Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Schweigen und Verschweigen
Schweigen und
Verschweigen
Die Geschichte der Kriegsvergewaltigungen ist von Schweigen und Ver-
schweigen geprägt. Der Kalte Krieg begünstigte zwar auf westlicher Seite
die Dokumentierung von sexueller Kriegsgewalt der Sowjets, aber die Dar-legung ihrer Brutalität verfolgte vordergründig den Zweck, die sowjetische
Armee zu diffamieren bzw. die Frauen zugleich als Opfer und als Hel-
dinnen darzustellen.1 Das kollektive Gedächtnis Ungarns konstituierte sich
bis vor kurzem durch die Dichotomie von Helden und Opfern. Erst nach
der illiberalen erinnerungspolitischen Wende begann man, die Opfer Mär-
tyrerinnen zu nennen, so wie das im polnischen Kontext schon früher der
Fall war. Auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs, in der sowjetischen
Besatzungszone, war die Situation eine andere. Hier reagierte man mit
Schweigen. Die Opfer von Vergewaltigungen schwiegen zumeist über die
erlittenen Vergewaltigungen, denn nach dem Krieg war es das elementare Interesse der Frauen, den Erwartungen der patriarchalen Gesellschaft zu
entsprechen, als »anständige« Frau wahrgenommen zu werden. Aber die
Öffentlichkeit maß das Ausgeliefertsein und die Wehrlosigkeit der Frauen
nicht mit der gleichen Messlatte wie die heroischen Taten der Männer auf
dem Schlachtfeld. Von den Frauen im Hinterland wurde erwartet, dass sie
die Einheit der Familie und die bürgerlichen Sitten bewahrten. Über die
dem Körper der Frau zugefügte Gewalt wurde in der Öffentlichkeit nicht
gesprochen, denn die Schuld daran wurde immer den Frauen gegeben: Sie
hatten sich schlicht nicht gut genug versteckt, so wie andere, die mehr Glück hatten. Das alles verhüllende Schweigen wurde im Extremfall auch
durch Mord sichergestellt, es kam sogar vor, dass Väter ihre vergewaltigten
Töchter töteten, um alle Spuren der Schande zu beseitigen.2
Wer sind diejenigen, die trotz alledem über die Kriegsvergewaltigungen
sprechen, und was motiviert sie dazu? Dass sie den Weg in die Öffentlich-
keit finden, kann durch die Veränderungen der gesellschaftlichen Bezie-
hungen, die Legitimierung der Erfahrungen, den Wunsch nach Entschä-
digung und Rehabilitierung bedingt sein. Dabei muss es sich nicht zwingend
1 Grossmann, A Question of Silence.
2 Vesna Nikolic Ristanovic: Szexuális erőszak in Régió, 2001, S. 131.