Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die fehlende Seite der Geschichte: Russland

warten. Die Stadt Budapest will für die vergewaltigten Frauen demnächst

ein Denkmal errichten. Das bietet Künstlerinnen und Künstlern eine gute

Gelegenheit, diese Gedanken zu verbildlichen.

 

Die fehlende Seite der Geschichte: Russland

 

Nach 1989 wurde die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu geschrieben.42

Bei der Neubewertung der Rolle der bis dahin als siegreich und »makellos«

dargestellten Roten Armee tauchten nun die Frauen als Opfer in der Ge-

schichtsschreibung auf, die sich allmählich aus den bis dahin wirksamen

Tabus befreite.43 Die internationale politische Lage trug ebenfalls wesent-lich dazu bei, dass die soldatische sexuelle Gewalt in der Roten Armee auch

in den Ostblockländern eine Öffentlichkeit erhielt, während die Histori-

kerinnen und Historiker im Westen in den Jahren des Kalten Krieges ge-

rade diese Gewalttaten von der näheren Untersuchung der von den ameri-

kanischen Soldaten verübten sexualisierten Gewalt abhielten.

Im Herbst 1944 schrieb die Tageszeitung ɋɨɜɟɬɫɤɢɣɜɨɢɧ(dt.: Der so-

wjetische Krieger) einen Wettbewerb aus: Die Leser wurden aufgefordert,

einen Text zu schreiben, in dem sie begründeten, warum alle deutschen

Soldaten getötet werden sollen. Ohne die stalinistische Presse- und Mei-

nungsfreiheit überbewerten zu wollen, ist es durchaus aufschlussreich, diese Essays zu lesen, die im Wesentlichen persönliche Rachegelüste sind.44

Der Wunsch nach Vergeltung spielte natürlich auch im Umgang mit den

Frauen feindlicher Nationen eine Rolle und besonders gnadenlos bei je-

nen, die mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten. Über die Gräu-

eltaten der sowjetischen Soldaten gibt es zahlreiche Erinnerungen. Darin

wird wiederholt geschildert, dass die Vergewaltigung in Anwesenheit eines

oder mehrerer männlicher Familienmitglieder geschah, um den Grad der

Demütigung noch zu erhöhen.45 An den Gewalt exzessen nahmen neben

den Soldaten auch Angehörige von Partisaneneinheiten teil, die womög-

lich noch ungezügelter agierten, weil sie keiner regulären militärischen

 

42 Vgl. Barbara Stelz-Marx: Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowje-

tischen Besatzung. Wien/Köln/Weimar, Böhlau, 2012.

43 Ungváry, Budapest ostroma, S. 331.

44 Vgl. Burds, Sexual Violence, S. 51-53.

45 Agate Nesaule: A Woman in Amber: Healingthe Trauma of War and Exile. London,

Penguin 1995.

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Einheit angehörten. Jüdinnen, die sich den Partisanen anschlossen, waren

den Vergewaltigungen noch stärker ausgeliefert.46

Die an Ungarinnen verübten Massenvergewaltigungen können von der

Haltung der Soldaten zu materiellen Gütern nicht losgelöst betrachtet wer-

den. Nach den langwierigen Gefechten zogen die Soldaten der Roten Ar-

mee in ein Land ein, dessen Güter von der Kriegszerstörung bis dahin

mehr oder weniger verschont geblieben waren. Die ungarischen Gebiete waren zwar von den Alliierten bombardiert worden, aber die Schäden wa-

ren nicht annähernd vergleichbar mit denen, die durch die vernichtenden

Wehrmachtoperationen in der Sowjetunion entstanden waren. Die Solda-

ten der Roten Armee erhielten also Zugang zu materiellen Gütern, und sie

betrachteten diese als ihnen zustehend. Die Konfiszierung der materiellen

Güter in den besetzten Gebieten und ihr Abtransport in die Sowjetunion

begannen schnell und waren gut organisiert. Unter den kämpfenden Sol-

daten entwickelte sich eine informelle Tauschwirtschaft der enteigneten

Güter sowie eine Logistik, um die Pakete nach Hause zu schicken. Diese

informelle Wirtschaft war von recht großem Volumen, beinahe 30 Millio-nen Soldaten waren daran beteiligt. Im Dezember 1944 genehmigte das

sowjetische Kriegsministerium nur ein Päckchen pro Monat, wobei die

Größe des Pakets auch vom Betragen und vom Dienstgrad abhing. Diese

Verordnung war nichts anderes als ein offener Aufruf zur Plünderung. Die

Soldaten nahmen nicht nur Lebensmittel an sich, sondern so ziemlich al-

les, was nicht niet- und nagelfest war, sie wussten ja um die Not der Bevöl-

kerung zu Hause, die vom Krieg ausgeblutet war. Ein sorgsam zusammen-

gestelltes Paket konnte ganze Familien sichern. Verschiedene Gegenstände

aus Osteuropa, Fahrräder, Kleidung oder Hüte, gelangten auf diese Weise an die entferntesten Orte der Sowjetunion. Die schweren Pakete verur-

sachten in der Postzustellung natürlich großes Chaos und weckten zudem

wiederum die Aufmerksamkeit von Plünderern. Aus diesem Grund spezia-

lisierten sich die Soldaten auf die Entwendung von kleinen, aber wertvol-

len Gegenständen, insbesondere Uhren, die zu einer Art Soldatenwährung

wurden. Dieses rationale Verhalten hatte jedoch nur wenig damit gemein,

wie die sowjetischen Soldaten im ungarischen kollektiven Gedächtnis er-

halten blieben: als naive Barbaren, die stets fragten, wo die Uhren sind.47

 

46 Burds, Sexual Violence, S. 59.

47 Merridale, Ivan’s War, S. 299-336.