Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Verschwiegene Erfahrungen

Verschwiegene Erfahrungen 141

 

Verschwiegene Erfahrungen

 

Die Mennoniten (deutschstämmige Anabaptisten), die aus der Ukraine vor

der Roten Armee flüchteten und mit der Wehrmacht kollaborierten, ver-

wenden im Interpretationsrahmen des Kalten Kriegs folgende Ausdrücke,

um ihren Eindruck von der sowjetischen Armee in Worte zu fassen: »Un-

rasiert, schmutzig und schlecht riechend […] viele brutale Asiaten, gelb-

häutig, mit breitem Gesicht, hervorstehendem Jochbein.«39 Da die Men-noniten sowjetische Staatsbürger waren, befürchteten sie, zurück in die

Ukraine abgeschoben zu werden. Einer der bedeutendsten Nachkriegs-

diskurse in Deutschland war die Vergewaltigung der deutschen Frauen,

und daran wollten sich auch die Mennonitinnen beteiligen – in diesem Fall,

um an der Konstruktion einer nationalen Identität mitzuwirken. Das äh-

nelt dem Verhalten der Frauen in Ungarn, die ihre Geschichten ebenfalls

in einem engen Bezug auf den neuen Erzählrahmen erzählten. Die typi-

schen Merkmale dieser Erzählweise, die starre Chronologie, die Distan-

ziertheit, das Verschweigen und das Meiden des Themas sind den Erzäh-lungen in beiden Fällen eigen.

Die Erinnerungen der Mennonitinnen (bzw. das, woran sie sich nicht

erinnern) weisen Ähnlichkeiten mit ungarischen Erzählungen auf. In bei-

den Fällen fehlt es an zuverlässigen Archivquellen, ganz überwiegend ste-

hen nur persönliche Schriftstücke und aufgezeichnete Erinnerungen zur

Verfügung. Das mitteilbare Gedächtnis jedoch, das die Grundlage jeder

kollektiven Identität bildet, muss auf mitteilbaren Geschichten basieren.

Eine solche Mitteilung ist allerdings nur mit einem Wortschatz möglich,

der von den Rezipierenden auch erfasst werden kann. Die ukrainischen

Mennonitinnen und die Ungarinnen erzählen ihre Vergewaltigungsge-schichten ähnlich. Für beide ist die Verallgemeinerung und die unpersön-

liche Erzählweise typisch. In der Regel sprechen die Frauen über die Folgen

der sexuellen Gewalt (etwa Krankheiten und Schwangerschaften) und

nicht über den Akt der Vergewaltigung selbst. Mitunter gibt die Erzählerin

das Erlebte aus einer solch distanzierten Perspektive wieder, dass es scheint,

als wäre es jemand anderem passiert. Diese Erzählperspektive, der »sekun-

däre Augenzeuge«, ist ein weiteres typisches Merkmal bei der Erzählung

von Traumata, die durch Kriegskonflikte verursacht wurden, und sie spielt

eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Manifestierung der Kontinuität

 

39 Marlene Epp: The Memory of Violence: Soviet and East European Mennonite

Refugees and Rape in the Second World War, in: Journal of Women’s History 9.1 (1997), S. 60.

142 Das Gedächtnis

 

der Vergewaltigung. Ganz selten, am ehesten noch in zeitnahen Erinnerun-

gen, ist so etwas zu lesen wie das, was Lotte Heinritz, eine preußische Men-

nonitin, über ihre Flucht 1947 schreibt: »Plötzlich ging die Tür auf und vier

russische Soldaten befohlen mich ins Nachbarzimmer und vergewaltigten

mich.«40 Die Mennonitinnen betonten immer wieder, dass sie »von Gott

verlassen wurden« und, genauso wie die Ungarinnen und insbesondere die

Polinnen, betrachteten auch sie sich als Märtyrerinnen. 41 Für die Menno-nitinnen stellte die größte Gefahr die Zwangsrückführung in die Sowjet-

union dar. Um das zu vermeiden, duldeten zahlreiche Frauen sexuelle

Dienstleistungen an sowjetische Offizieren. Eine ähn liche Gefahr mochte

für die ungarische Zivilbevölkerung der sogenannte Malenki Robot, die

Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, bedeutet haben. Aber

es ist nicht überliefert, dass Ungarinnen, um das zu vermeiden, die Über-

lebensstrategie der Mennonitinnen angewandt hätten, was wohl damit zu-

sammenhängen könnte, dass die Listen der zu De portierenden von den

ungarischen Behörden zusammengestellt wurden. Während die deutschen

Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt durch sowjetische Soldaten ge-worden waren, in Deutschland in die kollektive nationale Identität aufge-

nommen wurden,42 wäre die traditionell auf Männerherrschaft basierende

religiöse Gemeinschaft der Mennoniten dadurch untergraben worden,

wenn eine Vergewaltigung ans Tageslicht gelangt wäre. Das ist der Grund,

warum die vergewaltigten Frauen von der erlebten sexuellen Gewalt stets

unkonkret und vage sprachen. Für die gläubigen Frauen war Selbstmord

keine Option, und ihre Religion verbot ihnen auch die Abtreibung. Die

einzige Möglichkeit, die ihnen blieb, war die Flucht ins Märtyrertum. In

diesem Narrativ war die Vergewaltigung nur eine von vielen Drangsalen

(Hunger, Not, Heimatlosigkeit).

Auch die Polinnen sprechen über die Vergewaltigung in erster Linie im

Interpretationsrahmen des Märtyrertums. Der Ausdruck kommt in den

von der Zensur abgefangenen privaten Briefen häufig vor. Hier ein Bei-

spiel einer Polin in ihrem Brief vom 24. April 1945 aus Gdynia: »Viele

 

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Ein wichtiger Bestandteil der deutschen Identität der Nachkriegszeit ist die Über-

nahme des Opfertums in das kollektive Gedächtnis: die Opfer der alliierten Bom-bardierungen sowie der Massenvergewaltigungen, die von sowjetischen Soldaten gegenüber deutschen Frauen verübt worden waren. Hier wurde also Gewalt an Frauen nicht verschwiegen, so wie im Fall von Ungarn und Korea, sondern dieser historische Fakt wurde Teil der im öffentlichen Raum erzählten Geschichte. Vgl. Gebhardt, Als die Soldaten kamen.