Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Die Besatzung von 1944/45

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und Kindern gegenüber gewalttätig waren.«50 Bei der hier geäußerten

Überzeugung der russischen Heeresführung, von den zaristischen Solda-

ten seien nur jene übergriffig geworden, die der muslimischen Religion

angehörten, handelt es sich um dieselbe rhetorische Figur, die später in den

Erinnerungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von 1944 und 1945 auf-

taucht, in denen auch überwiegend von Tätern »asiatischer« Abstammung

die Rede ist.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war eines der militärischen Ziele des

zaristischen Russlands, Transkarpatien zu annektieren. Die Invasion im

Herbst 1914 wurde im historischen Gedächtnis gespeichert. Die ungarische

Führung erklärte den eigenen militärischen Misserfolg mit dem Mythos

des sogenannten Ruthenen-Verrats, wonach sich die Russinen – die ortho-

doxe Mehrheit der Bevölkerung – gegen die Ungarn verschworen hätten.

Um sich von der Monarchie loszulösen, hätten sie die zaristischen Truppen

ins Land geholt. Der damalige Ministerpräsident István Tisza unternahm

eine Reise, um den erlittenen nationalen Schaden einschätzen zu können,

von dem in allen Medien berichtet wurde. Nirgendwo wird allerdings auch nur mit einem Wort erwähnt, dass es zu Vergewaltigungen gekommen

war. Der Berichterstattung zufolge hatte es wohl Plünderungen seitens der

Besatzungstruppen zusammen mit der ruthenischen Bevölkerung gege-

ben, aber diese betrafen in erster Linie die Einwohner anderer Nationa-

litäten, vor allem die Juden.51

 

Die Besatzung von 1944/45

 

Die dritte Besatzung, die von 1944 bis 1945, unterschied sich in mehreren

wesentlichen Punkten von den vorangegangenen. Vor allem, weil – das be-

zeugen sowohl die Interviews als auch andere Quellen– die öffentliche Mei-

nung den sowjetischen Soldaten zum ersten Mal mit der Figur eines betrun-

kenen, bewaffneten, gefährlichen Randalierers identifizierte. Das war genau das Gegenteil des Bildes, das man sich über den deutschen Soldaten machte,

von dem in der kurzen Zeit der Besatzung der Eindruck zurückblieb, dass

er, in makelloser Uniform gekleidet, für eine sich angemessen verhaltende

und rassisch akzeptable Zivilbevölkerung keine Gefahr darstellte.

Über die Besatzung der Roten Armee sprachen die Zeitgenossen im In-

terpretationsrahmen des Krieges, so auch István Bibó: »Sie zog ein, wie ein

 

50 Rosonczy, Katona, Orosz szemtanúk, S. 321.

51 Ágnes Tutuskó: Az 1914–1915. évi orosz betörések nemzetiségpolitikai vonatkozásai,

PhD-disszertáció, PPKE, Budapest, 2016.

54 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

 

siegreicher Nachbar eben einzieht: Die Interessen der Bevölkerung werden

dabei den eigenen stark unterworfen.« 52 Die verantwortlichen Politiker

reagierten entsetzt, als sie von den Gräueltaten der sowjetischen Soldaten

hörten. Ferenc Nagy, der nicht für freundschaftliche Gefühle den Sowjets

gegenüber bekannt war, schildert in seinen im Exil geschriebenen Memoi-

ren die »fortwährende Angst«, weil »man die betrunkenen Soldaten weder

mit der Berufung auf Menschlichkeit, Ehre, Anstand noch mit dem Hei-ligtum der Familie überzeugen konnte. Sie vergewaltigten junge Mädchen

und wehklagende Großmütter. Vertrieben die Tiere der Bauern, nahmen

die Bettwäsche, vielerorts sogar die Möbel mit. Die gnadenlosen Rotarmis-

ten raubten Zehntausende Frauen und Kinder (Mädchen) und sie infizier-

ten sie mit Geschlechtskrankheiten.«53 In den Erinnerungen von József

Mindszenty und im Tagebuch von József Grősz, Erzbischof von Kalocsa,

nach 1956 das Oberhaupt der katholischen Kirche in Ungarn, finden sich

drastische Beschreibungen der Gräueltaten von sowjetischen Soldaten.

Diese Vorfälle waren für die Kommunisten und die Linke äußerst unan-

genehm, denn sie unterminierten die Idee der Überlegenheit des sowjeti-schen Menschen, die sie unentwegt bekräftigten. Selbst noch am 4. Juli

1947 (!), als die sowjetischen Soldaten längst in festen Kasernen unterge-

bracht waren, wandte sich Mihály Farkas in einem Brief an den General-

leutnant Swiridow, den stellvertretenden Vorsitzenden des Alliierten Kon-

trollrats, mit folgendem Anliegen: »Es wäre gut, wenn Sie die Befehlshaber

der in Ungarn stationierten Truppen der Roten Armee und die Gesandten

des Alliierten Kontrollrates in den ländlichen Regionen des Landes darauf

aufmerksam machen würden, dass in Ungarn in Kürze Parlamentswahlen

stattfinden. Deshalb sollten sie darauf achten, wie sie sich benehmen, da-

mit sie mit ihren Übergriffigkeiten nicht unsere Chancen beeinträchtigen.«54

Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den vorigen Besatzungen liegt

im Narrativ. In der Erzählung dieser Besatzung scheint häufig eine Gegen-

überstellung von der westlichen, christlichen Zivilisation und dem Osten

durch, und unter den Kriegsbedingungen verloren bis dahin allgemein ak-

zeptierte Verhaltensnormen an Gültigkeit. Auf der Ebene des historischen

Gedächtnisses war das Narrativ dieser Besatzung stark von der Erinnerung

an die Verteidigungskämpfe zur Zeit der osmanischen Herrschaft durch-

 

52 István Bibó: A demokrácia válsága, in: Uő.: Válogatott tanulmányok. Band II: 1945–

1949. Budapest, Magvető, 1986, 18. Zitiert nach Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 29.

53 Ferenc Nagy: Küzdelem a vasfüggöny mögött. Budapest, Európa Kiadó, 1990, S. 206.

Ich danke Róbert Rigó, dass er mich darauf aufmerksam machte.

54 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 244.

Die Besatzung von 1944/45 55

 

zogen (ein großer Teil von Ungarn war 1526–1686 Teil des Osmanischen

Reichs), und das beinhaltete die Vorstellung eines militärischen Barbaris-

mus des Ostens. Die Idee von Ungarn als Bollwerk des Christentums gegen

die Barbarei aus dem Osten reicht bis ins Mittelalter zurück, und dieser

Topos ist auch bei anderen europäischen Nationen zu finden: etwa im Falle

Polens, Tschechiens, der Slowakei, Serbiens und Rumäniens, wobei diese

Aufzählung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Die Ausdrücke »Russen-, Tatarenhorden« oder »die russische Dampf-

walze«, die in den Historiae Domus der Kirchen vorkommen, basieren auf his-

torischen Analogien. Viele – unter ihnen auch der Historiker Gyula Szekfű –

sprachen im Zusammenhang mit der sowjetischen Besatzung von einer

neuen Türkenherrschaft.55 Damit im Zusammenhang steht auch, dass die

sowjetischen Soldaten oft als orientalische, triebhafte Wesen oder als »große

Kinder« beschrieben wurden. Gyula Szekfű charakterisierte sie wie folgt: »Sie

handelten triebgesteuert, wie wenn einem normalen Menschen plötzlich das

Blut zu Kopf steigt und er sich nicht im Griff hat: Leidenschaftliche Hand-

lungen sind nie kaltblütig, es sind nie im Voraus geplante oder massenhafte, aus sadistischem Antrieb durchgeführte Gräueltaten.«56 Fanni Gyarmati, die

Witwe des jüdisch-ungarischen Dichters Miklós Radnóti, schreibt in ihrem

Tagebuch: »Es ist doch Asien, das wir jetzt am Hals haben«57 und: »Riesige,

ungezogene Kinder sind das […].«58 Alaine Polcz meint: »Sicher hatten sich

die ungarischen Soldaten in den russischen Dörfern auch nicht anständiger

benommen. Sie waren vielleicht nur nicht so brutal.59 […] Hier aber war der

Osten über den Westen hereingebrochen.«60 Der Schriftsteller Iván Boldizsár

trug zur Prägung des orientalischen Mythos vom warmherzigen, trinkfesten,

aber grundsätzlich zugewandten sowjetischen Soldaten bei. In seinen Memoi-

ren erinnert er sich an geselliges Beisammensein mit zechenden Soldaten.61 Ähnlich schreiben Sándor Márai, Gyula Schöpflin oder George Gabori über

die an eine »Tatarenhorde erinnernden« Rotarmisten: kindlich und gutmü-

 

55 Ich danke Gábor Gyáni, dass er mich auf diese Zusammenhänge aufmerksam

machte.

56 Gyula Szekfű: Forradalom után. Budapest, Gondolat, 1983, S. 126. Zitiert nach Ba-

logh, »Törvényes« megszállás, S. 29.

57 Radnóti Miklósné Gyarmati Fanni: Napló I-II. 1935-1946. Budapest, Jaffa, 2014,

Band II, S. 421.

58 Radnóti Miklósné: Napló II, S. 452. 59 Polcz, Frau an der Front, S. 124.

60 Ebd., S. 124.

61 Iván Boldizsár: Don – Buda – Párizs. Budapest, Magvető, 1982. Zitiert nach Balogh,

»Törvényes« megszállás, S. 43.

56 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

 

tig, aber unberechenbar.62 In der Zusammenfassung von Krisztián Ungváry

heißt es: »In der Wahrnehmung der Bevölkerung benahmen sich die deut-

schen zivilisiert, aber, wenn sie es für nötig hielten, gnadenlos, während die

Russen grundsätzlich gutmütig waren, aber Barbaren.«63

In polnischen Erinnerungen kommt die sowjetische Besatzung regel-

recht einer Naturkatastrophe gleich, und der sowjetische Soldat wird unter

Einfluss der traditionellen Russen- bzw. der Kommunismusfeindlichkeit geradezu als teuflisch-barbarisch gezeichnet. Die sowjetischen Soldaten

sind »Schurken, die kaukasische, dunkle Zeiten beschwören, sie sind eklig.

Ich habe Angst vor ihnen, sie schleichen hier immer herum«, schrieb eine

Polin aus Wrocław am 8. August 1945 in einem von der Zensur abgefange-

nen Brief. In Polen galten die Russen und die Juden als Hauptfeinde, daher

überrascht es nicht, dass sie die von den sowjetischen Soldaten angerichtete

Verwüstung mit den gleichen Bildern beschrieben wie jene, mit denen sie

gegen die Juden hetzten: Entsprechend vergifteten auch die Sowjets die

Brunnen, raubten und töteten junge, unschuldige Mädchen.64

Sowohl das Ausmaß als auch die Beschaffenheit der Gewalt, die die ungarische Bevölkerung erlitt, überraschten die Zeitgenossen. Der Krieg

begann für die Mehrheit der ungarischen Bevölkerung erst mit der sow-

jetischen Besatzung, wohingegen etwa Polen die Grausamkeiten der sow-

jetischen Armee im Anschluss an die fünfjährige, gnadenlose deutsche Be-

satzung erlebte. Solch eine Negativfolie gab es in Ungarn nicht. Deshalb

erinnert man sich in Polen an die Rote Armee als Soldaten, die noch schlim-

mer waren als die Deutschen.65 Viele erklärten sich die extremen Vor-

kommnisse damit, dass die Rote Armee aus einer anderen Kultur stammte

und »die Russen« Nachkommen der mittelalterlichen Mongolen-Heere wa-

ren. In den Interviews, die ich in Ungarn führte, wurden die Gräueltaten der Rotarmisten als Revanche für die Verbrechen der ungarischen Soldaten

in der Ukraine erklärt. Mitunter wurde auch die These formuliert, dass das

Ausmaß der Kriegsgewalt mit dem Faktor Zeit anwächst.66

 

62 Sándor Márai: Föld, föld! … Emlékezések. Budapest, Helikon – Akadémiai Kiadó,

1991; Gyula Schöpflin: Szélkiáltó. Visszaemlékezés. Budapest, Magvető–Pontus, 1991; George Gabori [Gábori György]: Amikor elszabadult a gonosz. Übersetzt von Halász Zoltán. Budapest, Magyar Világ, 1991. Zitiert nach Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 45.

63 Krisztián Ungváry: Budapest ostroma. Budapest, Corvina, 2009, S. 213, S. 304. Zi-

tiert nach Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 34.

64 Zaremba, Wielka Trwoga.

65 Ebd.

66 Zu den Gräueltaten der marokkanischen Truppen vgl. Tommaso Baris: Traduefu-

ochi. Esperienza e memoria della guerralungo la linea Gustav. Bari, Laterza, 2004. Die Besatzung von 1944/45 57

 

Der dritte Unterschied liegt in der angsteinflößenden und effektiven

Propaganda, die der ungarische Staat in den Jahren vor der Besatzung ver-

breitet hatte. Interviews mit Wienerinnen und Budapesterinnen bestätigen,

dass die Frauen vor den sowjetischen Soldaten schon im Vorfeld große

Angst hatten, schließlich hatten die Plakate und die Wochenschauen schon

seit Jahrzehnten die Sowjetunion und die Rote Armee als den größten

Feind dargestellt.67 Die NS-Propaganda sorgte dafür, dass die Bevölkerung frühzeitig darauf »vorbereitet« wurde, womit sie bei einem Sieg der Roten

Armee zu rechnen hätte. Die Prophezeihungen der Wochenschauen wur-

den schließlich traurige Wirklichkeit. Tatsächlich stürzten Soldaten – in

grobe Soldatenkleider gehüllt und die Mütze mit dem roten Stern auf dem

Kopf – in friedliche Familienheime, genauso wie die goebbels’sche Propa-

ganda es angekündigt hatte. Die Frauen erzählten in den Interviews von

ihren ersten Begegnungen mit den »Russen« wie von einer Filmszene, als

hätten sie sich selbst dabei beobachtet. Das lässt sich unter anderem damit

erklären, dass sie das, was ihnen widerfuhr, zuvor mehrmals auf der Lein-

wand gesehen hatten. Die Ängste in der Bevölkerung der besetzten Länder basierten in erster Linie auf der ethnischen Andersartigkeit der Soldaten der

Roten Armee. Es ist kein Zufall, dass die sowjetische Kriegspropaganda auf

den militärischen Denkmälern, die nach der Besatzung errichtet wurden,

ausschließlich Soldaten mit slawischen Gesichtszügen abbilden ließ, womit

sie die Ressentiments der einheimischen Bevölkerung dämpfen wollte. Vor

der Besatzung wirkten die Medien in vielen Ländern bei der Konstruktion

des Schreckensbildes »Sowjetunion« mit, häufige Themen in der Berichter-

stattung waren die Vergemeinschaftung von Eigentum, die Religionsfeind-

lichkeit und die angeblich freizügigen Sitten der Frauen. Da die im Unter-

grund operierende ungarische kommunistische Partei nur äußerst wenig Einfluss ausübte, konnte sie eine breitere Öffentlichkeit nur über Flug-

blätter erreichen, und das war äußerst riskant. Die Ungarinnen und Ungarn

begannen erst zu dem Zeitpunkt, die Sendungen des Moskauer Rundfunks

zu hören, als die Rote Armee bereits im Anmarsch war. Die Erfahrungen

der ungarischen Soldaten an der Ostfront aus erster Hand führten auch zu

keinem schmeichelhaften Bild über die Sowjetunion. Das Elend, das sie

dort zu sehen bekamen, die Grausamkeiten und die Gewalt deckten sich

eins zu eins mit den Botschaften der deutschen Propagandamaschinerie.

 

67 Irene Bandhauer-Schöffmann, Ela Hornung: Vom »Dritten Reich« zur Zweiten

Republik. Frauen im Wien der Nachkriegszeit, in: David F. Good – Margarete Grandner, Mary Jo Maynes (Hg.): Frauen in Österreich. Beiträge zu ihrer Situation im 19. und 20. Jahrhundert. Wien, Böhlau, 1994, S. 232.

58 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

 

Ungarinnen mit sowjetischen Soldaten in Szombathely

 

Der vierte Unterschied ergab sich daraus, dass die staatlichen Institu-

tionen in Ungarn zusammenbrachen und die Gesellschaft sich in Indivi-duen atomisierte. In der Folge musste die ungarische Bevölkerung die Er-

fahrung machen, dass sie mangels dieser staatlichen Institutionen nur auf

sich selbst bzw. auf die Familie zählen konnte. Das Ausmaß des Zusam-

menbruchs zeigt sich sehr anschaulich etwa an dem Beispiel, dass selbst das

Auto des Ministerpräsidenten Miklós Béla Dálnoki von den Sowjets kon-

fisziert wurde, und das Staatsoberhaupt erhielt erst nach langer Zeit und

einem Ersuch an die sowjetischen Autoriäten sein Auto zurück. 68 Es half

auch nicht, überzeugter Kommunist zu sein. Die 40 bis 50 Gesandten des

Bauarbeiterkongresses, die am 30. August von Budapest unterwegs nach

Hause waren, wurden im Zug nicht nur von Rotarmisten ausgeraubt, son-

dern zudem gezwungen, sich auszuziehen und ihre Kleidung abzugeben. Dem Gewerkschaftssekretär des Komitats Szabolcs wurde das Fahrrad

dreimal abgenommen, als er zur Agitation unterwegs war. 69 Diese »Alltags-

niederlagen« wirkten sich auch auf das Männlichkeitsbild der Ungarn aus.

 

68 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 167.

69 Ebd., S. 340.

Die Besatzung von 1944/45 59

 

Damals waren die Kriterien stark vom feudal-patriarchalen Wertesystem

der Vorkriegszeit geprägt, deshalb erlebten die meisten Männer die Verge-

waltigungen der Frauen als eine »Niederlage« der ungarischen Männlich-

keit, als »eine Schande des Mannes«. Diese Haltung trug einiges dazu bei,

dass Fälle verschwiegen wurden und sich eine »Verschwörung der Stille«

ausbreitete. Die Maler Viktor Madarász (1839–1917) und Bertalan Székely

(1835–1910) skizzierten in ihren Gemälden die historische Szenerie, als Mihály Dobozi mit seiner Frau 1526 (ebenfalls ein Jahr des Zerfalls des un-

garischen Staates70) vor den osmanischen Truppen flüchtet und sie auf ih-

ren eigenen Wunsch tötet, damit sie nicht in Gefangenschaft gerät. Beide

Gemälde porträtieren die romantische Idee einer kämpferischen Männ-

lichkeit, die Ferenc Kölcsey (1790–1838), der auch die ungarische National-

hymne dichtete, in seinem Gedicht Dobozi wie folgt beschreibt: »Ach, soll

vielleicht gehasster Kuss / in den Armen wilden Siegers mein Lohn wer-

den / und durch seine Gewalt / die gebrochene Scham zu Grunde gehen? /

Ach Gatte, stell dir mit Schrecken / deine Frau in der Sünde vor, / wie sie

bedrängt wird. / Soll das der Lohn ihrer Treue werden? / Lass sie doch lie-ber ihren letzten Kampf fechten.«71 Dieses moralische Gerüst, innerhalb

dessen Selbstmord oder Mord ein akzeptabler Ausweg sind, um Ehre zu

bewahren, begegnet uns des Öfteren und reicht weit zurück. Die Idee

selbst hat antike Wurzeln: Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Lucre-

tia aus dem antiken Rom, die das Bewahren ihrer weiblichen Ehre für

wichtiger hält als ein durch sexuelle Gewalt beschmutztes Leben. Diese

Vorstellung formulierte einer der Rabbis von Łodz wie folgt: »Es ist besser

meine Tochter aufzuopfern, als dass sie die Prosituierte der Deutschen

wird.«72 In dem bekannten Kriegsgedicht des litauisch-jüdischen Dichters

Hillel Bavli (1893–1961), Dreiundneunzig Jungfrauen, gehen die Mädchen lieber in den Tod, als dass sie von den deutschen Soldaten vergewaltigt wer-

den. All diese Beispiele veranschau lichen, dass in der Gesellschaft insge-

samt wenig Raum zur Verfügung stand, um weibliches Verhalten erzählen

zu können, das davon abwich.73

 

70 Die Armee des Osmanischen Reichs schlug die Ungarn bei Mohács und nahm den

mittlerenTeil des Landes ein. In der Folge zerfiel das Ungarische Königreich in drei Teile: das Osmanische Reich, Siebenbürgen und das Ungarische Königreich unter der Hoheit der Habsburger. (Anm. d. Übers.)

71 Ferenc Kölcsey: Dobozi, in: Ferenc Kölcsey: Versek és versfordítások. Budapest, Uni-

versitas, 2001, S. 93.

72 Sinnreich: »And It Was Something«, S. 7.

73 Bos, Pascale: Her Flesh is Branded? »For Officers Only«: Imagining and Imagined

Sexual Violence against Jewish Women during the Holocaust, in: Earl, Hilary, Karl 60 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung

 

Als die Front immer näherkam, brachen mit Ausnahme der kirchlichen

fast alle Institutionen zusammen, Schutz konnte man nur noch in einigen

Kirchen oder Klöstern finden. Der Bevölkerung blieb nichts anderes

übrig, als nach Wegen zu suchen, wie sie sich selbst verteidigen konnte.

Etwas Hoffnung versprach man sich kurzfristig vom bewaffneten Wider-

stand, der allerdings mit dem größten Risiko verbunden war. Am

11. Februar 1945 suchte János Kálmán die Gemeindeverwaltung von Litke auf und ließ ein Protokoll aufnehmen. Er berichtete, dass in der vergan-

genen Nacht gegen 2 Uhr vier Soldaten bei ihm erschienen waren und

seine Tochter und seine Schwiegertochter zum »Kartoffelschälen« mit-

nehmen wollten. Als diese sich widersetzten, begannen die Soldaten, im

Haus umherzuschießen, trieben die Frauen sodann aus dem Haus, verge-

waltigten und verletzten sie mit Messerstichen, sodass beide Frauen ins

Krankenhaus gebracht werden mussten.74 Da das sowjetische Kriegsge-

richt kein Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung kannte, hatte der Täter

mit Todesstrafe oder einer Haftstrafe nicht unter 30 Jahren zu rechnen.75

Unter anderem in einem Bericht vom 2. Juni 1945 fasste das Polizeikom-missariat des 14. Bezirks von Budapest die Übergriffe zusammen, die von

den Rotarmisten in seinem Revier verübt wurden. Danach töteten die so-

wjetischen Soldaten acht Menschen in ihren Wohnungen, vor der Polizei-

wache des 14. Bezirks erschossen sie einen Polizisten und raubten ihn aus.

Unter den Ermordeten waren drei Frauen, ob sie vergewaltigt worden wa-

ren, wurde nicht festgehalten.76 In diese Richtung wurde schlicht nicht

ermittelt.

Aus Familiengeschichten ist überliefert, dass die Mädchen oft als alte

Frauen getarnt, mit Ruß verschmiertem Gesicht auf die Straße gelassen

wurden, doch selbst diese Methode schützte nicht sicher vor den häufig vorkommenden Vergewaltigungen von sowjetischen Soldaten. In seinen

Memoiren schreibt Mátyás Rákosi (1892–1971), der Generalsekretär der

Ungarischen Kommunistischen Partei und spätere Ministerpräsident, über

die schützende Wirkung eines Bekleidungsstücks: »Viele Frauen trugen

Schlabberhosen (ich habe gehört, dass die russischen Soldaten Frauen, die

solche Hosen trugen, angeblich nicht ausstehen konnten).« 77

 

A. Schleunes (Hg.): Lessons and Legacies XI: Expanding Perspectives on the Holocaust in a Changing World. Evanston, Northwest University Press, 2014, S. 62-66.

74 Balogh, »Törvényes« megszállás, S. 286.

75 Kovács Imre: Magyarország megszállása. Budapest, Katalizátor, 1990, S. 246. 76 Blinken Nyílt Társadalom Archívum (a továbbiakban BOSA) HU OSA 408-1-3/9. 77 Rákosi Mátyás: Visszaemlékezések I-II. 1940-1956. Budapest, Napvilág, 1997, S. 160. Die Besatzung von 1944/45 61

 

Dem widerspricht allerdings die Tatsache, dass im Winter fast alle

Frauen Hosen trugen, ein besonders guter Schutz vor Vergewaltigung

kann es also nicht gewesen sein. Darüber hinaus konnte es den Frauen

passieren, dass sie in Männerkleidung wiederum für Deserteure gehalten

wurden. Brigitte Wehmeyer-Janca beschreibt in ihrer Autobiografie Hei-

mat des Herzens liegt in Danzig (1938–1958), wie sich ihre Mutter tarnte,

um sich vor den sowjetischen Soldaten zu schützen. 78 In Wien gingen die Frauen, wenn irgend möglich, gar nicht hinaus auf die Straße, und wenn

es unvermeidbar war, dann schminkten sie sich alt.79 In Polen war eine

Zugfahrt selbst noch im Herbst 1946 wegen der Rotarmisten, die in den

Zügen randalierten, gefährlich.80 Die Frauen griffen hier zu verschiede-

nen Methoden: Sie versteckten sich, täuschten mit unter die Haut inji-

ziertem Jod Syphilis vor, mit rot gefärbtem Speichel Tuberkulose oder sie

simulierten mit Marmelade Regelblutung. Doch nichts davon schützte

sicher. Wienerinnen taten besser daran, nicht aufs Land zu flüchten, son-

dern ihre Wohnung gar nicht mehr zu verlassen, die städtischen Wohnge-

meinschaften gewährten noch die größte Sicherheit. 81 In der Stadt jedoch erwiesen sich die Weinkeller in der Umgebung von Wien als besonders

gefährlich. In Budapest war es ähnlich. Das Bewegen in einer Gruppe –

von Nachbarn, Verwandten, Bekannten – bot noch die beste Chance,

Frauen vor Gewalt zu bewahren. Und wenn es doch zu einer Vergewal-

tigung gekommen war, kam dem Umfeld eine wichtige Rolle in der me-

dizinischen und seelischen Unterstützung zu. Etwa im Falle einer Jüdin,

die sich in einem Budapester Keller versteckt hielt, und die von einer mög-

lichen Geschlechtskrankheit und Schwangerschaft verschont blieb, weil

ein Medizinstudent, der sie zusammen mit ihrer Familie versteckt hielt,

sofort zur Hilfe kam.82 Aber nicht alle Frauen erhielten medizinische Ver-sorgung.

 

78 Brigitte Wehmeyer-Janca: Heimat des Herzens liegt in Danzig. Zitiert nach Kar-

wowska: Gwałty a kultúra, S. 163-171.

79 Irene Bandhauer-Schöffmann, Ela Hornung: Der Topos des sowjetischen Solda-

ten, in: Jahrbuch 1995. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien, 1995, S. 28-44.

80 Zaremba, Wielka Trwoga.

81 Bandhauer-Schöffmann, Hornung, Der Topos, S. 31. 82 Interview 54150, Abschnitt 88. Visual History Archive der USC Shoah Foundation. 62 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung