Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Ausgetragene Kinder

106 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

lichst restriktive Regelung waren, zu vermeiden. Diese Verordnung blieb

so lange in Kraft, bis die strenge, im Sommer 1952 erlassene Anordnung des

Ministeriums für Gesundheitswesen die bis dahin gültige weiche Regelung

ablöste. Geändert wurde die Frist für den Eingriff, die auf die 28. Schwan-

gerschaftswoche gesetzt wurde, und der Eingriff musste in erster bzw. zwei-

ter Instanz von je einem Komitee genehmigt werden. Der Abort war an

außerordentlich strenge Bedingungen gebunden, auch wenn er nicht kom-plett verboten wurde. Doch die medizinischen Indikationen für die

Durchführung, die allesamt im Anhang aufgelistet waren, wurden von Ko-

mitees untersucht. »Soziale Gründe« fehlten auf dieser Liste, offensichtlich

weil im Jahr 1952, als Ungarn sich in einer dynamischen Entwicklung be-

fand, die Verfasser der Anordnung die Meinung vertraten, dass dies nicht

in Betracht kam.

Nun begann eine neue Ära, die Ratkó-Ära, benannt nach der selbst nur

kurzzeitig an der Spitze des Ministeriums für Gesundheitswesen stehenden

Anna Ratkó, in der der Schwangerschaftsabbruch verboten war. Die Regie-

rung unter Imre Nagy milderte schließlich im Sommer 1953 die strengen polizeilichen Maßnahmen gegen Frauen, die abtrieben.71 Der Schwanger-

schaftsabbruch als Frauenrecht, das für die Ungarinnen zum ersten Mal

als Resultat von massenhaften Vergewaltigungen durch sowjetische Solda-

ten erreichbar wurde, polarisiert in der ungarischen Öffentlichkeit bis

heute.

 

Ausgetragene Kinder

 

Die Forschung zu den geborenen Kindern erfordert die höchste ethische

und methodische Umsicht. Die Vergewaltigung zeichnet sich durch eine

zyklische Beschaffenheit aus, das heißt, ihre Wirkung lebt durch die Über-

lebenden weiter, neben den Frauen betraf sie in erster Linie die Kinder,

die aus einer Vergewaltigung gezeugt wurden. Das Ziel von Kriegsverge-

waltigungen ist es, die weibliche »Qualität« zu zerstören, dass die Frau also entweder keine Kinder mehr bekommen kann oder dass sie dem Kind des

Täters das Leben schenkt, das dann als ethnischer Fremdkörper in der Ge-

meinschaft der Frau lebt.

Im Sinne des Beschlusses des Alliierten Kontrollrats konnte ein Soldat

der alliierten Kräfte 1945 weder zur Anerkennung der Vaterschaft noch zur

 

71 Andrea Pető: A bortőrökés »bajbajutottnők« 1952-ben, in: Mária Palasik, Balázs

Sipos (Hg.): Házastárs? Munkatárs? Vetélytárs? A nőiszerepekváltozása a 20. századi Magyarországon. Budapest, Napvilág, 2005, S. 300-319. Ausgetragene Kinder 107

 

Unterhaltszahlung verpflichtet werden.72 Obwohl im sowjetischen Bürger-

lichen Gesetzbuch verankert ist, dass der Vater für die Erziehung seines

Kindes zuständig ist, betrachtete das sowjetische Verwaltungswesen dies

nicht als richtungsweisend. Im Zeitraum von 1945 bis 1953 war es sowjeti-

schen Soldaten verboten, im Ausland eine Ehe zu schließen, aus einer na-

hezu paranoiden Angst vor Spionage. Wenn ein sowjetischer Soldat (über-

wiegend betraf dies Offiziere) im Ausland eine intime Beziehung einging, setzte er seine Geliebte damit dem Risiko aus, inhaftiert oder ins Arbeits-

lager verschleppt zu werden. Er setzte sogar das eigene Leben aufs Spiel.

Das thematisiert auch der Film von Márta Mészáros, Aurora Borealis

(2017). Die Unterhaltsverpflichtung für Kinder aus Vergewaltigungen

blieb auch in den nach 1955 abgeschlossenen bilateralen Abkommen unge-

regelt.73

Je nach erzählender Perspektive kann ein Vergewaltigungsfall aus histo-

rischem, juristischem oder ökonomischem Blickwinkel analysiert werden.

Aber das, was geschehen ist, kann und sollte auch aus der Perspektive der

Mütter und der Kinder erzählt werden.74 Die Frage ist, wer für die Opfer spricht, und wie das gelingen kann.75 Die Mütter sprechen darüber selten

und die Kinder, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden, noch selte-

ner. In Ungarn hatten die Frauen die Möglichkeit, die Schwangerschaft

abzubrechen. Die Mütter, die ihr Kind, obwohl es aus einer Vergewalti-

gung stammte, willentlich zur Welt brachten, sind nicht nur Opfer, son-

dern auch Akteure. In diesem Fall muss der historische Kontext analysiert

werden, in dem sie ihre Entscheidung trafen.76 Wenn die Großeltern nicht

in die Erziehung eingebunden werden konnten, kam das Kind oft ins Wai-

senhaus.

Da die Besatzungssoldaten sich an der Erziehung der Kinder nicht be-teiligten, waren diese nicht nur psychisch belastet, sondern sahen sich auch

 

72 Elke Kleinau, Ingvill C. Mochmann (Hg.): Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigma-

tisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien. Frankfurt a. M./New York, Campus, 2016.

73 Gebhardt, Crimes Unspoken, S. 145.

74 Kjersti Ericsson, Eva Simonsen (Hg.): Children of World War II: The Hidden Enemy

Legacy. New York, Berg, 2005.

75 Barbara Stelz-Marx: Soviet Children of Occupation in Austria. The Historical,

Political and Social Background and its Consequences, in: European Review of History 22.2 (2015), S. 277-291.

76 Joy Damousi: Mothers in War, »Responsible Mothering«, Children and the Pre-

vention of Violence in 20th century, in: History And Theory: Studies In The Phi-losophy Of History 56.4 (2017), S. 119-134.

108 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

mit finanziell problematischen Situationen konfrontiert.77 Wenn im Per-

sonenstandsbuch kein Vater angeführt wurde, beeinträchtigte das die

soziale Lage des Kindes sein Leben lang. Sie waren oft ungeliebt, was mit

Stigmatisierung, Gewalterfahrungen und Marginalisierung einherging.78

Solche Kinder galten etwa in der Bundesrepublik Deutschland als ille-

gitim, und sie waren nicht berechtigt, Waisengeld oder sonstige soziale Un-

terstützung zu erhalten. 79 Die Frauen verheimlichten die Identität des Va-ters, solange es ging, es sei denn sie verfolgten das Ziel, die amerikanische

oder englische Staatsbürgerschaft zu bekommen. In Ungarn ist die For-

schung zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte verboten, deshalb kann die

Frage, bis die Schutzfrist abläuft, nur auf der Basis von freiwilligen Erklä-

rungen untersucht werden. Die große Zahl der Schwangerschaftsabbrüche

allerdings weist indirekt darauf hin, dass die Ungarinnen häufiger die Ab-

treibung wählten, als das Kind auszutragen.

Aufgrund der jüngsten Untersuchungen zum Thema wird unter den

Kindern, die während der Besatzungszeit geboren wurden, die Anzahl der

bei einer Vergewaltigung gezeugten Kinder auf fünf Prozent geschätzt, und jede zehnte Vergewaltigung führte zur Schwangerschaft.80 Nach diesen

Schätzungen kamen im Zeitraum von 1945 bis 1955 weltweit etwa 68.000

Kinder auf diese Weise auf die Welt, 55 Prozent von amerikanischen, 15

Prozent von französischen, 13 Prozent von englischen, fünf Prozent von

sowjetischen und drei Prozent von belgischen Vätern. Das ist der Punkt,

an dem der namhafte amerikanische Historiker Norman Naimark die

Gesamt darstellung von Miriam Gebhardt heftig kritisiert. Naimark hält es

für einen Fehler, die Vergewaltigungen von sowjetischen Soldaten mit

denen anderer Nationalitäten schlicht gleichzusetzen, weil die kontextuel-

len Unterschiede auf diese Weise nicht angemessen analysiert werden kön-nen.81 Wobei eingeräumt werden muss, dass es zum Mythos über den

 

77 Zerach Gadi – Solomon Zahava: Gender Differences in Posttraumatic Stress

Symptoms among Former Prisoners of Wars’ Adult Offspring, in: Anxiety, Stress and Coping 31.1 (2017), S. 1-11.

78 Silke Satjukow: Kinder des Feindes – Kinder der Freunde. Die Nachkommen so-

wjetischer Besatzungssoldaten in Deutschland nach 1945, in: Kleinau, Mochmann, Kinder des Zweiten Weltkrieges, S. 31-47.

79 Gebhardt, Crimes Unspoken, S. 143.

80 Ebd.

81 Gebhardt, Miriam: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen

am Ende des zweiten Weltkriegs. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015; Die Rezension von Norman M. Naimark siehe: Francia -Recensio 3 (2015), 19./20. Jahr-hundert – Histoire contemporaine. http://www.perspectivia.net/publikationen/ francia/francia-recensio/2015-3/zg/gebhardt_naimark Ausgetragene Kinder 109

 

Zweiten Weltkrieg gehörte, die amerikanischen Soldaten hätten keine se-

xuellen Gewalttaten ausgeübt, vielmehr seien ihnen die armen und män-

nerlos lebenden Frauen für Kaugummi und Schokolade »willig« in die

Arme gefallen.

Die deutsche Forschung ging der Frage nach, unter welchen Bedingun-

gen diese Kinder aufgewachsen sind und wie sie von der Gesellschaft

aufgenommen wurden. Diese Untersuchungen erfolgten mithilfe von per-sönlichen Interviews und Familienforschung.82 Um dem französischen

»Blutverlust« etwas entgegenzusetzen, wurde in der französischen Besat-

zungszone über die von französischen Vätern geborenen Kinder minutiöse

Register geführt. Diesem Verzeichnis zufolge wurden im gegebenen Zeit-

raum 17.000 Kinder geboren, und 15 Prozent der französischen Väter blie-

ben bei der Familie. Bis 1952 kamen etwa 15.000 bis 20.000 Kinder von

französischen Vätern aus Deutschland nach Frankreich. Schwarze und be-

hinderte Kinder wurden in diesem Rahmen nicht aufgenommen.83

In Österreich wurde eine neue Methode bei der Erforschung der Besat-

zungskinder angewendet.84 In der auflagenstarken Kronen Zeitung erschien ein Aufruf, in dem österreichische Frauen gesucht wurden, die mit sowje-

tischen Soldaten, die bis 1955 in Österreich stationiert waren, eine intime

Beziehung gehabt und von ihnen ein Kind bekommen hatten. Eine russi-

sche Reality-Dokuserie, die nach dem Gedicht Warte auf mich ɀɞɢɦɟɧɹ)

von Konstantin Simonow benannt war, ging auf die Suche nach den in Ös-

terreich verbliebenen Kindern.85 Auf ähnliche Weise suchten auch Zivil-

organisationen wie z. B. GI-trace nach den einst in Europa stationierten

amerikanischen Vätern, um juristische und finanzielle Fragen zu klären.

Die amerikanischen Besatzungssoldaten wurden informiert und schriftlich

angewiesen, die Vaterschaft nicht anzuerkennen, die Kraft der deutschen Gesetzgebung erstrecke sich nicht auf amerikanische Militär basen. Wenn

es trotzdem gelang, eine Vaterschaft nachzuweisen, wurde der Betroffene

 

82 Silke Satjukow, Rainer Gries: »Bankerte!« Besatzungskinder in Deutschland nach

1945. Frankfurt a. M., Campus, 2017.

83 Yves Denéchère: Des adoptionsd’État: les enfants de l’occupationfrançaise en Alle-

magne, in: Revue d’Histoire Moderne et Contemporaine 57.2 (2010), S. 159-179.

84 Mehr dazu siehe Barbara Stelz-Marx, Silke Satjukow (Hg.): Besatzungskinder. Die

Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland. Wien/Köln/Weimar, Böhlau, 2015.

85 Myriam Denov: Children Born of Wartime Rape: The Intergenerational Realities

of Sexual Violence and Abuse, in: Ethics, Medicineand Public Health 11.1 (2015), S. 61-68.

110 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

in die USA abgezogen, und im Fall einer gerichtlichen Anfrage leugnete das

amerikanische Hauptquartier in Heidelberg seine Existenz.86

Mit ungarischen Kindern, deren Väter sowjetische oder Soldaten aus

anderen Ländern sind, beschäftigt sich bis dato keine Untersuchung. Eine

Ausnahme bildet Márta Mészáros, die einen Film über Kinder, die durch

sexuelle Gewalt gezeugt wurden, drehte. In einem Interview behauptete

sie, dass »300.000 halb englische, französische, amerikanische, russische, österreichische oder deutsche Kinder« im Zeitraum von 1944–1945 geboren

wurden.87 Andernorts erklärte sie, »während des Zweiten Weltkriegs wur-

den viele Millionen von Kindern aus Vergewaltigung geboren«.88 Abge-

sehen davon, dass es wenig zielführend ist, die unterschiedlichen Gründe,

die zu einer Schwangerschaft führten (Liebe oder Vergewaltigung), mit-

einander zu vermengen, sind diese Zahlen in der Fachliteratur nicht aner-

kannt.

Früher hörte man in Ungarn über von sowjetischen Soldaten bei einer

Vergewaltigung gezeugte Kinder allenfalls in Zusammenhängen von

Schulkindern »mit mongolischen Zügen«, deren Eltern aber Ungarn wa-ren. Und da es nach wie vor keine systematische Forschung zum Thema

gibt, bietet sich ein großer Spielraum auch für politische Manipulation.

Daran änderte der Film von Fruzsina Skrabski, Die verschwiegene

Schande , etwas, der, da er online verfügbar ist, viele Zuschauer erreichte,

darunter auch einen in Irland lebenden Ungarn. Dieser nahm Kontakt zur

Regisseurin auf und schilderte ihr, dass seine Mutter, die auch die Mutter

seiner Schwester war, ebenfalls aus einer von sowjetischen Soldaten ver-

übten Vergewaltigung stammte. Was den Mann zur Kontaktaufnahme be-

wog, war der Eindruck, dass der Film die Folgen außer Acht gelassen hatte.

Als wollten die Russen »vertuschen, welche Wirkung sie auf das Leben der Menschen« gehabt hatten – so erklärte er es mir später, nachdem die Re-

gisseurin den Geschwistern empfohlen hatte, mich zu kontaktieren. Sie

erzählten mir ihre Geschichte, ich danke ihnen auch an dieser Stelle dafür.

Ihre Mutter wurde am 3. Juli 1945 in einem kleinen Dorf in Ostungarn

geboren. 89 Das Dorf bestand aus einer einzigen Straße. Als die Sowjets ins

 

86 Gebhardt, Crimes Unspoken, S. 148.

87 Károly Kelen: »Megint egy magyar alkotás változtatta meg a filmművészetet«, in:

Népszabadság, 23. 7. 2015. http://nol.hu/kultura/ket-asszony-elete-1553225

88 Nőnek lenni a történelem színpadán. Ein Interview von Attila Benke mit Márta

Mészáros, in: Jelenkor online, 3. 3. 2018. http://www.jelenkor.net/interju/983/no-nek-lenni-a-tortenelem-szinpadan

89 Die Geschwister gaben ihre Zustimmung zur Mitteilung des Ortes und des Na-

mens, aber ich verzichte darauf aus forschungsethischen Gründen.

Ausgetragene Kinder 111

 

Dorf einmarschierten, verlangten sie zuerst etwas zum Essen: Der Tisch

sollte voll mit Speisen gepackt werden, dann hätten sie »gegessen als hätten

sie drei Tage nichts zu sich genommen«. So hörten die Geschwister die Ge-

schichte später von ihrer Großmutter mütterlicherseits. Anschließend trie-

ben die Soldaten siebzehn Mädchen – unter ihnen besagte Großmutter –

in den Stall. Aus dieser Gruppenvergewaltigung wurden zwei Kinder

geboren: ein Junge, von dessen Schicksal sie keine weitere Kenntnis haben, und ihre Mutter. Die Entbindung erfolgte zu Hause, Mutter und Tochter

blieben beisammen und im Dorf. »Ich habe sie mir im Krieg zugezo-

gen«, sagte ihre Großmutter häufig über ihre Mutter. Details erwähnte sie

keine, nur so viel, dass sie während dieser Gruppenvergewaltigung brutal

geschlagen wurde und deshalb alle Soldaten hasse, sowjetische, deutsche,

einerlei. Die Geschwister erinnerten, dass sie den Geburtstag ihrer Mutter

als Kinder nicht kannten und entsprechend auch nicht feierten. Erst nach

dem Tod der Mutter gingen sie, schon als Erwachsene, zum Standesamt,

um sich zu erkundigen, wann sie geboren wurde.

Die Tochter wurde von ihrer Mutter auch noch als Erwachsene stets überallhin begleitet, die Mutter nahm sie an die Hand und war sehr be-

sorgt um sie. Ihre Mutter, also die Großmutter der Kinder, vertraute nie-

mandem, besonders Männern nicht und blieb ihr Leben lang alleinste-

hend. Auch die Tochter war einsam, galt als kauzig. Im Dorf wussten alle,

dass sie aus einer Vergewaltigung geboren wurde. Sie ging nicht gern unter

Leute. Sie war zwanzig Jahre alt, als sie heiratete, vielleicht um der über-

beschützenden Mutter zu entfliehen. Die Großmutter, die alle Männer

hasste und grundsätzlich misstrauisch war, rügte ihre Tochter dafür, einen

schlechten Partner gewählt zu haben. Die Mutter der Geschwister war erst 33 Jahre alt, als sie an Krebs starb, anschließend wurden die Kinder, damals

sieben bzw. elf Jahre alt, von der Großmutter großgezogen.

Als die Großmutter dachte, der Junge sei alt genug, erzählte sie ihm,

dass ihre längst verstorbene Mutter bei einer Massenvergewaltigung ge-

zeugt wurde. Mit ihrer Enkelin wollte sie nicht darüber sprechen, doch der

Junge erzählte seiner Schwester davon. Soweit die Kinder wissen, verriet

ihre Großmutter dem Schwiegersohn, dem Vater der Kinder nicht, dass

die junge Frau, die er heiratete, aus einer Vergewaltigung geboren wurde.

Die Mutter der Geschwister erwähnte diesen Umstand weder ihrem Mann

gegenüber noch – verständlicherweise – gegenüber den damals noch sehr kleinen Kindern. Vielleicht trug dieses Schweigen dazu bei, dass der Vater

immer stärker dem Alkohol verfiel, was die gesamte Familie finanziell – sie

verloren ihr Haus – und die Mutter gesundheitlich ruinierte. Von der Mut-

ter erinnern die Geschwister nur ein Bild: Darin steht sie im roten 112 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen