Wien Reiseführer Michael Müller Verlag

Annette Krus-Bonazza · Kapitel 218 von 309

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Restauration und Revolution

Im Innern agierte die sechzehnfache Mut ter , die die Kaiserwürde übrigens

for mell Männern überlassen musste (1745 ihrem Ehemann Franz I. von

Loth rin gen und nach des sen Tod im Jah re 1765 ihrem Sohn Jo seph II.), im

Geis te ei nes aufgeklärten Absolu tis mus. Sie zen t ralisierte die landes fürst -

liche Ver wal tung, führte die allgemeine Schul pflicht ein, verfügte eine

Wäh rungs re form (Maria-Theresien-Thaler) zur Be le bung der

frühkapitalistischen Wirt schaft und verbot die Folter . Dabei stand der Mo -

narchin ihr herangewach se ner Sohn und designierter Nachfolger Joseph

hilf reich zur Seite.

Als dieser im Jahre 1780 die Regie rungs ver antwortung übernahm, weite te

er das von der Mutter begon nene Re form werk er heblich aus. Gleich zu Be -

ginn sei ner Amts zeit erließ er das Tole ranz patent, das nichtkatholischen

Chris ten die freie Re ligionsausübung er lau bte und die gesellschaftliche

Stel lung der Ju den ver besserte. Er schaffte die To des strafe ab, untersagte

die Kin der ar beit für unter 9-Jährige, führte ei ne Rei he von Klöstern ei ner

profanen Nut zung zu und ver häng te ein Einführ ver bot von Fer tig pro -

dukten, um den In dus t ria li sie rungs pro zess an zu kur beln. Des Wei te ren

mach te er sich durch den Bau von Kran kenhäusern und die An la ge von

Fried höfen um Infra struk tur und Stadt hy giene verdient und struk tu rier te

den Wie ner Magistrat im Sinne ei ner bür ger lichen Behörde um.

 

Restauration und Revolution

Josephs Nachfolger (Leopold II. und Franz II.) regierten die modernisierte,

nun mehr auf eine Viertelmillion Ein woh ner angewachsene Stadt dagegen

wie der mit starker absolutistischer Hand. Sie revidierten vor allem die je ni -

gen Reformen, die die bürgerliche Au to nomie förderten, um das Auf kom -

men re volutionärer Verhältnisse, wie sie seit 1789 in Frankreich herrsch -

ten, von vorn herein zu unterbinden. Der ge wünsch te Effekt sollte jedoch

noch gut zwei Jahrzehnte auf sich warten lassen.

Nachdem das revolutionäre Frankreich Preu ßen und Österreich 1792

erstmals her ausgefordert hatte, folgte eine Reihe von sog.

Koalitionskriegen um den Er hal t der alten monarchistischen Ord nung -

Europas. In deren Verlauf musste Ös terreich Gebietsverluste in Italien

und Polen hinnehmen, Franz II. seinen Ti tel als Kaiser des Heiligen

Römischen Rei ches Deutscher Nation abgeben und sich fortan mit der

Position als Kaiser Franz I. von Österreich begnügen. 1805 und 1809

schließlich besetzten Napo leon Bonapartes Truppen Wien und schlu gen

den österreichischen Kaiser in die Flucht nach Ungarn.

Erst nach der Völkerschlacht bei Leipzig, die im Oktober 1813 mit dem Zu -

sam men bruch der Streitkräfte Napole ons en dete, kehrte Franz I. dauerhaft

nach Wien zurück und lud fast alle Staa ten und Fürsten Europas von Sep -

tem ber 1814 bis zum Juni 1815 zum Wie ner Kongress ein. Die Diskussions -

lei tung über ließ er dem Fürsten von Met ter nich, der entscheidend dazu

bei trug, dass die Neuordnung des Konti nents im Sinne einer

Wiederherstel lung der vor re volutionären politischen Ver hält nisse erfolgte.

Während Metternich in den folgenden Jahr zehnten die politischen

Geschicke Wiens lenkte, indem er mit dras ti schen po lizeilichen

( Überwachungs-)Maß nah men jegliche national-liberale Re gung zu

ersticken suchte, reagierte das Wie ner Bürgertum mit einem Rück zug in -

die private Idylle. Das ge meinhin un ter dem Begriff „Bieder meier“ sub su -

mier te zeitgenössische Le bens ge fühl ent fal te te sich nämlich vor nehm lich

in den eige nen vier Wänden, die mit raf fi nier ten Mö beln ausgestat tet wur -

den und zum halb öffentlichen Schau platz von Le sun gen, Konzerten und

Bäl len avan cierten.

Wirt schafts- und sozialhistorisch war die Pe riode zwischen 1815 und 1848

von ei ner rasant einsetzenden In dus tria li sie rungs welle bestimmt. Tex til-

und Sei den pro duktion expandier ten und es kam zur An siedlung Metall

ver ar beitender Be trie be. Die damit ein her ge hende Be völ ke rungs explosion

schuf gra vierende soziale Probleme und es of fen barten sich die

infrastruktu rellen De fizite der Stadt, die um 1840 rund 400.000 Ein w ohner

zählte. Zur Behe bung der Män gel wurden seit den 1820er Jahren dampf -

maschinenbe trie be ne Ver kehrs mit tel wie die Flotte der Do nau dampf schiff -

fahrtsgesell schaft, die Nord- und Süd bahnzüge und eine erste Pfer -

destraßenbahnlinie einge setzt. For ciert durch eine große Cho le ra-Epi de -

mie im Jahre 1830 ent standen mit der Kai ser-Ferdinand-Was ser lei tung das

ers te größere Versor gungs sys tem mit ver zweigtem Rohr netz und ein Kin -

der spi tal. Die Pflaste rung von Stra ßen wur de ausgeweitet und ihre Be -

leuch tung durch den Bau der ersten Gas wer ke auf Wiener Boden

garantiert.

Der älteste Trakt der Hofburg

 

 

Hatte sich das Wiener Bürgertum unter der Knute des Metternichschen

Über wa chungsstaates in die häusliche Im mi g ra tion zurückgezogen, so

stand es in den Wirren der Revolution von 1848 in der ersten Reihe. Bereits

am 13. März ver langten die von Studenten und un ga rischen

Aufständischen unterstüt z ten ös terreichischen Bürger un miss ver ständ lich

die Verabschiedung einer li be ra len Verfassung und nötigten Met ter nich

zum sofortigen Rücktritt. Der am tie rende Kai ser - seit dem Tod Franz’ II.

im Jahre 1835 war dies Ferdi nand I., der als schwach sinnig galt - beug te

sich dem Druck der Straße. Er präsentierte bald eine Ver fas sung, die je doch

von radika len Krei sen als unde mo kratisch abge lehnt wur de, was wei tere

Unruhen und Stra ßen kämp fe aus l öste. Doch während sich ra di kal de mo -

kratisch Orientierte und stän disch-bür gerlich Gesinnte um die künf tige

Stoß rich tung der Politik strit ten, for mierte sich der Widerstand des al ten

Re gimes. Nachdem die kai ser li chen Trup pen die Stadt am 31. Ok to ber K. u. k. Monarchie und Industrialisierung

1848 zu rücker o bert hatten, dankte Ferdi nand I. ab und über ließ sei nem 18-

jäh rigen Nef fen Erz herzog Franz Joseph den Thron.

Der neue Herrscher hatte sich nach der weit gehenden Wie derherstellung

der al ten in nen po li ti schen Verhältnisse zu nächst mit au ßen politischen

Fragen zu be schäf tigen. Der seit geraumer Zeit schwe len de, mit der

Gründung des Deut schen Bun des (1815) zwischen zeit lich in eine Art

fried liche Koexis tenz um gewandelte Kon flikt zwischen den bei den deut -

schen Großmächten Preu ßen und Ös ter reich drohte sich zu einer of fenen

Kon frontation auszu wei ten. Ak tueller An lass wa ren Streitig kei ten um die

Ver waltung der Herzog tü mer Schles wig und Hol stein, die Dä ne mark nach -

dem ver lo re nen Krieg ge gen Preu ßen und Ös ter reich (1864) an die Sie ger -

mächte ab tre ten musste. Ob wohl 1865 ein Ver trag über die Ver tei lung der

Kriegs beute ge schlossen wur de, blieben die Span nun gen bestehen; sie

wur den vom preu ßischen Minis ter prä si denten Bis marck sogar gezielt wei -

terge schürt und für seine po li ti schen Ziele instru men ta li siert: Bis marck

brauch te einen Kriegs grund, um seine Vor machtstel lung in Deutschland

zu festigen, was am bes ten mit mi li tä ri schen Mit teln zu er rei chen war. Im

Juni 1866 hatte die Di p lo ma tie aus gedient. Preußen kämpf te im Bund mit

einigen klei neren deut schen Staa ten ge gen Ös ter reich und ging gut ei nen

Mo nat spä ter nach der ent schei den den Schlacht bei Königgrätz sieg reich

aus der mi li tä ri schen Aus ein an der set zung hervor . Mit dem Aus gang des

sog. „Deut schen Krie ges“ wa ren die macht po li ti schen Wei chen ge stellt:-

Preu ßen wur de zur Füh rungs macht des sich schon we ni ge Jah re spä ter -

kons ti tuie ren den Deut schen Rei ches und Ös ter reich schied aus dem Rei -

gen der deut schen Staa ten aus.

Die Habsburger bemühten sich da rauf hin um eine Verständigung mit Un -

garn, wo seit 1848/49 Un ab hän gig keits be stre bungen im Gange waren.

Das Er geb nis der Aus gleichsver hand lun gen, in de nen Un garn einer ge -

mein sa men Au ßen-, Finanz- und Hee res po litik zu stim m te, an sons ten aber

Au to no mie ver langte, war die Kon s ti tu tion der his to risch berühmten kai -

ser lichen und kö nig li chen (k. u. k.) Do nau mo nar chie un ter dem Ein -

schluss von zehn Na tio na li tä ten grup pen. Ihr Staats ober haupt war Franz -

Joseph I. als Kaiser von Ös ter reich und Kö nig von Ungarn in Per so nal -

union.