Das Unsagbare erzählen, Sexuelle Gewalt in Ungarn im Zweiten Weltkrieg

Geschlechtskrankheiten

genmantel und in Pantoffeln im Krankenhaus und wartet auf die chemo-

therapeutische Behandlung. Die Tochter erzählte mir im Interview, dass

sie sich russischen Frauen oft nah fühlt, sie forscht in ihren Gesichtern und

meint, verwandte Züge zu entdecken. »Ich habe auch russische Züge, mit

glatter Haut«, sagte sie über sich. Und: »Ich finde immer den richtigen

Ton mit russischen Menschen.« Bei ihrer Arbeit hat sie oft mit russischen

Staatsbürgern zu tun, obwohl sie die Sprache nicht spricht.

Die Geschichte der Geschwister ist die Geschichte vieler Menschen,

aber nicht immer ist sie auch erzählbar. Während des Interviews breitete

die Tochter die erhalten gebliebenen Fotos von ihrer Mutter auf dem Tisch

aus. Ein ganz gewöhnliches Porträt ist darunter: Eine junge Frau mit brau-

nen Haaren blickt in die Kamera. Es ist gerade dieses Alltägliche, das ihre

Geschichte so tragisch macht, und um sie erzählen zu können, bedarf es

Mut und Gelegenheit.

 

Geschlechtskrankheiten

 

Eine Folge der Vergewaltigungen war die Verbreitung von Geschlechts-

krankheiten. Aufgrund von zeitgenössischen Statistiken lässt sich die Grö-

ßenordnung der Vergewaltigungsfälle einschätzen, wobei diese Zahlen

auch nicht vorbehaltlos herangezogen werden können, denn nicht jeder Akt sexueller Gewalt ging mit einer Infektion einher. Außerdem sind die

Verzeichnisse lückenhaft, ein Teil der Unterlagen ging verloren. Unter »Ge-

schlechtskrankheit« subsumierte man damals letztlich zwei durch Ge-

schlechtsverkehr übertragbare Krankheiten: die Gonorrhoe (Tripper), die

einen relativ unkomplizierten Verlauf hat, und die Syphilis, eine schwere

Erkrankung, die, nach einer langen Inkubationszeit, nur langsam ausheilt.

In der sowjetischen Besatzungszone in Wien und in Ungarn ließ sich

zweifelsfrei ein sprunghafter Anstieg an Geschlechtskrankheiten, in erster

Linie Gonorrhoe-Infektionen, beobachten, und dieser Anstieg kann nur mit der Präsenz der russischen Truppen erklärt werden, denn zu dieser Zeit

waren weder in Wien noch in Budapest die sexuell aktiven Männer aus der

Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Zur selben Zeit gelang es in der west-

lichen Besatzungszone von Wien, die weitere Verbreitung der Geschlechts-

krankheiten mit Penicillin und Kondomen einzudämmen. Aus diesem

Grund nahmen die sexuell übertragbaren Krankheiten dort keinen so dra-

matischen Einfluss auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Die

Heeresleitungen der angelsächsischen Truppen mussten sich bereits in Frie-

denszeiten um das Problem der sich stürmisch verbreitenden Geschlechtskrankheiten 113

 

krankheiten kümmern.90 In der sowjetischen Armee jedoch wurden weder

Penicillin verabreicht noch Kondome verwendet, hinzu kam, dass die Sol-

daten schon seit Jahren unter schlimmsten hygienischen Verhältnissen ge-

kämpft hatten, und ohne Screeninguntersuchungen schleppten sie die

Krankheit Zehntausende Kilometer mit sich.

Wie bereits erwähnt, ließe sich die exakte Anzahl der Vergewaltigungs-

fälle nur anhand einer lückenlosen Dokumentation der Geschlechtskrank-heiten ermitteln, die aber kaum vorhanden ist. Was aber als Anhaltspunkt

für ermittelte Werte herangezogen werden kann, sind Dokumentationen

wie die der umfassenden Untersuchung, die im Bezirk Melk durchgeführt

wurde, in deren Rahmen die zuständige Behörde sämtliche Frauen des Be-

zirks auf Geschlechtskrankheiten unter suchen ließ. Aus diesen Daten geht

hervor, dass die registrierten Geschlechtskranken nach dem Durchmarsch

der Roten Armee 30 Prozent der insgesamt vergewaltigten Frauen aus-

machten. Die Untersuchungen in Melk ergaben, dass fünf bis sechs Pro-

zent der Frauen in der Altersgruppe von 14 bis 16 Jahren von sowjetischen

Soldaten vergewaltigt wurden.91 Vor dem Hintergrund dieser Angaben scheint die weitverbreitete Einschätzung, in Budapest seien zehn Prozent

aller Frauen vergewaltigt worden, übertrieben.

Ganz sicher jedoch wurde die sexuelle Gewalt zu einem Problem für die

öffentliche Gesundheit, auch weil sich der prozentuale Anteil der beiden

Krankheiten veränderte. Während des Krieges war in einem Verhältnis

von 4 : 1 die Gonorrhoe deutlich weiter verbreitet, nach 1945 lag die Syphi-

lis mit 1,4 : 1 vorn.92 Obwohl es offiziell nicht thematisiert wurde, warum

sich so viele Frauen plötzlich mit einer Geschlechtskrankheit infizierten,

mussten die Institutionen des Gesundheitswesens auf die sich rasch ver-

breitenden Krankheiten reagieren.

Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten erließen bereits die Pfeil-

kreuzler Anordnungen, um sowohl die Verbreitung der Krankheit in der

Armee als auch in der Zivilbevölkerung zu verhindern.93 Da sich die Ge-

schlechtskrankheiten infolge der sowjetischen Besatzung deutlich stärker

verbreiteten, ordnete der Minister für Wohlfahrt mit der Änderung der

 

90 Tanaka, Hidden Horrors, S. 105.

91 Marianne Baumgartner: Zwischen Mythos und Realität. Die Nachkriegsvergewal-

tigungen im sowjetisch besetzten Mostviertel, in: Unsere Heimat: Zeitschrift für Landeskunde von Niederösterreich 64 (1993), S. 64, 80.

92 MNL (Ungarisches Nationalarchiv), Karton XIX-C-2-s 17. Ich danke Gábor Sze-

gedi, dass er mich auf diesen Bericht aufmerksam machte.

93 GYML Győr, Der Brief des Vizegespans des Komitats Moson und Pozsony vom

20. 1. 1945. 108/1945.

114 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

Verordnung 888/1940 B. M. drakonische Maßnahmen an.94 Melde- und

Behandlungspflicht wurden detailliert geregelt, ebenso die Verteilung der

Medikamente. Der Wiederauf bau des Netzwerkes von auf Geschlechts-

krankheiten spezialisierten Praxen galt als prioritär.

Auf die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten wirkte sich sehr vor-

teilhaft aus, dass die drei Pharmahersteller, die Sulfonamid – das Medika-

ment, das damals zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten eingesetzt wurde – produzierten, den Krieg fast unversehrt überstanden hatten. Die-

ses Mittel war auf dem Medikamentenschwarzmarkt sehr teuer, aber durch

das hohe Produktionspotenzial konnte es im Vergleich zu den Nachbarlän-

dern in Ungarn wesentlich günstiger beschafft werden.

 

1945* Juli Oktober November Dezember

Mann 2 210 3 648 3 726 2 007

Frau 2 998 5 011 5 022 2 819

Insgesamt 5 208 8 669 8 748 4 826

 

1946 Januar Februar April Mai Juni

Mann 3 678 2 996 5 194 7 849 6 870

Frau 4 818 3 715 6 365 9 780 8 670

Insgesamt 8 496 6 711 11 559 17 629 15 540

Tabelle 3: Anzahl der Geschlechtskranken in Budapest 1945–46, die im Netzwerk der Praxen für Geschlechtskrankheiten behandelt wurden

* Berichte des Amtsleiters des Gesundheitsamtesder Hauptstadt Budapest FL IV.1416. a.

 

Im Auftrag des Ministers für Wohlfahrt, Erik Molnár, wurde von der

Hauptabteilung VII des Ministeriums für Wohlfahrt ein Bericht für das

Jahr 1945 verfasst. Hier wird darauf hingewiesen, dass die Anzahl der Be-

handlungen in den 43 bereits bestehenden und den fünf neu eingerichteten Praxen für Geschlechtskrankheiten »im ganzen Land im Vergleich zu den

vorangegangenen Jahren ein deutliches Wachstum zeigt«.95 Aus den Be-

richten des Amtsleiters des Gesundheitsamtes von Budapest lässt sich

schließen, dass die Geschlechtskrankheiten auf das Dreifache stiegen (siehe

Tabelle 3). Im Bericht für Dezember 1945 steht: »Die Anzahl der Ge-

 

94 BFL VIII. 1102. Unterlagen des Rókus-Krankenhauses. Edikt des Bürgermeisters,

24. 4. 1945

95 MNOL NDO Unterlagen des Ministeriums für Wohlstand, Satz 6. Geschlechtskrankheiten 115

 

schlechtskranken ist erheblich gestiegen. Die Bekämpfung der Verbreitung

der Krankheit wird dadurch erschwert, dass ein Teil der Kranken ihre

Krankheit nicht regelmäßig oder gar nicht behandeln lässt, für die schwe-

ren Fälle stehen keine Krankenhausbetten zur Verfügung, die mit einer

Geschlechtskrankheit infizierten registrierten und heimlichen Prostituier-

ten können in den zuständigen Abteilungen nicht untergebracht werden.

Die erforderliche Menge an Medizin steht nicht zur Verfügung, die abend-lichen Sprechstunden wurden in den Polikliniken aus Sicherheitsgründen

eingestellt, deshalb fiel ein Teil der Behandlungen aus.«96

Trägern und Trägerinnen von Geschlechtskrankheiten stand eine kos-

tenlose Behandlung zu, nicht zuletzt schon deshalb, weil sich viele von

ihnen – auch »anständige« Frauen – nur angesteckt hatten, weil sie verge-

waltigt worden waren. Dadurch, dass diese durch Geschlechtsverkehr über-

tragbaren Krankheiten so weit verbreitet waren, wurde erstmals hinterfragt,

inwieweit die früher gegen die Träger und Trägerinnen gehegte Ächtung

gerechtfertigt war. Die Abteilungen für Geschlechtskrankheiten in den

Krankenhäusern waren extrem überfüllt, zum Beispiel wurden in der Ab-teilung für Geschlechtskrankheiten mit ihren 160 Betten in der Kun utca

(Budapest) 192 Kranke behandelt.97

Mit den Berichten des Gesundheitsamtes stehen uns für Wien ebenfalls

Informationen über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zur Ver-

fügung. Die Anzahl der Erkrankten begann bereits nach dem Anschluss

1938 zu steigen, also im Zuge der erhöhten Präsenz der Soldaten. Aber zwi-

schen Mai 1944 und 1945 verdoppelte sich die Anzahl der behandelten Er-

krankten. Die strengen Therapiemaßnahmen halfen kaum, weil sie wegen

fehlender Medikamente nur schwer umgesetzt werden konnten. Dennoch

leugnete der für Gesundheit zuständige Offizier, Oberstleutnant Besru-kow, dass Geschlechtskrankheiten in der Roten Armee irgendein Problem

darstellen würden. Dieser Behauptung widerspricht allerdings die Aussage

eines russischen Experten im Film Die verschwiegene Schande, der die

Ansicht vertrat, dass die mit nach Hause geschleppten Geschlechtskrank-

heiten eine große Bürde für das sowjetische Gesundheitssystem darstellten.

Auch in Wien gab es Erkrankte, die keine Spuren in den Unterlagen der

Behörden hinterließen, da sie sich, um den Vorfall zu verheimlichen, in

Privatpraxen behandeln ließen.

 

96 BFL IV.1416. a. Berichte des Amtsleiters der Gesundheitsbehörde Budapest,

12. 12. 1945.

97 BFL VIII 1102. 7792/1945.

116 Typologie der Kriegsvergewaltigungen und ihre Ursachen

 

Laut des vom britischen Major General John Winterton vor den Ver-

handlungen über die Implementierung der Besatzungszonen und die Ver-

waltung der Stadt Wien verfassten Sondierungsberichts98 »steht definitiv

fest, dass eine sehr große Anzahl von Frauen infiziert ist und infolge dessen

[sic !] auch Männer«. Allerdings, wie dies ein gewisser Dr. Lande vom Ge-

sundheitsamt behauptete, könnten Vergewaltigungen nicht der Grund da-

für sein. Lande weist die »Anschuldigungen, es sei zu extensiven und un-gezügelten Vergewaltigungen an Österreicherinnen gekommen, [als]

unwahr« zurück. Sollte jemand dies behaupten, läge es wohl daran, dass

ein ein facher russischer Soldat, der von der weiblichen Bevölkerung herz-

lich willkommen geheißen wird, es so verstehe, dass die Frauen sich ihm

anboten. Das jedoch könne man nicht als sexuelle Gewalt bezeichnen. Der

Amtsarzt fügte noch hinzu, dass viele Vorfälle, die als Vergewaltigung

angezeigt würden, »technisch« nicht darunter subsumiert werden könnten.

Der Verfasser des Berichtes von Major General Winterton kommentierte

diese Information wie folgt: »Diese und andere seiner Behauptungen

zeugten von einer Befangenheit. Ich habe selbst mit zwei Frauen gespro-chen, die behaupteten, vergewaltigt worden zu sein, und beide Geschich-

ten schienen glaubwürdig. Eine von ihnen erwähnte, dass der behandelnde

Arzt ihr erzählte, er habe es mit 143 ähnlichen Fällen zu tun gehabt. Des-

halb leben höchstwahrscheinlich infizierte Frauen in großer Zahl in Wien.«

Laut Angaben des Statistischen Jahrbuchs der Stadt Wien wandten sich

im Jahr 1945 31.419 Patientinnen und Patienten wegen des Verdachts auf

eine Infektion mit einer Geschlechtskrankheit an einen Arzt. Viele ließen

sich aus Angst, sich eventuell angesteckt zu haben, prophylaktisch unter-

suchen, aber die tatsächliche Anzahl der Erkrankungen bestätigte diese

Ängste nicht (siehe Tabelle 4).

Dank massiver Aufklärungskampagnen und effektiver Bekämpfung der

Geschlechtskrankheiten normalisierten sich die Verhältnisse langsam, und

in der Folge setzte ein Demystifizierungsprozess der Sexualität ein. Zwar

in einer kodierten Sprache, aber Geschlechtskrankheiten wurden nun auch

in Kreisen Gesprächsthema, in denen das früher eher nicht der Fall war.

Die infizierten Frauen distanzierten ihren Körper von ihrem Sebstver-

ständnis als Frau, die moralische Beurteilung der eigenen Person löste sich

von ihrem beschmutzten Körper. Ein Beleg für diese Entwicklung ist der

 

98 Siegfried Beer, Eduard G.Staudinger: Die »Vienna Mission« der Westalliierten im

Juni 1945. Studien zur Wiener Geschichte, in: Ferdinand Oppl (Hg.): Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Bd. 50. Wien, Karl Fischer Verlag, 1994, S. 390-391.