Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 50 von 204

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Fechsung

Lyrik

 

Ich habe eine falsche, ja sogar eine g a n z f a l s c h e Ansicht irgendwo gelesen über das Wesentliche des l y r i s c h e n D i c h t e r s. Das hat mich gekränkt. Denn erstens kränkt mich jede u n r i c h t i g e Ansicht, zum Beispiel, wenn man sagt, das Eiweiß sei wertvoller als der Eidotter, oder Reis gebe keine Kraft, obzwar die Japaner damit Port Arthur doch eingenommen haben; und zweitens ist es ganz falsch, den lyrischen Dichter anders zu beurteilen als: ein i d e a l e r G i p f e l d e r S u b j e k t i v i t ä t , wodurch j e d e seiner E i n z e l e m p f i n d u n g e n sich zugleich e r h ö h t zur Empfindungsweise a l l e r Herzen, also sich zur O b j e k t i v i t ä t steigert oder sozusagen kristallisiert! Jeder unglücklich Liebende ist ein „Werther“, j e d e nicht erhörende anständige Frau ist eine „Lotte“. Und Goethe hat seine s u b j e k t i v e unglückliche Liebe zu Frau Lotte Buff s o geschildert, daß sie den E w i g k e i t s w e r t für alle s u b j e k t i v unglücklich Liebenden und a l l e subjektiv einen n i c h t erhörenden s o g e n a n n t e n anständigen Frauen erhalten hat, also, item, o b j e k t i v geworden ist! Wer mir d a g e g e n widerspricht, ist — — ein W i d e r spruchsgeist. Und die kann ich nicht ausstehen. Wenn ich die Bergalmen so schildere, daß j e d e r sagt: „Ja, so ist sie, meiner Six, da gibt’s gar nix!“ dann bin ich ein subjektiv-objektiver Dichter der Bergalm, also a Lyriker.

Wenn m e i n e Träne von allen a g n o s z i e r t wird als i h r e Träne, wenn m e i n Lächeln von allen a g n o s z i e r t wird als i h r Lächeln, wenn m e i n e Eifersuchtsqualen zugleich von allen als i h r e Eifersuchtsqualen gefühlt, gelitten werden, ich also nur das t ö n e n d e Herz aller, l e i d e r s t u m m e n, bin, indem ich es s a g e , mitteile, hoffentlich aber o h n e R e i m, so bin ich ein l y r i s c h e r D i c h t e r ! Der l y r i s c h e D i c h t e r unterscheidet sich von dem l y r i s c h e n M e n s c h e n ü b e r h a u p t nur dadurch, daß er a u s s a g t , was jener v e r s c h w e i g t ! Diskretion in H e r z e n s s a c h e n ist, wie Diskretion in sexuellen und in ökonomischen Sachen, i m m e r n u r ein Zeichen, daß irgendwo irgend etwas irgendwie nicht ganz koscher ist und das L i c h t d e s A l l t a g e s zu meiden hat! Der Dichter hat n i c h t s zu m e i d e n !