Wien Reiseführer Michael Müller Verlag
Spaziergang
histo ri schen So fien sä le er neut städ te bau lich auf ge wer tete Stadt vier tel zu
den meist fre quen tierten tou risti schen Zie len Wiens.
Spaziergang
Vom Stephansplatz geht es über Ro ten turm straße, Lugeck und die von
Cafés, Bars und Restaurants gesäumte Bä cker straße zum Dr.-Ignaz-Seipel-
Platz. Der trägt erst seit 1949 den Na men des zweiten österreichischen
Bun deskanz lers, hieß davor Uni versitäts- und noch frü her Jesuitenplatz.
Er zählte schon im Mit telalter zu den wichtigsten Adres sen der Stadt, weil
hier 1385 die bereits 1365 gegründete Alte Universi tät ange sie delt wurde.
Im 1755 bezoge nen Uni versitätsneubau im Rokokostil residiert seit 1857
die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die am 14. Mai 1847 als
Kaiserliche Aka demie der Wissenschaften in Wien entstanden ist und sich
bis heute in erster Linie auf natur wis sen schaftlichem Sektor profi liert.
Gleich da neben brei tet sich der frü here Kon vent der Jesui ten aus, dessen
papst- und kaisertreue Be woh ner im Zuge der Ge gen reforma tion über For -
schung und Leh re wach ten. Von ihrer → Uni ver si täts-Jesuitenkirche
geht es durch die hand tuch schmale Jesuiten- in die pit to reske Schön -
latern gasse, deren meist hinter ba rocken Fassaden ver bor gene Bausub s-
tanz größ tenteils noch aus dem 13. und 14. Jh. datiert. Am Haus Nr. 6
hängt eine Kopie der de korativen schmie de ei ser nen La terne, der die Stra -
ße ihren Na men verdankt (das Ori g inal be findet sich im Wien Mu seum).
Unter Nr . 5 ver birgt sich das älteste Kel ler ge wöl be Wiens, in Nr. 9 ist mit
der Alten Schmie de eine der am bi tio nier testen Kul turveranstal terinnen
Wiens in Ak tion und an Nr . 7 ist ein Sand steinrelief mit dem Ab bild ei nes
häss lichen Fa bel wesens angebracht. Der Le gende zu fol ge hat der damalige
Be sitz er des sog. Ba silis ken hauses hier an no 1212 einen Basilisken, also
ein ech senartiges my thi sches Wesen mit gif tigem Atem und töd lichem
Blick, zur Stre cke gebracht. Das sei ihm gelungen, in dem er dem Un -
geheuer einen Spiegel vor gehal ten ha be, worauf es angesichts sei nes eige -
nen Furcht einflößenden An blicks zu Stein erstarrt sein soll.
Neben einem Alt-Wiener Gasthaus, das in Erinnerung an diese Ereignisse
Zum Ba silisken (Schönlaterngasse 3-5) heißt, tauchen wir durch einen
Torbo gen in die Ruhe und Be schau lichkeit des → Hei li gen kreuz er ho fes
ein. Der um ei nen ma le rischen In nenhof grup pier te Ge bäu de kom plex der
früheren Klos ter anlage wuchs in der Mitte des 18. Jh. und wird heute als -
Aus stel lungs zen trum der Uni ver si tät für an ge wandte Kunst
( www .dieangewandte.at) wis sen schaftlich, ge werb lic h und gas tro no misch
genutzt.
Wir verlas sen ihn via Grashof- und Köll nerhofgasse, de ren Na men an den
hier einst angesie del ten Handelssitz Köl ner Kauf leute er in nert, und er rei -
chen eine Stra ße na mens Fleischmarkt, an der sich im 18. Jh. be vor zugt
deren grie chische Be rufs kolle gen nie der lie ßen. Davon zeu gen die 1861 er -
baute, von Theophil von Han sen ent wor fene Grie chisch-Orien ta lische
(Orthodoxe) Me tro po li tan kir che Zur Hei ligen Drei fal tigkeit di rekt am -
Fleisch markt und die Grie chisch-Ortho doxe Kirche St. Georg in der idyl -
li schen Grie chen gasse gleich um die Ecke. Zwi schen beide Got tes häuser,
die heu te 10.000 grie chisch stämmige Wie ner zum Gebet ru fen, klemmt
sich das Grie chenbeisl, in dem so be rühm te Per sön lichkeiten wie Beet ho -
ven, Brahms, Grill parzer oder Nes t roy ge ges sen und ge zecht ha ben sollen.
Mit nostalgischem Flair: Griechenbeisl
Schräg vis-à-vis der orientalisch an mu ten den Back steinkathedrale, die
übri gens seit 1963 auf Weisung des öku me ni schen Patriarchats von Kons -
tan tino pel Sitz des Metropoliten von Öster reich, Ungarn und Mitteleuropa
ist, sto ßen wir auf das Buddhistische Zent rum Karma Kagyu Sangha
( Fleisch markt 16, www .karma-kagyu.at) und die ukrai nisch-grie chisch-
katholische St.-Bar bara-Kir che, an der wir rechter Hand in die Post gasse
abbiegen. Letz tere wird seit gut 150 Jahren vom alten Haupt post amt -
flankiert und führt geradewegs zu → Do minikanerkirche und -kloster,
von wo wir uns über Predigergasse und Do minikaner bas tei zur
Postsparkasse be wegen. Nach Um rundung des gi gan ti schen Bau körpers
im modern-funk tio na len De sign ma chen wir uns drinnen im → Wag -
ner:Werk - Mu seum Post spar kas se seine ar chi tek tur ge schicht li che Be -
deu tung bewusst, be vor wir als Kon trast programm das macht strot zen de
neo barocke → Re gie rungs gebäude di rekt vis-à-vis auf uns wir ken lassen.
Zwi schen dem ehe ma li gen Kriegs mi nis terium, vor dem der sieg rei che
Feld mar schall Radetzky (1766-1858) reitet, und Otto Wagners er grei fend
schlich tem Zweckbau öffnet sich der Georg-Coch-Platz mit einer er höht
pos tier ten Büs te des Post spar kas sen grün ders Ge org Coch (1842-1890) und
dem Kaf fee haus klas si ker Café Mi nis te rium.
In südlicher Nachbarschaft des Regie rungs gebäudes flankieren → Hoch -
schu le und (Österreichisches) Mu seum für angewandte Kunst (MAK)
den Stu ben ring. Dahinter beginnt die nächs te gro ße Etappe des Spazier -
gangs, die ins ge samt et was grauer und ein tö niger aus fällt. Sie wird
anfangs vom Lauf der Wien be gleitet, führt vom MAK über Weiß kirch ner-
und Vordere Zoll amts stra ße in die Marxergasse und passiert den Bahnhof
Wien-Mitte, der mit dem mehr stöckigen, gläsernen Büro- und Ein -
kaufszentrum Wien Mitte. The Mall über baut ist. Ein paar Querstraßen
wei ter erstrahlen in der Marxergasse die stadt kul tur ge schichts träch tigen ,
vor gut 15 Jah ren stark brand be schädig ten, hier sensibel restaurierten und
dort durch neue Gebäudetrakte ergänzten → So fien säle seit 2014 wieder
in neuem und zu gleich al tem Glanz.
Hinter dem auch gastronomisch at trak tiv revi talisierten Komplex der his -
to ri schen So fien säle geht es via Lö wen gas se, wo das ku riose → Fälscher -
mu seum ei nen Be such verdient, zu Hun dert was sers bun ten Hinter las sen -
schaf ten in der Ke gel gas se und der Unte ren Weiß gerber stra ße. Philoso -
phisch und künst le risch ex perimentell In te res sier ten sei zuvor noch ein
Ab stecher in die entgegen gesetzte Rich tung ans Herz ge legt und ge raten,
der Marxer gasse zu nächst zu fol gen und einige Quer stra ßen weiter zum →
Witt gen stein haus in der Kund mann gasse abzubiegen. Von dort ge langen
sie über den quirlig be leb ten Ro chus markt und die Land stra ßer Haupt stra -
ße zum Aren berg-Park, wo sich der graue → Mak-Tower erhebt. Der alte
Flakturm, der einst als „Labor für Ge gen warts kunst“ des Museums für
Angewandte Kunst fungierte und hin ter seinen dicken Mauern
entsprechend spannende Objekte verbirgt, ist derzeit leider nur von außen
in Augenschein zu nehmen. Das gilt auch für das be rühm te →
Hundertwasserhaus an der Ke gelgasse 36, ein auffällig geformtes und ko -
lo rier tes Ge mein de wohn haus. Zum Trost können die Fans des welt weit
bekannten Malers im Ein kaufs zen trum → Hun dert was ser Village di rekt
ge gen über in eine grell bunte Hun dert was ser welt ein tau chen und auf ei ner
vom Meis ter selbst gestalteten Toi lette ge büh ren pflichtig ihr Geschäft er le -
di gen.
Wem das zu kommerziell ist, der möge gleich zum nahen → Kunst Haus
Wien wei ter wandern, um sich in dem von Hun dertwasser selbst kre ier ten
Mu se um gleichsam mit allen Sinnen mit dem Le benswerk des Künstlers
zu be fas sen.
Unter dem Eindruck der zweiten Villa Kun ter bunt gelangen wir durch das
un spek ta kulär-graue Alltagsleben von Ra detz ky platz und -straße wieder
in die In nere Stadt. Hinter der Zentrale des Wie ner Rettungswesens
passieren wir die Radetzkybrücke über die Mün dung der Wien in den
Donau kanal, um dann rech terhand das strah lend weiß ge tünch te
städtische Volks bil dungs haus → Urania zu passieren und dahin ter zwei
fest verankerte, als Gas tro nomie- und (Frei-)Badebetrieb zweck ent frem -
dete Donaukanalschiffe zu entdecken. Das Ba deschiff liegt zwi schen
Urania und dem quir ligen Nah ver kehrs kno ten punkt Schwe den platz, von
wo man per U-Bahn oder pe des (via Ro ten turm stra ße) in wenigen Mi nu -
ten zum Ste phans platz zu rück keh ren oder einen Twin City Liner nach
Bra tis lava be stei gen kann. Die Schnell schiffe in die slo wa kische
Hauptstadt starten an der Schiffstation Wien City bzw . am „ Gate to
Bratis la va“, womit das spacige Schiffs ter minal zwischen Marien- und
Schwe den brücke gemeint ist, in dem mit dem Motto am Fluss ein seit
Jahren angesagter Gas tro no mie betrieb Quar tier bezogen hat.