Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 94 von 204

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Fechsung

Anna

 

„Was sprechen Sie also mit so einem Mädel wie die Anna?!“

„Selbstverständlich n i c h t s . Mit einem Reh im Walde, mit einer Gazelle, einer Antilope, führt man doch auch keine Konversation!“

„L a n g w e i l e n Sie sich nie mit ihr?!“

„Nein, s i e mit m i r !“

*

Anna: „Peter, ich zahl dir eine Portion Kaviar, wenn du meinen neuen Hut für hübsch erklärst!“

„Ich finde ihn reizend!“

*

„Peter, was ist los, bist schon wieder gekränkt, daß ich mit dem Menschen weggeh?!? Hab ich dich deshalb l i e b e r , wenn ich b e i d i r s i t z e n b l e i b?! E h e r m e h r, wenn du mich w e g g e h n l a ß t! Nur g’scheit sein, nur ein bissel nachdenken über die Sachen! Wenn ich dableib, langweil ich mich. Und wenn ich mich langweil, hab ich dich nicht mehr so gern wie sonst!“

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Baron T. fand bei ihr eines Tages einen kleinen Notizzettel:

„Ich muß für einen Moment hinaus heißt auf französisch: j e d o i s a l l e r f a i r e p i p i. Der Peter sagt, die Französin mache kein G e h e i m n i s daraus, sie will dem Mann n i c h t e i n r e d e n, sie sei ein b e d ü r f n i s l o s e r E n g e l! Aber auf deutsch trau ich mich doch nicht, also muß ich mir’s jetzt französisch einlernen!“

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„Siehst du, Peter, so bist du! Diese Dame hat zu dir jetzt gesagt, daß du so etwas Schönes geschrieben hast: ‚T r a g i s c h muß ein Erlebnis erst werden, dann hast du es erst w i r k l i c h e r l e b t‘!

Ich versteh das gar nicht. Aber s i e will dich auch nur einfangen, dir schmeicheln damit. Und ich sag dir, s i e versteht’s n o c h w e n i g e r als ich! Siehst du, wie dumm du bist, laßt dich einfangen von solchen blöden Weibern!“

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Man kauft ein kleines herrliches Te r r a r i u m , mit schwarzer Erde und gelbem Sand, setzt eine smaragdschillernde Eidechse hinein, die alle modernen Tänzerinnen durch edle selbstverständliche Agilität in Schatten stellt, und dann fragen einen die Leute, w o z u man es habe?! Zu welchem Zweck, und ob es einen wirklich glücklich mache?!?

*

Ist denn s t e h e n , g e h e n , s i t z e n , das Haupt aufstützen, gebückt sein, sich aufrichten, verlegen sein, verzagt sein, schleichen, tanzen, ernst sein, ungeistig, unseelisch sein, Almboden-duftend sein, g a r n i c h t s?! Oft ist es ja doch m e h r a l s a l l e s! Für d e n jedenfalls, der es s o empfindet!

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„Ich verlange ja, Anna, von dir weder Anhänglichkeit, noch Freundschaft, noch Verständnis, noch Dankbarkeit. Aber kannst du nicht für zehn Minuten deine geliebte Hand in der meinigen lassen, wo du doch sonst so oft — — —.“

„Nein, das kann ich eben nicht!“

„Du kannst dir ja dann die Hände waschen.“

„Ach, da schau her, was d e r alles noch von mir v e r l a n g e r t !“

*

Ich gebe den wundervollsten Zierpark für eine kurzgrasige Almwiese her. Die schönsten Rosen für das dunkelrote schokoladeduftende Kohlröserl der Bergwiese. Den Gesang der Patti für den ersten leisen Ruf des Vogels im Morgengrauen. Ich anerkenne auch den a n d e r e n Geschmack. Aber ich b e d a u e r e die Menschen, die ihn haben!

*

Was ist dir, Anna, an deinem Leib so wertlos,

daß du ihn a u f s p a r s t für den, dem er n i c h t s ist?! Und d e m , siehe, in fast kindischem Trotze, ihn v e r w e i g e r s t , dem er wie Wasser ist für Fische, und wie Luft für Lungen!? Und ein Fanatismus ist er, eine Religion, eine Gesundung, und siehe, zugleich eine tiefe süße Krankheit!?!

Vielleicht hast d u recht! Anna!

Vielleicht wird einst der Sieger zu mir sagen:

„Ich b e n e i d e Sie um das, was Sie n i c h t g e h a b t h a b e n! Sie haben noch die S e h n s u c h t und die N o t !“

*

Ich las heute fünf Stunden lang in meinem Zimmerchen:

Hermann Bahr über Direktor Burckhard.

Egon Friedell: Ecce poeta.

Mein Lieblingskinderbuch: Les petites filles modèles.

J. S. Máchar: Magdaléna.

Und Goethe: Hermann und Dorothea.

Ich war wie ein Genesender, in anderen Welten.

Da fielen mir die zarten feinen Schritte ein, und wie sie gestern den Arm hielt über die Sessellehne.

Da sprach ich zu mir selbst: Siehe! du bist a u c h n i c h t s t ä r k e r als die anderen!

Gott sei Dank, ich bin s o s c h w a c h wie alle!