Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

Die Geschichte der

 

Geschichtsschreibung der

 

Kriegsvergewaltigung

 

Sexuelle Gewalt hat eine Bedeutungsdimension, und sie verfolgt einen

Zweck, weil sie die Umsetzung strategischer Ziele unterstützt. Dabei ist sie

jedoch nicht zwingend Bestandteil von kriegerischen Handlungen und sie ist auch nicht in jedem Konflikt präsent. Sie tritt dann auf, wenn bestimmte

Umstände gleichzeitig gegeben sind, und wird zum strategischen Teil der

Kriegsführung. Dieser Sachverhalt wurde in den letzten 50 Jahren schon

häufiger untersucht, zum Beispiel im Zusammenhang mit den Massenver-

gewaltigungen, die während der Konflikte in Bangladesch (1971), in Jugosla-

wien (1991–2001), in Sri Lanka (1983–2009), in Ruanda (1994) und in der

Demokratischen Republik Kongo (von 1996 bis heute) verübt wurden.

Die Aufmerksamkeit der Forschenden wendet sich erst seit den 1970er-

Jahren dem Thema der Kriegsvergewaltigungen zu, das bis dahin als Tabu

galt. Susan Brownmiller untersucht in ihrem mittlerweile zum Klassiker avancierten Buch die sexuelle Gewalt als einen Krieg, den Männer gegen

Frauen führten.1 Laut Definition von Brownmiller ist die Kriegsvergewal-

tigung »nicht mehr und nicht weniger als eine Methode bewußter systema-

tischer Einschüchterung, durch die alle Männer alle Frauen in permanenter

Angst halten«.2

Verschwiegene Geschichten des Zweiten Weltkriegs wurden zuerst in

Deutschland erforscht.3 Mit der zweiten Welle des Feminismus entstand

eine neue Sprache, die über sexuelle Gewalt in einem völlig neuen Begriffs-

rahmen schrieb.4 Zuvor war die von Soldaten verübte sexuelle Gewalt zur

 

1 Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft.

Frankfurt a. M., 1978.

2 Ebd. [Hervorh. im Original], S. 22.

3 Zu sexueller Gewalt gegen Frauen als vergessene Geschichte des Zweiten Weltkriegs

vgl. Helke Sander, Barbara Johr: Befreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder.

Frankfurt a. M., S. Fischer, 2005; Stuart Liebman, Annette Michelson: After the

Fall. Women in the House of the Hangmen, in: October 72 (1995), S. 4-14. 4 Verena Fiegl: Der Krieg gegen die Frauen. Der Zusammenhang zwischen Sexismus und

Militarismus. Bielefeld, Tarantel Frauenverlag, 1990.

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Normalität erklärt; entweder mit dem Argument, sie sei schließlich seit

dem Raub der Sabinerinnen Bestandteil von kriegerischen Handlungen,

oder die Opfer wurden sogar noch beschuldigt, sie hätten besser auf sich

aufpassen sollen.

Die Forschung zu sexueller Kriegsgewalt begann im Zusammenhang

mit dem Kampf der bürgerrechtlichen Bewegung um Freiheitsrechte, der

die Rechte der Frau allgemein bzw. das Recht an ihrem Körper in den Mit-telpunkt stellte. Infolge der Proteste gegen den Vietnamkrieg und gegen

die dort verübten Vergewaltigungen verknüpfte sich der Begriff der sexu-

ellen Gewalt als Kriegswaffe mit dem Kampf gegen die Kolonialisierung.

Demzufolge hatten sich die Kolonialisten das Recht angemaßt, den Kör-

per der einheimischen Frauen zu besitzen, womit sie gleichzeitig die Män-

ner des kolonialisierten Landes kastrierten. Neu in dieser Theorie war auch

die Erkenntnis, dass die Trennlinie zwischen Kriegsvergewaltigungen und

häuslicher Gewalt keine besonders scharfe ist. Die sexuelle Gewalt auf

dem Kriegsschauplatz ist die Folge desselben Machtgefälles wie im Falle

der häuslichen Gewalt. Bei den amerikanischen Veteranen des Vietnam-kriegs wurde rasch nachweisbar, dass die heimgekehrten Soldaten auch in

ihren eigenen Familien Gewalt ausübten, was die Theorie »der Gewaltkon-

tinuität« zu bestätigen schien.

Die Begriffe und Erklärungsmuster, die damals, Anfang der 1970er-

Jahre, zur Beschreibung weiblicher Erlebnisse entstanden, sind geeignet,

die sehr ähnlichen Erfahrungen von Frauen aus den Jahren 1944 und 1945

zu beschreiben. Das bedeutet, dass die Sprache, die zu dieser Analyse ver-

wendet werden kann, erst später entstanden ist, lange nach dem histori-

schen Ereignis selbst, und deshalb ist Umsicht geboten. Dieser parallelen, und doch zeitlich verschobenen Erzählweise entspringen zahlreiche me-

thodologische Probleme. Erstens kann der Komplex mangels schriftlicher

Quellen nur aufgrund von Interviews und Rückerinnerungen untersucht

werden. Über eine körperlich erlittene Gewalt lässt sich eigentlich nur

dann angemessen sprechen, wenn die Gewalt Erleidende selbst in der Lage

ist, zu schildern, was ihr ihrer Meinung nach widerfuhr. Politisch ist es pro-

blematisch, wenn nicht das Opfer selbst, sondern jemand in seinem Na-

men spricht. Damit macht der Erzählende das Opfer unsichtbar, zwingt

den Erlebnissen einer anderen Person seine Sprache und seine Formulie-

rungen auf. Im Falle der ungarischen Kriegsvergewaltigungen ist diese Art des Erzählens besonders typisch. Hier erzählen oft Männer, was sie sahen,

was den Frauen passierte, während die Frauen selbst schweigen. Unsere

Aufgabe besteht also darin, zu analysieren, warum und wie die Opfer ihre

Geschichte erzählen beziehungsweise verschweigen. Das Schweigen kann Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung 33

 

auch eine Form des Widerstands sein. Es erfordert ein hohes Maß an Sen-

sibilität, wie man »mit den Subjekten der Forschung umgeht, und wie For-

scherinnen und Forscher die Erfahrungen der in die Forschung aufgenom-

menen Personen zum Ausdruck bringen«.5

Es ist unverzichtbar, die mehrfach verstellte Erinnerung festzuhalten,

die mit dem Verschweigen einhergeht, denn oft ist ja sie die einzige zur

Verfügung stehende Quelle. Die jungen österreichischen und westdeut-schen Forschenden der zweiten Welle des Feminismus begannen damit,

zunächst die zugänglichen schriftlichen Quellen zu sammeln, um zu zei-

gen, was die sowjetische Besatzung für die Frauen bedeutet hatte, die

damals die Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Im ungarischen Kontext

begann die Untersuchung dieser Frage erst zehn Jahre nach der Wende mit

meinen eigenen Forschungen, und die Fortsetzung folgte auch erst weitere

fünfzehn Jahre später, 2013, mit Fruzsina Skrabskis Dokumentarfilm

Elhallgatott gyalázat [Die verschwiegene Schande]. In Ungarn sind

bis heute spezielle theoretische und methodologische Ansätze erforderlich,

um das Erzählen von Frauengeschichten überhaupt untersuchen zu kön-nen, auch ohne den Aspekt der sexuellen Gewalt.6

Was die Erforschung von sexueller Gewalt in Ungarn betrifft, spielten

hier der feministische Aktivismus und die Frauenbewegung anfangs kaum

eine Rolle. Ungarische Bürgerorganisationen, die zum Kampf gegen häus-

liche Gewalt gegründet wurden, betrachteten die historische Dimension

dieser Frage nicht als ihre Aufgabe. Schon deshalb nicht, weil die nach 1989

neu begründete Frauenbewegung eng verknüpft war mit dem antifaschis-

tischen, linken Diskurs, der wiederum mit der Tatsache, dass die Befreier

der Roten Armee massenhaft Kriegsvergewaltigungen verübt hatten, im

Grunde genommen nichts anfangen konnte. Der Antikommunismus hingegen, in dessen Rahmen man über die Vergewaltigungen durch sowje-

tische Soldaten nun zu reden begann, wurde zur Grundideologie der poli-

tischen Rechte, die gleichzeitig gegen die Gleichheit der sozialen Geschlech-

ter und für das traditionelle Familienmodell eintrat. Hier war es schlicht

nicht möglich, im Zusammenhang mit den Kriegsvergewaltigungen die

 

5 Liz Kell, Sheila Burton, Linda Reagan: Researching Women’s Livesor Studying

Women’s Oppression. Reflections on What Constitutes Feminist Research, in:

Mary Maynard, Jane Purvis (Hg.): Researching Women’s Livesfrom a Feminist Perspec-

tive. Taylor and Francis, London, 1994, S. 35. 6 Andrea Pető: »Több mint két bekezdés.« A női történeti emlékezés keretei és 1956.

Múltunk 4 (2006), S. 82-91; und Andrea Pető: A Missing Piece? How Women in the

Communist Nomenclature are not Remembering, in: East European Politics and

Society 16.3 (2003), S. 948-958.

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strukturellen Hintergründe zur Sprache zu bringen, höchstens im inten-

tionalistischen Rahmen. Während zum Beispiel im Kosovo, wo die serbi-

schen Truppen Massenvergewaltigungen verübten, die lokalen und inter-

nationalen Frauenrechtsorganisationen Schulter an Schulter gegen eine

Regierungspolitik kämpften, die Frauen ethnisierend und als stimmlose

Opfer darstellten – und dafür, dass der Standpunkt der Frauen in die pro-

visorisch Rechtsprechung miteinbezogen würde –, gab es in Ungarn weder auf der progressiven noch auf der konservativen Seite zivile Organisatio-

nen, die sich der Erinnerung der im Zweiten Weltkrieg vergewaltigten

Frauen angenommen hätten. Einer der Gründe war, dass die Opfer der

Ereignisse in den Jahren 1944 und 1945 nicht als maßgeblicher politischer

Faktor galten und überdies schon recht alt waren. 7 In Kosovo sahen sich

die »Gedächtnisaktivist*innen«, die als Mitglieder von Zivilorganisationen

um die Gleichstellung der Erinnerung der Opfer kämpften, nicht nur da-

mit konfrontiert, dass die serbischen Täter ihre Taten leugneten und sie auf

staatlicher Ebene verschwiegen wurden, sondern auch damit, dass der neue

kosovarische Staat das Leiden der Nation auf eine abstrakte Ebene hob, auf der das Opfertum in den Mittelpunkt einer zu etablierenden Identität ge-

stellt wurde. Die vergewaltigten Frauen und ihre Kinder erhielten darin

jedoch keinerlei Raum, sie hätten den Begriff der sich neu formenden »Na-

tion« kontaminiert. Vergleichbares geschah auch in den sich neu etablie-

renden baltischen Staaten, in denen das Thema der von sowjetischen Sol-

daten verübten sexuellen Gewalt tabuisiert wurde.8 Ein ähnlicher Prozess

lief auch in Ungarn ab: Die individuellen Lebensgeschichten von Frauen

hatten mit den auf die nationale Ebene gehobenen, abstrakten Leidensge-

schichten unter der sowjetischen Besetzung nichts gemein. Doch hier, in

Ungarn, änderte sich in Ermangelung einer aktiven Frauenbewegung und Gedächtnisaktivisten auch später nichts an dieser Situation.

Wo sich aus den Fallstudien methodologische Probleme ergaben, ver-

suchten die später einsetzenden systematischen, empirischen Forschungen

diese zu beheben. Die ersten Forschungen in Österreich entstanden im lo-

kalhistorischen Rahmen. Die Forschenden setzten sich das Ziel, das Leben

der Einwohnerinnen in allen Regionen zu beleuchten. Dabei mussten sie

häufig feststellen, dass ihnen Frauen zwar davon erzählten, jemanden zu

kennen, der »das« zugestoßen war, aber über die eigene Geschichte schwie-

 

7 Anna Di Lellio: Seeking Justice for Wartime Sexual Violence in Kosovo. Voices

and Silence of Women, in: East European Politics and Societies and Cultures 30.3

(2016), S. 621-643.

8 Vieda Skultans: The Testimony of Lives: Narrative and Memory in Post-Soviet Latvia.

New York/London, Routledge, 1998.

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gen sie eisern. In diesen österreichischen Forschungen waren es überraschen-

derweise vor allem die Männer, die erzählten, dass die »Russen« Frauen aus

ihrer Familie vergewaltigt hatten. Sie schilderten auch, welchen Einfluss

das auf die Geschichte ihrer Familie hatte. So wurde die Geschichte der

Kriegsvergewaltigungen zu einem Unterkapitel des Krieges der Männer. In

Ungarn begann die lokalhistorische Forschung des Krieges erst später, und

eine Sichtbarkeit der Erinnerungen von Frauen gab es erst nach der illibe-ralen erinnerungspolitischen Wende.9

Die Erforschung der Kriegsvergewaltigungen begann damit, die sexu-

elle Gewalt im öffentlichen Diskurs sichtbar zu machen und der For-

schung selbst Akzeptanz zu verschaffen. Später folgte die Analyse der emo-

tionalen und sexuellen Komplexität der Beziehungen. Und erst danach

wurden die Beziehungen von Zivilisten und Soldaten im analytischen

Rahmen des Rassismus neu bewertet. Während des Zweiten Weltkriegs

waren im Zusammenhang mit den Truppen, die auf dem Kontinent statio-

niert waren, Stereotype kolonialen Denkens zu beobachten: Da man die

farbigen Soldaten bzw. die »Asiaten« an der Ostfront für »sexuell überla-den« hielt, sorgte man sich um die weibliche Bevölkerung. Die Art und

Weise, wie die ungarischen Quellen über die russischen und sowjetischen

Soldaten herkömmlicherweise sprachen – dazu später mehr –, gehört

ebenfalls in die kolonialistische Erzählstruktur. Besonders deutlich wird

dies anhand der rassistischen Vorurteile den Kindern gegenüber, die aus

diesen Beziehungen hervorgegangen sind.10

Die jüngsten Debatten über die Untersuchung von sexueller Gewalt

sind durch eine Kritik der europazentrischen Strafverfolgung charakteri-

siert. Das europäische Rechtssystem, in dem die sexuelle Gewalt als Straftat

gilt, das aber im Prozess der Rechtsprechung das Opfer strukturell benach-teiligt, wurde im Zuge der Kolonialisierung auch auf die außereuropäische

Welt übertragen. Diese Entwicklung aber machte die bereits bestehenden

lokalen Institutionen unsichtbar, in deren Kompetenz bis dahin die Bestra-

fung dieser Normverletzung gelegen hatte.11

 

9 Pető: Roots of Illiberal Memory Politics; István Sántha: A front emlékezete. A

Vörös Hadsereg kötelékében tömegesen és fiatalkorúakon elkövetett nemi erőszak kérdése a Dél-Vértesben, in: Csikós, Kiss, Ö. Kovács, Váltóállítás, S. 127-165.

10 Heide Fehrenbach: Race after Hitler: Black Occupation Children in Postwar Ger-

many and America. Princeton, Princeton University Press, 2005.

11 Fallstudien aus Afrika zeigen, dass die Frau in der Rechtsprechung der vorkolonia-

listischen Zeiten eine viel größere Rolle hatte. Brett Shadle L.: Rape in the Courts of Gusiiland, Kenya, 1940s–1960s, in: African Studies Review 51.2 (2008), S. 27-50.