Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Annette Krus-Bonazza · Kapitel 230 von 309

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Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Literatur, Theater und Film

Zeitgemäßer Kunstmuseumsbau

 

Der vornehmlich projektions- und me dien künstlerische Puls des 21. Jh.

schlägt u. a. im Quartier21 im Wiener Mu se ums quartier, wo junge Kunst -

schaf fen de aus aller Welt in temporär an ge mie te ten Ateliers und Studios

pro du zieren, ex ponieren und provozieren.

 

Wiener Wandkunst: Graffiti und Street art Seit den 1980er Jahren verwandeln sich viele Wiener Wände zu Kunstwerken im öf fentlichen Raum, sodass das 2001 gegründete Online- Archiv Spraycity.at, im Lau fe der Jahre allein in der österreichischen Hauptstadt 17000 besprühte und be pin selte Wände fotografiert und kartografiert hat. Die Kaimauern am Donaukanal, die Häuser am Yppenplatz oder die Streetart Passage am und im Museumsquartier emp fehlen sich gleichsam als Freiluftgalerien für dieses als „ Streetart“ kate go ri sier te Genre, dessen Wurzeln in der Graffiti-Bewegung liegen, die sich in den 1970er Jahren in Amerika formiert und gut zehn Jahre später auch europäische Groß städte erobert hat. Während Graffiti in erster Linie von „Writern “ gestaltet wer den, die Hauswände, S-und U-Bahnen in der Regel illegal bei Nacht und Nebel mit charakteristischen Schriftzügen ihres (Künstler-)Namens „taggen“ bzw . mar kie ren, präsentiert sich Streetart mit abstrakten und figürlichen, meist kun ter bun ten Motiven. Anders als die meisten „Writer“ sprühen und pinseln die Streetart-Künst ler von den Behörden sanktionslos geduldet oder gar ausdrücklich animiert.

So gibt die Stadt im Kontext des Projekts Wienerwand (www .wienerwand.at) seit 2004 mit einem Taubensymbol gekennzeichnete Flächen zur Bemalung frei. Da rauf waren und sind lokale und auswärtige Talente, sowohl Nonames als auch in ter nationale Stars der Szene kreativ . Zu den Wiener Straßenkünstlern gehören z.B. Ru in, Nychos und Nesh (gest. 2005), Friend und Keramik, Skirl und Skero, der übri gens zugleich als Hip Hop Musiker und eigenwilliger Interpret von Wiener Lie dern stadtbekannt ist. Unter den etwa anlässlich des seit 2014 jährlich aus ge rich teten

Calle Libre Festivals ( www.callelibre.at) Angereisten waren z. B. der Bel gier Mehsos, dessen „ dekonstruiertes Gesicht“ an der U-Bahnstation Gum pen dor fer Straße auf die Passanten schaut, oder der gebürtige Mailänder Nekros, der an sons ten vornehmlich in Spanien aktiv ist. Wer sie nicht zufällig entdecken, son dern die Vienna Murals gezielt ansteuern oder anschauen will,

findet auf der gleich na mi gen Website (www.viennamurals.at) einen stets aktualisierten und jüngst auch ge druckt erschienenen Street Art Guide Vienna.

 

Literatur, Theater und Film

Nachdem sich mit Walther von der Vo gel weide und Neidhart von Reuental

die er s ten namhaften Dichterper sön lich kei ten des deutschen Sprachraums

schon am Ende des 12. Jh. am Hof der Ba ben ber ger die Ehre gege ben

hatten, wuchs Wien an der Zeiten wende vom Mit tel al ter zur Neuzeit zu

einem der gei s tigen Zen tren des europäi schen Huma nismus heran, was

maßgeblich dem Mä zena ten tum Maxi milians I. zu ver dan ken war. Der

kul turell am bi tio nier te Mo narch protegierte die Lite ra tur und för der te die

früheste Wiener The a ter auf füh rung anno 1499, die wie die meis ten szeni -

schen Darstellungen der Zeit geist li chen Inhalts war .

Der Transport religiöser Botschaften soll te das Wiener Theatergeschehen

noch bis ins 17. Jh. hinein bestimmen, zu mal es ebenso wie die

künstlerische Pro duktion anderer Sparten vor den Kar ren der

Rekatholisierung gespannt wur de. Inhaltlich und formal domi nier te das

von mittelalterlichen Passi ons- und Fronleichnamsspielen inspi rier te Je -

suitendrama, in dem die Mit glie der des gleichnamigen Ordens als Schau -

spie ler agierten. Erst als Wien wie der fest in ka tholischer Hand war, be -

gann mit den Vorstellungen des 1709 er öff ne ten, als Sing- und Sprec h -

bühne glei cher maßen genutzten Kärnt nertor thea ters die Ge schichte der -

weltlichen Wie ner Tra di tions büh nen. Die Leitung des ersten profanen The -

a ters über nahm 1712 der Au tor und Schauspieler Josef An ton Stra nitz ky,-

der die Figur des Hans wurst kre ier te und als Er fin der des Wiener Volks -

stückes in die kul tur historischen An nalen eingegangen ist.

Kreative Rauchpause

 

 

Auf Initiative von Maria Theresia ging 1741 das Theater nächst der Burg

am Mi chaelerplatz mit gesprochenen und ge sungenen Dramen in die erste

Spiel zeit, bevor es 1776 in Nationaltheater und 1821 in Hofburgtheater um -

be nannt wur de. Während sich das Kärnt ner tor the a ter ab 1810 zur später

gefeierten Hof oper wandelte, fun gier te das Hof burg theater bald als reine

Sprech büh ne, um sich nach dem Umzug in sein pracht volles neues

Domizil an der Ring str a ße (1888) zum viel leicht be deu tend s ten klas si -

schen Thea ter im deut schen Sprach raum zu entwickeln.

Als zweitwichtigste Wiener Sprech büh ne gilt das 1889 gegründete, von je -

her auf Ge genwartsstücke abonnierte (Deut sche) Volkstheater, als Dritte

im Bun de das bereits 1788 eröffnete The ater in der Jo sefstadt. Letzteres

hat te mit Volksstü cken mit Lo kal ko lo rit re üs siert, bevor es unter der Inten -

danz von Max Reinhard, dem späteren Grün der der renommierten Schau -

spiel schule (1929), in den 1920er Jahren zur kulti vier ten Sprechbühne

avancierte.

Die literaturhistorische Entwicklung des 19. Jh. war eng mit der Theaterge -

schich te verwoben, weil viele zeit ge nös si sche (Wahl-)Wie ner Au to ren ihre

Tex te fast ausschließ lich für die Büh ne pro duzierten. Das gilt für Franz

Grill par zer, Eduard von Bau ern feld, Fer di nand Raimund, Jo hann Nes troy

und Lud wig Anzengru ber, wobei der Er zäh ler Adalbert Stif ter, die Ly ri -

ker(in nen) Ni kolaus Lenau, Anas ta sius Grün, Fer di nand von Saar und

Ma rie von Eb ner-Eschenbach weni ger enge Be zie hun gen zum Schau spiel

un ter hiel ten.

Literaturhistorisch relevant ist ferner die lange Liste der ein hei mi schen

und zu gezogenen Kultur schaf fenden, die die gesellschaft liche und po -

litische Um bruch phase der vor letz ten Jahr hun dert wende und die Er fah -

rungen des Ersten Weltkriegs auf Pa pier , der Bühne und bald auch Zel lu -

loid re flek tierten, kri ti sierten und kari kier ten:

Ganz oben steht eine so illustre Dich ter persönlichkeit wie Hugo von Hof -

manns thal, der sein literarisches Pro fil in respektvoller Abgrenzung zu den

oben genannten Naturalisten bzw . Rea listen schärfte. Es folgen die unter

dem li te ra tur geschichtlichen „La bel“ Wiener Impressionisten oder Feuilleto-

nisten sub sumierten Schrift steller und/oder Jour na listen Arthur Schnit z -

ler, Stefan Zweig, Felix Salten, Ri chard Beer-Hoff mann, Her mann Bahr,

Anton Kuh, Pe ter Al ten berg, Karl Kraus, Alf red Pol gar, Fried rich Torberg

oder Egon Frie dell, die ihre kreativen Mus keln vorzugs weise in Wie ner

Kaf feehäusern spie len ließen (→ Kasten).

Unter den Expressionisten sind „haupt be rufliche“ Schriftsteller wie Georg

Trakl oder An ton Wildgans sowie die Ma ler/Grafiker Os kar Kokoschka,

Al f red Kubin und Al bert Paris Gütersloh her vor zu heben, die sich auch als

Dra ma tiker bzw . Erzähler einen Namen ge macht haben.

Von denen, die in Wien ge bo ren oder tem porär von der zeitgenössischen

Wie ner Kultur sze ne inspiriert wurden, sei en schließlich die Mitglieder der

Pra ger Dichtergruppe Franz Werfel, Max Brod und Franz Kaf ka sowie Ödön

von Hor vath, Robert Mu sil, Hermann Broch, Jo seph Roth und Hei mi to von

Do derer auf gelistet, von de nen die meis ten als gro ße Romanciers in die Ge -

schich te der Weltliteratur ein ge gan gen sind.

Mit dem heraufziehenden 20. Jh. wurde die lokale Theaterlandschaft um

die ers ten Ka barettbühnen (z. B. Simplicissimus, 1912) und Lichtspiel -

häuser be rei chert. 1908 flimmerte mit Anton Kolms „ Von Stufe zu Stufe“

der erste vor Ort pro du zier te Film über eine von da mals drei Ki -

noleinwänden. 1915 war die Zahl der Kinos bereits auf 150 ange wach sen

und bis 1930 waren mehr als 1.000 Fil me ab ge dreht, die in erster Li nie von

der 1910 gegründeten Sa scha-Film pro du ziert wurden. Auf den Wie ner Re -

gie stüh len saßen Ro bert Wie ne, Mi chael Ker tesz, Fritz Lang oder Hubert -

Ma risch ka, als (Stumm)Film stars glänz ten der Lokal matador Ale x ander

Gi rar di, Marlene Dietrich oder Willi Forst.

Weil Wien dennoch nicht mit den Film me tropolen Berlin oder Rom kon -

kur rie ren konnte, kehrten einige nam haf te Re gisseure wie Erich von Stro -

heim oder Josef von Sternberg ihrer Hei mat be reits seit den 1920er Jahren

den Rü cken. Dass die Film schaffenden jü di scher Her kunft nicht nur vom

Ehr geiz, son dern auch vom Sie geszug des Na tio nal so zialismus ge trie ben

waren, ist hin läng lich bekannt. Diejenigen, die sich mit den neuen

Machthabern ar ran gier ten (z. B. Willi Forst, Hans Mo ser , Pau la Wessely

oder Paul Hörbiger), fei er ten spä ter mit den vielfach in Wien ge dreh ten

Durchhalte filmen Erfolge.

Obgleich manche Exilanten nie mehr nach Wien zurückkamen, erwachte

die Wie ner Literatur- und Theaterszene schon bald nach Ende des Zweiten

Welt kriegs zu neuem Leben. Während in den Ruinen der Nachkriegsstadt

Gra ham Greenes „Der dritte Mann “ ver filmt wurde, erschien 1948 mit Ilse

Ai chin gers Roman „Die größere Hoff nung“ das erste bedeutende Buch der

Zwei ten Republik. Wenig später star te te Inge borg Bachmann in Wien ihre

li te ra rische Lauf bahn, hinzu kamen schon bald Ernst Jandl und Friederike

May röcker, deren lautmalerische Ge dich te im gesamten deutschspra chi gen

Raum für Aufsehen sorg ten. Mit ähnli chen sti listischen Mit teln ar bei te ten

die Mit glie der der Wiener Gruppe, darun ter Hans Carl Art mann, Gerhard

Rühm und Fried rich Ach leitner , die in den 1950er Jahren den Wiener

Dialekt lite ra tur fä hig mach ten.

Aus der Generation der zwischen 1920 und 1930 Geborenen stammten

auch Tho mas Bernhard, dessen ös ter reich kri tische Dramen („Helden -

platz“) bis heu te polarisieren, und die Wiener Sa ti ri ker Helmut Schwarz

und Helmut Qual tinger. Zu den Wiener Ka ba rett le gen den der 1950er und

-60er Jah re zäh len fer ner Karl Farkas, Hugo Wiener , Cis sy Kraner und

Georg Kreis ler , denen seit den 1970ern u. a. Werner Schney der, Lu kas Re -

se ta rits, Erwin Stein hau er, Jo sef Ha der und das Wahlwiener Ka ba rettisten-

und Moderatorenduo Ster mann und Gris semann folgten, die nicht nur in

ihrer Late Night Show „ Will kommen Ös ter reich“ die Lach mus keln

strapazieren.

 

Österreichische Filmszene Am 29. Januar 2011 wurde erstmals der von der Akademie für ös ter rei chi schen Film ausgelobte österreichische Film preis verliehen. Der nicht mit Geld, son dern lo benden Worten und einer von Valie Export kreierten Skul p tur dotierte Preis wür digt und wirbt für deutsch spra chige, in Österreich pro du zierte oder von ein hei mi schen Regisseuren in szenierte Spiel-, Do ku men tar- und Kurz filme. Er be rück sich tigt 13 Ka te gorien, darunter bester Haupt dar stel ler, Kamera und Kostümbild und wird jeweils im Januar verliehen. Einen „Original-Oscar“ heimste übri gens 2010 und 2013 der gebürtige Wie ner Christoph Waltz als bes ter Ne ben darsteller in Quen tin Ta rantinos Fil men Inglourious Basterds und Django Unchained so wie 2013 Mi chael Haneke für Liebe (2012) ein. Der Wahlwiener Haneke (geb. 1942), der schon 2009 für seinen Film Das weiße Band mit der Gol denen Palme und dem Gol den Globe bedacht wurde, ist derzeit der be kann teste und erfolgreichste Regisseur der Donaumetropole, die sich in Zukunft mehr denn je als Drehort inter -na tio na ler Fil me profilieren will.

 

Die österreichische Gegenwartsliteratur wird von gestandenen Schriftstel -

ler (in nen) wie Peter Rosei, Peter Tur rini, Pe ter Handke, Erich Hackl, der

Li te ra tur no belpreisträgerin 2004 Elf rie de Je li nek, Gerhard Roth, Josef Has -

lin ger, Ro bert Schin del, Marlene Streeru witz oder Ro bert Menasse

repräsen tiert. Zu ih nen ge sellen sich Jungstars wie Tho mas Gla vi nic, Da -

niel Kehl mann, Fran zo bel (Franz Stefan Griebl), Eva Me nas se, Ar no Gei -

ger oder Wolf Haas, der als ei ner der bes ten deutsch spra chi gen Kri mi auto -

ren ge fei ert wird und mit sei nen Ro manen „Das Wet ter vor 15 Jah ren“

(2006), „ Ver teidigung der Mis sio narsstellung“ (2012) und jüngst „Junger

Mann “ (2018) ein drucks voll be legt hat, dass er nicht nur im Kri mi fach be -

wan dert ist. Als er hel len de Reiselektüre wärmstens emp foh len sei Andreas

Pittlers „ Wiener Trip ty chon“, bislang bestehend aus den his to ri schen