Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Fotos und Plakate
154 Das Gedächtnis
kennen das: Eine gute Geschichte wird erzählt, am Ende jedoch mit eisi-
gem Schweigen quittiert. Das ist ein Zeichen dafür, dass es nicht gelungen
ist, die zwei Funktionen der Erzählweise beim Erzählen miteinander in
Einklang zu bringen. So ist es auch bei den Geschichten über Kriegsverge-
waltigungen, die nur »richtig« erzählt werden können, wenn sie beiden
Funktionen der Erzählweise gerecht werden.
Fotos und Plakate
Wohl bekannte Instrumente der antikommunistischen Nazipropaganda
waren die gestellten Wochenschau-Szenen, die den an der Heimatfront ver-bliebenen Frauen und Kindern mit dem Einmarsch der sowjetischen Sol-
daten, grob gekleideter, »asiatischer Barbaren«, drohten. Auch die Kriegs-
plakate auf den Straßen riefen zum Durchhalten auf und mobilisierten
unter dem Motto, die friedliche Familie zu Hause befinde sich in Gefahr.
Fotos von Kriegsvergewaltigungen wurden von Tätern oder ermitteln-
den Institutionen gemacht, selten auch von Privatpersonen, die Dokumen-
tationsabsichten verfolgten. Solche konkreten Darstellungen der weib-
lichen Opfer sind aus Kriegsschauplätzen des Fernen Ostens bekannt,
allerdings ist die Wirkung für die Mobilmachung gegen die Gewaltexzesse der Japaner umstritten. Die plastische Darstellung der verstümmelten bzw.
vergewaltigten Frauen, die, um ihre Würde zu wahren, den Tod gewählt
hatten, trug nicht dazu bei, den Kampfgeist zu heben – was wuchs, war der
Hass.87 Im Gegensatz dazu hatte die sowjetische Kriegspropaganda Fotos
von den Gewalttaten der deutschen Besatzertruppen mit Erfolg eingesetzt.
Die sowjetischen Geheimdienste, die hinter der siegreich vorrückenden
Armee die Kriegsschäden zusammentrugen und Interviews führten – eine
Auswahl dieses Archivs wurde in Ungarn von Tamás Krausz und Éva Mária
Varga herausgegeben –, erzeugten jenen narrativen Rahmen, den auch die
kämpfenden Truppen über das entsprechende Propagandamaterial vermit-
telt bekamen. Das visuelle und narrative Alphabet ermöglichte nicht nur, die eigenen Erfahrungen einzubetten, sondern legitimierte gewissermaßen
auch, gewalttätig gegenüber der Zivilbevölkerung aufzutreten. 88
87 Louise Edwards: Drawing Sexual Violence in Wartime China. Anti-Japanese Pro-
paganda Cartoons, in: The Journal of Asian Studies 72.3 (2013), S. 563-586.
88 Andrea Pető: Death and the Picture. Representation of War Criminals and Cons-
truction of Divided Memory about WWII in Hungary, in: Andrea Pető, Klaaertje Schrijvers (Hg.): Faces of Death. Visualising History. Pisa, Edizioni Plus/Pisa Uni-versity Press, 2009, S. 39-57. http://www.cliohres.net/books4/books.php?book=4
Fotos und Plakate 155
Die wenigen Fotos von Kriegsvergewaltigungen zeigen bereits verstor-
bene Frauen, vom Geschlechtsakt selbst gibt es naturgemäß keine Bilder.
Erst spätere Ermittlungen kamen im Nachhinein zu dem Schluss, dass die
toten Frauen auch vergewaltigt wurden. Nur jene Fälle, die in Friedenszeit
passierten, wurden (manchmal) auch offiziell dokumentiert.
Im Folgenden analysiere ich zwei Fotos, um meine These zu stärken,
dass es einen Zusammenhang zwischen der visuellen Verfügbarkeit sexuel-ler Gewalt bzw. der Art ihrer Darstellung sowie der Möglichkeit gibt, eine
historische Wahrheit zu konstruieren, die vorherrschend und normativ ist.
Warum diese Fotos im vorliegenden Band nicht abgedruckt werden, soll
die folgende Analyse zeigen.
Beim ersten handelt es sich um das bereits erwähnte Polizeifoto aus
Wien, das heute im Stadtarchiv auf bewahrt wird.89 Es entstand 1945 im
Prater, wo nach dem Einmarsch der Sowjets eines Morgens eine weibliche
Leiche gefunden wurde. Die Polizei rückte aus, fotografierte das Opfer,
dem Bericht zufolge wurde auch ein medizinisches Gutachten beigefügt,
das attestiert, dass die Frau vergewaltigt und getötet wurde. Der Täter war unbekannt, vermutlich handelte es sich um einen sowjetischen Soldaten.
Da sich die Kasernen der sowjetischen Armee nicht im Einflussbereich der
österreichischen Justiz befanden, war eine Ermittlung ausgeschlossen.
Auf das zweite Foto machte mich Árpád Rácz aufmerksam, an dieser
Stelle bedanke ich mich herzlichst dafür. Er stieß bei einer Recherche nach
Illustrationen zu einer meiner früheren Studien über sexuelle Gewalttaten
der Rotarmisten darauf. Das Bild wurde von dem bekannten sowjetischen
Fotografen Jewgeni Chaldei (1917–1997) in Budapest gemacht. Zahlreiche
ikonische Bilder sind mit seinem Namen verbunden, unter anderem das Foto mit dem Soldaten der Roten Armee, der auf dem Dach des Berliner
Reichstagsgebäudes die Flagge der Sowjetunion hisst. Das Foto, um das es
hier geht, entstand vermutlich im März oder April 1945. Árpád Rácz rief
mich an, um mich zu fragen, ob die Frauen auf dem Foto vergewaltigt wur-
den und, wenn ja, ob es veröffentlicht werden dürfte. Ohne zu zögern ant-
wortete ich, das dürfe man auf keinen Fall, weil dadurch Frauenkörper zu
einem reinen Illustrationsobjekt degradiert würden.90 Damals hatte ich das
Gefühl, dass es aus ethischen Gründen inakzeptabel war, das Foto zu ver-
wenden, um meinen Text damit zu illustrieren. Mein Artikel erschien dann
89 Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.) Frauenleben 1945. Kriegsende in Wien.
Wien. Eigenverlag der Museen der Stadt Wien, 1995.
90 Das Bild wird hier zur Illustration des Beitrags über die Massenvergewaltigungen
verwendet. http://www.revisionist.net/human-loot.html.
156 Das Gedächtnis
Sowjetische Soldaten werden vor einem Fotostudio fotografiert, Budapest 1945
tatsächlich ohne das Foto, aber in einem populärwissenschaftlichen Buch
über die Geschichte Ungarns während des Zweiten Weltkriegs, heraus-
gegeben von Rubicon, einer Fachzeitschrift für Geschichte, wurde es schließlich veröffentlicht, wofür die Verantwortlichen viel Kritik einstecken
mussten.91
Beide fotografischen Darstellungen der Vergewaltigung sind auf ihre
Art klischeehaft, denn die Qualen, die die Frauen erlitten, können nur im
bestehenden, historisch konstruierten und ikonografischen Rahmen dar-
gestellt werden. Das Foto der Frau, die im Prater getötet wurde, verweist
eindeutig auf die Ikonografie des christlichen Märtyrertums, auf dem Bu-
dapester Foto hingegen wird der Mann zum Opfer, der (vermutlich) um
seine weiblichen Angehörigen trauert, die (vermutlich) von sowjetischen
Soldaten vergewaltigt wurden. In dieser Repräsentation wird die Frau zwangsläufig verdinglicht.
Es kommt häufig vor, dass sich Soldaten nach einer Gewalttat foto-
grafieren lassen. Der Grund dafür ist in der Regel, dass sie dadurch der
Situation eine persönliche Markierung verleihen und ihre überlegene
91 Deborah Cornelius: Hungary in World War II. Caught in the Cauldron. New
York, Fordham University Press, 2011.
Fotos und Plakate 157
Macht position dokumentieren wollen. Allerdings ist das unter den rasch
wechselnden und lebensgefährlichen Kampfsituationen nicht immer mög-
lich. Die Teil nehmer des Massakers von Nanking, aber auch die deutschen
Soldaten posierten neben verstümmelten Leichen oder Körperteilen.92
Eine solche bewusst inszenierte Selbstrepräsentation erzeugt als Dokument
des gemeinsam Erlebten eine Basis für die Konstruktion militärischer
Männlichkeit. Von sowjetischen Soldaten sind solche Bilder jedoch nicht bekannt. Das kann mehrere Gründe haben. Einerseits ist es möglich, dass
die Fotos in den Uniformtaschen der verstorbenen Soldaten nicht so
vollständig überdauerten wie zum Beispiel in der englischen oder japani-
schen Armee. Die Sowjets eilten in einer Abfolge durchgehender Kämpfe
in einem einzigen Sturmlauf und aufreibendem Tempo durch Osteuropa,
aber um diese Art von Fotos machen zu können, bedarf es eines Mini-
mums an Ruhe und Alltag. Außerdem gehörte eine Kamera bei den Rot-
armisten nicht unbedingt zu den alltäglichen Gegenständen, die man bei
sich trug, wenn man irgendwo einrückte, wie es bei deutschen Soldaten
durchaus vorkam.93 Man sollte auch nicht außer Acht lassen, dass der schon Jahrzehnte andauernde stalinsche Terror die Soldaten von einer Do-
kumentation abgehalten haben könnte, denn in der Sowjetunion konnte
man selbst für eine aus dem Ausland erhaltene Ansichtskarte zu jahrzehn-
telanger Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt werden. Dass Vergewaltigung
in Friedenszeiten als schwere Straftat gilt, war in den Köpfen womöglich
präsenter als die entsprechende militärische Anordnung. Wenn manche
Soldaten gegen die Regeln verstießen, war es nicht unbedingt ratsam, dies
zu dokumentieren. Der Wunsch nach »Trophäenfotos«, also die Darstel-
lung des Soldaten als bewusster, individueller Akteur, lässt sich in der Ro-
ten Armee, in der die Sterblichkeitsrate sehr hoch war, nicht nachweisen. Die überlieferten Fotos wurden fast alle in einem Atelier aufgenommen,
sind inszeniert und folgen den Mustern der Genrebilder des sowjetischen
Alltags in den Kleinstädten. In die Familienalben gelangten Soldatenfotos,
die Normalität vermitteln. Der Staat kontrollierte auch die visuelle Erin-
nerung des Krieges: Hochwertige Bilder, die Heldenhaftigkeit, Selbstauf-
opferung und Vergeltung darstellten, wurden von den offiziellen Kriegs-
berichterstattern gemacht, die für ein gutes Foto nicht selten ihr Leben
aufs Spiel setzten.
92 Elissa Mailander: Making Sense of a Rape Photograph. Sexual Violence as Social
Performance on the Eastern Front, S. 1939–1944, in: Journal of the History of Se-xuality 28.3 (2017), S. 489-520.
93 Über die Zusammenhänge von Hobbyfotografie und Gewalt während des Zweiten
Weltkriegs siehe Pető: Death and the Picture.