Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Anerkennung der Kriegsvergewaltigungen im Rechtswesen

 

Die Digitalisierung erreichte auch die russischen Archive, aber das passierte

nicht frei von erinnerungspolitischen Kämpfen: Die Bewahrung der Erin-

nerung der Helden des Zweiten Weltkriegs hat stets Priorität. Im Septem-

ber 2012 veröffentlichte der Nutzer »allein« im Internet Dokumente aus

der öffentlichen Sammlung des Verteidigungsministeriums der russischen

Föderation. 91 Die Unterlagen des 3. Kriegsgerichts der 26. Armee sind auf den 19. April 1945 datiert, und das Original befindet sich in der 5. Abtei-

lung des Archivs des Verteidigungsministeriums der Russischen Födera-

tion.92 Theoretisch sollten ähnliche Unterlagen auf der Webseite von OBD-

Memorial zu finden sein, aber sie sind noch nicht (oder nicht mehr)

zugänglich. Diese Unterlagen sind im Archiv nur für jene abruf bar, die

einen Verwandtschaftsgrad zu den erwähnten Personen der jeweiligen Ar-

chivbestände nachweisen können. Dieser Schutz von Persönlichkeitsrech-

ten hat zur Folge, dass die Forschung vereitelt wird, denn es ist schwierig,

die Namen der Soldaten herauszufinden, und selbst wenn man Namens-listen der einzelnen Einheiten zur Verfügung hätte, wäre einem nicht ge-

holfen, denn nicht jeder Soldat beging auch eine Straftat, für die er vor ein

Kriegsgericht gestellt wurde. In der zugänglichen Sammlung finden sich

auch Unter lagen, die bezeugen, dass Gräueltaten gegen Ungarinnen verübt

wurden, unter anderem kann man sich auch einen Einblick in ein Urteil

des Kriegsgerichts verschaffen, das in der Angelegenheit der Vergewalti-

gung eines neunjährigen Mädchens und des Mordes an einer Frau gefällt

wurde.93 Es scheint die verbreitete Vorstellung zu widerlegen, dass Täter

entweder an Ort und Stelle erschossen wurden oder unbestraft davonka-

men. Das Dokument, von dem nur eine einzige Seite im Internet veröf-

fentlicht wurde, beweist, dass der Disziplinierungsmechanismus in der Ro-ten Armee durchaus funktionierte: Wer die militärischen Vorschriften

verletzte, landete mitunter auch vor einem Kriegsgericht. Das führt zu der

Frage, von wem, wie und für welche Straftaten jemand vor ein Kriegsge-

richt gestellt wurde. Und für wen wurde die streng vertrauliche Sammlung

zusammengesucht? War dieses strenge Urteil typisch? Wurde es vollstreckt?

Diese Fragen lassen sich erst beantworten, wenn es möglich wird, in den

 

91 Ɉɛɨɛɳɟɧɧɵɣ ɛɚɧɤ ɞɚɧɧɵɯ ªɆɟɦɨɪɢɚɥ© http://www.obd-memorial.ru/html/

default.htm

92 Ⱦɨɧɟɫɟɧɢɟɨɛɟɡɜɨɡɜɪɚɬɧɵɯɩɨɬɟɪɹɯ. http://www.obd-memorial.ru/html/info.htm?

id=4388906&page=3

93 ɂɧɨɝɞɚɫɨɜɟɬɫɤɢɣɫɭɞªɩɪɨɹɜɥɹɥɧɟɨɛɴɹɫɧɢɦɵɣɝɭɦɚɧɢɡɦ… 10. 9. 2012. http://

allin777.livejournal.com/166277.html Anerkennung der Kriegsvergewaltigungen im Rechtswesen 211

 

sowjetischen Militärarchiven systematische Forschungen zu betreiben. Aus

dem zusammenfassenden Dokument – zu dem offensichtlich auch Unter-

lagen der einzelnen Prozesse gehören – geht hervor, dass Vergewaltigungen

offenbar gelegentlich gemeldet wurden, und die Täter wurden zu zehn Jah-

ren Haft in einem Straflager verurteilt. Aufgrund der fehlenden Forschung

kann man nur Vermutungen über die Funktionsweise der sowjetischen Ar-

mee und das Leben der Soldaten anstellen. Eine intensive Forschung könnte den Diskurs zukünftig verändern.

Auch in den ebenfalls lückenhaft überlieferten bzw. zugänglichen

Berichten über die Kriegsoperationen finden sich Spuren, die im Zusam-

menhang mit dem Verhalten der sowjetischen Soldaten stehen, das nicht

unbedingt den Erwartungen entsprach und die Effektivität der Armee ge-

fährdete.94

 

»[…] 03. 2. 1945. Dem Leutnant SANDAKOW, Patrouillenleiter vom

lokalen Zivilisten SÁNDOR GUTMAN in Erfahrung gebracht, dass

unbekannte Soldaten jeden Tag zum Bäcker gehen, um das für die Ein-

wohner des Dorfes gebackene Brot an sich zu nehmen. Um 14:30 Uhr

schickte der Patrouillenleiter eine Einsatzgruppe von vier Soldaten hin,

so wurden 3 Soldaten verhaftet. Beim Verhör der Verhafteten wurde

festgestellt, dass es sich um Angehörige der 244 Mann starken Truppe

des Hauptfeldwebels A. A. POGREBNJAK handelte, die als Ersatz aus

dem Kriegskrankenhaus Nr. 2363 zur Versorgungsbataillon des 6. Pan-

zerkorps umgeleitet wurde. Leutnant SANDAKOW ging mit seinem ge-

samten Personalbestand zum Aufenthaltspunkt der genannten Truppe

und stellte fest, dass sich diese in einem Bordell aufhielt, zusammen mit

den dazu gehörigen Frauen. Da es keine Offiziere gab, verlief sich der

gesamte Personalbestand der Truppe in der Stadt, und 5 ganze Tage lang

zechten, raubten, plünderten und traten sie gewalttätig auf. Nachdem

Leutnant SANDAKOW die gesamte Gruppe festgenommen hatte,

schickte er sie unter Aufsicht einer Kolonne zum Kommandanten des

7. Bezirks von Pest, und gegen Unterschrift übergab er sie dem Vertreter

 

94 Ich danke Márton Ványai, dass er mich auf diese Quelle aufmerksam machte.

Operationsbericht des Grenzschutzregiments 128 der 2. Ukrainischen Front vom 4. 2. 1945 bis 24.00 Uhr. Zugänglich hier: https://pamyat-naroda.ru/documents/vi ew/?id=132313501&backurl=division5C128 20 D0 BFD0 BED0 B3  D1 80 D0 B0 D0 BD.::begin_date5C03. 2. 1945::end_date5 C04. 2. 1945::use_main_string5Ctrue::group5Call::types5Copersvodki:raspo ryajeniya:otcheti:peregovori:jbd:direktivi:prikazi:posnatovleniya:dokladi:raporti: doneseniya:svedeniya:plani:plani_operaciy:karti:shemi:spravki:drugie&static_ha sh=42744db07687e48200786e9e6578dfdbv5

212 Schweigen und Verschweigen

 

des 6. Panzerkorps Oberstleutnant KERNOS, der schon seit 10 Tagen

auf der Suche nach der Truppe war.«

 

Verständlich, dass die abkommandierten, als »Ersatz« führungslosen Sol-

daten die Zeit lieber im »Freudenhaus« verbrachten, als Richtung Berlin

weiterzuziehen.

Die Analyse der im Internet zugänglichen russischsprachigen Quellen

zeigt, dass das Interesse am Thema, auch wenn NGOs und feministische

Organisationen nicht mit einberechnet werden, im russischsprachigen

Internet wächst. Die Frage ist, inwieweit der Diskurs der Vergewaltigun-

gen, die von den Soldaten der Roten Armee verübt wurden, die verein-

fachenden intentionalistischen und strukturalistischen Erklärungsprinzi-pien überholen kann. Was vorerst als typisch für die Unterlagen, die im

Internet zugänglich sind, konstatiert werden kann, ist die Ethnisierung der

Roten Armee und die Rückkehr der beschwörenden Rhetorik des Kalten

Kriegs. Veränderungen im gegenwärtigen Diskurs könnte nur eine auf Ar-

chivforschungen basierende, anhand von methodisch adäquater Verarbei-

tung der Quellen des sowjetischen Militärs erstellte Monografie bewirken,

die ohne Hexenjagd auskommt. Hoffentlich lässt ein solches Werk nicht

mehr lange auf sich warten.