Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Theoretischer Hintergrund

16 Einleitung

 

derstands (zum Beispiel, wenn jemand eine Plünderung verhindern wollte)

angewendet wurde.

Insgesamt lässt sich allein schon anhand der simplen Frage der Quellen-

basis feststellen, dass sich alle, die die Geschichte der sexuellen Gewalthand-

lungen aufarbeiten wollen, die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs

verübt wurden, auf ein schwieriges Unterfangen eingelassen haben.

 

Theoretischer Hintergrund

 

Die erste Schwierigkeit bei der Analyse von sexueller Gewalt während des

Zweiten Weltkriegs ergibt sich daraus, dass sie innerhalb eines veränder-lichen politischen Rahmens erfolgt. Mit einer aus der Naturwissenschaft

entliehenen Metapher sprach zuerst Charles Maier über eine »kalte« und

eine »heiße« Erinnerung im Zusammenhang mit dem Nazismus bezie-

hungsweise dem Kommunismus.7 Als »heiße« Erinnerung galt in Ungarn

bis 1989 die Erinnerung des Nazismus: Dieser bildete den wichtigsten

Rahmen des historischen Narrativs, der durch die institutionalisierte Er-

innerungspolitik (staatliche bzw. von den Bildungseinrichtungen veran-

staltete Gedächtnisfeiern am Tag der Befreiung des Landes, Kranznieder-

legungen auf sowjetische Denkmäler und Soldatengräber usw.) ins Leben

gerufen und aufrechterhalten wurde. Erst nach 1989 thematisierten Mu-seen, Filme und Gedenkfeiern die Gräueltaten des Kommunismus, und

es macht den Anschein, als hätten diese Priorität bekommen. Die Erin-

nerung des Nazismus wurde nun zur »kalten« Erinnerung, seine Erinne-

rung gilt als abgeschlossen, er gehört somit der Vergangenheit an. 8 Durch

das sich verändernde politische Setting rückten neue Erlebnisse und Er-

eignisse in den Mittelpunkt des Erinnerns, und die sexuelle Gewalt durch

sowjetische Soldaten, die bis 1989 als Tabu galt, entwickelte sich nach 1989

zu einer Frage, die erforscht werden darf und soll, also zur »heißen« Er-

innerung.

 

7 Charles S. Maier: Hot Memory, Cold Memory. On the Political Half-Life of Fascist

and Communist Memory, in: IWM Newsletter, Transit Online 22 (2002). http://

www.iwm.at/transit/transit-online/hot-memory-cold-memory-on-the-political-

half-life-of-fascist-and-communist-memory/

8 Mehr dazu in: Andrea Pető: Revisionist Histories, »Future Memories«: Far-right

Memorialization Practices in Hungary, in: European Politics and Society 18.1 (2017),

S. 41-51; Andrea Pető: Roots of Illiberal Memory Politics: Remembering Women in

the 1956 Hungarian Revolution, in: Baltic Worlds 10.4 (2017), S. 42-58.

Theoretischer Hintergrund 17

 

Begrüßung sowjetischer Soldaten, Ungarn 1945

 

Ákos Szilágyi vertrat in seiner Rezension in der Filmzeitschrift Film-

világ, einer der renommiertesten Filmzeitschriften in Ungarn, die These,

dass Sándor Sára mit seinem Film ein Jahrzehnt zu spät dran sei. Fakt ist

jedoch, dass der Film seiner Zeit zwanzig Jahre voraus war. Vor 1989 wäre es unmöglich gewesen, einen realistischen Film wie diesen zu drehen, der

gleichzeitig die Gräueltaten der sowjetischen Soldaten und das System prä-

sentiert, das den homo sovieticus erschuf und aufrechterhielt. Wie László

Dobos (1930–2014), ein ungarischer Schriftsteller aus der Slowakei, in

seiner Antwort auf Szilágyis Kritik schrieb: »Unsere Dramen könnten

damit mit Blick auf Europa vielleicht eine echte Dimension bekommen.«

Das heißt, die Geschichte der sowjetischen Besetzung kann nun in die Ge-

schichte von Europa aufgenommen werden. Und tatsächlich: Durch die

Osterweiterung der Europäischen Union entstand eine erinnerungspoliti-

sche Infrastruktur, die an die Stelle der »Befreiung« das Narrativ von der »doppelten Besatzung« setzte.9 Danach war das zwischen Nazideutschland

und der kommunistischen Sowjetunion liegende Territorum von diesen

beiden Ländern abwechselnd besetzt worden. Demzufolge hätten die loka-

len Kräfte keinerlei Rolle in der Gestaltung der Ereignisse gespielt und

 

9 László Dobos: Sára Sándor Vád című filmjéről. [dt.: »Anklage« – Über den Film

von Sándor Sára], in: Filmvilág online, November 1997. http://filmvilag.hu/xista_

frame.php?cikk_id=1701

18 Einleitung

 

seien bloß passive Opfer der Geschehnisse gewesen. Entsprechend treffe

sie auch keine Schuld.

Da das ungarische Verwaltungswesen mit Näherrücken der Front zu-

sammenbrach, gab es keine Behörde, an die sich Opfer von sexueller Ge-

walt hätten wenden können. Während also die Polizei für den Schutz der

Frauen nichts tun konnte, dienten die Kirchen und Kloster oft als Zu-

fluchtsort vor plündernden sowjetischen Truppen. Vor 1944 bildeten die christlichen Kirchengemeinden einen wichtigen Anlaufpunkt für die lo-

kale Gemeinschaft: Sie versahen den Kirchendienst und unterstützten ihre

Mitglieder. Die christlichen Kirchen reagierten tatsächlich sehr unter-

schiedlich auf die politische, moralische und militärische Krise. Die Pfarrer

der von geradezu militärischem Gehorsam geprägten katholischen Kirche

blieben auf Anweisung des Primas, des Oberhauptes der katholischen Kir-

che in Ungarn, Jusztinián Serédi (1884–1945) in ihrer Gemeinde. Die refor-

mierte Kirche hingegen sah sich nach 1945 mit der Flucht ihrer Würden-

träger, alleingelassenen Gläubigen und dem daraus folgenden moralischen

Dilemma konfrontiert.10

Wollten die Kirchen in der Nachkriegszeit die Gräueltaten, die von

sowjetischen Soldaten verübt wurden, dokumentieren, mussten sie ein

doppeltes Tabu brechen. Einerseits musste der Mythos, dessen Implemen-

tierung in der Öffentlichkeit bereits in vollem Gange war, gebrochen wer-

den, wonach die sowjetische Armee Frieden ins Land brachte und keine

Gewalt; andererseits setzte nach 1945 ein von der kommunistischen Partei

lancierter Ideologiekampf ein, in dem die Kirchen als die Vertreterinnen

von reaktionärer Politik stigmatisiert wurden, womit ihre Möglichkeiten,

im öffentlichen Raum zu agieren, weiter eingeengt wurden.11 Die kirch-

lichen Quellen aus dieser Zeit, deren Erschließung erst vor Kurzem be-gann, sind von Schlüsselbedeutung.12 Über die Kriegsverluste erschienen

schon Quelleneditionen zu den Bistümern von Székesfehérvár, Győr, Szat-

már und zuletzt von Veszprém. 13

 

10 Csaba Fazekas: A második világháború interpretációja a Magyarországi Református

Egyházban, in: Egyháztörténeti Szemle 17, 4 (2016), S. 95-122.

11 Gyula Perger (Hg,.): »… félelemmel és aggodalommal …« Plébániák jelentései a

háborús károkról a Győri Egyházmegyéből 1945. Győr, 2005.

12 Gábor Bánkuti: A frontátvonulás és a diktatúra kiépülésének egyházi recepciója, in:

Gábor Csikós, Réka Kiss, József Ö. Kovács (Hg.): Váltóállítás: diktatúrák a vidéki Magyarországon 1945-ben (Magyar vidék a 20. században I). Budapest, MTA BTK, NEB, 2017, S. 411-424. Ich bedanke mich bei Bánkuti Gábor für seine Hilfe.

13 Gergely Mózessy (Hg.): Interarma, 1944–1945. Fegyverek közt. Válogatás a második

világháború egyházmegyei történetének forrásaiból (in: Források a Székesfehérvári Egyházmegye történetéből 2). Székesfehérvár, Székesfehérvári Püspöki és Theoretischer Hintergrund 19

 

Wichtige archivalische Quellen der katholischen Kirche sind die Histo-

riae Domus, die von Pfarrern geführten Tagebücher der Kirchengemein-

den, ferner die Kriegsschadensberichte sowie Berichte, die die Pfarrer auf

Anweisung der Kirchenleitung verfassten, ferner die Dokumente der Bis-

tümer und der leitenden Organe der Kirchen. Sie zeigen, was die Mitarbei-

ter der Kirche über Massenvergewaltigungen dachten und wie sie die »un-

gewöhnlichen Ereignisse« gemäß der Vorschriften ihrer Vorgesetzten und in der Terminologie der jeweiligen Konfession nachträglich dokumentier-

ten. Jedoch hielten die Pfarrer und Pastoren vor Ort nicht jedes Ereignis

fest, zu dem sich die Zivilbevölkerung mit ihren Anschuldigungen im Zu-

sammenhang mit Gräueltaten von sowjetischen Soldaten oder um Rat an

die Vertreter der Kirche wandte. Sie hatten kein Interesse daran, dass sol-

che Gespräche schriftliche Spuren hinterließen. Und wenn sie es dennoch

protokolliert haben, sind diese Aufzeichnungen nicht unbedingt erhalten

geblieben, da die Unterlagen ein mitunter sehr abenteuerliches Schicksal

durchliefen. In den Archiven der christlichen Kirchen finden sich zahlrei-che Berichte, in denen Pfarrer bzw. Pastoren eingestanden, wie schwer es

ihnen fiel, gläubigen Frauen religiöse Beratung zu geben, die nach einer

Vergewaltigung schwanger geworden waren und sich für einen Schwan-

gerschaftsabbruch entschieden.

Erst kürzlich erreichten die Taten von katholischen Märtyrern, die ver-

suchten, Frauen vor Gewalttaten zu retten, eine breitere Öffentlichkeit. Im

März 1945 wurde beispielsweise Vilmos Apor, der Bischof von Győr, getö-

tet, weil er die Frauen, die in seiner Kirche Zuflucht suchten, unter seinen

persönlichen Schutz stellte.14 Seine Seligsprechung erfolgte jedoch erst viel

 

káptalani Levéltár, 2004; Perger: »…félelemmel és aggodalommal …«; Csilla Muhi – Lajos Várady (Hg.): »A múltat be kell vallani …« Szatmár egyházmegye papjainak visszaemlékezései a második világháború helyi eseményeire és más háborús dokumentu-mok. Szatmárnémeti, Szatmári Római Katolikus Püspökség, 2006; Szabolcs Varga: A plébániai levéltárak forrásértéke a pécsi egyházmegyében, in: Szabolcs Varga – Lázár Vértesi (Hg.): A magyar egyháztörténet-írás forrásadottságai. Egyháztörténeti kutatások levéltári alapjai különös tekintettel a pécsi egyházmegyére (Seria Historiae Dioecesis Quinque ecclesiensis 2). Pécs, Pécsi Püspöki Hittudományi Főiskola Pécsi Egyháztörténeti Intézet, 2012, S. 135-161; Tibor László Varga (Hg.): Folytonos fegyverropogás közepette. Források a veszprémi egyházmegye második világháborús veszteségeiről I. (A veszprémi egyházmegye múltjából 27). Veszprém, Veszprémi Főegyházmegye, 2015; Dr. Imre Csepregi: Napló 1. 1944–1946. Makó, Makó Város Önkormányzata 2011. http://www.sulinet.hu/oroksegtar/data/egyhaztortenet/dr_ csepregi_imre_naplo_1_1944_1946/index.htm; Grősz József kalocsai érsek naplója 1944–1946. Herausgegeben von József Török. Budapest, Szent István Társulat, 1995.

14 Viktor Attila Soós: Apor Vilmos vértanúsága, in: Rubicon 2 (2014), S. 57-59.

20 Einleitung

 

später, am 9. November 1997. Kornél Hummel (1907–1945) wurde im Bu-

dapester Vakok Intézete (Institut für Blinde) erschossen, als er einem blin-

den Mädchen helfen wollte, der Gewalt eines sowjetischen Soldaten zu

entkommen. Der Fall erhielt vor Kurzem mit dem sensationsheischenden

Titel »Der Märtyrer des Glaubens und sein Mörder« in der ungarischen

Onlinepresse breitere Aufmerksamkeit. 15 Diese Art von Narrativ, das Frauen

als passive Opfer darstellt und im Zusammenhang mit einem Sexualdelikt von Märtyrertum spricht, ist das Ergebnis der bereits erwähnten erinne-

rungspolitischen Wende.16 Die Opfer von sexueller Gewalt selbst sprechen

in unterschiedlichen Interpretationsrahmen darüber, was ihnen widerfah-

ren ist. Das religiös gerahmte Narrativ des Märtyrertums ist auch in Polen

dominierend,17 während es in Deutschland im Zusammenhang mit Verge-

waltigungen nicht vorkommt. Das Beispiel von Polen zeigt jedoch unzwei-

felhaft, dass es förderlich ist, damit die Betroffenen erzählen können, was

ihnen zugestoßen ist.18

Neben dem Mangel an Quellen und dem Wandel des Interpretations-

rahmens sind es gravierende regionale Unterschiede, die es zusätzlich er-schweren, zu allgemeingültigen Erkenntnissen über sexuelle Gewalttaten

im Zweiten Weltkrieg zu gelangen. Selbst ein und dieselbe Einheit konnte

sich in den einzelnen Regionen des Landes unterschiedlich verhalten. In

Kecskemét oder in Székesfehérvár zogen die Truppen wegen der lang an-

haltenden Kämpfe um Budapest mehrmals durch, deshalb kam es hier für

längere Zeit tagtäglich zu Vergewaltigungen und Plünderungen.19 Für

denselben Zeitraum sind in Hódmezővásárhely keinerlei Archivquellen auf-

findbar, die auf sexuelle Gewalthandlungen hinweisen. Daraus lässt sich

natürlich nicht schließen, dass es dort zu keinen Vergewaltigungen kam, es

 

15 Krisztián Nyáry: A hit vértanúja és szovjet gyilkosa, in: Index, 3. 9. 2017. https://

index.hu/tudomany/tortenelem/2017/09/03/a_hit_vertanuja_es_szovjet_gyilkosa/

16 Die Liste der Geistlichen-Opfer siehe in: Attila Horváth: Egyházi áldozatok. Ru-

bicon 2 (2014), S. 58.

17 Marcin Zaremba: Wielka Trwoga Polska 1944–1947, Wydawnictwo Znak, Instytut

Studiów Politycznych PAN, 2012 (das Kapitel »Ich habe schreckliche Angst vor ih-nen« befindet sich im Priginalbuch, S. 158-184. Ich danke dem Autor, dass er mir die unfertige, noch unpaginierte englische Übersetzung zur Verfügung gestellt hat).

18 Bożena Karwowska: Gwałty a kulturakońcawojny, in: Zbigniew Majchrowski,

Wojciech Owczarski (Hg.): Wojna i postpamiec. Wydawnictwo Uniwersytetu Gdańskiego, 2011, S. 163-171.

19 Róbert Rigó (Hg.): Sorsfordító évtizedek Kecskeméten. Kecskemét, Kecskemét

Írott Örökségéért Alapítvány és a Neumann János Egyetem Pedagógusképző Kar Hely- és Családtörténeti Kutatóműhely, 2017.

Theoretischer Hintergrund 21

 

bedeutet lediglich, dass keine diesbezüglichen Quellen überliefert wurden.20

Über die Gewalttätigkeiten von Fahnenflüchtigen oder von Soldaten, die

von ihren Truppen getrennt worden waren, blieben ebenfalls keine Quellen

erhalten. Gleiches gilt für die Gewalttaten von Offizieren, die in leeren, ge-

räumten oder eben in bewohnten Wohnungen einquartiert wurden.

Die Frage der sexuellen Gewalt während des Zweiten Weltkriegs wird oft

losgelöst von der Holocaustforschung behandelt. Joan Ringelheim bezeich-nete den Holocaust als den »great victim equaliser«, den großen Opfer-

Gleichmacher, und damit meint sie, dass es keine Opferhierarchie gebe.21

Annette Timm konnte mit Verweis auf die Geschichtsschreibung des Ho-

locaust zeigen, wie die Geschichte der Sexualität – nicht ohne jeden Kampf

und Widerstand – zum unausweichlichen Teil des historischen Narrativs

wurde. Im Großteil der Holocaustforschung jedoch bleibt die sexuelle Ge-

walt als tabuisiertes Thema in der Regel unerwähnt. Zwei innovative me-

thodische Ansätze brachten eine Veränderung hervor. Erstens setzte sich die

Erkenntnis durch, dass es durchaus möglich ist, dass ein Ereignis, das durch

keinerlei schriftliche Quelle überliefert ist, trotzdem passiert sein konnte. Demzufolge verschob sich der Schwerpunkt der Analyse langsam vom Stu-

dieren der Unterlagen zur Anerkennung der Opfererzählungen. Mit den

Überlebenden wurden neue Interviews geführt, ihre Erinnerungen publi-

ziert und zu ihrer Analyse wurden interdiszip linäre Methoden herange-

zogen. Die zweite Neuerung bestand in der Erkenntnis der zentralen Rolle

von sexueller Gewalt in der Kriegsgeschichte. Die SS- und Wehrmachtan-

gehörigen brachten eine militaristische Subkultur hervor, die bis dahin ak-

zeptierte Grenzen der Sexualität infrage stellte und die Sexualität selbst zu

einem Werkzeug ihrer Macht nutzte. Dabei ist die Forschung der Vergewal-

tigungen durch SS- und Wehrmachtangehörige von den theoretisch-me-thodologischen Neuerungen der Holocaustforschung geprägt. So unter-

sucht diese neue Fachliteratur auch die Kriegsgeschehnisse der europäischen

Geschichte im Spiegel von Gewalt, Leid und Emotionen, was dazu beiträgt,

dass es unter den gegebenen besonderen Umständen zur Umwertung der

komplexen Beziehung zwischen Opfer und Täter kommt.22

 

20 Péter Bencsik: Hódmezővásárhely politikai élete 1944-1950 között (Emlékpont Kö-

nyvek 8). Hódmezővásárhely, Tornyai János Múzeum és Közművelődési Központ, 2018.

21 Joan Ringelheim: Genocide and Gender. A Split Memory, in: Lentin, Ronit (Hg.):

Gender and Catastrophe. London, Zed, 1997, S. 21.

22 Annette F. Timm: The of Including Sexual Violence and Transgressive Love in

Historical Writingon World War II and the Holocaust, in: Journal of the History of Sexuality 26.3 (2017), S. 351-365.

22 Einleitung

 

Dass bestimmte Themen nicht erforscht wurden, lag also tatsächlich nie

daran, dass keine Quellen zur Verfügung gestanden hätten. Die Überleben-

den erzählten in Interviews, die kurz nach dem Holocaust, in den 1940er-

Jahren, aufgenommen wurden, mit fotografischer Detailliertheit über die

erlittenen Demütigungen in den Lagern und die sexuellen Gewalttaten

nach der Befreiung. Und auch die Geschichten der Judenretter enthalten

verschwiegene Details, etwa wenn versteckte Jüdinnen als Gegenleistung für ihr Leben sexuelle Belästigungen seitens ihrer Retter erduldeten. Dar-

über durfte in der Nachkriegszeit jedoch nicht gesprochen werden, es galt,

»die guten Menschen« zu finden, die Juden gerettet hatten. Joan Ringel-

heim schildert, wie es ihr erging, als sie 1982 ein Interview mit einer Über-

lebenden führte, und diese ihr von erlittener sexueller Gewalt erzählte: »Es

ist klar, dass ich darauf nicht vorbereitet war, was sie mir sagen wollte.«23

Diese Interviews mit Überlebenden verdeutlichen, dass bereits die Fragen

an sie so formuliert wurden, dass sie nicht über ihre Erlebnisse erzählen

konnten. Die Öffentlichkeit wollte über ihr Leid nichts erfahren. Diese

Haltung änderte sich erst nach dem Eichmann-Prozess. Allmählich beka-men die weiblichen Überlebenden den nötigen Raum, um ihre Erlebnisse

selbst zu erzählen. Auch ist es nicht länger Usus, dass die Ereignisse, statt

die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, anhand der vorhandenen Un-

terlagen rekonstruiert und die Geschehnisse von (männlichen) Historikern

interpretiert werden. 24 Schließlich entstand während der jugoslawischen

Kriege zwischen 1991 und 1996 im Zusammenhang mit den Reaktionen

wissenschaftlicher, politischer und menschenrechtlicher Organisationen

auf die Massenvergewaltigungen endlich auch ein Wortschatz, mit dem

man in diesem neuen öffentlichen Raum über Kriegsvergewaltigungen

sprechen musste und konnte.25

Ein weiteres methodisches Problem ergibt sich aus der epochalen Kate-

gorisierung in der Geschichtsschreibung. Was für Historikerinnen und

Historiker oder im Katalog einer Bibliothek nachträglich als der Beginn

einer neuen historischen Epoche gilt, ist für die Menschen, die damals und

dort lebten, nur der nächste Tag in ihrem Leben. Sándor Sára stellt in

seinem Spielfilm mit kühler Rationalität dar, wie die Familie den Krieg er-

lebt, der für sie damit beginnt, dass der Sohn zum Militärdienst eingezo-

gen wird, und fährt damit fort, dass »die Unseren« vor den vormarschieren-

 

23 Ringelheim, Genocide and Gender, S. 26.

24 Andrea Pető: Digitalized Memories of the Holocaust in Hungary in the Visual

History Archive, in: Randolph L. Braham, András Kovács (Hg.): Holocaust in Hungary 70 years after. Budapest, CEU Press, 2016, S. 253-261.

25 Timm, Challenges, S. 354.

Theoretischer Hintergrund 23

 

den Sowjets in den Westen fliehen. Dass mit »die Unseren« die deutschen

Besatzertruppen gemeint sind, wird im Film mit keinem Wort erwähnt.

Auch die Familie reflektiert das nicht. Die deutschen Besatzer kamen als

Verbündete nach Ungarn, und die Zivilbevölkerung im Film hatte schein-

bar kein Problem mit einer kurzweiligen militärischen Besatzung. Die

Familie im Film – wie auch viele andere ungarische Familien im blutigen

Endspiel des Krieges – wog sich in der Illusion ihrer alltäglichen Routinen. Sie war nicht darauf vorbereitet auf das, was demnächst passieren würde.

Auch wenn sie sich durchaus bewusst war, dass Frauen auf einem verlasse-

nen Bauernhof nicht sicher waren, werden von drei Mädchen nur zwei im

herge richteten Unterschlupf versteckt. Und die einmarschierenden sowje-

tischen Truppen agieren tatsächlich genau so, wie es die deutsche und un-

garische Kriegspropaganda prophezeit hatten.

Die erhalten gebliebenen kirchlichen Quellen geben auch darüber Auf-

schluss, was die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen über die veränderte

neue historische Situation26 dachten. Die Aufzeichnungen der Pfarrer hal-

ten die Erfahrungen der einfachen Menschen fest, etwa wie sie der Roten Armee begegneten, über die sie in den vorangehenden Jahrzehnten so viel

Schlimmes gehört hatten. Die deutsche Besatzung verursachte augen-

scheinlich keine besonderen Unannehmlichkeiten, und aus den Quellen

wird deutlich, dass – genauso wie in den Erinnerungen der nicht jüdischen

Zeitzeugen – der Krieg auch für sie erst wirklich begann, als sie dem ersten

sowjetischen Soldaten begegneten. Die folgende skizzenhafte Schilderung,

wie die ländliche Bevölkerung die einmarschierenden Rotarmisten erlebte,

erscheint in diesem Zusammenhang als typisch:

 

»Ein Zweig ist auf dem Vormarsch Richtung Dombóvár. Von Zobák

aus halten sie die Landstraße von Mánfa nach Magyarszéki mit Minen-

werfern unter Feuer, und damit stören sie die Deutschen, die führen

sich wie Gesindel auf und sind dabei sich zurückzuziehen ! Äußerste

Spannung Tag und Nacht ! Die lokalen zerstörerischen Elemente, die

›Genossen‹, diskutieren den Empfang, die roten Fahnen tauchen auf, sie

erwarten die »Befreier« (??!!), und diese kommen aus der Richtung von

Zobák, und am 30. November 1944 vormittags um 9.45 Uhr zieht ein

Bataillon von Russen mit einstimmigem Gesang durch das Dorf, und

wo sie vorbeigingen, freuten sich die zweifelhaften Elemente, aber nur

solange, bis dank der Befreier Uhren und sonstige Wertgegenstände den

Besitzer gewechselt haben ! Was könnte man über dieses Volk schreiben??

 

26 Gemeint ist die Machtübernahme der Ungarischen Kommunistischen Partei und

die Etablierung des sozialistischen Gesellschaftssystems. (Anm. d. Übers.)

24 Einleitung

 

Nur so viel, dass sie zu Hause, im großen Russischen Reich auf einem

niedrigeren Niveau gelebt haben mussten als die Urmenschen in ihrem

primitiven Leben. Ihr Lebensniveau ist unter Null, aber richtig tief dar-

unter ! Die Unentwickeltheit [sic !] ihres Denkvermögens erstreckt sich

auf nichts anderes als auf das wüste Gelage, die Frau und das Stehlen.

Ob Gefreiter oder Major, ihr höchster Wunsch ist: enorm viel essen,

noch mehr trinken, Geschlechtsverkehr, mangels Frau auch mit Tieren

(Das ist in Komló tatsächlich passiert !!) Uhren, 6-8 Stück auf den Tisch

legen. [sic !]

Bei uns ist der Unteroffizier schon jemand, der Offizier ein Be-

griff – da drüben sind alle gleich: Tiere ! Komló kam bei der ›Befreiung‹

verhältnismäßig heil davon, einige Uhren verschwanden, die Pferde des

Bergwerks und der Dorfleute wurden mitgeschleppt, es gab keinen To-

desfall. Das haben wir dem Umstand zu verdanken, dass wir nicht an

der Durchmarschroute waren, und die ›Genossen‹ hatten so kaum Ge-

legenheit das wahre Ich der Russen kennenzulernen !«27

 

Die militärische Besatzung löste in der Zivilbevölkerung Apathie und ein

Gefühl von Hilflosigkeit aus. Die anschließende kommunistische Macht-

übernahme, die von Gesetzesübertretungen und Straftaten begleitet war,

zeichnete sich ebenfalls durch eine gewisse Teilnahmslosigkeit aus. Im Film

von Sándor Sára schauen »die Unseren« den Deportationsmarsch der ört-lichen Juden genauso teilnahmslos zu, wie die jungen so wjetischen Sol-

daten sie betrachten, als sie ihnen die Uhren und Tiere abnehmen und am

Abend zurückkommen, um die Frauen zu holen. Später sehen sich die, die

vorerst nicht verschleppt wurden, aber nie sicher sein konnten, dass sie

nicht noch verschleppt werden, diejenigen an, die in die Sowjetunion zur

Zwang sarbeit verschleppt oder die, die nach Deutschland oder in die Tsche-

choslowakei ausgesiedelt werden. Dieses ohnmächtige Schweigen des gleich-

mütig erscheinenden Individuums und die fortwährende Gewalt sind

typische Folgen von militärischen Besatzungen.28 Wer Widerstand leistet,

wird vernichtet, so wie der Sohn der Familie durch eine sowjetische Kugel stirbt bei dem Versuch, seine Schwester zu schützen. Und diejenigen, die

sich gegen sexuelle Gewalt wehrten, wurden vom sowjetischen Militärge-

richt verurteilt, damals in Ungarn die einzige Gerichtsbarkeit.

Weitere Probleme ergeben sich aus der Widersprüchlichkeit der sexuel-

len Gewalt selbst: Die Geschichte einer Vergewaltigung können oder wol-

 

27 Zitiert nach Bánkuti, A frontátvonulás, S. 414.

28 Hsu-Ming Te: The Continuum of Sexual Violence in Occupied Germany, 1945–

49, in: Women’s History Review 5.2 (1996), S. 191-218.

Theoretischer Hintergrund 25

 

len selbst die Opfer nicht erzählen, da es ihnen dazu an Vokabular oder

Menschen, die bereit sind, ihnen zuzuhören, mangelt. Auch der Film von

Sándor Sára thematisiert, wie der mit mehr oder weniger durchschlagen-

dem Erfolg aufgebaute Mythos von der Roten Armee als Befreier die

vergewaltigten Frauen bereits während der Kämpfe unsichtbar machte, in-

dem er ihre Geschichten tabuisierte. Das gilt auch für die im Verlauf der

Kampfhandlungen vergewaltigten sowjetischen Soldatinnen, sie standen ja ebenfalls ganz unten in demselben Machtsystem, und sie verfügten nur

über wenig mehr Möglichkeiten, sich zu wehren, als die Ungarinnen. Aus

diesem Grund wird die Geschichte der sowjetischen Soldatinnen in einem

eigenen Kapitel untersucht.

Die Ungarinnen sprachen über die Vergewaltigungen auch in der eigenen

Familie nicht. Es stimmt wohl, dass es ihnen an Worten dazu fehlte, aber

vor allem hüteten sie sich davor, weil es einen Makel für ihre gesellschaftliche

Position bedeutet hätte. Die Opfer distanzierten sich von dem Geschehenen

und erzählten ihre eigene Geschichte so, als wäre sie jemand anderem pas-

siert. Auch die Zeugen im Film, ein altes Lehrerehepaar, bei denen sowje-tische Offiziere einquartiert wurden, wandten sich ab und schwiegen. Sie

waren nicht bereit, ihr Leben für zwei Mädchen aufs Spiel zu setzen. László

Dobos schreibt über den Film: »Die Anklage ist der Schrei des Todes. Da es

keine andere moralische Vergeltung gibt, sind wir auf diese angewiesen.«29

Das Vergehen bleibt ungestraft, weil es in einem historischen Moment keine

Alternativen gab als ungesühnt zu bleiben, und das hatte weitreichende Fol-

gen für die Neustrukturierung der Gesellschaft nach dem Krieg.

Ein weiteres methodisches Problem ergibt sich aus der Beschaffenheit

von sexueller Massengewalt unter Kriegsverhältnissen. Sexuelle Gewalt ist

überall auf der Welt und zu allen Zeiten Bestandteil von kriegerischen Konflikten gewesen, aber die spezifischen Merkmale lassen sich nur her-

ausarbeiten, wenn die einzelnen Fälle in ihrem historischen Kontext ana-

lysiert werden. Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller machten auf die

Problematik des methodologischen Nationalismus für die Forschenden

aufmerksam, wonach der Nationalstaat als Analyserahmen auch nur Sach-

verhalte innerhalb desselben sichtbar machen kann.30 Dieses Manko ist be-

sonders gravierend für die Analyse eines transnationalen Phänomens wie

die durch Rotarmisten verübte sexuelle Gewalt. Wie bei allen historischen

 

29 László Dobos: Sára Sándor Vád című filmjéről.

30 Andreas Wimmer, Nina Glick Schiller: Methodological Nationalism and Beyond:

Nation-State Building, Migration and the Social Sciences, in: Global Networks 2.4 (2002).

26 Einleitung

 

Ereignissen von transnationaler Relevanz, hier dem Zweiten Weltkrieg,

wäre es zu kurz gesprungen, wenn sich die Analyse auf den nationalstaat-

lichen Rahmen beschränken würde. Die existierenden Fallstudien der For-

scherinnen und Forscher zu Vergewaltigungen während des Zweiten Welt-

kriegs behandeln das Phänomen jedoch nur selten in einem vergleichenden

Rahmen. Der vorliegende Band soll deshalb die ungarischen Ergebnisse im

Spiegel der internationalen Forschung zeigen.

Wissenschaftliche Debatten werden auch über die Frage geführt, warum

manche Soldaten oder Armeen Massenvergewaltigungen begehen. Die

For schungsarbeiten, von denen es in Ungarn neuerdings erfreulicherweise

immer mehr gibt, und der Diskurs, der sich in der Öffentlichkeit zu ent-

falten beginnt, analysieren die sexuelle Gewalt jedoch oft vereinfachend.

Viele betrachten Kriegsvergewaltigungen als bloß eine weitere Waffe in der

Hand der Politiker und der militärischen Führung, die sie anwendeten, um

bestimmte Volksgruppen bewusst zu bestrafen. Das wird in der Fachlite-

ratur als intentionalistische Deutung bezeichnet, sexuelle Gewalt wird hier

ethnisiert. Diesem Ansatz zufolge wurden die Vergewaltigungen von »Rus-sen« gegen »Ungarinnen« verübt. Das bedeutet, die Ausübung sexueller

Gewalt wird mit einer vermeintlich homogenen Volksgruppe in einen Zu-

sammenhang gestellt. Dieser Deutung wird eine andere gegenübergestellt,

die sexuelle Gewalt als Machtinstrument versteht, das prägend für das ge-

sellschaftliche Geschlechterverhältnis ist. In dieser Deutung ist sexuelle

Gewalt eine Kriegswaffe, die Männer gegenüber Frauen einsetzen, um ihre

Macht zu behaupten. Bei diesem Ansatz ist die sexuelle Gewalt eine struk-

turelle, der männlichen Herrschaft eigene, und es wird angenommen, dass

potenziell jeder Soldat dazu fähig ist, aus der Struktur und den Werten des

Militarismus heraus, sexuelle Gewalt zu verüben. Deshalb nennt man die-sen Ansatz strukturalistische Interpretation.

Eine Analyse der sexuellen soldatischen Gewalt läuft leicht Gefahr, auf

eine Objektbeziehung verengt zu werden: Der Soldat vergewaltigt die

Frau. Die Frau wird also als Opfer betrachtet, in ihrer Tragödie findet

die Gemeinschaft als Ganze, die ganze Nation (sprich: »die Ungarn« oder

»die Deutschen«), ihren Ausdruck. In diesem Band argumentiere ich, dass

eine solche, vereinfachende Analyse gefährlich ist. Die Formulierung, dass

sowjetische Soldaten ungarische Frauen vergewaltigten oder japanische

Soldaten koreanische Frauen, verschleiert den strukturell von Macht ge-

prägten Wesenskern des Phänomens. Diese intentionalistische Deutung ist gleich aus zwei Gründen gefährlich. Zum einen verdeckt sie den Blick auf

das strukturelle Element der sexuellen Gewalt und verhindert damit auch

langfristig Initiativen gegen jegliche Form von Gewalt. Zum anderen Konklusionen 27