorschriften interpretierten man-
che Befehlshaber willkürlich. Die Lebensmittelversorgung wurde während
der Kampfeinsätze sporadisch, woraufhin sich die Soldaten von der ein-
heimischen Bevölkerung nahmen, was sie brauchten. Es verwundert nicht,
99 Vojin Majstorović: The Red Army in Yugoslavia, 1944-1945, in: Slavic Review 75.2
(2016), S. 411.
100 Ebd., S. 412.
101 Ebd., S. 415.
70 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
dass sie Unterstützung erwarteten, und in den jugoslawischen und bulga-
rischen Gebieten auch erhielten, was allein schon aufgrund der sprach-
lichen Verwandtschaft leichter fiel. Auch auf den jugoslawischen Gebieten
kam es zu militärischen Disziplinarverstößen, aber typischer waren Plün-
derungen und Raubüberfälle. 102 Sicher verübten sowjetische Soldaten – im
halb betrunkenen Zustand – wie überall sonst auch hier Vergewaltigun-
gen, aber eben deutlich weniger. Die meisten dieser Verbrechen wurden von fahnenflüchtigen Soldaten verübt oder von solchen, die ihre Einheit
verloren hatten. 103 Auf diese Ausrede berief sich nicht nur die sowjetische
Heeresführung, um die Verantwortung von sich zu schieben: Tatsächlich
machten sich gegen Ende des Krieges viele Soldaten selbstständig, und es
kam auch vor, dass sich Verbrecher sowjetische Uniformen beschafften.
Wer die Massenvergewaltigungen in Ungarn damit erklären möchte,
die Sowjets hätten sich für die Verbrechen, die die ungarische Armee in der
Sowjetunion verübte, revanchieren wollen, der ist auf dem falschen Pfad.
(Bei den französischen Soldaten in der französischen Besatzungszone in
Deutschland ist dies jedoch anders gelagert. Bei ihnen war tatsächlich Ra-che die motivierende Kraft, denn Frankreich hatte unendlich gelitten unter
der deutschen Besatzung. 104) Ausschlaggebend war vielmehr die Haltung
der Befehlshaber: ob sie die im Krieg unvermeidbare sexuelle Gewalt er-
munterten oder streng ahndeten.
Die amerikanischen Soldaten verhielten sich in der Normandie genauso
wie die Sowjets in Jugoslawien. Sie erkannten die Verdienste des franzö-
sischen Widerstandes an, gleichzeitig waren sie aber der Meinung, dass sie
ein Recht auf die französischen Frauen hatten.105 Majstorovic nennt die
Zahlen der dokumentierten sexuellen Gewalttaten, die von amerikanischen
Truppen in Europa verübt wurden. In der westlichen Besatzungszone in Deutschland kam es zu 17.080, im gesamten westlichen Besatzungsgebiet
zu rund 190.000 Vergewaltigungen. Der französische Historiker Olivier
Wieviorka stieß auf mehr als 200 Fälle im Département Manche. Die eng-
102 Kerstin Bischl: Telling Stories. Gender Relationships and Masculinity in the Red
Army 1941–1945, in: Maren Röger, Ruth Leiserowitz (Hg.): Women and Men at War: A Gender Perspective on World War II and its Aftermath in Central Europe. Osnabrück, 2012, S. 117-134.
103 Majstorović, The Red Army, S. 419.
104 Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am
Ende des Zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015; Die Rezen-sion von Norman M. Naimark siehe in: Francia-Recensio 3 (2015), 19./20. Jahr-hundert – Histoire contemporaine. http://www.perspectivia.net/publikationen/ francia/francia-recensio/2015-3/zg/gebhardt_naimark
105 Roberts, What Soldiers Do, S. 64-67.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern 71
lischen und französischen Truppen waren gewalttätiger als die amerika-
nischen, aber belastbare Daten stehen nicht zur Verfügung. Auch in Bul-
garien und der Tschechoslowakei gab es weniger sexuelle Gewalt durch
sowjetische Soldaten als in Ungarn. Dort, in Bulgarien und der Tschecho-
slowakei, wurden laut Aussage eines Obersts diejenigen, die Vergewalti-
gung verübten, vor der Öffentlichkeit bloßgestellt und verurteilt.106 Mit
Recht stellt sich also die Frage: Was schützte die Frauen in den Ländern, in denen es weniger Vorfälle gab, vor Massen vergewaltigungen?
Eine erste Antwort ist, dass die sowjetische Heeresführung Jugoslawien,
Bulgarien und die Tschechoslowakei als freundschaftlich verbundene Län-
der betrachtete, und die Soldaten erhielten dementsprechende Anweisun-
gen. Darüber hinaus konnte die einheimische Bevölkerung dank der ge-
meinsamen slawischen Sprache mit den Soldaten der Besatzertruppen
kommunizieren. Die panslawistische Propaganda zeitigte zudem ihre Wir-
kung, ebenso die Anti-Nazi-Kampagne. Schließlich hatten die Sowjets und
die Jugoslawen gleichermaßen unter der NS-Unterdrückung gelitten. In
der militärischen Zeitschrift Krasnaja Swesda, aus der die politischen Offi-ziere den Soldaten bei ideologischen Einweisungen häufig zitierten, wurde
die Erwartung formuliert, wie sich die Soldaten in Jugoslawien verhalten
sollen. Tolbuchin, der Oberbefehlshaber der 3. Ukrainischen Front, gab
den Befehl aus, dass gegen diejenigen, die sexuelle Gewalt verüben, streng
vorgegangen werden sollte. Beim Einmarsch im Dezember 1944 beteiligte
sich auch der 1943 gegründete und gefürchtete militärische Nachrichten-
dienst 107 SMERS ch an der Kampagne gegen Vergewaltigungen. In der so-
wjetischen Propaganda fanden mit Blick auf Jugoslawien weder lokale eth-
nische Konflikte noch kollaborierende Regierungen Erwähnung, obwohl
dort der Zweite Weltkrieg auch ein Bürgerkrieg war. Stets war von einem einheitlichen Jugoslawien die Rede, das den Nationalsozialismus erfolg-
reich bekämpfte.108
Die Anzahl der sexuellen Gewalttaten hing maßgeblich davon ab, wie
effektiv die Heeresführung agierte und inwieweit sie sich bei der Einhal-
tung der Disziplin durchsetzen konnte. Obwohl die Institutionen der Dis-
ziplinarverfahren in der Roten Armee überall die gleichen waren, gab es
doch je nach Standort große Unterschiede bezüglich der Diszipliniertheit,
der Strafinstitution selbst und ihrer Funktionsweise. Die Heeresführung
hatte außerdem für ihre gegen die Nazis kämpfenden slawischen Brüder
106 Majstorović, The Red Army, S. 397.
107 Ebd., S. 403.
108 Ebd., S. 404.
72 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
mehr Empathie als für die ungarische Bevölkerung, deren Sprache sie
nicht verstand, und die ihnen mit heftigem Widerstand begegnete, der
einen hohen Blutzoll erforderte. Die Russenfreundschaft Bulgariens hatte
tiefe historische Wurzeln, außerdem war das Land nicht der letzte Verbün-
dete Hitler-Deutschlands, so wie Ungarn.
In Jugoslawien kämpften 300.000 sowjetische Soldaten, in Ungarn un-
gefähr eine Million, entsprechend muss auch die Größenordnung der stationierten Soldaten in Betracht gezogen werden. Die Verluste der Roten
Armee waren in Ungarn auch wesentlich größer (140.000 Gefallene) als in
Jugoslawien (7.889) oder in Österreich (26.000).109 All das trug zu den Ge-
walttätigkeiten bei. Während die Kriegsoperationen in Jugoslawien bloß
drei Monate andauerten, waren zehn Monate erforderlich, um Ungarn
einzunehmen. Hinzu kommt, dass die sowjetischen Besatzertruppen in
Jugoslawien im Anschluss an die kurzen Kriegsoperationen im Gegensatz
zu Ungarn nicht länger Station machten. Die jugoslawische Armeefüh-
rung pflegte gute Beziehungen zum sowjetischen Oberkommando, was
weder von dem politischen Federgewicht der ungarischen kommunisti-schen Emigranten noch von der Übergangsregierung behauptet werden
kann. Marschall Tito forderte von den Partisanen Berichterstattung über
die Führung der Sowjets ein, und kamen ihm Widrigkeiten zu Ohren,
zögerte er nicht, damit vor den sowjetischen General Kornejew zu treten.
Schon aus Eigeninteresse, schließlich wollte er nicht in die Situation der
ungarischen Kommunisten nach dem Krieg geraten. Diese wurden nämlich
von der eigenen Bevölkerung mit den randalierenden sowjetischen Solda-
ten, die sie schwerlich als Befreier feiern konnten, identifiziert. Aus den
zugänglichen Dokumenten geht sehr deutlich hervor, dass die höchste
Ebene der sowjetischen politischen Leitung über die ans Tageslicht gekom-menen Fälle Bescheid wusste und darüber besorgt war; etwa im Fall einer
Partisanin, die im Wald vergewaltigt wurde. Die überlieferten Fallbeschrei-
bungen belegen, dass die sowjetischen Täter verurteilt wurden, und die
Strafe reichte von der Degradierung bis hin zum Arbeitslager.
Diese glückliche Konstellation verschiedener Faktoren führte dazu, dass
es in Jugoslawien weniger Vergewaltigungen gab.110 Aber eine umfassende
Kontrolle der Soldaten war auch hier nicht möglich, zumindest das zeigen
die Zahlen. Milovan Ðilas schreibt in seinem oft zitierten Memoire im Zu-
sammenhang mit Jugoslawien über 111 Morde und 1.204 mit Raub verbun-
109 Ebd., S. 401.
110 Ebd., S. 407.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern 73
dene Vergewaltigungen.111 Vladimir Dedijer (1914–1990), ein serbischer
Partisane, kommt zu dem Ergebnis, dass die durch Jugoslawien ziehende,
300.000 Soldaten mannstarke sowjetische Armee 1.219 Vergewaltigungen,
111 Morde und 1.204 Raubüberfälle verübte. Hier muss angemerkt werden,
dass Robert Lilly auf der Basis kriminologischer Forschung davon ausgeht,
dass nur etwa fünf Prozent aller Vergewaltigungsfälle angezeigt werden.
Anhand der gut dokumentierten und für die Forschung zugänglichen Pro-zessakten der in Europa eingesetzten Soldaten der amerikanischen Armee
legt er dar, dass für ein realistisches Ergebnis ein Multiplikator von 20 an-
gewandt werden müsse: Demnach wären von hundert Vergewaltigungs-
fällen nur fünf gemeldet worden.112
In Rumänien hielt die militärische und lokale zivile Verwaltung auch
während der Besatzung den Betrieb aufrecht, deshalb stehen Daten zu Ge-
walttaten von Soldaten zur Verfügung. Hier wurden innerhalb von einem
Monat (von September bis Oktober 1944) 355.200 Frauen vergewaltigt,
nicht einberechnet sind die Fälle, die in Ländern passierten, die früher
besetzt und nach 1945 der Sowjetunion angeschlossen wurden. Wenn die Vergewaltigungen hinzugerechnet werden, die während der Besatzung, als
die Front bereits Ungarn erreicht hatte, verübt wurden, kommt man auf
eine Zahl von etwa einer halben Million. Die ungarischen Angaben sind
nicht valide, da es keine Behörde gab, die die Fälle zuverlässig dokumen-
tiert hätte. In Österreich wird die Anzahl der sexuellen Gewalttaten allein
in Wien auf 70.000 bis 100.000 geschätzt.113
Die sowjetische Besatzung in Ungarn zeigt die meisten Ähnlichkeiten
(wenn auch nicht in Bezug auf die Größenordnung) mit der französischen
Besatzungszone in Deutschland. Auch diese Zone war nicht zum ersten
Mal von der Armee des Nachbarlandes besetzt. Bei der Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg waren eigens Truppen aus den Kolonien – Einsatz-
kräfte aus Marokko, Tunesien und dem Senegal – hierher abkommandiert
worden, um die Deutschen noch tiefer zu demütigen. Die »schwarze
Schmach«, wie die Gewalttätigkeiten der französischen Truppen aus den
Kolonien gegen die Zivilbevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg bezeich-
net wurden, ging ins kollektive Gedächtnis ein und lebte 1944 wieder
auf. 114
111 Ebd., S. 398.
112 Robert J. Lilly: Taken by Force. Rape and American GIs in WWII. Basingstoke,
Palgrave Macmillan, 2007, S. 11-12.
113 Majstorović, The Red Army, S. 400.
114 Keith L. Nelson: The »Black Horror on the Rhine«: Race as a Factor in post-World
War I Diplomacy, in: The Journal of Modern History 42.4 (1970), S. 606-627. 74 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
Die französische Armee verfügte über deutlich weniger Soldaten als die
der Sowjets, außerdem war sie die schwächste unter den alliierten Armeen.
Obwohl das Vichy-Regime mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte,
forderte die französische Armee einen Platz in der Neustrukturierung der
Nachkriegszeit für sich ein. Doch auch hier, genauso wie in manchen Ein-
heiten der Roten Armee, herrschten chaotische Verhältnisse. Die zentrale
Kontrolle war schwach, und so schikanierten die französischen Soldaten, häufig von persönlicher Rachelust motiviert, die Zivil bevölkerung unge-
bremst; dokumentiert ist von diesen Ereignissen nur wenig.115
Die in der Fachliteratur meistzitierte Massenvergewaltigung an der
westlichen Front geschah in Stuttgart, wo marokkanische Truppen der
französischen Armee 2.500 deutsche Frauen vergewaltigten. Der Um-
gang mit dem Vorfall zeigt, dass die Opfer an der Westfront ebenfalls
mit Verschweigen und Manipulation zu kämpfen hatten.116 In den
Nachrichten hieß es, dass deutsche Frauen in der Stuttgarter U-Bahn von
marokkanischen Truppen massenhaft vergewaltigt wurden. Tatsächlich
hatte die Stadt, wortwörtlich betrachtet, gar keine U-Bahn, der Vorfall ereignete sich in einer Straßenbahn-Remise. Um einen Skandal zu ver-
meiden, übernahmen die amerikanischen Behörden Stuttgarts Besatzung
von den Franzosen. Unter dem Vorwand, es gebe in Stuttgart schließlich
gar keine U-Bahn, und die ganze Geschichte sei nur von der deutschen
Propaganda erdichtet worden, wurde eine Ermittlung nicht eingeleitet.
So wurden die Stimmen der Opfer zum Schweigen gebracht. 117 Übrigens
nutzten die deutschen Frauen, um die ungewünschten Schwangerschaf-
ten abzubrechen, noch lange nach dem Niedergang des Dritten Reiches
die Möglichkeiten, die ihnen die nationalsozialistischen »Blutschutzge-
setze« boten. 118
Die militärische Besatzung hatte auch Auswirkungen auf die Sprache
der Besetzten. So wie die Ausdrücke davajcsaszi (Gib die Uhr her !), gye-
vuski (Mädchen) oder zabrálás (stehlen, aus dem Russischen Verb ɡɚɛɪɚɬɶ)
115 Norman M. Naimark: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of
Occupation, 1945-1949. Cambridge, MA, Harvard University Press, 1995, S. 106.
116 Reiner Pommerin: The Fate of Mixed Blood Children in Germany, in: German
Studies Review 5.3 (1982), S. 315-323.
117 Hagemann, Schüler-Springorum, Home / Front, S. 149. Naimark erwähnt den
Vorfall, kommentiert ihn aber nicht.
118 Atina Grossmann: A Question of Silence: The Rape of German Women by Oc-
cupation Soldiers in West Germany under Construction, in: Moeller, Robert G. (Hg.): Politics, Society and Culture in the Adenauer Era. Ann Arbor, University of Michigan Press, 1997, S. 47.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern 75
in den ungarischen Wortschatz übergingen, so gelangte womöglich das
Wort Fisimatenten (aus dem französischen Ausdruck visitezmatente: »Besu-
chen Sie mein Zelt !) ins Deutsche, das noch auf die Zeit der napoleoni-
schen Besatzung zurückgeführt werden kann. Eine solche Anlehnung ist
auch das französisch-italienische Verb marocchinate, das auf den Vandalis-
mus der marokkanischen Soldaten in Monte Cassino zurückgeht.119
Kürzlich begann in Tschechien ebenfalls die Erforschung der Kriegsver-gewaltigungen. Aus den ersten Ergebnissen geht auch hier hervor, dass es
einen Unterschied macht, ob es sich um Vergewaltigungen handelt, die
während einer lang andauernden Besatzung verübt wurden, oder solche,
die im Zuge schneller Kriegsoperationen passierten. Forschungen zum Ge-
dächtnis der sowjetischen Besatzung nach der Niederschlagung des 1968er-
Frühlings konnten zeigen, dass die sowjetischen Soldaten in Bezug auf
Kultiviertheit und Zivilisiertheit, ebenso wie in Ungarn, auch in der
Tsche choslowakei für minderwertig gehalten wurden. Im tschechischen
Gedächtnis blieben in erster Linie die von den sowjetischen Soldaten ver-
ursachten finanziellen und Umweltschäden haften. Die sowjetischen Sol-daten lebten, ebenfalls wie in Ungarn, auch hier in abgeschlossenen Kaser-
nen, hatten ihre eigene Verwaltung, und verlassen durften sie das Gelände
nur unter Aufsicht. Die Rotarmisten wurden unterstützend in der Land-
wirtschaft und bei Naturkatastrophen eingesetzt.120 Die nach 1991 aufge-
nommenen Rückerinnerungen löschten im kollektiven Gedächtnis die frü-
her für beide Seiten nützlichen und blühenden wirtschaftlichen Beziehungen
aus; was blieb, war eine Reihe von Erinnerungen an erlittene Schäden (fi-
nanzieller Art). Die frühere Kooperation geriet in Vergessenheit, obwohl
damals die Gesellschaft für sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft
2.241.000 Mitglieder zählte.121
In der Zeit vor 1968 gab es eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwi-
schen den sowjetischen und tschechoslowakischen Strafverfolgungsbehör-
den, von der Harmonisierung der Rechtsvorschriften über die gemein-
samen Patrouillen bis hin zur Ausbildung von Polizeikräften. Nach der
Niederschlagung des Prager Frühlings unterlagen die in der Tschechoslo-
119 Katherine Rossy: Forgotten Agents in a Forgotten Zone: German Women under
French Occupation in Post-Nazi Germany, 1945–1949. MA thesis, Concordia Uni-versity, Montreal, 2013, S. 25.
120 Szovjet katonák a gátond, in: Népszabadság, 20. 7. 1958. BOSA HU OSA 300-1-2-
77361.
121 Marie Cerna: Occupation Friendly Assistance. The Soviet Army 1968–1991 in
the Memory of the Czech People, in: Czech Journal of Contemporary History 4 (2016), S. 80-101.
76 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
wakei stationierten sowjetischen Soldaten einem Sonderbefehl, der ihnen
Diebstahl und Schlägereien verbot. In der Ausbildung wurde den sowje-
tischen Soldaten in speziellen Kursen zivilisiertes Benehmen beigebracht;
es wurde Wert darauf gelegt, dass sie höflich anklopften und grüßten.122
Aus Interviews geht hervor, dass die Soldaten es mitunter kaum erwarten
konnten, nach Ungarn versetzt zu werden, weil es dort »djewuschki«,
Mädchen, gab, und man ungehindert Lebensmittel und Alkohol stehlen konnte. Sowjetische Uniformen wurden wie in Ungarn auch in der Slo-
wakei für Raubüberfälle verwendet, die als die schlimmste Disziplinver-
letzung galten. Ob diejenigen, die in sowjetischer Uniform plünderten,
tatsächlich sowjetische Soldaten waren oder tschechoslowakische Verbre-
cher in sowjetischer Uniform, lässt sich nicht feststellen. Aber es liegt
nahe, zu vermuten, dass die sowjetische Armeeführung mit der Betonung
der letztgenannten Möglichkeit die Verantwortung von sich schieben
wollte. 123
Da sich die sowjetischen Soldaten in der Tschechoslowakei außerhalb der
Kasernen nicht frei bewegen durften, war die Anzahl der Vergewaltigungen im gegebenen Zeitraum (1968–1989) verhältnismäßig niedrig. Die Abriege-
lung der sowjetischen Soldaten wurde im Sommer für den Einsatz zu land-
wirtschaftlichen Arbeiten aufgehoben, und zu dieser Zeit passierten auch
Vergewaltigungen.124 In den Quellen werden zwei wiederkehrende Szena-
rien genannt: Zum einen vergewaltigten sowjetische Soldaten junge Frauen,
die per Anhalter unterwegs waren, und zum anderen wurden Frauen von
sowjetischen Soldaten angegriffen, die entweder betrunken waren oder sich
ohne Genehmigung außerhalb der Kaserne aufhielten. Es kam, wenn auch
selten, vor, dass die Sexualdelikte und Diebstähle mit einem Mord endeten.
Im Schwarzen Buch der sowjetischen Besetzung in der Tschechoslowakei sind auch die zum Teil schweren Strafen verzeichnet.125
122 Für die Übersetzungen aus dem Tschechischen danke ich Vít Lukaš. David Hubený:
Spolupráce Policejního ředitelství a Rudé armády na zajištění bezpečnosti ve Velké Praze a potlačení kriminality rudoarmejců [dt.: Die Zusammenarbeit der Polizei und der Roten Armee beim Bekämüfen der Kriminalität unter den Rotarmisten im Großraum Prag], in: Sborník archivu bezpečnostních složek 11 (2013), S. 159-174.
123 Hubený, Spolupráce, S. 163.
124 Tomek Prokop: Life with Soviet Troops in Czechoslovakia and After their With-
drawal, in: Folklore (Estonia) 70 (2017), S. 97-120.
125 Prokop Tomek, Ivo Pejčoch: Černá kniha sovětské okupace: Sovětská armada v
Československu a její oběti 1968-1991 [dt.: Das schwarze Buch der sowjetischen Besatzung: Die sowjetische Armee in der Tschechoslowakei und ihre Opfer 1968-1991] Cheb, Svět křídel, 2015. Ich danke Ondrej Klipa und Vít Lukaš.
Gräueltaten der Roten Armee in anderen Ländern 77
Das Zusammenleben der sowjetischen Soldaten und der Zivilbevölke-
rung war nach der 1956er-Revolution auch in Ungarn nicht konfliktfrei.
Während der langen sowjetischen Besatzung ähnelten die Vorfälle jenen
in der Tschechoslowakei: Vergewaltigungen verübten vor allem Soldaten,
die in der Landwirtschaft aushelfen mussten. So wurden die Seidenrau-
pen züchterinnen aus Szekszárd, die beim Maulbeerblättersammeln von
sowjetischen Soldaten angegriffen wurden, Opfer einer Gruppenvergewal-tigung.126 Auf dem Postamt von Bogyiszló wurde die Postmeisterin verge-
waltigt und das Postamt ausgeraubt.127 Im Budapester József-Katona-Thea-
ter war die Inszenierung des Romans von Szilárd Rubin, Der Eisengel, ein
großer Erfolg, der anhand der Untersuchungsunterlagen Mordfälle aus
den Jahren 1953 und 1954 analysiert, die mutmaßlich von sowjetischen Sol-
daten begangen worden waren. Für den Mord an fünf jungen Frauen war
eine Zwanzigjährige hingerichtet worden, obwohl sie aussagte, sie habe die
Morde nicht begangen, sondern die Frauen lediglich in die sowjetische Ka-
serne geführt.128 Szilárd Rubin versuchte, der Sache auf den Grund zu ge-
hen, und nahm eigene Ermittlungen auf, aber zu den sowjetischen Unter-lagen erhielt er keinen Zugang.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es für Massenvergewalti-
gungen durch sowjetische Soldaten der Koinzidenz mehrerer Faktoren be-
durfte: Rachelust für frühere Taten des Feindes; lange und blutige Kämpfe
im Vorfeld; eine zahlenmäßig große Armee, die in ein Gebiet kam, in dem
keine slawische Sprache gesprochen wurde; Administration und Verwal-
tung waren zusammengebrochen. Laut der Typologie von Robert Hayden
kann es in fünf Situationen zur sexuellen Gewalt kommen: Kriegsverge-
waltigungen werden verübt, wenn (1) der Staat schwach und nicht in der
Lage ist, seine Staatsbürger vor den bewaffneten Soldaten zu schützen; (2) die Armeeführung die Truppen mit ungehinderter Plünderung belohnt;
(3) die Normen der Gesellschaft zerfallen; (4) der Begriff von Männlich-
keit über Militarismus definiert wird; (5) die Wut und die Frustration bzw.
das persönliche Trauma des Mannes aufgrund der Demütigungen, die er
in der Armee und im Alltag erleiden musste, präsent sind.129 Während der
sowjetischen Besatzung der Jahre 1944 und 1945 in Ungarn war mit allen
fünf Faktoren zu rechnen. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass sexu-
126 BOSA HU OSA 300-1-2-37537.
127 BOSA HU OSA 300-1-2-13123, 27. 12. 1951. 128 Szilárd Rubin: Aprószentek. Budapest, Magvető, 2012. 129 Donna Pankhurst: Sexual Violence in War, in: Shepherd, Laura (Hg.): Gender
Matters in Global Politics: A Feminist Introduction to International Relations. Lon-don, Routledge, 2009, S. 148-160.
78 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
elle Gewalt im Kontext eines Bürgerkriegs auch Bestandteil einer lokalen
Gemeinschaft sein kann und frühere Konflikte auf diese Weise vergolten
werden. Während des Bürgerkriegs in Jugoslawien wurden Frauen von den
eigenen Nachbarn, die einer anderen Ethnie angehörten, vergewaltigt, und
Familien wurden angegriffen, mit denen die Angreifer seit Generationen
gute Beziehungen gepflegt hatten.130 Das kam in Ungarn typischerweise
nicht vor.
130 Robert M. Hayden: Rape and Rape Avoidance in Ethno-National Conflicts:
Sexual Violence in Liminalized States Mass, in: American Anthropogist 102.1 (2000), S. 27-41.