Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 7 von 204

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Fechsung

Moulin Rouge, „Venedig in Wien“

MOULIN ROUGE, „VENEDIG IN

 

WIEN“

 

Lieber Baron!

Ich verdanke Ihnen eine reizende friedvolle „Drahnacht“ mit zwei ausgezeichneten vornehmen, überaus menschlich feinen Amerikanerinnen, Tänzerinnen. Sie haben mir in selbstlosester Art die ganze „Regie des Abends“ überlassen, und ich hoffe, daß es Sie nicht mehr gekostet hat, als das Vergnügen Ihnen wert war. Besonders die Fahrt des Morgens in den Donauauen war märchenhaft! Die Damen waren unbedingt zufrieden in unserer Gesellschaft, und nirgends befand sich ein „trüber Beigeschmack“, der doch überall leicht durch ein „N i c h t s v o n e i n e m N i c h t s“ sonst entstehen könnte!? Es gibt so viele Taktlosigkeiten, unbewußte, zwischen fremden Charakteren! N i e m a n d a h n t e s e i g e n t l i c h , w i e h ä u f i g e r v e r l e t z t !

Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: „Die ‚R e g i e d e r L i e b e ‘ ist wichtiger als die L i e b e s e l b s t!“ Freilich kostete es Ihr Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben — — —. Es gibt keine „Sympathien“ auf der „B ü h n e d e s L e b e n s“, wenn man sie nicht als „g e s c h i c k t e s t e r R e g i s s e u r s e i n e s e i g e n e n H e r z e n s“ richtig, künstlerisch, taktvoll i n S z e n e s e t z t!!! Eine jede Frau erwartet „geschickteste Mise en scène!“ Wer s e i n e m e i g e n e n E m p f i n d e n a l l e i n f o l g t, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird — — —. Selbst eine „dargebrachte Rose“ will ihre „zarteste Regie“ haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge sind dabei zu berücksichtigen! Ein „R e g i s s e u r s e i n e r s e l b s t“ sein ist alles! Eine „dargebrachte Rose“ kann das echteste Zeugnis eines tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen Liebenswürdigkeit! Dieser Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen, den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten, gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln — — — alles das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen — — —. Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame und meine Dame deine Dame gewesen, so würden d i e s e l b e n Empfindungen sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn immer fliegt einer auf die Dame des a n d e r e n ! Sonst wär’s ja g a r z u f a d!