Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Die Vorgeschichte der russischen militärischen Besetzung während des Zweiten Weltkriegs, 1848 und 1914–1915 in Ungarn
50 Die Geschichte der Geschichtsschreibung der Kriegsvergewaltigung
kriegsbedingt auftretende sexuelle Not als mildernder Umstand betont
worden.45
Es ist wichtig festzuhalten, dass das Narrativ des NS-Militärs – wonach
die Wehrmachtangehörigen die Gesetze und die Anordnungen befolgten
und keine Sexualverbrechen verübten – von den Alliierten nicht infrage
gestellt wurde. Die Sowjets mühten sich vergeblich, dem Untersuchungs-
material ergänzende Zeugenaussagen über Sexualdelikte durch Wehr-machtangehörige (und Angehörige der ungarischen Armee bzw. anderer
Besatzungsarmeen) auf dem Gebiet der Sowjetunion beizufügen, sie pass-
ten nicht ins Narrativ. Besonders nachdem die sowjetischen Truppen auf
den ungarischen und anderen befreiten Gebieten Massenvergewaltigungen
verübt hatten.
Die Vorgeschichte der russischen militärischen
Besetzung während des Zweiten Weltkriegs, 1848
und 1914–1915 in Ungarn
Russland, die östlich von Ungarn liegende Großmacht, besetzte Ungarn
1944/45 nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal. Auch aus dem
Grund ist es interessant, das kollektive Gedächtnis der Besatzung zu ana-
lysieren, weil sich daraus erschließen lässt, wie sich die Armee zur Zivil-
bevölkerung verhielt bzw. wie die Zivilbevölkerung die Besatzer erinnerte,
und wie diese Erinnerungen wiederum die folgende militärische Besatzung
prägten.
Während der ersten Besatzung 1849 hinterließen die Interventionsheere in der Zivilbevölkerung trotz aller Propaganda der ungarischen Regierung
keine furchtbaren Erinnerungen. Die Besatzung dauerte nur kurz und er-
streckte sich auf ein kleines Gebiet, verlief sehr gut organisiert und hatte
keine verheerenden Folgen für die ungarische Revolution. Die Vorlage des
Ministerrats vom 18. Mai 1849 an den Reichsverweser Lajos Kossuth ver-
suchte nicht nur mit der Niederlage des Unabhängigkeitsaufstandes Schre-
cken zu verbreiten, sondern auch damit, dass eine Besatzung mit einer Be-
einträchtigung der Religionsfreiheit und der Moral einhergehen würde. Im
Text heißt es, mit dem Anmarsch der zaristischen Heere »ist zu uns wie
finstere Dämmerung auch die lange Herrschaft von Wildheit und Unge-bildetheit auf dem Weg«. Später rief die Regierung in ihrer Proklamation
vom 29. Juni 1849 mit dem folgenden Argument zur Mobilisierung gegen
45 Beck, Rape, S. 266.
Die Vorgeschichte der russischen militärischen Besetzung 51
die russischen Heere auf: »Wollt ihr sehen, wie die geschändeten Leich-
name eurer Väter, Frauen und Kinder von den Kosaken des weiten Nor-
dens getreten werden? Wenn nicht, dann schützt euch !« Am 10. Juli 1849
rief auch General Józef Bem die Szekler in Târgu Mureș (damals Ungarn,
heute Rumänien; deutsch: Neumarkt am Mieresch, ungarisch: Maros-
vásárhely) gegen die einfallenden russischen Truppen zu den Waffen.
Allerdings glaubte er, das vordergründige Ziel der Russen sei es nicht, zu töten, sondern den drängenden Arbeitskraftmangel in Sibirien mit Kriegs-
gefangenen zu beheben: »Dass das russische Heer dort, wo es einfiel, nicht
tötete, und die Bevölkerung nicht niedermetzelte, sogar verheißungsvolle
Versprechungen machte, hat allein den Grund, dass sie euch zuerst ent-
waffnen und dann lebendig gefangen nehmen wollen – sie wissen ganz
genau, dass es unter den Szeklern viele tüchtige und gesunde Menschen
gibt.«46
Die erste russische Besetzung von 1849 erstreckte sich nur auf die Rand-
bezirke des Landes und war von kurzer Dauer. Ein Teil von Oberungarn
(damals ein Verwaltungsbezirk von Ungarn, heute die Südslowakei), das gesamte Transdanubien und das Gebiet zwischen Donau und Theiß sowie
Teile der Wojwodina (damals ebenfalls Ungarn, heute Serbien) blieben
von der russischen Besatzung verschont, und sie dauerte insgesamt nur drei
Monate. Danach wurden die russischen Truppen wieder aus dem Land ab-
gezogen. Anders die österreichischen kaiserlichen Truppen: Sie blieben
noch lange im Land und repräsentierten die »andere« Armee, die man
hassen konnte. Die Zwangsrekrutierung als Strafe für die Beteiligung am
Unabhängigkeitsaufstand sowie die Implementierung des Deutschen als
Kom mandosprache blieben während des gesamten Bestehens der Öster-
reich-Ungarischen Monarchie durchgehend Gegenstand politischer De-batten.
In der zaristischen russischen Armee herrschte sozusagen preußische
Disziplin. In Fällen allerdings, in denen sich die ungarische Zivilbevölke-
rung am bewaffneten Kampf, der theoretisch den regulären Truppen
vorbehalten war, beteiligte, gestatteten die russischen Befehlshaber ihren
Soldaten freie Plünderung. Das passierte beispielsweise in Vác oder in Me-
zőcsát. Die schlimmsten Übergriffe der russischen Armee gegen die Zivil-
bevölkerung erfolgten ebenfalls auf Befehl von oben, und zwar in Lučenec
(damals Losonc, in Ungarn, heute in der Slowakei). Am 1. August 1849 wur-
den russische Soldaten, die sich in einem Gasthof erholen wollten, von einem ungarischen Freikorps, das gerade auf dem Weg war, sich in die Berge
46 Ich danke Róbert Hermann für die Zitate.
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zurückzuziehen, getötet bzw. verschleppt. Als Vergeltungsakt verordnete
Generalleutnant Grabbe, die Stadt in Brand zu setzen. Davon blieb eine de-
taillierte, allerdings erst im Nachhinein erstellte Beschreibung erhalten.47
Damals bewegten sich die Soldaten in organisierten Truppen, mit orga-
nisierter Versorgung; unkontrollierte Plünderung der Zivilbevölkerung
und Übergriffe kamen in der Regel nicht vor. Die Befehlshaber hatten aber
die Kompetenz, unter gewissen Umständen ihren Soldaten die Plünderung zu gestatten. Dazu zählten auch Vergewaltigungen. Das bezeugt etwa ein
Fall, als Einwohner aus der Umgebung von Bratislava (damals Pozsony,
Ungarn, heute in der Slowakei) Mitte Juni 1849 Beschwerde erhoben we-
gen Plünderungen und Diebstahl der einlogierten Soldaten. Darin er-
wähnten sie, »auch die Frauen sind vor ihnen nicht sicher«. Der russische
Befehlshaber, Generalleutnant Panutin, leitete Maßnahmen zur Kompen-
sierung der erlittenen Schäden ein und stellte in Aussicht, im Falle von
ähnlichen Ordnungswidrigkeiten die Majore und Oberstleutnante vor das
Militär gericht stellen zu lassen bzw. sie zu entlassen.
Am 2. August 1849, nach der Schlacht bei Debrecen, wurden dem rus-sischen Oberbefehlshaber Feldmarschall Paskewitsch Übergriffe gegen-
über der Bevölkerung seitens des Kavallerie-Regiments der Bergkosaken
sowie des Kavallerie-Regiments der Moslems von jenseits des Kaukasus ge-
meldet, was nicht frei von religiösen Vorurteilen war.48 Den Vorfall doku-
mentierte auch Sonzow, der Adjutant von Paskewitsch. Er schrieb, die Sol-
daten hätten sich wie Tiere benommen, erwähnt aber auch, einer seiner
Kameraden habe die Witwen und Waisen mit dem Kantschu vor den
eigenen Truppen verteidigt.49 Die in der Aufzeichnung erwähnten »Wit-
wen und Waisen« sind Stilmittel, ebenso wie die später gebrauchte Aus-
drucksweise »Frauen und Kinder«: Sie machen die Opfer unsichtbar, ent-individualisieren sie, zugleich verleihen sie dieser Art von Vorfällen eine
moralisch verurteilende Dimension. Der Baron Nikolaj, ein Flügeladjutant
in der zaristischen Armee, notierte in diesem Zusammenhang in seinem
Tagebuch: »Wir hörten davon, dass unsere Moslems und zum Teil unsere
Soldaten in Debrecen plünderten, Grausamkeiten begingen und Frauen
47 Danó Jeszenői: Losoncz története, in: Losonczi Phőnix. Történeti és szépirodalmi
emlékkönyv. Az 1849-diki háborúban földúlt és elpusztított Losoncz város némi fölsegé-lésére. Kiadja és szerkeszti Vahot Imre. Pest, 1851. Band 1, S. 19-29. Ich danke Róbert Hermann dafür, dass er mich auf diese Quelle aufmerksam machte und mir bei der Erschließung des Gedächtnisses der russischen Besatzungen behilflich war.
48 Ich danke Ildikó Rosonczy für ihre Hilfe.
49 Rosonczy Ildikó, Katona Tamás (Hg.): Orosz szemtanúk a magyar szabadságharcról.
Budapest, Európa, 1988, S. 254-255.