Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Annette Krus-Bonazza · Kapitel 195 von 309

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Zentralfriedhof

Simmering I

 

Zentralfriedhof

 

„ Es lebe der Zentralfriedhof und alle sei ne Toten ...“, rockte Liedermacher

und „Austropopper“ Wolfgang Ambros 1974 anlässlich des 100. Ge burts -

tags der Totenstadt im 11. Bezirk (Sim me ring), die doppelt so viele „Ein -

woh ner“ wie das lebendige Wien, eine eigene Buslinie und so gar ein

Museum hat.

Seit seiner Eröffnung wiederholt flä chen mäßig erweitert, mit mehreren

Lei chen hallen, imposanten Tor häu sern, stimmungsvollen Arkaden und ei -

ner zentralen Begräbniskirche be baut, zählt der gigantische Gottesacker

zu den größ ten und berühmtesten Fried höfen Eu ropas. Sein hoher Be -

kannt heits grad re sultiert in erster Linie aus dem 1881 ge fassten Beschluss,

eine Ab tei lung mit Eh rengräbern einzurich ten, in de nen fortan bedeutende

Künst ler, Wis sen schaftler und Politiker ihre letz te Ruhe finden sollten. So

haben in der Wie ner To ten stadt, deren gesam mel te Grab stein inschriften

übrigens ei nem „Ti tel lexikon“ der k. u. k Zeit glei chen, zahl rei che

Persönlichkeiten von Welt gel tung ihren letzten „ Wohn sitz“ ge nom men.

 

Gewissermaßen der Gegen entwurf zur prominent besetzten Eh ren grababteilung

des Zentral fried hofs ist der kleine, Friedhof der Na men losen am Simme ringer Do-nauufer. Dort wurden zwi schen 1845 und 1940 nicht identi fi zierte Wasserleichen bei ge setzt, die der Fluss angeschwemmt hatte.

 

Die Ehrengräber der Kom po nisten Beet hoven, Brahms, Schubert, Schön -

berg so wie Strauß Vater und Sohn, von Curd Jürgens, Helmut Qual tin ger,

Theo Lin gen, Hans Moser oder Bru no Kreis ky, um nur einige we nige der

gut 500 pro mi nenten Toten zu nen nen, grup pie ren sich um die sog. Dr.-

Karl-Lueger-Ge dächt nis kirche. Während die Asche von Schlagerstar Udo

Jürgens (gest. Dez. 2014) in dieser illustren Ab teilung un ter einem von

seinem Maler bruder Man fred Bockelmann gestal te ten Mar mor flügel ruht

( Feld 33 G), ist das eben so auffällige und bis heute regelmäßig von seinen

Fans auf ge such te Grabmal von Rock le gen de Falco mehrere Grä ber felder

von dem Gottes haus entfernt (Feld 40). Letzteres wur de von Wag ner-

Schü ler Max Hegele zwi schen 1908 und 1910 errichtet und gilt als eines

der be deu tendsten Bau wer ke des Wiener Ju gend stils, obgleich sich sein

Ar chi tekt nicht nur von Wag ners Steinhof-, son dern auch von der ba rock-

klas si zis ti schen Karls kir che in s pi rieren ließ, nach deren Namens pa tron

Karl Bo ro mäus sie streng ge nom men auch be nannt ist. Nach dem Bür ger -

meister Lue ger 1910 ge storben und in der Krypta des frisch er richteten

Got teshauses bei ge setzt wor den war , wur de sie im Jahre 1911 dem Heiligen

ge weiht und zu gleich dem Kom m u nal politiker gewid met. Weil der nicht

nur mit seinen Ver diens ten für die In fra struk tu r ent wick lung der Stadt,

son dern auch als be ken nen der Antisemit Fu rore ge macht hat te, wird das

Got teshaus in jüngster Ver gan genheit von vielen lie ber wieder Bor ro -

mäus-Kirche ge nannt.

Ehrengräber und Begräbniskirche sind am schnellsten durch Tor II, das

1905 fer tig gestellte Hauptportal des „Zen tral“, zu erreichen. Auch dessen

Ent wurf stammt von Max Hegele, der au ßer dem die etwa zeitgleich hoch -

ge zo genen Lei chen hallen rechts und links der breiten Ein fahrtsstraße

gestaltete, wobei unter einer von ihnen (Halle 2) die zeitgemäße

Neuinszenierung des zu vor im Amt für Bestattungswesen un ter gebrachten

→ Bestattungs mu se ums ein überaus passendes Quar tier be zo gen hat.

Nam hafte jüdische Persönlichkeiten, da runter die Schriftsteller Friedrich

Tor berg oder Arthur Schnitzler, sind in der Alten Israelitischen

Abteilung an Tor I begraben, deren umgeworfene Grab stei ne die

antisemitische Zerstö rungs wut der Nazis dokumentieren. Die traf auch

den 1917 eröffneten Neuen Jü di schen Friedhof an Tor III, der im Ge gen -

satz zur historisch älteren Is ra e li ti schen Abteilung bis heute ge nutzt wird.

Neben eigens abgesteckten Arealen für An gehörige verschiedener

Religionen bzw . Konfessionen, darunter z. B. ein bud dhistischer Friedhof

mit einer zen tralen Stupa (Feld 48 A), gibt es noch eine Rei he weiterer se -

pa rater Grä ber fel der, u. a. für die Op fer des Ersten und Zwei ten Weltkriegs,

des Faschismus und der Febru arunruhen von 1927.