Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Die Soldatinnen der Roten Armee
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ten seien primitive Schurken.61 Nach ihrer Rückkehr verschwiegen die Sol-
daten ihre sexuellen Erlebnisse an der Front, unabhängig davon, ob es dazu
im Einverständnis oder gewaltsam kam, denn sie machten Erlebnisse und
Erfahrungen, die im zivilen Leben unvorstellbar waren.
Das Museum des Großen Vaterländischen Krieges wurde bereits 1943
eröffnet, und der sowjetische Staat hatte sehr genaue Vorstellungen, in wel-
chem Rahmen die Geschichten erzählt werden sollten. Bereits am Ende des Krieges präsentierten Friedhöfe, Denkmäler, Straßennahmen, Filme,
Theaterstücke, Ausstellungen und Veteranentreffen die Geschichten der
Selbstaufopferung. Dieser bewusste Bau am Mythos beeinflusste das kol-
lektive Gedächtnis stark, und die Erfahrungen vieler Menschen fanden
darin keinen Raum. Die Soldaten erhielten täglich 100 ml Spirituosen, das
bedeutet, sie mussten neben ihren Albträumen auch noch ihre Alkohol-
abhängigkeit überwinden.62 Die Albträume in Kombination mit den Erin-
nerungen an die Vergewaltigungen wurden auch für die Soldaten zu un-
erzählbaren, verschwiegenen Geschichten, denn im öffentlichen Raum
mussten sie den Mythos der siegreichen Armee bekräftigen, eine Verwei-gerung im immer strikter agierenden stalinistischen System hätte ein er-
hebliches Risiko bedeutet. Eine oft zitierte Sequenz des Films Verschwie-
gene Schande ist jene, in der ein Veteran der Roten Armee die offizielle
Erinnerung des Krieges in die Kamera erzählt. Aber nicht nur der Raum
fehlt, noch fehlen auch die Worte, um die persönlichen Erinnerungen er-
zählen zu können.
Die Soldatinnen der Roten Armee
Die Geschichte der Kriege ist die Geschichte des Kampfes uniformierter
Männer. Die Frauen kommen in dieser Geschichte allenfalls als zivile
Opfer vor. Über die Soldatinnen weiß man wenig, obwohl Frauen ab 1939
auch in Ungarn Militärdienst leisteten, in der Wehrmacht kämpften etwa
450.000 Frauen (nicht gemeint sind hier diejenigen, die als medizinisches Personal dienten).63 Über die Anzahl der kämpfenden Frauen in der Roten
Armee gibt es nur Schätzungen. So verbleiben die Vergewaltigungen, die
von sowjetischen Soldatinnen an ungarischen Männern verübt wurden, auf
der Ebene der individuellen Erinnerung, diese Fälle sind von keinen insti-
61 Zaremba, Wielka Trwoga.
62 Merridale, Ivan’s War, S. 314.
63 Ruth Seifert: Krieg und Vergewaltigung. Ansätze zur Analyse. München, Sozialwis-
senschaftliches Institut der Bundeswehr, 1993.
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tutionellen Quellen bestätigt worden.64 Das Schweigen über diese Verge-
waltigungen entstand durch die männliche Prägung von Armee und Krieg,
und sie ist auch der Grund dafür, dass es andauert. Ab 1942 wurden etwa
800.000 Frauen für die Rote Armee rekrutiert. 65 Einschlägige Forschungen
untersuchen ihren gesellschaftlichen Hintergrund, ihre Ausbildung, ihre
Erfahrungen und ihren Neubeginn nach dem Krieg.66
Zu Beginn des Krieges wollten auch Frauen einrücken, um ihr Vater-land zu schützen, sie glaubten wahrhaftig an die offiziell kommunizierte
sowjetische Gleichstellungspolitik, wurden aber bitter enttäuscht. Allein
die mangelhafte Ausbildung und Fehler der Kriegsführung und der daraus
folgende riesige Blutzoll bewogen die militärische Führung dazu, auch
Frauen als Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen, Mechanikerinnen, Pilo-
tinnen und natürlich als Köchinnen und Krankenschwestern zu rekrutie-
ren. Ab 1943 wurden mobile Friseureinheiten aufgestellt. Frauen konnten
ihre Tabakrationen übrigens gegen Schokolade eintauschen. Die Mehrheit
der Frauen jedoch – von den Männern nur »Mädchen« (Diewuschki) ge-
nannt – verrichtete außerordentlich anstrengende körperliche Arbeit, un-
64 Ein männlicher Interviewpartner erzählte mir die Geschichte seiner Vergewalti-
gung. Ähnlich wie bei den weiblichen Opfern stand die Angst vor Waffen und Geschlechtskrankheiten im Vordergrund. Von solchen Vorfällen hörte ich in Wien nicht.
65 Diese Zahl wird zuerst erwähnt in: ȼɋɆɭɪɦɚɧɰɟɜɚ ɋɨɜɟɬɫɤɢɟɠɟɧɳɢɧɵ ɜ
ȼɟɥɢɤɨɣɈɬɟɱɟɫɬɜɟɧɧɨɣȼɨɣɧɟ Moskau, Ɇɵɫɥɶ, 1974.
66 Euridice Charon Cordona, Roger D. Markwick: »Our Brigade will not be Sent to
the Front«: Soviet Women under Arms in the Great Fatherland War, 1941-45, in: The Russian Review 68.2 (2009), S. 240-262; Barbara Engel: The Womanly Face of War: Soviet Women Remember World War II, in: N. A. Dombrowski (Hg.): Women and War in The Twentieth Century: Enlisted With or Without Consent. New York, Routledge, 2004, S. 138-162; Marta Havryshko: Illegitimate Sexual Practices in the OUN Underground and UPA in Western Ukraine in the 1940s and 1950s, in: The Journal of Power Institutions in Post-Soviet Societies 17 (2016), S. 1-20; Anna Krylova: Soviet Women in Combat. A History of Violence on the Eastern Front. New York, Cambridge University Press, 2010; Catherine Merridale: Masculinity at War; Pennington, Reina: Wings, Women and War. Soviet Airwomen in World War Two Combat. Lawrence, University Press of Kansas, 2001; Olga Petrenko: Anatomy of the Unsaid: Along the Taboo Lines of Female Participation in the Ukrainian Nationalistic Underground, in: Maren Röger, Ruth Leiserowitz (Hg.): Women and Men at War: A Gender Perspective on World War II and its Aftermath in Central and Eastern Europe. Osnabrück, Fibre, 2012, S. 241-262; Brandon M. Schechter: »Girls« and »Women«. Love, Sex, Duty and Sexual Harassment in the Ranks of the Red Army 1941–1945, in: The Journal of Power Institutions of Post-Soviet Societies, 17 (2016). http://journals.openedition.org/pipss/4202
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tergeordnete und segregierte Aufgaben.67 Dennoch war in der Armee – wie
Catherine Merridale zeigen konnte – das soziale Geschlecht weniger von
Bedeutung als der Dienstrang, denn 1942 wurden die Dienstgrade der za-
ristischen Armee, die im Verlauf der Revolution abgeschafft worden wa-
ren, wieder eingeführt. Alter, Ausbildung und Nationalität wogen schwe-
rer. Die russische Nationalität bedeutete zum Beispiel immer einen Vorteil,
denn die Rote Armee war eine imperiale Armee, in der vielleicht theore-tisch alle gleichgestellt waren, aber in der Praxis wurden nur jene zum
Kommandanten befördert, die eine russische Nationalität hatten.68
Die von Gewalt geprägte militärische Kultur stellte für die Soldatinnen
eine ernste Herausforderung dar, vor ihren Kameraden fanden sie oft in
einer intimen Beziehung mit einem Soldaten von höherem Dienstgrad
Schutz.69 Die jüngsten Forschungen differenzieren das Bild, das Alexeje-
witsch in ihrem bahnbrechenden Buch von 1985 zeichnete.70 Vor diesem
Hintergrund stellt sich die Frage, welche Haltung die sowjetischen Solda-
tinnen in Bezug auf die Massenvergewaltigungen hatten.
Dass Frauen keine Vergewaltigungen begingen, ist Teil desselben Vor-urteils, das dafür sorgt, dass die Institution der Vergewaltigung weiter exis-
tiert, genauer: wonach Frauen mit Güte und Unschuld zu assoziieren
sind.71 Die sowjetischen Soldatinnen behaupten in ihren Erinnerungen,
dass es in ihren Einheiten zu keinen Vergewaltigungen kam, und betonen
die Verantwortung der Befehlshabenden für die Aufrechterhaltung der
Disziplin. Wobei die Frauen, die in der Roten Armee dienten, selbst per-
manent sexueller Gewalt ausgeliefert waren.72 Wenn es weniger Täterin-
nen als Täter gab, dann ist einer der Gründe dafür, dass die Frauen in der
Roten Armee in einer ausgelieferten Position waren, sie standen in niedri-
geren Diensträngen und hatten weniger Macht zur Verfügung. Und in ers-ter Linie ist sexuelle Gewalt eine Frage der Macht.
Etliche Quellen sind überliefert, in denen Soldatinnen darüber berich-
ten, wie sie sich vor einem aufdringlichen Kameraden retten mussten, der
nach ihrer Anzeige beim Parteisekretär zu einer Haftstrafe verurteilt
67 John Erickson: Soviet Women at War, in: J. Garrard, C. Garrard (Ed.): World War
II and the Soviet People, New York, St Martin’s Press, 2002, S. 50-76.
68 Schechter, »Girls« and »Women«.
69 Ebd.
70 Roger D. Marwick, Euridice Charon Cordona: Soviet Women on the Frontline in the
Second World War. Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012.
71 Laura Sjoberg: Women as Wartime Rapists. Beyond Sensation and Stereotyping. New
York, New York University Press, 2016.
72 Marwick, Charon-Cordona, Soviet Women on the Frontline.
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wurde. Infolge ihres zumeist niedrigeren Dienstrangs waren sie ihrem An-
greifer stets ausgeliefert. Die sowjetischen Offiziere von höherem Dienst-
grad zwangen Frauen oft zu ihrem persönlichen Dienst. 73 Es gab Versuche,
Sex unter Kriegsumständen per Anordnung zu unterbinden. Im Beschluss
des Zentralkomitees des Komsomol vom Januar 1944 wird grundsätzlich
die Verantwortung der Frau in diesen Beziehungen in den Vordergrund
gestellt, sie wird darin aufgefordert, sich nicht missverständlich zu verhal-ten.74 Da ein Schwangerschaftsabbruch als Ergebnis der stalinschen Politik
ab 1936 in der Sowjetunion verboten war, konnten Soldatinnen, die
schwanger wurden, sicher sein, ausgemustert zu werden. Die vaterlos ge-
borenen Kinder wurden zu Hause nicht unbedingt begeistert empfangen,
aber der Staat hatte angesichts der hohen Kriegsverluste ein grundsätz-
liches Interesse daran, dass die Bevölkerungszahl wächst, und so wurden
etliche gesetzliche und finanzielle Maßnahmen getroffen, um die Situa-
tion der alleinerziehenden Mütter zu verbessern. Die Wende in der Fami-
lienpolitik, die trotz der kommunizierten Gleichheit der Geschlechter
Aufgabe der Frau war, lässt sich gut anhand der zeitgenössischen Propa-ganda nachvollziehen. 75
Auf ungarischem Territorium erschienen Soldatinnen erst mit Ein-
rücken der Roten Armee in nennenswerter Anzahl. Die sich stets erwei-
ternde Fachliteratur skizziert nicht nur die herrschenden Umstände, son-
dern auch, wie schwer es für die Frauen war, ihre Geschichten zu erzählen.
Die siegreiche Rote Armee war eine Armee der Männer, die Frauen ent-
schwinden dem kollektiven Gedächtnis.76 Und die an Männern begangene
sexuelle Gewalt ist noch stärker tabuisiert als die gegen Frauen.77 Ferenc
Nagy, ehemaliger Ministerpräsident, beschreibt in seinen im Exil verfass-
ten Memoiren die Vorurteile und Ängste wie folgt: »Die Roten errichteten bei Kecskemét ein Erholungslager für die mehr als dreißigtausend kranken
und rekonvaleszenten Soldatinnen der Roten Armee und der Polizei. In
Banden organisiert, zogen die Russinnen aus diesem Lager in die umlie-
73 Engel, The Womanly Face of War.
74 Amedine Regamey: Women at War in the Red Army, in: Politika, 6. 9. 2017. ht-
tps://www.politika.io/en/notice/women-at-war-in-the-red-army
75 Anna Krylova: »The Healers of Wounded Souls«: The Crisis of Private Life in So-
viet Literature, 1944-1946, in: The Journal of Modern History 73 (2001), S. 307-331.
76 Szvetlana Alekszijevics: A háború nem asszonyi dolog. Ford. Kulcsár Valéria. Buda-
pest, Zrínyi, 1988; Új kiadása: Nők a tűzvonalban. Budapest, Helikon, 2016.
77 Heleen Touqueta, Ellen Gorris: Out of the Shadows? The Inclusion of Men and
Boys in Conceptualisations of Wartime Sexual Violence, in: Reproductive Health Matters 24 (2016), S. 36-46.
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genden Dörfer und entführten Männer, die sie über mehrere Tage festhiel-
ten. In dieser außerordentlichen Situation versuchten die [ungarischen]
Frauen und Mädchen nicht, sich selbst zu retten, sondern sie waren be-
müht, die Männer in Wäldern und Heuhaufen zu verstecken, damit sie
den infizierten Sowjetinnen entkamen.«78 Kecskemét war tatsächlich ein
wichtiger militärischer und logistischer Stützpunkt mit einem großen
Krankenhaus, aber die Zahl der hier Behandelten ist ebenso übertrieben wie die Gefahr, die die sowjetischen Soldatinnen dargestellt haben sollen.
Allerdings gibt es mehr Täterinnen unter Kriegsverhältnissen, als man
denken würde. Im Bürgerkrieg von Sierra Leone war anhand von Schät-
zungen einer von vier Tätern eine Frau.79 Frauen begehen sexuelle Gewalt
aus demselben Grund wie Männer, und man sollte sich auch von dem Vor-
urteil nicht irreführen lassen, Frauen seien grundsätzlich friedfertig und
lehnten Gewalt ab. Der Einsatz von Vergewaltigung stärkt auch unter
ihnen die Gruppendynamik, und deshalb beteiligen sich auch Frauen an
Gewalttaten. 80
Die Soldatinnen, die in der Roten Armee dienten, waren gleichzeitig sexueller Gewalt ausgeliefert und Zeuginnen sexueller Gewalt. Nach 1945
interessierte sich niemand mehr für ihre Erinnerungen, während der sta-
linistischen Konsolidierungsphase wurde diesen ehemaligen Soldatinnen
und an Selbstständigkeit gewohnten Frauen jeglicher Raum genommen.
Sie hatten es besonders schwer, ihre Geschichten zu erzählen, denn ab 1943
wurde auf das demografische Übergewicht der Frauen mit der Festigung
moralischer Normen reagiert, und die Ideologie verkündete, es sei Aufgabe
der Frau, für die Familie zu sorgen. Für die Soldatinnen war entsprechend
im sowjetischen erinnerungspolitischen Kanon, der Heldenhaftigkeit an
Männlichkeit knüpfte, kein Platz.81
78 Nagy: Küzdelem a vasfüggöny mögött, S: 206. Ich danke Róbert Rigó, dass er mich
auf diese Quelle aufmerksam machte.
79 Dara Kay Cohen: Female Combatants and the Perpetration of Violence: Wartime
Rape in the Sierra Leone Civil War, in: World Politics 65.3 (2013), S. 383-415.
80 Die erste Frau, die wegen Völkermords verurteilt wurde, war Pauline Nyiramasu-
huko, ehemalige Familienministerin von Ruanda, die noch als Ministerin für Gleichstellung zu sexueller Gewalt aufrief. Die Justizministerin Agnes Ntamabya-riro, die Militäreinheiten zusammenstellte, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Vgl. Cohen: Female Combatants, S. 410.
81 Merridale, Masculinity at War.