Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
Typologie der
Kriegsvergewaltigungen
und ihre Ursachen
Im Laufe der letzten Jahre waren die Forscherinnen und Forscher von
Kriegsvergewaltigungen bestrebt, über die reine Dokumentation hinaus-
zugehen, und sie versuchten, neue theoretisch-methodische Rahmen zu definieren. Der Begriff der sexuellen Gewalt beinhaltet schließlich nicht
nur den Akt des gewaltsam erzwungenen Beischlafs, dazu gehören auch se-
xuelle Demütigung, sexuelle Folter, Verstümmelung der Genitalien und
Sexsklaverei, die die Opfergruppe zunächst stigmatisiert und demütigt und
sie in der Folge marginalisiert und der Vergessenheit preisgibt. Die Frau
war in ihrer Funktion als Mutter und Ehefrau verantwortlich für den
Wohlstand der Gemeinschaft, ihre Sexualität wurde entlang der Gender-
vorstellung des Mannes definiert. Eine Verletzung der Ehre der Frau zog
also auch den Mann in Mitleidenschaft und in der Folge die Gesellschaft
als Ganzes. Aus dieser besonderen Konstellation folgt, dass die Frau in militärischen Konflikten zur militärischen Zielscheibe wird. Die Rote Ar-
mee zog relativ zügig durch Ungarn, deshalb kam es von den oben aufge-
zählten Sexualverbrechen hauptsächlich zu Vergewaltigungen, vereinzelt
wird jedoch auch über Fälle von Sexsklaverei berichtet.
Cynthia Enloe unterscheidet drei Arten der Vergewaltigungen durch
Angehörige des Militärs. Bei zweien davon – bei den sogenannten Verge-
waltigungen zum Schutz der Nation und bei den strukturell bedingten
Massenvergewaltigungen – ist sexuelle Gewalt als Kriegswaffe zu verste-
hen. Die dritte Art ist die rekreative Vergewaltigung.1 In ihren Erinne-
rungen berichten polnische Frauen, dass sich die sowjetischen Soldaten so verhielten, als hätten sie nach der langen Zeit der Kämpfe zur eigenen Er-
holung von den Strapazen ein Recht auf den Körper der Frauen.2
Die Ursachen der sexuellen Gewalt können im archaisch-patriarchalen
bzw. im ideologisch-nationalen Rahmen diskutiert werden. Die von sowje-
1 Cynthia Enloe, Maneuvers: The International Politics of Militarizing Women’s Lives.
Berkeley, University of California Press, 2000, S. 111, 123, 132. 2 Zaremba, Wielka Trwoga.
80 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
tischen Soldaten verübte sexuelle Gewalt kann je nach bestehendem
Machtverhältnis in beiden Rahmen analysiert werden. In der Fachliteratur
ist die am stärksten verbreitete Erklärung für sexuelle Gewalt der archaisch-
patriarchale Ansatz: »Krieg ist Krieg.«3 In diesem Interpretationsrahmen
nimmt der Feind – der gegnerische, siegreiche Soldat – die Frau durch se-
xuelle Gewalt in seinen Besitz. Im Krieg ist die Frau zu einem strategischen
Objekt geworden, für das die kämpfenden Parteien einander töten. Mit der Vergewaltigung der Frau zerstören die im Krieg sich feindlich gegen-
überstehenden Männer einander gegenseitig das Eigentum. Die Frau muss
über das erlittene Leid schon aus dem Grund schweigen, weil das Opfer
letztendlich gar nicht sie selber ist, sondern der Mann, dessen Macht sie zu
Hause untergeordnet ist. Erzählt sie von der Gewalttat, würde dies nur den
Ruhm des Siegers vergrößern. Also darf die Frau von der Vergewaltigung
nicht sprechen. Mary Beard weist auf die Wurzeln dieses Schweigens hin,
die bis in die Antike reichen: auf Philomela, der die Zunge herausgeschnit-
ten wird, damit sie den Vergewaltiger nicht verraten kann, und die dessen
Bildnis in ein Gewand für ihre Schwester einwebt; auf Shakespeares Titus Andronicus, wo Lavinie ebenfalls die Zunge herausgeschnitten wird, damit
sie über ihre Vergewaltigung nicht sprechen kann. Frauen können und dür-
fen im öffentlichen Raum bis heute nur als Opfer oder Märtyrerinnen über
erlittene sexuelle Gewalt sprechen.4 Sexuelle Gewalt ist Bestandteil des
Kriegs der Männer, sie gehört zu den im Voraus definierten Spielregeln. »In
einem gegen andere Männer geführten Krieg stellt das höchste Gebot die
Notwendigkeit dar, den »anderen«, den Feind zu bezwingen. […] Die Ver-
letzung des Körpers der Frau ist nur ein Mittel, das den Zweck hat, die
errungene Vorherrschaft zu deklarieren und dauerhaft zu bestätigen.«5
Als die Rote Armee den nördlichen Rand von Jugoslawien durchzog, wurden 121 Fälle von sexueller Gewalt gemeldet. Der serbische Politiker
Milovan Ðilas, so geht es aus seinem Buch hervor, scheute sich nicht, die
Vorfälle bei Stalin vorzubringen. Bei diesem oft zitierten Gespräch erwi-
derte Stalin verwundert: Wie könne Ðilas, als großer Kenner mensch-
lichen Leidens und Herzens, nicht verstehen, dass die Soldaten, die in
ständiger Lebensgefahr lebten, das Recht auf ein bisschen Unterhaltung
3 Julius Hay [Háy Gyula]: Geboren 1900. Erinnerungen. Hamburg, Christian Wegner
Verlag, 1971, S. 287.
4 Mary Beard: Women and Power: A Manifesto. London, Profile Books, 2017, S. 23. 5 Tanaka, Yuki: Hidden Horrors. Japanese War Crimes in World War II. Boulder, CO,
Westview Press, 1996, S. 107.
Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen 81
hätten?6 Hier ordnet Stalin die strukturell bedingte Vergewaltigung als re-
kreative Vergewaltigung ein.
Mátyás Rákosi berichtete regelmäßig an den mächtigen Generalsekretär
der Komintern, Georgi Dimitroff, über die Lage im besetzten Ungarn. Im
Folgenden bat er Dimitroff darum, sich persönlich einzusetzen, weil »un-
sere Situation immer schwieriger wird, denn die Übergriffe der Roten Ar-
mee werden der [Ungarischen Kommunistischen] Partei zugeschrieben. Ohne Zweifel lässt sich in dieser Hinsicht schon etwas Verbesserung beob-
achten, aber immer wieder wird über massenhafte Fälle von Vergewalti-
gungen, Plünderungen etc. berichtet, sie kommen bei der Befreiung eines
Gebiets jedes Mal zur Sprache, so zuletzt in Budapest.«7 Rákosi blieb mit
seiner Bitte erfolglos, obwohl er richtig erkannt hatte, dass für die kommu-
nistische Partei – die der Unterstützung der Roten Armee bedurfte – das
Verhalten der sowjetischen Soldaten keine besonders gute Propaganda dar-
stellte. Vergeblich schrieb auch László Háy, der noch aus der Zeit seines
Moskauer Exils ausgezeichnete Beziehungen zur sowjetischen Parteifüh-
rung unterhielt, im Mai 1945 an Dimitroff, dass die Beziehung der ungari-schen Bevölkerung zur Roten Armee sich verschlechtert habe, doch auch
sein Brief zeigte keine Wirkung. An diesen beiden Beispielen lässt sich
gut ablesen, wie schwach die Durchsetzungskraft der ungarischen kom-
munistischen Emigranten war.8 László Sólyom, der Polizeipräsident von
Budapest, machte in seinem Bericht vom 8. Juni 1945 an die sowjetische
Kommandantur von Budapest auf die Verschlechterung der öffentlichen
Sicherheit und die zunehmende sowjetfeindliche Stimmung ebenfalls auf-
merksam: »Die reihenweise sich wiederholenden Belästigungen erwecken
in der Bevölkerung sowjetfeindliche Gesinnung. Die reaktionären Pfeil-
kreuzler-Elemente, die immer noch in großer Anzahl anwesend sind, können diese Stimmung leicht für ihre russenfeindliche Propaganda miss-
brauchen.«9 Auch dieser Bericht zeigte quasi keine Wirkung, denn – wie
oben dargelegt – in Ungarn führte das Zusammenwirken mehrerer Fakto-
ren zu den Massenvergewaltigungen.
In vielen konkreten Fällen wurde Klage eingereicht, aber auch das
führte zu nichts. In seinem Brief vom 7. September 1945 informierte Fe-
renc Nagy, Minister für Wiederauf bau, später Ministerpräsident, Mar-
6 Ðilas, Milovan: Találkozások Sztálinnal. Ford. Radics Viktória. Budapest, Magvető,
1989, S. 102.
7 Henrik Vass (Auswahl): Dokumentumok Rákositól – Rákosiról, in: Múltunk 2-3
(1991), S. 247 (Brief vom 19. Februar).
8 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 41.
9 Ebd., S. 320-322.
82 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
schall Woroschilow über einen Vorfall, der sich im Komitat Baranya in der
Gemeinde Bisse – an seinem Geburtsort – zugetragen hatte. In seiner Ant-
wort vom 14. September 1945 behauptete der Marschall rundweg, dass der
Minister lüge: »[die Vorfälle] hatten sich nicht so zugetragen, wie es Ihnen
berichtet wurde«. Was genau passiert ist, ist tatsächlich unklar. Baten die
Dorf bewohner die sowjetischen Soldaten ins Haus, boten sie ihnen hier
Alkohol und dort Abendessen an oder sind die Soldaten ungebeten in die Häuser eingedrungen? Und versammelten sich die Männer des Dorfes in
der Nacht, um ihre Frauen zu beschützen, die vorher in einem Haus zu-
sammengeholt wurden, oder wollten sie nur sowjetfeindliches Verhalten
demonstrieren? Zerstückelten sie die Rotarmisten mit der Axt und vergru-
ben sie auf den Ackern außerhalb des Dorfes aus Niedertracht oder weil sie
keinen anderen Weg sahen, die Frauen vor Vergewaltigung zu retten? Für
den Marschall waren die Antworten eindeutig: Die Bewohner des Dorfes
hatten die beiden sowjetischen Soldaten grundlos niedergemetzelt, denn
ihm zufolge »wurde in der Ermittlung keine sexuelle Gewalt gegen Frauen
festgestellt«.10 Auch als Ministerpräsident erreichte Ferenc Nagy nicht viel mehr. Am 10. August 1946 antwortete ihm Swiridow, der geschäftsfüh-
rende stellvertretende Leiter der Alliierten Kommission, auf seine schrift-
lich eingereichte Beschwerde: »Der Großteil der von Ihnen genannten
Fakten konnte nicht nachgewiesen werden, und der Rest war Übertrei-
bung.« 11
Zoltán Vas, der noch vor Rákosi, Gerő und Révai aus dem Moskauer
Exil nach Ungarn zurückgekehrt war, berichtete im Oktober 1944 in Sze-
ged ebenfalls über Exzesse: »Noch schlimmer als die Übergriffe ist die
furchtbare Panik, die in der Bevölkerung herrscht. Die Menschen wagen
sich nicht mehr aus den Häusern und fürchten sich vor den Soldaten. […] es kommt nicht selten vor, dass ein Rotarmist eine Frau um Unterkunft
bittet. Da er sich nicht verständlich machen kann, zeigt er der Frau gesti-
kulierend, dass er schlafen möchte. Die Frau läuft dann schreiend aus dem
Haus, weil sie glaubt, er wolle sie schänden.«12
Die ungarischen Kommunisten konnten sich also mit ihren Beschwer-
den bei den Sowjets im Großen und Ganzen kein Gehör verschaffen, aber
da es keine Alternative gab, wandte sich auch die Győrer Organisation der
Sozial demokratischen Partei an die Vertreter der Ungarischen Kommunis-
tischen Partei, damit diese sich für sie, die Sozialdemokraten aus Győr, bei
10 Ebd., S. 348-349.
11 Ebd., S. 392-394.
12 Ebd., S. 249.
Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen 83
den Sowjets einsetzten. Der von der Parteiorganisation verfasste Bericht
verzeichnete bis zum 14. Dezember 21 Fälle von Wohnungseinbruch, vier
Mordfälle, sieben ausgeraubte Passanten und zwei Wochen später die
Plünderung von 34 Geschäften, vier Morde, 15 ausgeraubte Fußgänger so-
wie einen Überfall auf das Nonnenkloster.13 Bei dem Dokument handelt
es sich um ein »verwaistes Dokument«, weitere Unterlagen in diesem Zu-
sammenhang sind nicht überliefert. Ob die Sozialdemokraten mit dieser Anfrage etwas erreichen konnten, ist also nicht bekannt. Der Brief ist trotz-
dem ein wichtiges Zeugnis, denn er zeigt, dass die Győrer sehr verzweifelt
gewesen sein mussten, sie wandten sich ja nicht an die Kommunisten vor
Ort mit ihrer Bitte um Beistand, sondern an jene in Budapest.
Dem zweiten Erklärungsansatz zufolge hat die sexuelle Gewalt einen
ideologisch-nationalen Ursprung.14 Auch in der Beschreibung von Kriegs-
ereignissen werden oft Begriffe aus dem Bereich der Sexualität verwendet.
Während des Ersten Weltkriegs wurde etwa Deutschland von Frankreich
beschuldigt, Belgien »vergewaltigt« zu haben.15 Damit war nicht gemeint,
dass jeder Soldat eine Vergewaltigung begangen hatte, sondern dass die Möglichkeit bestand, dass er sie begeht, da die Männlichkeit, dessen kons-
truktiver Bestandteil der Militarismus ist, im Extremfall auf diese Weise
ultimativ unter Beweis gestellt wird. Der weibliche Körper steht für die
ganze Gemeinschaft, entsprechend gilt die Gewalt an ihr als Sieg über die
Gemeinschaft der Nation.
Mit Bezug auf die sexuellen Gewalttaten, die sowjetische Soldaten wäh-
rend des Zweiten Weltkriegs verübten, wird in der Fachliteratur häufig ein
1942 in der Prawda erschienener Text von Ilja Ehrenburg zitiert. Ehrenburg
ruft dort als Maßnahme der Vergeltung offen zur Vergewaltigung deut-
scher Frauen auf und beschreibt sehr detailliert, wie die Deutschen die Russinnen entehrt haben sollen: »Diese geilen Schweine sind jetzt nach
Russland eingedrungen. […] Sie vergewaltigen unsere Frauen und verbrei-
ten unter ihnen Geschlechtskrankheiten. Tötet, Tötet ! […] Brecht mit Ge-
walt den Rassenhochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als recht-
mäßige Beute.«16 Gleichzeitig mit Ehrenburgs Text erschienen Hunderte
ähnliche Pamphlete. Ihre Existenz bietet für die sexuellen Gewalttaten
der sowjetischen Soldaten jedoch nicht notwendigerweise die Erklärung.
13 BOSA HU OSA 408-1-3/9.
14 Hoerning, Erika M.: The Myth of Female Loyality, in: The Journal of Psychohis-
tory 16 (1988), S. 38.
15 Edmund Burke, zitiert nach Roy Porter: Does Rape Have a Historical Meaning?,
in: Sylvana Tomaselli, Roy Porter (Hg.): Rape. Oxford, Blackwell, 1986, S. 232.
16 Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 70 und S. 74.
84 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
Theo retisch ging man zwar davon aus, dass jeder Soldat die Prawda las,
aber unter Kriegsverhältnissen erreichte die Zeitung nur mit Verzögerung
die kämpfenden Einheiten – wenn überhaupt. Außerdem folgten dem ge-
schriebenen Wort nicht zwangsläufig auch entsprechende Taten. Die NS-
Propaganda benötigte dringlich Material, um die erschöpften deutschen
Soldaten anzufeuern, und dafür ließ sich auch der Ehrenburg-Text gut
verwenden. Alexander Solschenizyn, der heldenhaft im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, reflektiert seine Erlebnisse in Preußen im Gedicht Ostpreu-
ßische Nächte. Offen schreibt er über die Vergewaltigung von Frauen.
»Waren’s viel auf der Matratze? / Kompanie? Ein Zug? Was macht es ! /
Tochter – Kind noch, gleich getötet. / Alles schlicht nach der Parole: /
NICHTS VERGESSEN! NICHTS VERZEIH’N ! / BLUT FÜR BLUT! –
und Zahn für Zahn. / Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe, / und die Wei-
ber – Leichen bald. / Schon vernebelt, Augen blutig, / bittet: »Töte mich,
Soldat ! / Sieht nicht der getrübte Blick?«17 Hier werden die verübten Ver-
gewaltigungen mit dem Motiv der Rache erklärt.
Die Propaganda des Horthy-Systems schüchterte die christliche Mittel-schicht mit solchen Parolen wie, dass die Frauen in der Sowjetunion »ge-
meinsam benutzt« würden, ein. Und wie bereits erwähnt, die sowjetischen
Soldaten verhielten sich in Ungarn tatsächlich genau so, wie das die Politik
vorhergesagt hatte. Ein Vergewaltigungsopfer aus Berlin schilderte in
einem Interview: »Vier Jahre lang hat uns Goebbels erzählt, daß uns die
Russen vergewaltigen würden. […] Wir könnten es nicht ertragen, wenn
Goebbels recht behielte.«18 Eine der wirksamsten Strategien der goeb-
belsschen Propaganda war die Botschaft, die wiederkehrend in der Wo-
chenschau gezeigt wurde: Sollte es den deutschen Soldaten nicht gelingen,
die sowjetische Armee zu besiegen, dann würden grobschlächtige, »mongo-lische« Soldaten in Uniform und schweren Stiefeln den friedlichen, deut-
schen Heimen »Besuch« erstatten. Als sich die Propaganda später bewahr-
heitete, wirkte sie dennoch überraschend.19
Zu Beginn des Feldzugs gegen die Sowjetunion informierte Molotow
die Alliierten in einer Note über die Vergewaltigungen, die deutsche Trup-
pen an der weiblichen Bevölkerung Russlands verübt hatten. Diese soge-
nannte Molotow-Note wurde später auch im Nürnberger Prozess als Be-
weis verwendet, und die Frage der sexuellen Gewalt dadurch auf die Ebene
17 Alexander Solschenizyn: Ostpreußische Nächte. Eine Dichtung in Versen, aus dem
Russischen übertragen von Nikolaus Ehlert, Darmstadt/Neuwied, 1976, S. 35.
18 Ruth Andreas-Friedrich, 1984 Schauplatz Berlin, Frankfurt, Suhrkamp, S. 22, zi-
tiert nach Hoerning, The Myth of Female Loyalty.
19 Grossmann, A Question of Silence, S. 41.
Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen 85
der Großpolitik gehoben.20 Der Feind seien die Faschisten und das deut-
sche Volk gab Stalin zu Befehl, aber das dürfte kaum Auswirkungen auf die
kämpfenden Einheiten gehabt haben. Wie Jurij Belas, ein sowjetischer Ve-
teran, in einem Interview schilderte, habe man in der Schießgrube alles,
aber nicht Stalin im Kopf gehabt.21 Als die Rote Armee schließlich das Ter-
ritorium des »Dritten Reichs« erreichte und zum ersten Mal einer deutsch-
sprachigen Gemeinschaft gegenüberstand, hatte Österreich bereits als Opfer der hitlerschen Gewalt gegolten,22 aber das änderte nichts am Ver-
halten der Soldaten und ihrer Befehlshaber gegenüber der österreichischen
Zivil bevölkerung.
Infolge der seit den 1990er-Jahren verübten Massenvergewaltigungen
verstärkte sich die kritische Erforschung von Kriegsvergewaltigungen auch
in der Disziplin der internationalen Beziehungen. Für die Untersuchung
der Gründe von Kriegsvergewaltigungen definiert Paul Kirby drei Er-
klärungsrahmen: den instrumentalen, den irrationalen und den mytholo-
gischen.23 Das instrumentale Erklärungsmuster entspricht dem oben er-
wähnten ideologisch-nationalen, das irrationale und das mythologische hingegen dem archaisch-patriarchalen. Neu an Kirbys Ansatz ist, dass er
mit dem mythologischen Ansatz sexuelle Gewalt aus der Kategorie ratio-
naler Erklärbarkeit entfernt. Er erweitert den Untersuchungsrahmen um
ein Element, womit es fraglich wird, ob der Kreislauf der Gewalt je unter-
brochen werden kann.
Inger Skjelsbæk, auch eine Wissenschaftlerin aus dem Feld der inter-
nationalen Beziehungen, definiert ihrerseits für die sexuelle Kriegsgewalt
drei Erklärungsansätze. Die essenzialistische Erklärung, der zufolge jede
Frau Zielscheibe militärischer Männlichkeit ist, entspricht im Großen und
Ganzen dem archaisch-patriarchalischen Erklärungsansatz. Skjelsbæk defi-niert zudem ein strukturalistisches Erklärungsmuster, wonach diejenigen
Frauen als Opfer betrachtet werden, die einer bestimmten ethnisch-gesell-
20 Tanaka, Hidden Horrors, S. 101.
21 Catherine Merridale, Ivan’s War. Life and Death in the Red Army 1939–45. London,
Faber & Faber, 2005, S. 16.
22 Vgl. Gerhardt Botz: Krisenzonen einer Demokratie. Gewalt, Streik und Konfliktun-
terdrückung in Österreich seit 1918. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1987; Gerhardt Botz (Hg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Zweite, erweiterte Auflage. Stu-dien zur historischen Sozialwissenschaft, Band 13, Frankfurt a. M. (u. a.), Campus, 2008.
23 Paul Kirby: How is Rape a Weapon of War? Feminist International Relations,
Modes of Critical Explanation and the Study of Wartime Sexual Violence, in: European Journal of International Relations 19.4 (2012), S. 797-821.
86 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
schaftlichen Gruppe angehören. Das ist eigentlich nichts anderes als die
bereits erwähnte ideologisch-nationale Erklärung von Enloe. Der dritte,
und vor dem Hintergrund der bereits erwähnten, neue Erklärungsansatz
ist der gesellschaftlich-konstruktivistische, der das Konstrukt von Männ-
lichkeiten und Weiblichkeiten je nach Kontext analysiert. 24
Der Militärhistoriker Krisztián Ungváry wiederum vertritt die These,
»Vergewaltigungen lassen sich oft nicht auf sexuelle, sondern auf zivilisato-rische Gründe zurückführen«.25 Éva Standeisky betrachtet sexuelle Gewalt
als üblichen Bestandteil des Krieges bzw. als Ursache dafür die unter-
schiedliche Kultiviertheit der Soldaten.26 Das ist genau der Grund, mit
dem auch die Zeitgenossen die Vorfälle während der sowjetischen Besat-
zung zu erklären versuchten: Ungarn sei von einer wilden Horde aus dem
Osten überrannt worden.
Vom asiatischen Charakter der sowjetischen Soldaten, ihrer Anders-
rassigkeit, war vor und nach dem Eintreffen der Roten Armee sowohl in
Wien als auch in Budapest häufig die Rede. Allerdings wurde in Ungarn in
der antikommunistischen Propaganda vor allem der Unterschied der poli-tischen Systeme betont, während in Österreich, das seit dem »Anschluss«
als Teil des »Dritten Reichs« galt, die Rassenunterschiede in den Vorder-
grund gestellt wurden. In der öffentlichen Meinung verband sich das Bild
von der sich »unaufhaltbar nähernden asiatischen Horde«, die den kulti-
vierten christlichen Westen seit Jahrhunderten beständig gefährde, mit den
Gräueltaten des Kommunismus. Die Propaganda verbreitete, dass die so-
wjetischen Besatzungstruppen – bzw. Besatzungstruppen schlechthin –
keinerlei Gnade kannten und alles Bewegliche mitnähmen.
Norman M. Naimark analysiert in seinem Buch die Vergewaltigungs-
fälle in der sowjetischen Besatzungszone und kommt zu dem Schluss, dass sich die Soldaten in Ungarn wesentlich ungehinderter »austoben« konnten
als in den zuvor befreiten Ländern.27 Trotzdem wurde nicht einmal annä-
hernd das Ausmaß der Vergewaltigungen in Deutschland erreicht, wo es
zwischen März und November 1945 zu etwa 1,9 Millionen Fällen gekom-
men sein könnte. Etwa hunderttausend davon passierten allein in Berlin
zwischen dem 24. April und dem 3. Mai.28 Die hohe Anzahl der Vergewal-
24 Skjelsbæk, Inger: Sexual Violence and War. Mapping Out a Complex Relationship,
in: European Journal of International Relations 7.2 (2001), S. 213.
25 Krisztián Ungváry: »Szovjet jogsértések Magyarországon«, in: Magyar Nemzet,
29. 11. 1997, S. 16.
26 Standeisky, »Dokumentumok a megszállásról«.
27 Naimark, The Russians in Germany, S. 70.
28 Liebman-Michelson verwendet die Daten von After the Fall. Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen 87
tigungen in diesen beiden Ländern erklärt Naimark unter anderem damit,
dass hier die Solidarität, die aus der Sprachgemeinschaft der verwandten
slawischen Muttersprachen entsprang, sich nicht entwickeln konnte, an-
ders als zum Beispiel in Bulgarien. Hinzu kommt, dass die Ungarn als Ver-
bündete der Deutschen am Krieg aktiv beteiligt waren.29 Dieses Argument
wird jedoch vom Kriegsberichterstatter Lew Kopelew widerlegt, der über
seine Erlebnisse in Ostpreußen erzählt. Kopelew zufolge spielte es keine Rolle, welche Sprache die vergewaltigte Frau sprach: Ob es sich um feind-
liche deutsche Frauen oder um Polinnen, die selbst Opfer des national-
sozialistischen Deutschlands handelte, spielte keine Rolle. Kopelew wurde
nach Erscheinen seines Buches nach Sibirien in ein Arbeitslager verbannt.
Laut offizieller sowjetischer Propaganda gab es nämlich keine von sowjeti-
schen Soldaten verübten Vergewaltigungen. Als weiteren Grund nennt Nai-
mark die Bedeutung der persönlichen Rache für die Gräueltaten der deut-
schen Truppen.30 Das wird auch durch die Aussage einer Ungarin belegt, die
einer illegalen französischen kommunistischen Bewegung angehörte. Sie
wurde im Februar 1945 vor den Augen ihres Mannes und ihrer Eltern in der Innenstadt von Budapest von zwei bewaffneten sowjetischen Soldaten ver-
gewaltigt.31 Vergewaltigungen, die vor Augenzeugen erfolgen, verstärken die
Gruppenkohäsion unter den Tätern, die Demütigung der Opfer und die
ausgelebte Rache sind umso größer. In den überlieferten Fällen in Polen
werden fast immer Vergewaltigungen beschrieben, die vor Zeugen (meis-
tens einem Kind oder einem männlichen Familienmitglied) passieren.32
Naimark arbeitet außerdem heraus, dass die jungen Soldaten aus ukrai-
nischen und weißrussischen Gebieten, die die brutale Besatzung der deut-
schen und der ungarischen Truppen selbst erlitten hatten, häufiger Verge-
29 Naimark, The Russians in Germany, S. 70.
30 Die Rechtmäßigkeit der Rache wegen der Gewalttaten der Ungarn in der Sowjet-
union wird auch von József Ö. Kovács betont. Siehe József Ö. Kovács: Földindu-lás – A leplezett kommunista diktatúra társadalmi gyakorlata a vidéki Magyarors-zágon 1945-ben, in: Csikós, Kiss, Ö. Kovács, Váltóállítás S. 19-65, hier 23. Zu den feindschaftlichen Gefühlen der ungarischen Leitung gegenüber der sowjetischen Militärführung siehe: Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 16.
31 Ich interviewte drei weitere Frauen, auf die ich zufällig in meinem Bekanntenkreis
stieß und die im Februar 1945 ebenfalls Vergewaltigungsopfer in Budapest gewor-den waren. Ich fragte sie, wie der Vorfall sich ereignet hatte, wie sie sich verteidigt hatten, welche Folgen die Vergewaltigung hatte und wem bzw. wie sie das Erlebte erzählten. Diese Geschichten sind wegen der kleinen Fallzahl nicht repräsentativ.
32 Joanna Ostrowska, Marcin Zaremba: »Kobiecagehenna« [dt.: Leiden der Frau], in:
Polityka, 7.3.2009, S. 64-65.
88 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
waltigungen verübten als ihre älteren Kameraden.33 Rache bedeutete auch
im polnischen Kontext, dass die sowjetischen Soldaten, die mit dem Ste-
reotyp des kommunistischen Juden in Verbindung gebracht wurden,
Rache nahmen. Ewa Stachniak (1952), eine polnische, in Kanada lebende
Schriftstellerin erhielt 2000 für ihr Buch Necessary Lies den kanadischen
Literaturpreis für den besten Debütroman. Darin schreibt sie, dass die
deutschen Frauen deshalb vergewaltigt wurden, weil die sowjetischen Sol-daten nach der Befreiung von Auschwitz in Gruppen ins Konzentrations-
lager geführt wurden, um die Leichenberge dort mit eigenen Augen zu be-
trachten. Nach Stachniak hinterließ dieses Erlebnis bei den Sowjets einen
enormen Eindruck, als hätte man ein Schild aufgehängt: »Soldaten !
Auschwitz verzeiht nicht ! Nehmt gnadenlos Rache !« 34
Zur vielfach verübten sexuellen Gewalt dient auch die besondere Be-
schaffenheit der sowjetischen Armee als Erklärung. Wegen der enorm ho-
hen Menschenverluste kamen auch viele ungebildete, zwangsrekrutierte
Soldaten mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen und kulturellen Hin-
tergründen in die Verbände der Roten Armee. Manche Forscher vermuten, für die Frauen war es dort am gefährlichsten, wo die Front gerade durch-
zog, weil die Soldaten im Schatten des drohenden Todes die Früchte der
gewonnenen Schlacht sofort ernten wollten. Andere wiederum meinen
(Susan Brownmiller etwa zitiert Cornelius Ryan),35 gefährlicher noch wa-
ren die von ihrer Einheit versprengten, undisziplinierten Horden, die den
disziplinierten, in vorderster Reihe kämpfenden Soldaten folgten.36 Aller-
dings geht aus den Schilderungen von Zoltán Vas hervor – einem damals
einflussreichen Politiker der MKP, der seit dem Exil in der Sowjetunion
gute Kontakte nach Moskau pflegte –, dass es die Sturmeinheiten waren,
die in der ersten Reihe kämpften, erst dann folgten die Elitetruppen.37 Ähnliches berichtet der linke Agrarpolitiker István Szabó über die in sein
Heimatdorf, Nádudvar, einziehenden sowjetischen Soldaten. 38 Fakt ist,
dass die einzelnen Einheiten selbst innerhalb desselben Frontabschnittes
große Unterschiede im Verhalten aufwiesen: Es gab diszipliniertere Ein-
heiten und solche, die unkontrollierbar waren. Dafür, dass aus jemandem
33 Naimark, The Russians in Germany, S. 90.
34 Karwowska, Gwałty a kultura S. 163-171; Eva Stachniak: Necessary Lies. Toronto,
Dundurn Press, 2000.
35 Berlin bevételéről a hidegháborúelfogultságávallásd, Cornelius Ryan: The Last
Battle. London, Simon & Schuster, 1966.
36 Brownmiller, Against Our Will, S. 66-67.
37 Kovács, Magyarország megszállása, S. 270.
38 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 44.
Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen 89
in Friedenszeiten ein Sexualtäter wird, gibt es mehrere Er klärungsansätze:
Kindheitstrauma, individuelle Neigung, Gruppendruck, eventuell auch
Alkohol- oder Rauschgifteinfluss.39 Da die Angst vor Strafe im Krieg abge-
schwächt ist oder ganz verschwindet, sind die Gründe komplexer.
An den Kriegsoperationen, die auf ungarischem Gebiet stattfanden, wa-
ren nicht nur die Soldaten der Roten Armee beteiligt. In den Memoiren
von Gyula Horn erhält man eine präzise Beschreibung über die Gewalt-taten der rumänischen Einheiten. Der linke Politiker weist auf das unter-
schiedliche Verhalten von rumänischen und sowjetischen Soldaten gegen-
über ungarischen Frauen hin. Seiner Beobachtung zufolge näherten sich
die sowjetischen Soldaten den Frauen anders: »Sie wollten die Frauen eher
liebevoll, mit Geschenken für sich gewinnen, oft mit Erfolg.«40 Diese
positiv wertende Differenzierung weist darauf hin, dass diese Erinnerun-
gen mit Blick auf die Zukunft geschrieben wurden; sie verfolgen den
Zweck, mit bewusster Selbstrepräsentation die künftige Haltung zu den
Sowjets zu beeinflussen.
Eine Vergewaltigung ist nicht zwingend durch sexuelles Begehren mo-tiviert. Nicht nur die Opfer, sondern auch jeder dritte Täter berichtet über
sexuelle Dysfunktion, das heißt, die Vergewaltigung ging nicht unbedingt
mit sexueller Lust einher. Den Täter treibt der Hass gegen die Frau, er will
Macht ausüben. Im Falle der sowjetischen Soldaten muss auch bedacht
werden, dass die stalinistische Sowjetunion im Fieber der rationalen Plan-
barkeit lebte und unkontrollierbaren Gefühlen keinen Raum gab. Gleich-
zeitig war sie in Bezug auf Sexualität von beachtlicher spießbürgerlicher
Prüderie geprägt. Die Skulptur der Venus von Milo wurde zum Beispiel als
pornografisch gebrandmarkt. Kein Wunder also, dass die Soldaten unter
den extremen Kriegsbedingungen verwirrt waren.41
Während des Krieges und auch in der Nachkriegszeit, in Zeiten akuten
Männermangels also, war die sexuelle Fantasie der Frauen aktiver. Die un-
terdrückte Sexualität der früher unter normativer Kontrolle stehenden
Frauen zeigt sich oft in pornografischer Darstellung der Geschichten über
Vergewaltigungen. Mit dem Auftauchen der Roten Armee war zwar der als
bedrückend erlebte Mangel an Männern beendet, aber das Auftreten von
39 Sarah Michal Greathouse, Jessica Saunders, Miriam Matthews, Kirsten M. Keller,
Laura L. Miller: Characteristics of Male Perpetrators Who Sexually Assault Female Victims, in: A Review of the Literature on Sexual Assault Perpetrator Characteristics and Behaviors. Santa Monica, CA, RAND Corporation, 2015, S. 7-31.
40 Gyula Horn: Cölöpök. Budapest, Zenit Könyvek, 1991, S. 71. Ich danke Krisztián
Ungváry, dass er mich auf diese Quelle aufmerksam machte.
41 Zaremba, Wielka Trwoga. Zitiert nach Merridale, Ivan’s War, S. 336.
90 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen
uniformierten Männern war mit hohem Risiko verbunden. Die mora-
lischen Normen der alten Welt lockerten sich zwar, aber die Geschlechter-
beziehungen waren von Unsicherheiten geprägt. Viele Frauen wählten
nicht nur deshalb aus den Besatzungssoldaten Partner für sich, weil es kei-
nen einheimischen Mann für sie gab, vielmehr wollten sie damit ein Zei-
chen politischen Protests setzen. In Wien wählten Frauen häufig als Auf-
lehnung gegen ihre niedrige gesellschaftliche Position einen russischen Partner, vielleicht folgten sie auch einer linken Familientradition. 42 In Un-
garn, wo sich das kommunistische System im Auf bau befand, galten gute
Beziehungen zu den Besatzungstruppen als Garant für eine Karriere.
Wenn man die Bedeutung von Kriegsvergewaltigung darauf reduziert,
dass sie ausschließlich eine bewusst eingesetzte Kriegswaffe in den Händen
von Heeresführung und Politikern ist, die sie zur Bestrafung bestimmter
Völkergruppen nutzten (wenn man also die intentionalistische Interpreta-
tion fokussiert), werden eine komplexe Untersuchung sowie ein struktu-
reller Ansatz des Phänomens verunmöglicht.
Der Diskurs über die Gewalttaten sowjetischer Soldaten verläuft heute in Ungarn eindeutig zugunsten der intentionalistischen Interpretation. So
lässt sich vermeiden, nach den Bestandteilen des Militarismus zu fragen,
die Elemente der normativen Männlichkeit zu erschließen bzw. sich mit
den Machtinteressen der Kultur von sexueller Gewalt auseinanderzuset-
zen. Wenn man allerdings mit dem Argument, dass die Kultur der sexuel-
len Gewalt eine supranationale sei, ausschließlich den strukturellen Inter-
pretationsrahmen berücksichtigt, betrachtet man die Opfer sexueller
Gewalt vom Ort des Vorfalls losgelöst und verliert dadurch die Möglich-
keit, zu verstehen, wer zum Täter wird (und wie) bzw. welche Gründe und
Folgen die sexuelle Gewalt hatte und wer ihr zum Opfer fiel.
Es führt auch nicht zu einem tieferen Verständnis, die Soldaten, die
Frauen vergewaltigten, allein in ihrer Eigenschaft als sowjetische Besatzer
zu betrachten, denn dabei verliert man aus den Augen, dass sowohl die
sowjetische als auch die ungarische Armee Bestandteil einer Militärkultur
sind, die bedingt, dass ein Soldat, wenn er die Möglichkeit dazu hat,
Frauen vergewaltigen wird. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich
um ungarische, deutsche oder sowjetische Soldaten oder jeder beliebigen
Nation handelt. Allerdings ist auch nicht zu akzeptieren, dass man die Ge-
walttäter bloß als »Männer« betrachtet, weil dadurch das auch nicht seltene
Phänomen der sexuellen Gewalt gegen Männer unsichtbar gemacht wird. Auch bleibt das komplexe System der Gründe und Folgen im Dunklen,
42 Mündliche Überlieferung von Marianne Baumgartner in einem Interview.