Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Annette Krus-Bonazza · Kapitel 131 von 309

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Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Spaziergang

Freihaus wur de 1684 er rich tet und nach einem Brand im Jahre 1759 wie der

aufge baut und zu einem mehr stö ckigen Wohn kom plex mit 170 Woh n ein -

heiten und sechs In nenhöfen er wei tert. Es beher berg te seit dem aus ge hen -

den 18. Jh. weit über 1000 Men schen und be deck te in etwa das heu ti ge -

Areal zwi schen Res sel-und Heu mühl gasse, Rech ter Wien zei le und Wied -

ner Haupt stra ße. Es war bei sei ner Entste hung ein autono mes Ge biet mit -

eigener Ge richts barkeit und e r hielt 1787 sogar ein ei genes Theater , aus -

dem später das The ater an der Wien her vorgehen soll te. Nachdem man -

be reits 1913 mit sei ner De mon ta ge be gon nen hat te, wurde das Freihaus

mit dem Ab bruch des letz ten Ge bäu de trakts in den 1970er Jahren im ma te -

riel len Sinne Ge schichte, wo bei sein Ge mein schafts sinn im kollektiven Ge -

dächt nis des kul tu rell und kom mer ziell rüh ri gen gleich na mi gen Grätzels

bis heu te weiter lebt.

 

Spaziergang

Auf dem Weg vom Karlsplatz (U-Bahn-Aus gang Resselpark) zur Seces sion

scha u en wir in der Kunsthalle Wien am Karls platz in der Treitl- und im

Café Mu seum in der Frie d richstraße vor bei. Die Erste ist ei ne mit

temporären Aus stel lungen be spielte Dependance der Kunst halle im Mu -

seumsquartier und teilt sich ihr con tainerartiges Domizil mit einem Cafè-

Restaurant (Di-So 11-19, Do-bis 21 Uhr , 3 €). Das Zwei te, at mo sphä risch

ein klas si sches Wie ner Kaf fee haus, ver blüffte einst durch sein mo der nes

In te ri eur, das von Adolf Loos ge staltet, 2003 in des sen ästhe ti schem Sin ne

ori gi nal ge treu auf ge frischt und 2010 mangels Ge müt lichkeit dessel ben

wieder vom Loos-Design be freit wurde.

Nur ein paar Schritte davon entfernt leuch tet mit der goldlor beergekrönten

→ Se ces sion gleichsam das „Mutter haus“ des Wie ner Jugend stils, in dem

mit Gus tav Klimts Beetho venfries ei nes der be deutendsten Kunst werke

der Epo che ge hütet wird.

Direkt gegenüber nahmen die späteren kom mu nalen Wohnbaumeister des

Ro ten Wien Heinrich Schmid und Her mann Aichinger eine große

berufliche He rausforde rung an, indem sie die Stadt bahnlinie mit dem 1922

be zoge nen vil len arti gen Ver wal tungs gebäude des Ös ter reichischen Ver -

kehrsbüros über bau ten. Das wurde 2008/09 innen und außen frisch

herausgeputzt und vom Novo ma tic Forum bezogen, wel ches sich als Ort

des Dialogs zwischen Kul tur und Wirt schaft versteht und vom gleich na mi -

gen Glücks spiel kon zern ge sponsert wird.

In Sichtweite der beiden Architektur denk mäler entfaltet sich das geschäf -

tige Trei ben des Naschmarkts, in dem hand feste Wiener Lebensart, süd -

( ost)-eu ro päische und asiatische Men ta li tä ten eine farbenfrohe, duf tende

und laut star ke Symbiose einge hen. Beim Bum mel durch das kleine ku -

linarische Pa ra dies kommt man z. B. am ältesten Nasch marktwürstl stand

Hor vath vor bei, der nicht zuletzt mit den ge reimt kom men tierten Wer -

becomics seines le gen dä ren Vorgängers Ehrenreich über das -

Würstelbrater da sein amü sie rt. Man pas siert den ebenso legendären Gur -

ken-Leo, der nicht nur mit Gurken, sondern auch Champagnerkraut zur

Degustation bittet, und die statt liche Flaschengalerie vo n Es sigbrauer

Erwin Gegenbauer, des sen Er zeugnisse unter dessen in alle Fein schme -

ckerwelt expor tiert werden. Hier wer den tro pi sche Früchte und exo ti sche

Gewürze, dort be reits filetier te und mun ter schwim men de Fi sche, Ge flü gel

und Wild, Brot und Bö rek, Piz za und Ke bab an geboten und in klei nen Pa -

vil lon res tau rants Gu lasch, Chi cken Mar sala, Su shi, Raki, Bier oder Wein -

serviert.

In den Parallel- und Seitenstraßen des Naschmarkts, der übrigens seit

2010 ad ministrativ nicht mehr zu Wieden, son dern dem sechsten Ge mein -

de be zirk Ma riahilf gehört und gerade eine Ge ne ral sa nie rung hinter sich

hat, warten wei tere kulturelle, kulinarische und kom mer zielle

Attraktionen.

An der Linken Wienzeile liegt das tra di tionsrei che → Theater an der

Wien, das anno 2006 nach gut 200 Jahren zu seinen musikali schen Wur -

zeln zu rück ge funden und das At tri but „Das neue Opern haus“ an ge nom -

men hat. In des sen Nachbarschaft locken einige at trak tive Cafés und

Kneipen und wer noch mehr Auswahl braucht, möge über die Rech te Wie -

n zei le ins gastronomische und kom mer ziel le Herz des Frei haus vier tels in

und um Schleif mühl gasse und Mar ga re ten stra ße vor dringen. Au ßer zahl -

rei chen Ca fés, Knei pen und klei nen Läden fin det man dort eines der äl tes -

ten Kinos der Stadt. Das Schi ka ne der-Kino wurde 1906 er öffnet, zeig te

später als eines der ers ten Wiener Licht spiel häu ser Por no fi l me und

vielleicht auch den le gen dä ren Film, dem gleich um die Ecke das gleich -

namige → Dritte-Mann-Mu se um ge widmet wurde. Von dort keh ren wir

zum Naschmarkt zu rück, um an seiner West flanke mit Ot t o Wag ners →

Wien zei le häu sern und sei ner Stadt bahnsta tion Ket ten brü cker gas se

drei Klein o dien des Wie ner Ju gend stils zu würdi gen.

Um deren Liste um einige architektoni sche Hinterlassenschaften seiner

Schü ler zu verlängern, folgen wir - even tu ell nach einem Abstecher zur →

Schu bert Ster be woh nung in der Ket ten brü cken gas se 6- der Rechten

Wien zeile stadt aus wärts. Dabei passieren wir das von Jo sef Plecnik

entworfene, 1902 be zo gene Mietshaus Langer (Steg gasse 1) und Os kar

Marmoreks im selben Jahr fer tiggestellten weiß-blau-gol de nen Wohn- und

Geschäftsturm Rü di ger hof mit dem sympathischen gleich na migen (Gar -

ten-)Café (Ham bur ger stra ße 20), die Stadt bahn sta tion Pil gram gasse

vom Meister selbst und schließ lich den von Franz und Hubert Gessner ge -

stal te ten Sitz des Vor wärts verlages, dessen Mach art sich be reits deutlich

vom Jugend stil ent fernt.

Weil Rüdigerhof und → Vorwärtsver lags haus aus der Perspektive des ge -

gen über liegenden Wienufers eigentlich noch viel besser ins Visier zu

nehmen sind, über que ren wir am hübschen „Otto-Wag ner-Bahnhof“ das

hier wie der offen plät schern de Flüss chen, um uns von der auf fällig