Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 12 von 204

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Fechsung

Mein Bruder

 

Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu schreiben. Aber da er a u ß e r d e m ein „Lebenskünstler“ ist feinster Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft. Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal, in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für „Korkmundstück“, da „t r o c k e n z u r a u c h e n “ eine Aufgabe des modernen kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, n u r n i c h t die Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie s o t r o c k e n sein wie a n f a n g s in der Schachtel, nur natürlich v e r k ü r z t e r um das, was man weggeraucht hat!

Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche M a r l i t t - U t e n s i l i e n nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie i n d e r S e e l e, und vor allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken, die es um mich herum gibt — — —!