Wien Reiseführer Michael Müller Verlag
Spaziergang
Wir starten wieder am Ste phans platz, den wir über die Roten turmstraße
ver las sen, um schon nach wenigen Metern lin ker Hand via Ra ben steig im
Bermu da dreieck zu ver schwin den. Am Ra ben steig sind die heute eher
un auf fäl li gen Bier- und Wein lokale Bermuda Bräu oder Krah Krah auf ge -
reiht, die bei ihrer Er öff nung we gen ih res gast ro no mi schen Kon zepts und
post mo der nen Interieurs für Auf se hen sorg ten. Das gilt auch für die frühen
De signerbars Roncon Soda Bar und First Floor, die am unteren Ende der
steil an steigenden Seitenstet ten gasse al l abend lich mit exotischen Cock -
tails und kuba nischer Musik ein heizen.
Weiter oben locken unterdessen wei tere Bars und Clubs bis frühmorgens
ins feucht fröhliche Vergnügen und schüt zen uni formierte Si cher heits kräf -
te den → Jü di schen Stadt tem pel und die im sel ben Ge bäude unter -
gebrachte Is ra e li ti sche Kult usge mein de, die im Jah re 1983 Ziel ei nes ter ro -
ris tischen An schlags mit meh re ren To des opfern ge wor den waren. Die von
Jo sef Korn häu sel entworfene, 1826 er öff nete Sy na go ge überstand als ein -
ziges jü di sches Got tes haus das als „Reichs kris tall nacht“ in die Geschichte
ein ge gan gene No vem ber pogrom von 1938, bei dem al lein in Wien 42 Sy -
na go gen zer stört, 4000 Ge schäf te geplündert, Tau sende von Woh nun gen
beschlag nahmt, 6547 Ju den in haf tiert und 3500 von ihnen ins Kon zen tra -
tions lager Da chau de por tiert wur den.
Hinter der Synagoge geht es weiter berg auf, bis wir den Gipfel der Sei ten -
stet ten gas se erklommen haben. Von dem stei gen wir rechter Hand zum äl -
tes ten Sa kral bau Wiens hinab, dessen Ur sprün ge auf die Zeit um 800
zurück gehen. Ihre heutige Gestalt nahm die von Knei pen und Restaurants
umringte Ru precht s kir che jedoch erst in den 1130er Jahren an. Von ihrem
Vor platz führt eine Trep pe weiter hinunter zum Franz-Josefs-Kai am
Donaukanal, den wir allerdings am Mor zinplatz (via Salz gries) schon wie -
der verlassen. Wir fol gen der Marc-Aurel-Straße bis zu ih rem Ende, an
dem rechts die Wipp lin ger Stra ße ein mün det, links der Hohe Markt und
ge ra de aus eine Straße na mens Tuchlauben an schlie ßen. Die Wip plinger
Straße wird vom Gebäu de kom plex des 1706 er bau ten Al ten Rat hau ses
flankiert, in dem u. a. das → Do ku mentationsarchiv des Ös ter rei chi -
schen Widerstandes (DÖW) re sidiert.Der Hohe Markt, auf dem übrigens
ei ner der meist gelobten und frequentier ten Würs tel stände der Stadt bis
tief in die Nacht herz haf te Spezialitäten brüht und brät, war einst das
Zentrum des Rö merlagers Vin do bona. Er ist mit Fi scher von Er lachs (ju -
nior) barockem Ver mählungs brun nen und Franz Matschs An keruhr
künstlerisch ver edelt. Der Ju gend stil ma ler kreierte die or nament- und -
gold verzierte Spiel uhr, die zwei Ge bäude an der Ostflanke des Platzes mit -
ei nander „verbindet“, im Jahre 1910 im Auf trag der Anker-Versi che rung.
Aus ih rer „Fi gu renparade“ tritt stünd lich ei ne wich tige Per sön lich keit der
Stadtge schich te hervor, so dass sich hier den Tag über u. a. Marc Aurel, Ma -
ria The re sia, Prinz Eu gen und Jo seph Haydn und um 12 Uhr mittags so gar
alle hin te r ei nan der die Ehre geben.
Üppig dekoriert: Ankeruhr
An Adventsabenden (17 und 18 Uhr) schickt ihr Glockenspiel Weihnachts -
lie der über den Platz, unter dem direkt vis-à-vis römische Ruinen ru hen.
Von den steinernen Zeugnissen der späten An tike im → Römer museum
geht es zu gemalten des spä ten Mittelalters in ei nem un schein ba ren
Wohn-Ge schäfts-Haus gleich um die Ecke (Tuchlauben 19). Nach Bewun -
derung der → Neid hart fres ken kehren wir um in Richtung Ho her Markt,
bie gen aber gleich bei der nächs ten Mög lichkeit links ab, um durch -
Schulter- und Jordan gasse zum Ju den platz zu schlen dern. Dort springt
als Erstes der weiß-graue Stahl be ton ku bus des → Ho lo caust-Mahnmals
ins Au ge, der auf ei nem Sockel von Bo den frie sen steht, auf denen die
Namen von Kon zen tra tions la gern eingraviert sind, in denen ös ter rei -
chische Juden er mor det wur den.
Die beim Bau des Mahnmals zu Tage ge förderten Ruinen der mittelalterli -
chen Synagoge bilden das zentrale Ex po nat im → Mu seum am
Judenplatz, in dem man sich obendrein auf an schau li che digitale Weise
über das rege ge sell schaft liche Leben im histori schen Wie ner Judenviertel
informieren kann. Vis-à-vis von Mahnmal und Mu seum ver dichten ein
Lessing-Denk mal und das um 1500 mit einer antisemiti schen In schrift
ver sehene → Jor dan haus das be drückende historische Be zie hungs ge -
flecht des gefäl ligen städ te baulichen En sembles, das durch die ba rocke
Böh mi sche Hofkanzlei (1723) des zeit ge nös si schen Stararchitekten Fi -
scher von Er lach komplettiert wird.
Wir verlassen den Judenplatz über die Füt terer gasse, nehmen ein kleines
Sträß chen namens Stoß im Himmel und er rei chen schließlich via
Salvator gas se den Pas sauer Platz zu Fü ßen der zwi schen 1357 und 1414
er richteten go ti schen Kir che St. Maria am Gestade. Um sie in Gän ze zu
bestau nen, begeben wir uns über eine steile Treppe zum Con cor dia-Platz
eine Etage tiefer, in den lin ker Hand eine Straße namens Tie fer Graben
ein mün det, in der einst der Ot tak rin gerbach plätscherte, der die natür liche
Grenze des Römerla gers Vin dobona zog. Über den seit römi schen Ta gen
über brückten Tiefen Gra ben spannt sich bis heute die 1904 im Ju gend stil
reno vierte → Hohe Brücke, vor der das im Makart-Stil dekorierte le gen -
däre (Stun den-)Hotel Ori ent seit 1896 zu rot-plü schigen Schäferstünd -
chen ein lädt (www .hotel-orient.at).
Wir lassen uns nicht vom geraden Weg ab bringen und bewegen uns durch
die Bör segasse entlang der in den 1870er Jah ren erbauten Börse zur Scho -
ko la den seite des von Theophil von Hansen im Stil der italienischen Re -
nais sance ent worfenen Ringstraßen baus. Die weist zum Schottenring, an
dem wir uns (eventuell nach einem wunderbar opu lenten Frühstück im
noblen Hotel Kem pinski ein paar Meter weiter rechts) links halten, um
nach wenigen Geh minuten wiederum lin ker Hand in die Schotten gasse ab -
zu dre hen. Letztere führt - für Beethoven fans nach ei nem trep pen stei len
Ab ste cher zu dessen spo radi schem Domizil Pasquala tihaus in der
Mölkerbastei Nr. 8 (Di-So, Fei 10-13, 14-18 Uhr , 5 €)- geradewegs zur
Frey ung, wo gleich meh rere Ob jekte der Be sich ti gungsbe gierde war ten. Da
wäre zu nächst das → Schotten stift nebst Kir che und Mu seum, das
mittler weile mehr fach um- und ausge baute erste Klos ter auf Wie ner
Boden. Gleich ne ben an sind im → Bank Austria Kunst forum rund ums
Jahr viel beach te te Wech sel ausstellungen inter na tio na ler Ma lerei des
18.-20. Jh. und bis weilen auch Zeitgenössisches zu sehen. Ge gen über be -
eindrucken drei res pek ta ble Stadt villen aus drei Jahr hun derten. Sie
gehören übrigens alle samt den Erben bzw . der Privatstiftung des im Mai
2015 verstorbenen Karl Wlaschek, Grün der der 1996 an den REWE-Kon -
zern veräußerten Su permarkt kette Billa: zum einen das nach Plä nen von
Johann Lukas von Hil de brandt erbaute üppig barocke Pa lais Kins ky
(1713), das als Auktionshaus fun giert (www .imkinsky .com) und raum -
weise für Fami lien feiern an gemie tet wer den kann. In sei nem zweiten In -
nenhof birgt es das von einer Bron ze tür abgeschirmte, von Wla scheks El -
tern, seiner vierten Ehefrau und nun auch ihm selbst be legte Mau so leum
der Eigen tümer fa mi lie. Zum an deren das um 1690 vom selben Bau meister
ent wor fe ne Pa lais Harrach und schließlich das nach seinem Ar chi tekten
benannte Pa lais Ferstel (1860). Letzteres wird von ei ner vor nehmen
Einkaufspas sa ge „durch bohrt“, durch die man zur Her rengasse und dem
le gen dären Café Central im süd west li chen Gebäudetrakt fla nieren kann.
Wir widerstehen abermals und mar schie ren via Heidschuss geradeaus
zum Platz Am Hof, an dem sich der Baben ber ger Heinrich II. nach der Ver -
legung der herzoglichen Resi denz von Klos ter neu burg nach Wien 1155
eine Pfalz er rich ten ließ. Die stand un gefähr dort, wo zwi schen 1657 und
1662 die später von Jesuiten beseelte Kirche Am Hof (heu te Zu den neuen
Chören der Engel) un ter fachlicher An leitung des ita lieni schen -
Baumeisters Fi liberto Lucchese in den Himmel wuchs, die den weit läu fi -
gen Platz bis heute do mi niert. Das zwi schen 1913 und 1915 als Büro- und
Ge schäftshaus erbaute und später von der österreichischen Län der bank -
zen tra le bezogene unbe schei de ne Palais rechts daneben wurde 2008 vom
neuen Kar stadt-Eigner René Ben ko bzw . sei ner SIGNA-Holding gekauft,
luxus sa niert und an die Luxus ho tel kette Park Hyatt ver mietet, die dort
nun zah lungskräftige Hotelgäste emp fängt. Der Immo bi lien magnat erwarb
oben drein den histo ri schen Gebäu de kom plex di rekt dahin ter , ließ ihn
eben falls bau denk mal getreu reno vie ren und übergab die darin un ter ge -
brach ten Ge schäfts lo kale und Luxus woh nungen solventen Mie tern und
Käu fern, die das Areal zwischen Am Hof und Tuch lauben nun als → Gol -
denes Quartier erstrahlen las sen. Ne ben der mit einer bal kon über dach ten
Vor hal le angerei cher ten Kir chen fassa de und dem Fünf ster ne hotel flan kie -
ren u. a. ein bil der buch rei fes ba ro ckes Bür ger haus, das Palais Col lalto, das -
Bür ger li che Zeug haus und das Haupt quartier der Feuer wehr den ge -
schichts träch ti gen, größten Wie ner Alt st adt platz, auf dem im Film „Der
drit te Mann “ übrigens die Litfaß säule stand, durch die Bösewicht Harry Li -
me ins Wie ner Kanalisationsnetz ent floh. In sei ner Mit te erhebt sich seit
dem Drei ßig jäh ri gen Krieg eine Ma rien säu le. (Die erste, von Ferdinand
III. an ge sichts der Be dro hung Wiens durch schwe di sche Trup pen 1644 in
Auftrag ge ge be ne, wur de bereits 1646, die zwei te und ak tu el le zwischen
1664 bis 1667 er rich tet.)
Das Palais Collalto (Nr. 13) ist von mu sik his to ri scher Bedeutung, weil hier
der da mals sechsjährige Wolfgang Ama deus Mo zart den Wienern erstmals
sein mu si ka li sches Genie demonst rierte. Der Kel ler der Feu erwehrzentrale
ist wegen der dort freigelegten Reste des Kanal- und -
Entwässerungssystems des rö mi schen Vindobona und das Bürgerliche
Zeug haus wegen der darin abgelegten his to ri schen Uniformen und
Ausrüs tungs gegen stände der Wie ner Feuer wehr er wäh nenswert, wobei das
Feuer wehr mu seum nur selten (So, Fei 9-12, Di 14-17 Uhr , Eintritt frei)
ge öff net ist und die rö mi schen Baureste gar nicht (mehr) zu gäng lich
sind.
Bei entsprechendem Spezialinteresse lohnt sich ein Abstecher zum → Uh -
ren mu seum im benachbarten klei nen Schul hof, bevor es über Bog ner -
gasse und Gra ben zurück zum Ste phans platz geht. Unterwegs empfiehlt
sich ein kunst his torisch lehrreicher Blick auf den Ein gangsbereich der En -
gel-Apo the ke (Bo g nergasse Nr. 9), weil der 1901/02 von Wagner-Schüler
Oskar Las ke im klas sischen Wiener Ju gend stil (Se ces sion) dekoriert
wurde, oder die E inkehr im histo rischen Gast haus → Zum Schwa r zen
Ka meel gleich ne benan.