Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Filme und Dokumentarfilme
158 Das Gedächtnis
Filme und Dokumentarfilme
Bei der Analyse der visuellen Darstellung von Kriegsvergewaltigungen kann
der Begriff von Alison Landsberg hilfreich sein: das sogenannte prosthe-
tische Gedächtnis (prosthetic memory). Dabei handelt es sich um ein Ge-
dächtnis, das nicht aus Erinnerungen von selbst erlebten Erfahrungen
kons truiert wird.94
Die Zwangsaussiedlung der Ungarndeutschen und die Gräueltaten, die sie durch die Sowjets erleiden mussten, wurden zwar in den 1950er-Jahren
dokumentiert, aber erst nach dem Niedergang des Kommunismus und
der partiellen Öffnung der sowjetischen Archive wurde es ihnen möglich,
über die Geschehnisse zu sprechen. Helke Sanders und Barbara Johrs Do-
kumentarfilm aus dem Jahr 1992,95 in dem bis dahin verschwiegene Ge-
schichten erzählt wurden, stieß auf massive Kritik – mit dem Argument,
dass sie die deutsche Verantwortung am Zweiten Weltkrieg relativierten
und eine neue Opfergemeinschaft erschufen. 96
In Ungarn wurden die Erlebnisse der Angehörigen der ungarischen Ar-
mee, die an der Besatzung der Sowjetunion beteiligt waren, dokumentiert. Sándor Sára produzierte ab 1979 ein gut 100-stündiges Filmmaterial mit 80
bis 100 ungarischen Soldaten, die in der Ukraine gedient hatten. Die ersten
17 Folgen der Serie wurden 1982 im ungarischen Fernsehen gesendet,
anschließend entstand aus dem Filmmaterial auch ein Kinofilm mit dem
Titel Pergtz (dt.: Dauerfeuer). Die Interviews wurden aus ideologi-
schen Motiven stark bearbeitet: Alles, was zu dem – mittlerweile schon
etwas angeschlagenen – Mythos der Roten Armee nicht passte, wurde he-
rausgeschnitten. Den vollständigen Film bekam das Kinopublikum erst
nach 1991 zu sehen. Die individuellen Erinnerungen der Soldaten waren aber schon 1982 viel komplexer als das eindimensionale Bild, das die dama-
lige Ideologie einforderte. Die Soldaten sprachen auch Themen (Gräuelta-
ten der Partisanen oder der ungarischen Truppen, intime Beziehungen mit
Ukrainerinnen usw.) an, die als Tabu galten.
Fekete Doboz97 dokumentierte 1991 den Abzug der sowjetischen Trup-
pen und führte zu diesem Anlass auch Interviews über die Verbrechen der
94 Alison Landsberg: Prosthetic Memory. The Transformation of American Remembrance
in the Age of Mass Culture. New York, Columbia University Press, 2004.
95 Sander, Johr, Befreier und Befreite.
96 Grossmann, A Question of Silence.
97 Fekete Doboz wurde 1988 gegründet und war die erste Gruppe, die unabhängig
und regelmäßig anhand von Videomaterial im Kommunistischen Ungarn Filme und Dokumentarfilme 159
sowjetischen Soldaten gegenüber der ungarischen Zivilbevölkerung.98
Eine junge Frau erzählte, dass sie in ihrer Wohnung von zwei Ungarisch
sprechenden Soldaten99 angegriffen, von diesen entkleidet wurde und, um
zu entkommen, von ihrem Balkon hinuntersprang, wobei sie sich die Wir-
belsäule brach. Die Interviewte schilderte, es habe sie am meisten ge-
schmerzt, dass die ungarischen Behörden bei dem sowjetischen Schauver-
fahren, das losgelöst von der ungarischen Rechtsprechung abgewickelt wurde, assistierten. Andere Frauen berichteten Ähnliches. Im Interview
zoomte der Kameramann auf das Gesicht der Frau, zeigte in Nahauf-
nahme, wie sie vor sich hin flüstert, dass sie keine Kinder mehr bekommen
kann. So wie im Film dargestellt, stehen die Leiden der Frau eindeutig für
die zum Opfer stilisierte Nation. Im Gegensatz zu anderen im Film er-
wähnten Vorkommnissen (Raubüberfall, Verkehrsunfälle mit Todesfolge
usw.) bleibt unklar, ob sich die Täter überhaupt für ihre Taten vor Gericht
verantworten mussten. Deutlich wird nur, dass die Sowjets der Frau über
Jahre drohten und sie zwingen wollten, ihre Anzeige zurückzuziehen.
Im Film von Péter Erdélyi Doni tükör (2003) (dt.: Spiegel des Dons) erinnern sich ukrainische Zeitzeugen an die ungarische Besatzung. Ob-
wohl diese Erinnerungen 60 Jahre zurücklagen und offensichtlich den
Stempel des vergangenen halben Jahrhunderts trugen – und es wenig Sinn
ergab, ihnen Glaubwürdigkeit abzuverlangen –, löste der Film heftige De-
batten aus, denn die Zivilbevölkerung erzählte ihre Erinnerungen an die
ungarische Besatzung, wie es ihr durch die kollektive Erinnerung vorgege-
ben und von ihr erwartet wurde.
Als der Film Verschwiegene Schande (2013) von Fruzsina Skrabski
herauskam, gab es ebenfalls heftige Debatten.100 Die ungarische Historike-
rin Zsófia Lóránd fasst in ihrem Artikel die Diskussion zusammen, die ich mit der Regisseurin führte und in die wir im Rahmen einer Filmvorfüh-
rung auch unseren Studierenden an der Central European University Ein-
blick gewährten. Der erste strittige Punkt war die Darstellung der Verge-
waltigung. In Schwarz-Weiß-Passagen wird die Vergewaltigung anhand
der von der Erinnernden erzählten Geschichte rekonstruiert und mit
mentierte und berichtete. Sie gab Menschen und Ereignissen eine Öffentlichkeit, die in den staatlich kontrollierten Medien verschwiegen wurden. (Anm. d. Übers.)
98 BOSA HU OSA 305-0-3.1991-051_91-55. 99 Die Sowjetunion war ein Vielvölkerstaat, in dem auch ungarische Minderheiten
lebten, so zum Beispiel in der Ukraine. Vielleicht ist hier aber auch gemeint, dass die Soldaten nur ein paar Brocken Ungarisch sprachen. (Anm. d. Übers.)
100 Lóránd Zsófia: Megszólaltatott félhangok, in: Kettős Mérce, 2014. jan. 24. http://
kettosmerce.blog.hu/2014/01/27/megszolaltatott_felhangok 160 Das Gedächtnis
Schauspielern nachgestellt. Das wirft einige theoretische und methodische
Fragen auf. Die Regisseurin sagte in einem Interview: »Am wichtigsten war
für mich, dass ich sie nicht bedränge. Ich hatte nur ein einziges Argument,
um sie zu überzeugen: Wenn sie nicht darüber sprechen, was geschehen ist,
dann wird es niemand mehr tun. Es war für mich wichtig, dass, wenn je-
mand im Fernsehen in die Sendung schaltete, er dann dabeiblieb. Dazu
brauchte es fiktive Szenen, die den Film eindrücklicher machten. Wir mussten natürlich aufpassen, dass wir dabei innerhalb der Grenzen des gu-
ten Geschmacks bleiben.«101 Die zweite strittige Frage war, warum Tages-
politik in die Erinnerungen untermengt wurde. Ich fand es bedenklich,
dass ein Abgeordneter des Euro päischen Parlaments der 102 MSZP und be-
tagte (männliche) Kommunisten zu Wort kamen. Die Regisseurin jedoch
vertrat die Meinung, es sei wichtig zu zeigen, dass es auch heute noch Men-
schen gibt, die versuchen, die Geschehnisse zu leugnen. Wir wurden uns
auch in der Frage der im Film genannten Zahlen nicht einig. Daraus erge-
ben sich nicht nur methodologische, sondern auch ethische Probleme, die
ich weiter oben bereits diskutiert habe.
Einer der ersten Spielfilme zum Thema war das Werk von Vittorio de
Sica, Und dennoch leben sie (1960), in dem die Verbrechen der Kolonial-
truppen in Italien dargestellt werden – nicht frei von Rassismus. Dieser
Film galt lange als Referenzpunkt, denn hier wurde sichtbar gemacht und
belegt, dass sexuelle soldatische Gewalt auch von den Alliierten an der
Westfront verübt worden war. Der Film von Sándor Sára, A Vád (1996)
(dt.: Die Anklage) wurde bereits zu Beginn, in der Einleitung, erwähnt.
Die Massaker von Nanking wurden in mehreren Filmen thematisiert, da
dies für China im Erinnerungs- und geopolitischen Kampf gegen Japan
von Nutzen ist. Der Film City of Life and Death – Das Nanjing Mas-saker (2009) war ein gigantischer Kassenschlager. Die Massaker werden in
Schwarzweiß, wie in einem Dokumentarfilm, dargestellt. Das Thema ins-
pirierte auch den international bekannten Regisseur Yimou Zhang. In
seinem Film, The Flowers of War, in dem er auch Hollywoodklischees
einsetzt, zeigt er die Selbstaufopferung der Nankinger Prostituierten.
Dank der erinnerungspolitischen Wende wurde das bereits erwähnte Tage-
buch von Anonyma verfilmt (Anonyma – Eine Frau in Berlin), der Film
wurde mit großem Erfolg in deutschen und internationalen Kinos ge-
101 Elhallgatott gyalázat: Nem merülhet feledésbe ! Skrabski Fruzsina bűnről,
büntetlenségről, megszálló hatalomról és tabukról, in: Magyar Nemzet, 24. 9. 2013. https://mno.hu/grund/nem-merulhet-feledesbe-1185943
102 Der Ungarischen Sozialistischen Partei und Nachfolgepartei der Ungarischen
Kommunistischen Partei. (Anm. d. Übers.)