Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Tagebücher als Dokumentarromane
Tagebücher als Dokumentarromane 143
Frauen wurden getötet, sie wurden zu Märtyrerinnen.«43 Dieses Vokabular
ist typisch im polnischen religiösen Narrativ. In Ungarn war die von den
sowjetischen Soldaten verübte sexuelle Gewalt für die Holocaust-Über-
lebenden ein besonders schmerzhaftes Erlebnis. Um zu erzählen, was sie
während der Shoah und später durch die sowjetischen Soldaten erlitten,
verfügten sie über keinen geeigneten Wortschatz.
Tagebücher als Dokumentarromane
Die von sowjetischen Soldaten verübten Vergewaltigungen wurden in erster
Linie literarisch verarbeitet und gelangten auf diese Weise in das kollektive Gedächtnis. Diese Werke stellten der damaligen offiziellen Geschichts-
schreibung, die ideologisch motiviert leugnete, dass es sexuelle soldatische
Gewalt überhaupt gab, die Glaubwürdigkeit des persönlichen Erlebnisses
gegenüber. Der international wohl am häufigsten zitierte, geradezu ikoni-
sche Text über von sowjetischen Soldaten verübte Vergewaltigungen schil-
dert einen Fall aus Deutschland.44 Der Roman erschien unter dem Titel Eine
Frau in Berlin, zuerst 1954 auf Englisch, dann 1959 auch auf Deutsch. Die
unter dem Pseudonym »Anonyma« publizierende Autorin, so stellte sich
später heraus, war Marta Hillers (1911–2001), eine vielsprachige Journalistin,
die für die NS-Propagandamaschinerie gearbeitet hatte. Die alleinstehende Journalistin erfuhr sexuelle Gewalt von sowjetischen Soldaten, und um
diese künftig zu vermeiden, suchte sie sich einen Offizier als Partner. Sie
griff mit kühlem Kopf und ganz bewusst zu der Lösung, einem russischen
Offizier sexuelle Dienste zu gewähren, und erhielt im Gegenzug Schutz vor
weiteren Gewalttaten. Die Geschichte ist in einer knapp gehaltenen Sprache
verfasst, wirkt wie eine Zeugenaussage. Das Buch erzählt, über die Gegen-
überstellung von Opfer und Täter hinausweisend, von der Endphase des
Kriegs. Die sowjetischen Soldaten erhalten hier individuelle Gesichter, was
sich von der üblichen Darstellung der gesichtslosen, betrunkenen und ge-
waltbereiten Massen in der Roten Armee abhebt. Im Gespräch mit einer anderen Ber linerin äußern sich die beiden herablassend über die erotischen
43 Zaremba, Wielka Trwoga.
44 Gabi Köpp: Warum war ich bloß ein Mächen? Das Trauma einer Flucht 1945. Mün-
chen, Knaur, 2010. Atina Grossmann: The »Big Rape«: Sex and Sexual Violence, War, and Occupation in Post-World War II Memory and Imagination, in: Eliza-beth Heineman (Hg.): Sexual Violence in Conflict Zones: From the Ancient World to the Era of Human Rights. Philadelphia, University of Pennsylvania Press, 2011, S. 136-151; Gebhardt, Als die Soldaten kamen.
144 Das Gedächtnis
Fähigkeiten der sowjetischen Soldaten, die jedoch uneingeschränkte Macht
über sie hatten. Die Autorin stellt dar, dass die kontrollierende Instanz der
deutschen Männlichkeit durch die von sowjetischen Soldaten verübten
Massenver gewaltigungen beeinträchtigt wurde, was wiederum neue gesell-
schaftliche und individuelle Möglichkeiten für Frauen bedeutete. Sie hatten
das Gefühl, ihr Leben sei besser geworden, obwohl doch sexuelle Gewalt
als permanente Gefahr ihren Alltag bestimmte. 45 In diesem Interpretations-rahmen sind die Soldaten der Roten Armee die Übermänner. Dieses Bild
hielt sich während der gesamten Periode des Kalten Krieges, und erst später,
mit Einsetzen einer zweiten Welle des Feminismus, wurde es möglich, über
sexuelle Gewalt als Praxis der Machtausübung zu sprechen.
Das autobiografische Werk Eine Frau in Berlin geriet vorerst in Ver-
gessenheit und fand nur in Form von Fotokopien Verbreitung. Das Buch
wurde auf Deutsch erst 2003, mit einem Vorwort von Hans Magnus
Enzensberger, neu aufgelegt, und entwickelte sich innerhalb von wenigen
Tagen zu einem Bestseller, wohl nicht zuletzt deshalb, weil darin endlich
auch die Leiden der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs themati-siert wurden. Es wurde in viele Sprachen übersetzt,46 obwohl die Experten
die Echtheit der im Text geschilderten Ereignisse infrage stellten.47 Das
Buch wurde 2008 auch verfilmt, und der Film wurde für seine ausgewo-
gene und nicht voyeuristische Darstellung hoch gelobt.48 Jody Raphael
schaute sich die Kritiken zum Film genauer an und fand heraus, dass meh-
rere männliche Historiker die Glaubwürdigkeit des Tagebuchs anzweifel-
ten, weil das Vergewaltigungsgeschehen ihrer Meinung nach viel zu emo-
tionslos verhandelt würde, auch ließen die männ lichen Rezensenten, wenn
sie aus dem Text zitierten, die Stellen mit Vergewaltigungen zumeist weg.49
45 Agatha Schwartz: Narrating Wartime Rapes and Trauma in A Woman in Berlin,
in: CLC Web: Comparative Literature and Culture 17.3 (2015). https://docs.lib. purdue.edu/clcweb/vol17/iss3/11/
46 Auch ins Ungarische: Anonyma: Egy nő Berlinben. Budapest, Magvető, 2005. 47 Neueste Forschung zur Autorin des Tagebuchs: Yuliya von Saal, Anonyma: ›Eine
Frau in Berlin‹. Geschichte eines Bestsellers«, in: Vierteljahrshefte für Zeitge-schichte 3/2019, S. 343-376.
48 Holger Pötzsch: Rearticulating the Experience in War in Anonyma: Eine Frau in
Berlin, in: Nordlit 30 (2012), S. 15-32; Schaumann, Caroline: »A Different Family Story«: German Wartime Suffering in Women’s Writing by Wibke Bruhns, Ute Scheub, and Christina von Braun, in: Stuart Taberner – Karina Berger Rochester (Hg.): Germans as Victims in the Literary Fiction of the Berlin Republic. Rochester, NY, Camden House, 2009, S. 102-117.
49 Siehe Jody Raphael: Silencing Report of Sexual Assault. The Controversy over A Wo-
men in Berlin, in: Violence Against Women 12.7 (2006), S. 693-699.
Tagebücher als Dokumentarromane 145
Louise O. Vasvári, eine in Ungarn geborene amerikanische Forscherin, die
sich mit Tagebüchern von Frauen in der Nachkriegszeit beschäftigt, weist
darauf hin, dass letztlich gar nicht wenige Frauen ihre Erlebnisse über die
Gewalttaten der sowjetischen Soldaten niederschrieben, aber diese Texte
erreichten die breitere Öffentlichkeit nicht, unter anderem weil es an einer
Sprache fehlte, die zur Thematisierung von sexueller soldatischer Gewalt
geeignet gewesen wäre.50
Die Berliner Vergewaltigungsfälle fanden ihren Platz im Mainstream
der Geschichtsschreibung früher als die ungarischen, wobei sich die weib-
liche Perspektive in der Geschichtsschreibung auch in anderen Ländern
nicht durchsetze.51 In Ungarn galten die Erzählungen über sexuelle Ge-
walttaten von sowjetischen Soldaten zumindest offiziell als Tabu und wur-
den bestenfalls in den familiären Bereich verbannt. Aus der belletristischen
Literatur soll hier der Roman von György Konrád, Der Komplitze (im un-
garischen Original 1982 erschienen), in der die Hauptfigur, ein Arbeits-
dienstler52 in Uniform der Roten Armee, zurück nach Ungarn flieht und
dabei Zeuge von Vergewaltigungen wird.53 Die jüngsten Arbeiten zeugen davon, dass im Bereich der Fiktion neben dem Tagebuch der Dokumen-
tarroman die Gattung ist, in der dieser historische Fakt erzählbar wird. Für
diese neuere Gattung dienen mündlich mitgeteilte Erinnerungen, also In-
terviews, oder moderne künstlerische Verarbeitungen in Film, literarischen
Texten und Tagebüchern als Quelle. Es ist wichtig, sich klarzumachen,
dass hier nicht die Menschen sprechen, die die Geschehnisse selbst erlitten,
gefühlt und erlebt haben, sondern die, die sie beobachteten. Zeitgenossen
erzählen über historische Ereignisse, wenn man sie nach ihren Erinnerun-
gen fragt, in diesem Fall also nach ihren Erinnerungen an den Zweiten
Weltkrieg. Aber sie erinnern sich nicht nur an Ereignisse, die sie selbst er-litten. Wenn es um die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg geht, füh-
50 Louise O. Vasvári: A töredezett (kulturális) test írása Polcz Alaine Asszony a fronton
című művében, in: Hungarian Cultural Studies 3 (2011). http://ahea.pitt.edu/ojs/ index.php/ahea/article/view/20; Susan Varga: Heddy and Me. Harmondsworth, Penguin, 1994; Katin, Miriam: We Are on Our Own. Montréal, Drawn & Quar-terly, 2006.
51 Antony Beevor: Berlin. The Downfall 1945. London, Viking, 2002; Naimark, The
Russians in Germany.
52 Die militärdienstpflichtigen Männer jüdischer Abstammung wurden zur Zeit des
Zweiten Weltkriegs in Ungarn zum »Arbeitsdienst« verpflichtet, einem Militär-dienst, den sie ausschließlich ohne Waffe als eine nicht kämpfende Einheit der un-garischen Armee leisten sollten. Die Bedingungen waren unmenschlich, besonders an der Ostfront, aber sie hatten bessere Überlebenschancen als die Deportierten.
53 György Konrád: Der Komplize. Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1980.
146 Das Gedächtnis
len sich die Erzählenden oft gezwungen, den Topos des vergewaltigenden
sowjetischen Soldaten zu erwähnen, auch wenn sie nicht selbst vergewal-
tigt wurden, sondern nur von solchen Vorfällen gehört hatten oder allen-
falls dabei anwesend gewesen waren. Jene Opfer wiederum, die tatsächlich
vergewaltigt wurden, erzählen das, was sie erlitten, häufig nicht als ihr
eigenes Erlebnis, sondern als wäre es jemand anderem passiert. Im Laufe
der Zeit wird die Chance freilich ohnehin immer kleiner, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die die Vergewaltigung am eigenen Körper erlebt
und ausgestanden hatten. Aber es wird mehr Menschen geben, die den An-
schein von faktischer Authen tizität erwecken und darüber sprechen wer-
den, was ihrer Meinung nach aufgrund dessen, was sie sahen und hörten,
passierte. Das Aufschreiben von Erinnerungen ist immer das Resultat von
einer kontinuierlichen Interaktion zwischen Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft, das unter anderem auch von den jeweils geltenden Macht-
verhältnissen definiert ist.
Die Autorin, deren Tagebücher zu den sehr früh veröffentlichten zählen
und große Beliebtheit erlangten, ist die aus einer reichen Stockholmer Fa-milie stammende Stella Kuylenstierna, die in sehr jungem Alter den Gra-
fen Imre von Andrássy, den Rat der ungarischen Botschaft in Stockholm,
Sohn einer alten Aristokratenfamilie, heiratete. Sie erhoffte sich, das im-
merwährende sorglose Leben des Hochadels, einem Feenmärchen gleich,
zu führen, über das sie in der ersten Hälfte des Tagebuchs berichtet.54 In
diesem Teil des Tagebuchs lässt die Schwedin keinerlei Aufmerksamkeit
oder Sensibilität für die ungarische Wirklichkeit erkennen, ihr Leben ist
eine Aneinanderreihung von Bällen und Jagden. Als die sowjetischen Sol-
daten auftauchen, hat Stella keine Ahnung, warum und woher, und die
Familie flüchtet in den Westen. Der am häufigsten zitierte Teil des Bandes ist aus dem November 1944, als Székesfehérvár von den Sowjets einge-
nommen wird. Stella macht sich mit dem Auto auf den Weg in den Wes-
ten, während der Fahrt erzählen ihr Menschen davon, dass »gelbhäutige
Asiaten« ältere Frauen vergewaltigten, weil sie meinten, dass sie dadurch
vor gegnerischen Kugeln geschützt wären, so als hätten sie Drachenblut
getrunken. Es bleibt unklar, in welcher Sprache dieses mythisch anmu-
tende Gespräch stattgefunden haben soll. Im Tagebuch wird erwähnt,
dass in Székesfehérvár eine »Schwarze Messe« abgehalten wurde, in deren
Verlauf Frauen und Mädchen in die Basilika der Stadt getrieben wurden,
wo es zu rituellen Massenvergewaltigungen kam. Diese werden im Tage-
54 Stella Kuylenstierna-Andrássy: Ég a puszta. Gróf Andrássy Imréné memoárja. Bu-
dapest, Corvina, 2015.
Tagebücher als Dokumentarromane 147
buch anhand von Erzählungen von Überlebenden auch detailliert be-
schrieben. Die Autorin berichtet ebenfalls darüber, dass die Russen, als sie
zurückkehrten – Székesfehérvár wurde heftig umkämpft und wechselte
mehrfach den Besitzer –, jene Frauen vergewaltigt hätten, die sich mut-
maßlich mit den Deutschen eingelassen hatten. Ihnen seien die Brüste ab-
geschnitten worden.55 Das Buch, das in einer verschärften geopolitischen
Situation entstand, wurde erstmals 1948 in Stockholm verlegt.
Sexorgien, die die Sowjets veranstaltet haben sollen, werden auch in pol-
nischen Erinnerungen erwähnt, besonders in jenen aus Pommern. Solche
angeblichen Orgien dokumentierte auch der Vertreter der Londoner Exil-
regierung in aller Detailliertheit in seinem Bericht vom Mai 1945, auch hier
wird der Interpretationsrahmen des Kalten Krieges erkennbar.56
Ein anderes Tagebuch aus Ungarn, das bereits erwähnte Werk von
Alaine Polcz, das unter dem Titel Frau an der Front (1991) erschien, leistete
einen vielfachen Beitrag dazu, dass das Schweigen über soldatische sexuelle
Gewalt in Ungarn gebrochen wurde. Das Buch erhielt 1991 einen der re-
nommiertesten Buchpreise in Ungarn, verliehen vom Verein Artisjus, und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.57 Da Polcz eine der wenigen Frauen
war, die sich vor die Öffentlichkeit stellten und ihre persönlichen Erleb-
nisse erzählten, wird das Buch im öffentlichen Diskurs als eine Art Beweis
herangezogen, dass es Massenvergewaltigungen tatsächlich gegeben hatte.
Gleichzeitig gab es Literaturkritiker, ausnahmslos Männer, die das Niveau
des Textes nicht für angemessen hielten.58 Ihre Geschichte, all das, was sie
während der Jahre des Zweiten Weltkriegs erlebte, erzählt Polcz aus der
alltags geschichtlichen Perspektive ihrer christlichen Mittelschichtsfamilie.
Die Demütigungen, die sie während ihrer unglücklichen, emotional kalten
Ehe erlebt, finden gewissermaßen eine Fortsetzung in der Massenverge-waltigung durch die sowjetischen Soldaten. Gleiches gilt für die Unfähig-
keit ihrer Familie, sich die Geschichte ihrer Vergewaltigung anzuhören.
Aus dem Briefwechsel mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schriftsteller
Miklós Mészöly, wird deutlich, dass Alaine Polcz nicht nur einen außer-
ordentlich schweren Kampf führen musste, um als Frau in ihrer Intellek-
tualität anerkannt zu werden. Auch die im Laufe ihres Lebens geduldeten,
55 Polcz, Frau an der Front, S. 70.
56 Zaremba, Wielka Trwoga.
57 Zwei englischsprachige Ausgaben: Wartime Memoire. Budapest, Corvina, 1998;
bzw. One women in the war. Budapest, CEU Press, 2002. Auf Deutsch: Frau an der Front: Ein Bericht. Suhrkamp, Berlin, 2011.
58 Zsófia Lóránd: Exhibiting Rape, Silencing Women. Alaine Polcz in the House of
Terror in Budapest, in: East Central Europe 42 (2015), S. 337-338.
148 Das Gedächtnis
ununterbrochenen emotionalen Demütigungen lassen darauf schließen,
dass sich das Erlebnis der Vergewaltigung sehr destruktiv auf ihre Persön-
lichkeit ausgewirkt hatte. 59
Der Band lässt sich vielen Gattungen zuordnen, man kann ihn als
Memoire, Roman, autobiografischen Roman, Dokumentarroman oder
auch autobiografisch lesen. Entsprechend haben verschiedene Wissen-
schaftler den Text auf sehr unterschiedliche Art und Weise interpretiert. Das fängt schon beim Titel60 an. Vasvári zufolge steht das Wort »asszony«
für den gesellschaftlichen Status; die Literaturwissenschaftlerin Nóra Séllei
hingegen vertritt die Meinung, dass das nicht der Fall ist. Das vorange-
stellte Motto des Buchs »Einmal muss ich das erzählen« signalisiert, dass
die Erzählung eigentlich einen Versuch zur Wiederherstellung des »weib-
lichen Subjekts« darstellt.61
Vasvári analysiert das Buch von Polcz als eine herkömmliche hetero-
sexuelle weibliche Leidensgeschichte.62 Im Gegensatz dazu wendet Nóra
Séllei die Opfer-Theorie von Bernhard Giesen an und zeigt, dass der weib-
liche Körper im Roman zum Opfer und dadurch an den Rand der Gesell-schaft gedrängt wird. 63 Séllei betont: »Bei der Vergewaltigung von Frauen
geht es also nicht nur – oder sogar am wenigsten – um die physiologischen
Bedürfnisse der Soldaten, die fern von ihren Frauen sind: Die Frau ist in
diesem Zusammenhang der symbolische Einsatzbereich des Kampfes der
einander gegenüberstehenden Heere, sie zu besitzen ist an sich schon ein
Sieg, macht den Täter zum ›Helden‹, entscheidend ist die symbolische Ver-
unreinigung der besiegten Kultur.«64 Laut dieser Interpretation ist der De-
sakralisierungsprozess gleichzeitig auch ein Opferritus. Séllei argumentiert
mit der doppelten Bedeutung des Wortes Opfer: Einerseits bedeutet es
eine sakrale Absolution, andererseits bezeichnet es im kriminologischen Sinne das Opfer eines Verbrechens. Das Buch von Polcz stellt diese Ambi-
valenz infrage und setzt ein Zeichen, zeigt, dass eine bestimmte Art der
59 A bilincs a szabadság legyen. Mészöly Miklós és Polcz Alaine levelezése 1948–1997. Bu-
dapest, Jelenkor, 2018.
60 Im Ungarischen gibt es zwei Wörter für Frau: Zum einen das Wort nő, das ganz
allgemein und sachlich für ein weibliches menschliches Wesen steht. Zum anderen gibt es ein Wort, das auch Polcz im Titel ihres Buches verwendet: asszony. Dieses bezeichnet den gesellschaftlichen Status einer verheirateten Frau. (Anm. d. Übers.)
61 Nóra Séllei: A női test mint áldozat. Alaine Polcz: Asszony a fronton, in: Korall 59
(2015), S. 108-132.
62 Vasvári, A töredezett (kulturális) test írása.
63 Séllei, A női test mint áldozat.
64 Ebd.
Tagebücher als Dokumentarromane 149
Kriegsvergewaltigung auch in Friedenszeiten präsent ist.65 Dieser Gedanke
weist Ähnlichkeiten mit der Theorie von Cynthia Enloe über die Konti-
nuität der Gewalt auf. Enloe ist der Auffassung, dass es bei der sexuellen
Gewalt in erster Linie um Macht geht. Die daraus folgende psychische
Verletzung und der Verlust des Selbstbewusstseins unterminieren die Un-
versehrtheit des Subjekts. Alaine Polcz schreibt: »Das körperliche Empfin-
dungsvermögen war mit dem Bewußtsein nicht zurückgekehrt, es war, als wäre ich erstarrt oder ausgekühlt. Vielleicht fror auch mein Unterleib in
dem fensterlosen, unbeheizten Zimmer. Ich weiß nicht, wie viele Russen
danach noch über mich drübergingen, auch nicht, wie viele davor. Als es
dämmerte, ließen sie mich allein. Ich erhob mich, konnte mich nur sehr
schwer bewegen. Ich hatte Kopfschmerzen, mein ganzer Körper tat weh.
Ich blutete stark. Mein Gedanke war nicht, daß ich vergewaltigt, sondern
daß mein Körper geschändet worden war. Mit Beischlaf oder Sexualität
hatte das nichts zu tun. Es hatte mit nichts etwas zu tun. Es war einfach –
jetzt, wo ich es niederschreibe, begreife ich, wie genau das Wort ist –, es war Gewalt.«66
Nach einem solchen Gewaltakt weiterzuleben, ist nur möglich, indem
sich das Subjekt vom Erlebten distanziert. Es kann vorkommen, dass dies
nicht gelingt. Dann schließt das Subjekt das traumatische Erlebnis in seinem
Inneren ein und kann es nicht verarbeiten, obwohl es davon lebenslang be-
gleitet ist. Séllei verwendet für diese erfolgslose Trauerarbeit Freuds Begriff
der Inkorporation.67 Der Zusammenhang zwischen dieser physischen und
psychischen Erfahrung hilft, zu verstehen, warum die ungarischen Opfer-
narrative so häufig dem narrativen Modell von Polcz folgen, wenn sie die
Vergewaltigung aus einer unpersönlichen Distanziertheit heraus beschrei-
ben, als wäre sie jemand anderem widerfahren. Sobald das Opfer das von ihm erwartete Schweigen bricht, wird ihm der Opferstatus abgesprochen
und es wird von der Gemeinschaft abgelehnt. Dann wird das Opfer in der
moralischen Gemeinschaft marginalisiert. All das mag als Erklärung dafür
dienen, wie Kriegsvergewaltigungen in Ungarn erzählt werden: »Die Gewalt
gegen die Frau, gegen den weiblichen Körper, wird struktureller Bestandteil
der Funktionsweise der Kulturen.«68 Solch ein verletztes, verstummtes und
mundtot gemachtes Subjekt entsteht auch in einer unglücklichen Ehe, wenn
der Mann seiner Ehefrau etwa das Tanzen verbietet, ihr die Weiterbildung
65 Ebd.
66 Polcz, Frau an der Front, S. 128-129.
67 Séllei, A női test mint áldozat, S. 119.
68 Ebd., S. 122.
150 Das Gedächtnis
oder auch nur Gesellschaft versagt oder sie hässlich nennt. Bei einer Gewalt-
tat aber, das betont Séllei in ihrer Kritik an Vasvári, erhält das Opfer aus-
gerechnet vom Gewalttäter seine Identität, und »das macht die Zusam-
menhänge zwischen einer Kriegsvergewaltigung und der physischen und
psychischen Gewalt in der Ehe unübersehbar, verdeutlicht die Ähnlichkei-
ten, bezüglich ihrer Struktur und ihres Ursprungs«.69
Zsófia Lóránd analysiert das Zitat aus dem Buch, das auch in der ständigen Ausstellung des Museums Haus des Terrors70 zu lesen ist. Sie
weist darauf hin, dass die Ausstellung die Komplexität des Buches nicht
reflektiert. Die Verwendung des Zitats habe lediglich den Zweck erfüllt
auf zuzeigen, dass Gewalttaten ausschließlich von sowjetischen Soldaten
begangen wurden, es sollte als Beleg dienen, dass es Massenvergewaltigun-
gen tatsächlich gegeben habe. Mit diesem Ansatz habe man auch zur Be-
gründung der Opferkultur beigetragen. Lóránd hebt die Passage von Polcz
hervor, in dem die Autorin über die Entstehung, die Kraft der Frauen-
solidarität und über deren Rolle im Verschweigen schreibt:71 »Nach dem
Abendessen nahm mich meine Mutter beiseite und sagte: ›Meine Tochter, du sollst nicht so gräßliche Witze machen, am Ende glauben sie es noch !‹
Ich sah sie an: ›Mutter, das ist alles wahr !‹ Sie brach in Tränen aus und um-
armte mich. ›Ich hab dir gesagt, Mutter, alle wurden drangenommen, sie
haben sämtliche Frauen vergewaltigt ! Auch hier wurden alle Frauen ge-
holt‹, habt ihr gesagt. ›Ja, aber doch nur die Nutten. Du bist aber keine‹,
sagte sie. Dann nahm sie mich in den Arm und flehte: ›Sag mir, Kind, daß
es nicht wahr ist !‹ – ›Gut‹, sagte ich, ›es ist nicht wahr. Man hat mich nur
mitgenommen, damit ich die Kranken pflege.‹« 72
Ebenfalls aus dieser Zeit sind die 2014 veröffentlichten Tagebücher von
Fanni Gyarmati bekannt. Sie durchlitt während des Zweiten Weltkriegs viele Schicksalsschläge: Als Jüdin hatte sie ihre Arbeit verloren, ihr Ehe-
mann, der Dichter Miklós Radnóti, wurde zum Arbeitsdienst eingezogen
und starb 1944, sie musste den gelben Stern tragen und teilte sich mit vie-
len anderen Personen eine winzige Notunterkunft, um der Deportation zu
entkommen. Bis zum Einmarsch der Roten Armee lebte sie untergetaucht
und unter einem Tarnnamen. Über die sowjetischen Soldaten schreibt sie
69 Séllei, A női test mint áldozat, S. 128.
70 Das 2002 von der ersten FIDESZ-Regierung gegründete Museum zur Thematisie-
rung staatlichen Terrors im Rahmen der revisionistischen Geschichtsschreibung. Kommunismus und Nationalsozialismus sind hier konzeptionell gleichgestellt. (A. P.)
71 Lóránd, Exhibiting Rape, S. 335.
72 Polcz, Frau an der Front, S. 181.
Tagebücher als Dokumentarromane 151
in ihrem Tagebuch in orientalisierender Weise. Mal beschreibt sie einen
Soldaten als »riesigen, eskimoähnlichen Typ mit wildem Gesicht«,73 mal als
»einen kleinen Mongolen, ein Stück echter Orient«.74 Die Vergewaltigung,
die sie erlitt, erzählt sie wie folgt: »Er wollte, dass ich ihn ganz umarme, er
knetete und quetschte an mir herum, und dabei platzierte er heftige
Schläge in mein Gesicht, auf den Kopf, an die Leiste und die Arme. Ich
gab keinen Mucks von mir, obwohl ich jetzt wirklich weiß, dass man bei einem Faustschlag auf die Schläfe tatsächlich Sternchen sieht. Ich musste
meine Hände vor die Augen halten, damit er sie mir nicht ausschlägt, so
kam er immer näher, und wenn ich nicht wollte, dass er mich totschlägt,
musste ich nach langem Ringen – das teils kleine Küsse begleiteten, teils
leises Geschimpfe durch die Zähne – schließlich doch nach geben. […]
Das war der Schrecken aller Schrecken […]. Furchtbar zerschlagen blieb
ich da zurück.«75
Wenn man die ungarische Literatur mit den Erinnerungen von polni-
schen Frauen vergleicht, lässt sich daraus ein interessanter Schluss ziehen.
Die Autorinnen der polnischen Erinnerungen waren in der Regel Frauen, die im Widerstand eine aktive Rolle spielten, die aber auch bereit waren,
ihre Ehre und ihren Körper gegen die sowjetischen Soldaten auch mit Ge-
walt zu verteidigen. Janina Surynowa-Wyczółkowska beschreibt in ihrem
Buch Theresia, das missratene Kind, das 1961 in London erschien, die sexu-
elle Gewalt, die drei Soldaten an ihr verübten. Aus der plastischen Erzäh-
lung geht hervor, dass sie brutal verprügelt wurde, weil sie Widerstand leis-
tete. Sie wollte damit erreichen, dass die Soldaten sie töten, damit sie mit
diesem Erlebnis nicht würde weiterleben müssen.76 Zofia Posmysz (1923)
nahm am polnischen Widerstand teil, sie war in Auschwitz und Ravens-
brück inhaftiert, und später schrieb sie zahlreiche autobiografisch inspi-rierte Bücher. In ihrem 1996 veröffentlichten Buch Dowolności, dośmierci,
dożycia (dt.: Zur Freiheit, zum Tode, zum Leben) schreibt sie über die so-
wjetische Befreiungsarmee, deren Soldaten der Ansicht waren, dass sie den
Polinnen mit Alkohol und Sex ihre Dankbarkeit ausdrücken müssten. In
ihrem Werk schreibt sie über eine deutschstämmige Frau namens Strauss
und darüber, wie diese sich fühlte, während sie von den Sowjets vergewal-
tigt wurde: »Es war für sie egal, ob sie am Leben bleibt oder stirbt, sie hörte
73 Radnóti Miklósné: Napló II, S. 370. 74 Ebd., Napló II, S. 371.
75 Ebd., Napló II, S. 384-385.
76 Janina Surynowa-Wyczółkowska: Teresa, dzieckonieudane. London, B. Świderski
1961. Zitiert bei Karwowska, Gwałty a kultúra, S. 163-171.
152 Das Gedächtnis
auf zu zählen, wie viele sie vergewaltigten.« 77 Die Schriftstellerin Budzi-
mira Wojtalewicz-Winke (1924–2015), die im polnischen Widerstand
kämpfte und später inhaftiert wurde, schreibt in ihrer Autobiografie im
Kapitel »Der Krieg war zu Ende, aber die Freiheit hatten wir uns nicht so
vorgestellt« über die sexuelle Gewalttaten, die Nonnen erleiden mussten.78
Sie zitiert den Bericht einer 24-jährigen Frau aus Gdansk, die aus dem
Fenster springen wollte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil die So-wjets sie für eine Deutsche hielten und mit Waffen bedrohten. 79
In Ungarn wurden die von sowjetischen Soldaten verübten Vergewal-
tigungen als geschichtswissenschaftlicher Fakt durch den Dokumentar roman
von Judit Kováts Megtagadva (2012) (dt.: Verleugnet) in den öffentlichen
Diskurs eingebracht, was wichtige Debatten im öffentlichen Leben auslöste.
Der auf Archivrecherchen und 23 Interviews basierende Roman von Kováts
erhielt infolge der erinnerungspolitischen Wende eine große Bekanntheit
und erntete viel Erfolg.80 Der Roman ist eigentlich ein fiktives Tagebuch der
17-jährigen fiktiven Figur Anna Somlyói, und er umfasst den Zeitraum von
1942 bis zum Einmarsch der Sowjets. Der Text spiegelt den Einfluss von Alaine Polcz deutlich. Als die sowjetische Armee auftaucht, schreibt sie: »Was
dann passierte, das war nicht ich. Das war eine andere Anna Somlyói.«81 Auch
hier werden die Soldaten orientalisiert dargestellt, im Roman stehen die Lei-
den der Frauen allerdings nur stellvertretend, nicht wie bei Polcz, die sie selbst
erlebte. Kováts fiktionalisiert die Erfahrungen und Leiden der Frauen und
spricht an ihrer Stelle. Der Dokumentarroman ist ein Produkt der Gewalt-
kultur, und er gibt diese in pornografischem Stil wieder, genauso, wie dies der
veränderte geopolitische Rahmen erfordert. »Die Momente gingen ineinan-
der über, das, was mir passiert ist, hatte keinen Anfang und kein Ende. Ich
weiß nicht, wie lange es dauerte, ich weiß nicht, wie viele es waren.«82 An an-derer Stelle: »Plötzlich und auf einmal passierte alles; ich weiß nicht, wie viele
Hände nach mir fassten. Meine Arme pressten sie zu Boden, meinen Kopf
hielten sie fest und meine Beine spreizten sie mit einer Kraft auseinander,
dass ich das Gefühl hatte, ich zerreiße. Und dann – als hätte man ein Messer
zwischen meinen Beinen in mein lebendiges Fleisch gestoßen –, in dem Mo-
ment verstand ich, dass ich hier nicht entkommen werde. Ich schrie, worauf-
hin sich eine große Hand auf meinen Mund presste. Eine Hand so groß wie
77 Ebd., S. 168-169.
78 Ebd.
79 Ebd.
80 Kováts Judit: Megtagadva. Budapest, Magvető, 2012. 81 Kováts, Megtagadva, S. 90.
82 Ebd., S. 151.
Tagebücher als Dokumentarromane 153
ein Teller, sodass sie auch meine Nase bedeckte, und ich deshalb nicht Luft
holen konnte. Ich wäre beinahe erstickt. Während ich nach Luft rang, vergaß
ich die Schmerzen, die ich zwischen den Beinen fühlte, aber als ich meinen
Kopf wieder frei hatte und atmen konnte, schoss ein so heftiger Schmerz in
mich, dass ich aufschrie. Sie ohrfeigten mich, hoben meine Beine noch hö-
her, ganz bis zum Himmel, auf jeden Stoß des Russen hin, der über mir
kniete, wurde ich über meine Wirbel gerollt. Die Qual, die mir meine Kno-chen bereiteten, war so schrecklich, dass ich dachte, ich würde sterben. Aber
ich starb nicht, und ich starb auch beim nächsten Russen nicht, der mir ins
Gesicht keuchte und bei dem ich das Gefühl hatte, er hätte mit einem Ham-
mer einen Keil in mich geschlagen. Der Keil zerriss, zerfleischte mein Fleisch,
aber er drang immer tiefer und immer höher in mich hinein, als würde er in
mir ganz bis ins Gehirn drängen, ich hatte das Gefühl, er zersprengt meinen
Schädel.«83 Kováts’ fiktive Hauptfigur infiziert sich mit einer Geschlechts-
krankheit und wird infolge dessen unfruchtbar, genauso wie es Polcz84 pas-
sierte, aber im Gegensatz zu ihr heiratet Kováts’ Figur einen wesentlich älte-
ren Mann, um die gesellschaftliche Ausgrenzung zu vermeiden.85
Bezüglich der Repräsentation von Kriegsvergewaltigungen in der unga-
rischen Literatur ist es einerseits charakteristisch, dass es Autorinnen gibt,
die bemüht sind, den Wahrheits- und Wirklichkeitsinhalt in Tagebüchern
festzuhalten, wie Alaine Polcz und Fanni Gyarmati, andererseits lässt sich
in der Folge des erinnerungspolitischen Paradigmenwechsels eine Fiktio-
nalisierung der Erlebnisse, die Frauen während des Zweiten Weltkriegs
machten, beobachten, wie etwa bei Kováts. Das ist eine unvermeidbare
Folge davon, dass die Geschehnisse so lange aufgrund der »Verschwörung
der Stille« unerzählt blieben. Ein Roman, der diese Erlebnisse ethisch auf-
richtig und in all ihrer Komplexität erzählen würde, ist noch nicht ge-schrieben. Laut Penny Summerfield hat die Erzählweise (composure ) eine
doppelte Funktion: Einerseits geht es um das Erzählen der Geschichte des
Individuums, andererseits um seine Suche nach Selbstidentität.86 Wir alle
83 Ebd., S. 150-151.
84 Polcz war während der Besatzung 22 Jahre alt und verheiratet, aber ihre Ehe schei-
terte. Nach der Scheidung heiratete sie 1949 den Schriftsteller Miklós Mészöly (1921–2001), der in der ungarischen Literatur einen besonderen Platz innehat, weil er als Vorreiter der international bekannten Schriftstellergeneration von Péter Ná-das, Péter Esterházy und László Krasznahorkai galt. (Anm. d. Übers.)
85 Agatha Schwartz: Creating a »Vocabulary of Rupture« Following WWII Sexual Vi-
olence in Hungarian Women Writers’ Narratives, in: Hungarian Cultural Studies 10 (2017). https://ahea.pitt.edu/ojs/index.php/ahea/article/viewFile/281
86 Penny Summerfield: Culture and Composure: Creating Narratives of the Gendered
Self in Oral History Interviews, in: Cultural and Social History 1.1 (2004), S. 65-93.